Arnika ist die Hoffnung

Im Apusenigebirge in den Karpaten wächst die Arnika. Und gibt den Menschen in den Dörfern Hoffnung

Text Mara Simperler Foto Marco Mestrovic

Karpaten

Auf den stillen Wiesen wächst die Arnika. Mit klingenden Glocken rattert ein hölzerner Pferdewagen um die Kurve. Auf der Ladefläche der einfachen Kutsche liegen schwere Baumstämme, festgezurrt mit ein paar Seilen. Der Wagen fährt langsam vorbei an einfachen, grauen Holzhäusern und an Dorfbewohnern, die mit dem Rechen Heu zu hohen Haufen aufschichten. Hält er, bleiben die Menschen erst einmal stehen, grüßen und plaudern ein bisschen. Ghetar ist ein kleiner Ort. Hier kennt man sich.

Getrocknete Arnika

Am Ende eine Rumpelstraße

Erst seit zwei Jahren führt eine asphaltierte Straße nach Ghetar, das Dorf, in dem Florin Pacurar den Sommer über wohnt. Der 38-Jährige ist Lektor für Grünland­management an der Universität von Cluj-Napoca und leitet das Projekt Ecoflora, das die Pflanzenwelt der Region untersucht und Heilpflanzen nachhaltig nutzt. Vor fast 15 Jahren ist er hergekommen, um seine Abschlussarbeit zu schreiben.

Heute besitzt er hier zwei Holzhäuser, in denen auch Mitarbeiter und Studenten während der Arnikasaison wohnen. Die letzten paar Hundert Meter dorthin sind noch immer Rumpelpiste. Ob sich das jemals ändern wird, ist fraglich, denn hier leben nur wenige Menschen. Im Moment wartet eine Gruppe Studenten vor dem Projektgebäude auf ihn. Sie haben an der Universität Florins Seminar besucht.

Am Weg zum Haus erklärt der Professor den Studenten die Wiesenpflanzen. Die wichtigste Pflanze für die Menschen hier hat sattgelbe Blüten und formt am Boden grüne Rosetten aus ihren Blättern: Arnica montana. Ihre heilende Wirkung ist tradi­tionell bekannt. Im Apuseni hilft die Arnika aber auch gegen die Armut der Menschen. Und die Menschen helfen der Arnika zu überleben.

Arnikawiese Holzhuette in den Karpaten

Die Arnika könnte die Rettung der Menschen sein

Auf den sanften Kuppen und Berghängen der rumänischen Karpaten, zu denen das Apuseni-Gebirge gehört, wächst wilde Arnika in großen Mengen. Doch die Pflanze ist hochsensibel. Wenn zu viele Kühe auf den Wiesen weiden oder wenn die Bauern Kunstdünger verwenden, reagiert die Arnika auf die veränderten Bodenbedingungen empfindlich und verschwindet. Wenn zu viele Bäume wachsen, bekommt sie zu wenig Licht. Sie ist ein kompliziertes Wesen und gedeiht nur auf weitgehend naturbelassenen Wiesen. Denn man kann Arnika zwar kultivieren, aber der Anbau ist schwierig, und für den Erhalt der Artenvielfalt und der Natur ist die Wildsammlung essenziell.

Eine Wiese allein bringt einem Bauern im Apuseni außer Gras und Heu oft nicht viel. Wächst dort jedoch Arnika, dann bietet die Wiese eine zusätzliche Einnahmequelle, und der Wiesenbesitzer hat einen Anreiz, sie in ihrem Urzustand zu belassen. So könnte die Nutzung der Arnika die Rettung für die Menschen der Region sein.

Aus diesen Gründen will Christine Pfisterer von Weleda gemeinsam mit Florin eine langfristige Partnerschaft zwischen ihren beiden Unternehmen fördern. „Man muss den Pflanzen einen zusätzlichen Wert geben, damit es sich für die Menschen lohnt, die Wiesen zu erhalten“, sagt Christine. Sie ist hier, um den Ernteprozess der Arnika zu verfolgen. Die Saison hat gerade erst begonnen.

Um die frische Arnika für den Transport nach Deutschland vorzubereiten, wird sie getrocknet. Florin zeigt den eigens entworfenen Ofen und erzählt, dass er vor einigen Jahren sogar einen Saunaofen importiert hat, um zu experimentieren, wie man Arnika am besten trocknen kann. Um ein Kilogramm trockener Ware zu erhalten, benötigt man rund fünf Kilogramm frische Blüten. Lange nach Ende dieser Reise wird Christine berichten, dass mehrere Tonnen getrockneter Arnika nach Deutschland geliefert wurden. Das ist nicht immer so. Wer im Einklang mit der Natur arbeiten will, muss auch akzeptieren, dass die Natur nach ihren eigenen Regeln spielt. Christine erzählt von Zeiten, in denen ein später Frost fast die gesamte Ernte zunichtegemacht hat. „Der Rhythmus der Natur gibt viel vor.“

Gibt es schon Arbeit für meinen Sohn?

„Wir wollen ein Modell schaffen, damit die Menschen in der Region sehen, was möglich ist“, betont Florin. Nicht billige Arbeitskraft und Rohstoffe sollen als Anreiz dienen, sondern nachhaltige Nutzung, faire Arbeitsbedingungen und Qualität. Florin besteht darauf, dass die sogenannten Good Agricultural and Col­lecting Practices eingehalten werden. Das sind Vorschriften, wie Wildpflanzen nachhaltig und qualitativ geerntet und verarbeitet werden. Deshalb führen Florin und seine Kollegin jedes Jahr wieder Schulungen mit den Pflückern aus der Bevölkerung durch. Eine Broschüre mit einfachen Abbildungen zeigt, wie man Arnika nachhaltig erntet.

Dieses kleine Heft bekommt am nächsten Tag eine ältere Frau in die Hand, direkt auf dem Feld. Hier experimentiert Ecoflora mit dem Arnikaanbau. Einige ältere Menschen wandern langsam durch die Reihen und ernten. Mit beiden Händen fassen sie die Blütenköpfe, pflücken sie direkt am oberen Stängelende ab und sammeln sie in Baumwollbeuteln, die sie umgehängt haben. Die Pflücker sind heute Anca Plesas Eltern und deren Nachbarn, alle um die 60 Jahre alt. „Die jungen Leute ziehen alle weg“, sagt Anca. Sie engagiert sich sehr für die Arnika.

Arnikaernte Arnikapfluecker

Was hält sie selbst hier? Anca Plesa ist 30 Jahre alt. Nach der Schule wollte sie erst Polizistin werden, dann Japanisch lernen. An der Polizeischule wurde sie nicht genommen, und Japanisch spricht in Cluj-Napoca auch niemand. Also wählte sie den pragmatischen Weg und studierte Landwirtschaft. „Anfangs konnte ich mir nie vorstellen, dass ich mir alle Pflanzennamen merke“, erzählt sie. Jetzt rattert sie die lateinischen Bezeichnungen nur so herunter. Statt früh zu heiraten und einen Hof zu übernehmen, hat sie sich einen Doktortitel erarbeitet und ihre eigene Firma aufgebaut.

Zur Ernte kommen viele Menschen zurück

In gut 20 Minuten haben die fünf Pflückerinnen und Pflücker das Feld abgeerntet. Sie stellen sich bei Anca und ihrer Kollegin Elena Bota an, um ihre Säcke voller Arnika wiegen zu lassen. Die Fingerspitzen ihrer weißen Plastikhandschuhe sind gelb vom Blütenstaub. Elena wiegt, Anca notiert: 0,45 kg von Ion, 0,60 kg von Mama. Lele hat 0,90 kg gepflückt und Tata 0,80. Insgesamt werden sie heute rund 20 Kilogramm Arnika ernten.

Um bei der Arnikaernte zu helfen, kommen viele Menschen zurück in die Dörfer. Sie verbringen den Sommer auf den Hochweiden in einfachen Hütten. Wenn Florin mit dem Auto auf der Hochebene von Calineasa vorbeifährt, winken sie ihn manchmal heran. „Gibt es schon Arbeit für meinen Sohn?“, fragt eine alte Frau, die am Zaun steht. „In den nächsten Tagen fangen wir an“, antwortet Florin. Die Menschen hier haben den Nutzen der Natur erkannt.

Und dann geht es los. Jeder Pflücker, jede Pflückerin hat eine eigene Technik. Marinella Negrea zum Beispiel knipst die Blütenköpfe mit Daumen und Zeigefinger ab, sie arbeitet zügig, verwendet beide Hände gleichzeitig. Trotin Bâte zupft mit einer Hand und entfernt dann mit der anderen das kleine Stück Stängel, das noch drangeblieben ist. „Wenn ich weiß, dass die Arnika blüht, kann ich vor Aufregung kaum schlafen“, erzählt Marinella. Ihre Biografie ist typisch für die Gegend. Mit 14 Jahren hat sie die Schule verlassen, mit 17 geheiratet.

Marinella ist heute 32 Jahre alt und hat eine 13-jährige Tochter. „Ich will, dass meine Tochter auf die Universität geht, dass sie es schafft, von hier wegzukommen.“ Die Arnikaernte hat aber auch ihr eigenes Leben verbessert. Von dem Geld, das sie mit dem Pflücken verdient, hat sie eine Waschmaschine gekauft. Das gilt in einer Region, in der viele Menschen nicht einmal Fließwasser haben, als Luxus.

Arnikapflueckerin Pferde in den Karpaten

Als die Sonne hinter den Fichtenwipfeln verschwunden ist, beginnt die Arbeit im Projekthaus. Florins Studenten helfen bei der Verarbeitung der Arnika, in weiße Kittel gehüllt, mit Handschuhen und Mundschutz. Einer kippt die Blüten auf einen mit Metall beschlagenen Tisch, dann sortieren alle gemeinsam kleine Steine und unbrauchbare Blüten aus. Die sauberen Blüten werden auf feinmaschige Netze gestreut, die dann übereinandergestapelt in den Trockner kommen.

Für Florin und die Kollegen bedeutet das anstrengende Wochen mit wenig Schlaf. Aber es bedeutet auch, dass ihr Konzept funktioniert: nachhaltige Wildpflanzensammlung, die den Menschen und der Natur hilft. Schon jetzt ist es eine Herausforderung, den jungen Leuten in der Gegend zu zeigen, dass es hier eine Zukunft für sie gibt. Und es wird immer wichtiger werden, den natürlichen Lebensraum der Arnika mit den richtigen Maßnahmen zu erhalten. Aber wenn man daran glaubt, dass die Hoffnung die Farbe Gelb trägt und sich in diesem Jahr auf reich blühenden Arnikawiesen zeigt, dann besteht gerade wenig Grund zur Sorge.

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