Werde Magazin-Tanja Vollmer

Beeinflussen Räume unser Wohlbefinden?

Philosophen unserer Zeit schildern hier ihre Sicht auf das gute Leben. Tanja C. Vollmer erklärt diesmal, was umgebende Räume, Häuser, Städte damit zu tun haben, wie wohl wir uns fühlen. Und dass sie uns sogar gesünder machen können.

Werde Magazin-Tanja Vollmer

Frau Vollmer, welche Anforderungen sollte ein Raum erfüllen, damit Sie sich in ihm wohlfühlen?
Tanja C. Vollmer: Richtig aufgehoben fühle ich mich an Orten, die zwei grundverschiedene und dennoch zentrale Bedürfnisse befriedigen. Auf der einen Seite sollten ausreichend Rückzugsmöglichkeiten vorhanden sein, die Ruhe und Privatheit bieten. Und auf der anderen Seite sind mir Weitsicht und Offenheit wichtig. Ich will den Blick schweifen lassen und mich nicht eingeschlossen fühlen.

Ihr Schwerpunkt ist die heilende Architektur, in der die räumlichen Bedürfnisse des Menschen eine bedeutende Rolle spielen. Sie beschäftigen sich dabei mit der Frage, welchen Einfluss Architektur auf unsere Gesundheit und Psyche hat, und realisieren auch Krankenhäuser.Wie muss man sich die Wirkung unserer Umgebung vorstellen?
Tanja C. Vollmer: Der erste Raum, in dem wir existieren, ist ja der Leib unserer Mutter und damit ein lebendiger Körperraum. Heute wissen wir, dass der Mensch bereits als Embryo mit allen Sinnen – außer den Augen – sehr aktiv ist und seine Umgebung genau wahrnimmt. Hier sind jegliche Begrenzungen flexibel, und unsere Umgebung dehnt sich mit uns aus, sie entspricht uns in Gänze. Das ist jedoch mit der Geburt vorbei, und wir sind, wie der Philosoph Martin Heidegger sagen würde, in die Welt „geworfen“, die sich uns nicht mehr zwangsläufig anpasst. Nun ist unser eigener Körper der erste, unmittelbarste Raum, die Architektur unser zweiter. Das Verhältnis dieser beiden wechselwirkenden Räume und die Erfahrungen mit ersterem, mit denen wir den architektonischen Raum durchmessen, bestimmt ab jetzt maßgeblich, ob wir uns wohlfühlen oder nicht.

Wie verändert sich die Raumwahrnehmung bei Menschen mit schweren Krankheiten?
Tanja C. Vollmer: Gesunde Menschen erleben ihren Körper ja jeden Tag als eine große Selbstverständlichkeit. Wenn er allerdings erkrankt, tritt er uns als verletzlich gegenüber. Diese Erfahrung führt dazu, dass kranke Menschen ein stärkeres Körperbewusstsein entwickeln. Sinne, die für gesunde Menschen im Alltag eigentlich keine Rolle spielen, drängen plötzlich in den Vordergrund. Veränderungen des Körpers führen zur Verformung des Raumes. Wir nennen dies „Raumanthropodysmorphie“.

Können Sie Beispiele nennen?
Tanja C. Vollmer: Viele Menschen mit Erkrankungen empfinden Räume kälter, enger und dunkler als gesunde Personen. Eine solche Verschiebung drückt sich auch in der Sprache aus. Immer wieder nutzen Patienten im Gespräch räumliche Metaphern, um ihren Zustand zu beschreiben, sprechen etwa davon, dass sie „in ein tiefes, schwarzes Loch“ gefallen seien oder sich wie „in ihren Gedanken eingemauert“ erleben. Derartige Schilderungen zeugen davon, dass sich die Wahrnehmung immer mehr auf das Innenleben verlagert. Anschließend projiziert sich dieses Empfinden auf die Außenräume.

Und genau hier kann die heilende Architektur ansetzen?
Tanja C. Vollmer: Richtig. Wenn man weiß, dass Patienten sich in ihrem ersten Körper eingeschlossen fühlen, muss man in dem zweiten, das heißt den Räumen um sie herum, Löcher in Wände schlagen, Durchbrücheschaffen und Weitsicht ermöglichen. Das gibt Hoffnung, denn so gibt man im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Perspektive. Architektur sollte diese Eingriffsmöglichkeit als Chance und Verantwortung begreifen.

Gab es auch schon Architekten in vergangenen Epochen, die in der Spur der heilenden Architektur planten und bauten?
Tanja C. Vollmer: Die ersten Ansätze reichen bereits bis ins antike Griechenland zurück. Dort wurden Heilstätten als Orte begriffen, die den Menschen ganzheitlich in den Blick nehmen. Zum Gesunden, so die Auffassung, benötigten die Patienten mehr als nur ein Bett und Medizin. Man fand dort also ein Theater, einen Lesesaal, Schwimmbäder sowie Räume für den Austausch. Doch auch im weiteren Verlauf der Architekturgeschichte wurden sensorische Prozesse, vor allem die Faktoren Licht und Luft, einbezogen. Der Renaissance und erste Berufsarchitekt Andrea Palladio achtete etwa darauf, dass alle Räume bestmöglich von Tageslicht und Frischluft durchdrungen waren. Er war davon überzeugt, dass sich dies auf die Stimmung der Bewohner positiv auswirkt.

Bestimmen auch unsere privaten Wohnräume unser Wohlbefinden?
Tanja C. Vollmer: In jedem Fall. Auch als gesunde Wesen haben wir Anforderungen, denen unsere Räume entsprechen können, wobei wir uns die Fülle unserer Sinne oft gar nicht bewusst machen. Wir vergessen geradezu, dass wir nicht nur sehen, sondern auch hören, riechen, schmecken und tasten können. Ein Raum, der mich in dieser Ganzheitlichkeit der Sinne anspricht, ist einer, in dem ich mich wohlfühle. Wenn wir auf das gesamte Spektrum unseres Empfindungsapparats zurückgreifen würden, merken wir, wann wir etwas verändern müssen. Vielleicht muss es nicht gleich eine neue Wohnung sein, sondern es reicht ein Tapetenwechsel oder eine große Reise.

Haben Sie Tipps für die Raumgestaltung der eigenen vier Wände?
Tanja C. Vollmer: Ich bin keine Freundin von einfachen Rezepten. Doch Paaren, die gemeinsam ein Haus bauen, empfehle ich, vor der Planung über die jeweils eigenen Bedürfnisse zu sprechen. Wenn einer der Partner wenig Privatsphäre braucht, der andere viel, kommt es früher oder später zu Problemen, wenn das Haus diesen Wünschen keine Rechnung trägt. Gemeinsamen Lebensraum sollte man auch gemeinsam gestalten.

Wenn wir zum Abschluss noch einmal die Vogelperspektive einnehmen: Wie sollte die Stadt der Zukunft aussehen?
Tanja C. Vollmer: Was mir oft auffällt, ist, dass viele Fassaden glatt, normativ und kalt gestaltet sind. Oft habe ich so das Gefühl, meine Gedanken und Gefühle gleiten daran einfach ab. Geht man durch die Stadt, wird man dadurch zur Eile verführt, weil es nichts gibt, das den Blick hält, nichts, worüber man staunen, nichts, worüber man sich wundern könnte. Die Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari beschreiben in ihrem Buch „Tausend Plateaus“ diese Eindrücke als „glatten Raum“, der durch Ordnung, Statik, Stabilität bestimmt ist, den Raum der Nomaden. Er steht dem unregelmäßigen „gekerbten Raum“ gegenüber. Mein Wunsch an die Stadt wäre mehr Variation und Verschmelzung beider, mehr Ornament, an denen meine Sinne hängen bleiben. Wären unsere Städte mehr wie unsere Körper, hätten sie Knicke, Dellen und Falten, würden wir uns vielleicht heimisch statt ausgegrenzt fühlen. Für mich gilt: Wer die Umgebung entstresst, entspannt auch die Menschen, die sich in ihr aufhalten.