Sandra mit Schubkarre

„Diese Arbeit ist ganz nah am Leben“

Bergbäuerin Sandra Böhm hat in Heiden im Appenzeller Land ein abgelegenes 300 Jahre altes Bauernhaus modernisiert. Ihre Familie und die Bio-Landwirtschaft geben ihrem Leben Sinn.

Text und Foto Stephan Bösch

Sandra auf dem Feld

Die Wetterprognose sagt am folgenden Tag Schnee bis in tiefe Lagen voraus. Doch heute durchflutet das weiche Licht der Spätherbstsonne die Hügellandschaft des Appenzeller Vorderlandes. Wir sind auf dem Hof von Sandra und Stefan Böhm in Schwendi bei Heiden. Der Blick reicht weit über den Bodensee bis nach Österreich und Deutschland. Auf dem drei Hektar großen Land bauen sie auf 700 m über Meer Biogemüse an. Der Hang ist Richtung Süden ausgerichtet, und die Quellen führen immer genug Wasser, um die Gemüsekulturen zu bewässern.

Sandras Tochter lacht Sandra auf dem Feld

Sandra mit Tochter auf dem Feld

Sandra ist aufgeregt. Es ist die letzte Gelegenheit, die Ziegen-und-Schaf-Herde vom tiefer gelegenen Nachbardorf Thal vor dem Wintereinbruch nach Hause zu holen. Die beiden älteren Kinder Aurelia und Linus dürfen mitkommen; ihre kleineren Geschwister Valerie und Lorenz bleiben mit Großmutter Jacqueline zu Hause.

Berghütte

Vor rund acht Jahren konnten Sandra und Stefan den Hof mit dem 300 Jahre alten Haus von der Schweizer Bergheimat übernehmen. Das Bauernhaus befand sich in sehr schlechtem Zustand. Heute wird es mit neuen Holzschindeln gegen die Witterung geschützt, und das Innere ist gemütlich und voller Leben. Im Naturkeller hat das Wurzelgemüse ideale Lagerbedingungen, so ist ein Kühlraum nicht notwendig, und es braucht auch keinen Strom.

Sandra am Fenster Sandra mit Tochter

Sandra und Stefan bauen das Gemüse größtenteils in reiner Handarbeit an, nach den Grundlagen des Demeter-Landbaus, allerdings ohne Siegel. Das erntefrische Gemüse fahren sie jeden Dienstag direkt in die umliegenden Dörfer, liefern die Gemüse-Abos direkt vor die Haustüre aus und erledigen noch eigene Einkäufe. Einen Hofladen wollen sie nicht, das würde zu deutlich mehr Verkehr zu ihrem abgelegenen Hof führen.

Gewächshaus Sandra an Autotüre

Sandra mit Schubkarre

Die Ziegen und Schafe weiden mitten im Rebberg im Nachbarort Thal. Sandra und Stefan treiben sie mit viel Ruhe zusammen. Sandra und Aurelia marschieren voraus, während Stefan und Linus am Ende der Herde dafür sorgen, dass keines der Tiere abhandenkommt. Das Tempo darf zu Beginn nicht zu hoch sein, da sonst älteren Schafen in der Steigung die Puste ausgeht. Wir erreichen den Wald. Die Sonne steht selbst am Mittag tief und wirft goldene Lichtstrahlen durch die Bäume. Der Umzug der Tiere hat etwas Feierliches. Ganz ähnlich wie bei einem Alpabzug aus den Bergen.

Schafherde

Sandra schaut auf die Uhr und entscheidet sich für eine kurze Rast vor dem Bahnübergang, da die Bergbahn nach Heiden sowieso gleich vorbeikommt. Eine gute Verschnaufpause für die alten Tiere. Die körperlich anstrengende Arbeit macht ihr nichts aus, meint Sandra. Das gehöre einfach dazu.

Schafherde im Wald

Dass die Arbeit für die Nahrungsmittelproduktion, die doch zum Elementarsten gehört, so schlecht bezahlt wird, gibt ihr aber immer wieder zu denken. „Andererseits haben wir ja genug zum Leben. Aber es ist das Missverhältnis, das mich stört.“ Wir nehmen mit der Herde den letzten Hang in Angriff, bevor wir den Hof wieder erreichen. Zu Hause freuen sich alle über die Ankunft der Tiere. Großmutter Jacqueline, Lorenz und Valerie kommen entgegen, und im Hintergrund watscheln die Laufenten über die Wiese.

Sandra mit Schubkarre

3 Fragen an Sandra Böhm

Warum nimmst du diese anstrengende Arbeit auf dich?

Weil es einfach Sinn macht. Die Landwirtschaft und das Produzieren von Nahrung bilden die Grundlage. Die Arbeit ist ganz nah am Leben. Dafür möchte ich meine Zeit und Energie einsetzen. Ich brauche mir die Sinnfrage nicht zu stellen.

Was ist deine Vision?

Dass wir eine Landwirtschaft haben, in der mehr Menschen und weniger Maschinen arbeiten.

Was willst du teilen, weitergeben an andere Menschen?

Ich möchte Leuten, die auch in der Landwirtschaft Fuß fassen wollen, Mut geben, es zu versuchen. Durch Nachdenken und Darüberreden findet man nicht heraus, ob man es wirklich schafft.


Weitere Bergbäuerinnen, die wir besucht haben:

Claudia: Von der Natur beschenkt

Eveline: Mit Ziegen zum Bergglück

Renate: Leben auf dem Käuterhof

Kategorien Menschen