Werte als Kompass

„Werte sind wie ein Kompass“

Um der Klimakrise etwas entgegen zu setzen, sollten wir unser Leben ändern. Minimalismus, Zero Waste, Plastikfrei, Clean Eating – auch wenn es kleine Schritte sind, kann es schwierig sein, sie wirklich zu gehen.
Ein Gespräch mit der Psychologin Katharina van Bronswijk von Psychologists for Future über gute Vorsätze am Jahresanfang, die größten Hürden bei der Umsetzung und darüber, wie die Veränderung doch gelingen kann.

Zum Jahreswechsel nehmen sich viele Menschen vor, etwas in ihrem Leben zu ändern. Ist das eigentlich ein guter Zeitpunkt, um gute Vorsätze endlich in die Tat umzusetzen?
Katharina van Bronswijk Theoretisch ist jeder Tag ein guter Tag, um Vorsätze in die Tat umzusetzen. Manchmal hilft uns als Menschen aber ein Ritual oder ein externer Anlass, um den Anstoß dazu zu finden. Demnach – ja, natürlich ist der Jahreswechsel ein guter Zeitpunkt!

Katharina van Bronswijk_Psychologists for Future

„Manchmal sind die Gründe für ein bestimmtes Verhalten schon alt, bestehen vielleicht nicht mehr fort. Wir und die Welt haben uns weiterentwickelt. Dann ist es Zeit für eine Veränderung.“

Warum gelingt es uns oft nicht, gute Vorsätze, hinter denen wir im Grunde voll stehen, länger beizubehalten?
Katharina van Bronswijk Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Vorherige Muster haben sich fest eingespielt – und es gibt ja auch häufig einen guten Grund dafür, dass sie sich so eingespielt haben. Wir tun nichts komplett Sinnloses. Aber manchmal sind die Gründe für ein bestimmtes Verhalten schon alt, bestehen vielleicht nicht mehr fort. Wir und die Welt haben uns weiterentwickelt. Dann ist es Zeit für eine Veränderung.

Neues Verhalten muss zur Gewohnheit werden

Das Schwierige daran ist: Wir müssen das neue Verhalten erst wieder zur Gewohnheit werden lassen. Und das braucht seine Zeit.
Manchmal gibt es aber auch Gründe, die tatsächlich gegen eine Veränderung sprechen, da lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Unverpackt einkaufen

Welche Gründe können uns darin hindern, gute Vorsätze umzusetzen?
Katharina van Bronswijk Diese Gründe wirken oft im Hintergrund. Ein Beispiel: Wenn man aus Kummer zu viel Schokolade isst und das ändern möchte, weil man etwa abnehmen will. Dann würde es zwar helfen, weniger Schokolade zu essen – aber dann steht man ohne „Strategie“ für den Umgang mit dem Kummer da und muss sich dann in Bezug darauf auch noch verändern.

Das erschwert es einem natürlich, gute Vorsätze umzusetzen, weil wie bei einem Dominospiel noch weitere Muster dranhängen. Manchmal sind es aber auch ganz praktische Gründe – zum Beispiel, dass das Geld nicht ausreicht oder die Zeit fehlt.

„Wichtig ist es, den Schweinehundfaktor zu beachten. Manchmal nehmen wir uns etwas Wichtiges vor, es scheitert aber dann an der nächstbesten unvorhergesehenen Hürde.“

Gibt es psychologisch und zeitlich einen kritischen Punkt in der Umsetzung von Vorsätzen? Wenn ja, wie überwindet man ihn?
Katharina van Bronswijk Theoretisch können wir in jedem Moment eines Umsetzungsprozesses scheitern – wenn wir uns unserer Motivation nicht bewusst sind, wenn wir nicht wissen, wie wir den Vorsatz in die Handlung übersetzen, wie wir mit Hürden umgehen oder wie wir dabei bleiben.

Und wenn uns etwas nicht per se Spaß macht, sondern wenn es vor allen Dingen eine Vernunftentscheidung ist – und wir uns immer wieder selbst überzeugen müssen. Wenn es also nicht irgendwann „automatisch“ funktioniert wie zum Beispiel der Lastschrifteinzug für eine Spende, dann ist das besonders kritisch. Es erfordert jedes Mal wieder Selbstdisziplin.

Wichtig ist es, dabei den Schweinehundfaktor zu beachten. Manchmal nehmen wir uns etwas Wichtiges vor, es scheitert aber dann an der nächstbesten unvorhergesehenen Hürde. Am besten ist es also, man denkt gleich für solche Hürden mit und ist da ehrlich mit sich selbst, etwa in dem man sich sagt: „Ich gehe jetzt jeden Morgen joggen. Aber wenn es regnet, dann mache ich drinnen Yoga.“

„Es kann hilfreich sein, sich weniger an Zielen zu orientieren, sondern eher an Werten auszurichten. Werte sind wie ein Kompass.“

Unverpackt einkaufen

Wirkt es manchmal nicht sogar lähmend, wenn man sieht, was man eigentlich alles tun müsste? Wie schafft man es, nicht zu resignieren?
Katharina van Bronswijk Die Ansprüche, die unsere Gesellschaft und auch wir an uns stellen, sind manchmal sehr hoch. Sport, Alltagsentscheidungen, Kindererziehung, Einkaufen, Arbeit – eigentlich sollen wir möglichst perfekt sein. Das sind wir aber nicht.

Hier geht es also in erster Linie darum, realistische Anforderungen an sich selbst zu stellen, zu hinterfragen, was wirklich wichtig ist und am Ende auch mal Fünfe grade sein lassen zu können.

Es kann hilfreich sein, sich weniger an Zielen zu orientieren (etwa „ich möchte X kg Bankdrücken können“), sondern eher an Werten auszurichten wie beispielsweise Gesundheit und Fürsorglichkeit. Werte sind wie ein Kompass. Wir können uns in jeder Lebenslage an ihnen orientieren, wenn wir Entscheidungen treffen müssen – aber ganz erreichen können wir sie nie.

So kann man nicht scheitern, sondern lebt immer mehr oder weniger ausgerichtet daran, was einem wichtig ist. Das erlaubt es einem auch, etwas mitfühlender mit sich selbst zu sein und nicht an zu hohen Hürden zu scheitern und zu resignieren.

„Ich empfehle, mit der Berechnung des eigenen Fußabdruckes zu beginnen. Das kann augenöffnend sein. Hier sieht man, welche Bereiche wie viel Einsparpotenzial haben.“

Womit fängt man am besten an, wenn man gute Vorsätze umsetzen und endlich nachhaltiger leben möchte?
Katharina van Bronswijk Ich empfehle, mit der Berechnung des eigenen Fußabdruckes zu beginnen. Das kann augenöffnend sein. Hier sieht man, welche Bereiche wie viel Einsparpotenzial haben.

Auch hier kommt es aber darauf an, was Sie sich realistisch zutrauen. Gleich mit dem ganz großen Schritt anfangen und das Auto abschaffen? Oder doch lieber im Kleinen und dann weiterschauen? Eine Falle ist der sogenannte „Single Action Bias“. Wir tun eine gute Sache – beispielsweise vegan essen – und dann hat unsere Psyche eine Entschuldigung für andere Klimasünden wie etwa die Fernreise auf die Malediven. Man sollte also nicht bei einer Sache stehen bleiben, sondern immer wieder neugierig sein auf andere Möglichkeiten und ihre Umsetzung.

Plasikfrei

Mir ist wichtig, an dieser Stelle aber auch noch mal zu betonen: Selbst wenn wir alle akribisch von heute auf morgen unser Verhalten umstellen, dann leben wir noch immer in einem System, das uns komplett klimaneutrales Leben unmöglich macht.

Deswegen braucht es neben dem Fußabdruck auch noch einen Handabdruck – den Einsatz für eine systemische Veränderung. Mein Rat: Sprechen Sie mit Politiker*innen, wählen Sie für das Klima, schreiben Sie Leser*innenbriefe, gehen Sie demonstrieren, sprechen Sie mit ihrem Chef.
Es muss zum Standard werden, klimaneutral zu leben. Bisher ist das leider eine von Hürden gespickte Ausnahme.

„Nehmen Sie Ihr Herz mit! Was uns Menschen die Energie gibt, Vorhaben umzusetzen, sind nicht die rationalen Argumente, sondern unsere Gefühle.“

Nur noch einkaufen im Unverpackt-Laden, kein Plastik mehr, keine Lebensmittelverschwendung, – was raten Sie jemandem, der viele gute Vorsätze hat, aber immer wieder in alte Muster verfällt?
Katharina van Bronswijk Zuallererst – machen Sie sich keine Vorwürfe. Schwache Moment gibt es immer, aber lassen Sie sich davon nicht kleinkriegen. Fangen Sie wieder an. Und ganz wichtig: Nehmen Sie Ihr Herz mit! Was uns Menschen die Energie gibt, Vorhaben umzusetzen, sind nicht die rationalen Argumente, sondern unsere Gefühle. Suchen Sie sich Vorsätze aus, von denen Sie begeistert sind, etwas an dem Sie Spaß haben. Und wenn Sie keinen Spaß daran haben – dann fragen Sie sich, wie kann ich es so verändern, dass es mir Spaß macht?

Vielleicht können Sie es mit Freund*innen gemeinsam umsetzen, oder eine Challenge mit Ihren Arbeitskolleg*innen daraus machen. Menschen sind soziale Wesen – ein bisschen Gruppendruck kann da auch mal hilfreich sein. Vielleicht gibt es aber auch eine ganz andere, begeisterndere Möglichkeit Ihren Wert zu leben, als Ihr Vorsatz es bisher ermöglicht hat.

Warum Ausnahmen helfen – aber auch gefährlich für gute Vorsätze sein können

Darf man sich ab und zu einen Fehltritt erlauben?
Katharina van Bronswijk Natürlich. Niemand ist fehlerfrei. Viel bedeutsamer als der Fehltritt ist ja die Frage, wie wir mit ihm umgehen. Was haben wir daraus gelernt? Gab es eine Hürde, mit der wir vorher nicht gerechnet haben und für die wir nun einen Plan B brauchen? War das Ziel zu hochgesteckt und braucht es vielleicht noch Etappen vorher?

Manchen Menschen hilft es, sich selbst solche Ausnahmen unter vorher festgelegten Umständen zu genehmigen. Vielleicht leben Sie ab sofort vegetarisch, außer Sie sind an Weihnachten bei Oma Brigitta zu Besuch, wenn sie ihren leckeren Braten macht. Für manche ist das allerdings genau der falsche Ansatz, weil ihnen Ausnahmen eher einen Dammbruch erlauben. Jeder kennt sich selbst am besten und kann einschätzen, was auf einen zutrifft.

Unverpackt

Was können wir alle von den Psychologists for Future lernen  – welchen Ansatz haben Sie?
Katharina van Bronswijk Die Klimakrise ist ein menschengemachtes Problem, genauso wie ihre Lösungen. Und weil die Psychologie die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben der Menschen ist, steckt ganz viel Psychologie in der Klimakrise.

Psycholog*innen können mit ihren Erkenntnissen zu verbesserter Wissenschaftskommunikation beitragen, wir haben Wissen dazu, wie die Lücke zwischen Wissen und Handeln geschlossen werden kann, wie Gruppendynamiken, z.B. in Transformationsprozessen wirken, wie wir psychisch gut mit der Krise und den durch sie ausgelösten Gefühlen umgehen und vieles mehr. Zu allen diesen Themen bieten wir Vorträge und Workshops an. Für Engagierte in der Klimabewegung bieten wir auch Coaching und Beratung an.

„Ich versuche so gut es geht, mein Leben und Wirken an meinen Werten auszurichten und das fühlt sich ungemein erfüllend an.“

Warum verdrängen viele Menschen, dass Sie selbst etwas tun können und sollten, um den Klimawandel aufzuhalten, obwohl sie es eigentlich besser wissen?
Katharina van Bronswijk Es gibt viele Gründe dafür, warum Menschen in Bezug auf das Klima nicht ausreichend handeln. Diese können im Außen wie im Innen liegen.

Häufig fühlt sich die Klimakrise noch sehr weit weg an – wie etwas, das erst in 100 Jahren auf irgendwelchen Inseln ganz weit weg einen Effekt haben wird. Oft verstehen wir nicht, dass die Klimakrise sich jetzt schon und auch in unserem Garten entfaltet. Die letzten Jahre haben sämtliche Rekorde gebrochen und auch hier kann man schon Effekte etwa von Dürren sehen. Unsere Wälder sterben, die Landwirtschaft steht unter Druck. Es ist aber trotzdem schwer, das mit dem eigenen Handeln in Verbindung zu setzen und deswegen fehlt oft der Handlungsdruck – aber auch das Erfolgserlebnis, wenn man etwas umgesetzt hat.

Und dann kommt noch dazu – es ist einfach total unangenehm, der Realität der Klimakrise ins Auge zu blicken. Die menschliche Psyche hat eine Vielzahl an Auswegen aus so unangenehmen Zuständen entwickelt. Wir können das Problem klein reden, uns in fadenscheinige Verzögerungsargumente, scheinbar einfache Lösungen, Ersatzhandlungen und auch Verdrängung der Gefühle flüchten.

Plastikfrei

Wie sieht Ihr eigenes nachhaltiges Leben aus?
Katharina van Bronswijk Auf diese Frage kann ich nur eine falsche Antwort geben (lacht). Wenn ich perfekt klimaneutral leben würde, wäre das für alle Leser*innen demotivierend, weil es die Latte so hoch setzt. Wenn ich es nicht tue, dann bietet das eine super Möglichkeit für einen Scheinheiligkeitsvorwurf.

So viel verrate ich – auch ich bin nicht perfekt. Wir sitzen da alle in einem Boot. Ich versuche so gut es geht, mein Leben und Wirken an meinen Werten auszurichten und das fühlt sich ungemein erfüllend an.
Ein klimaneutrales Leben ist aber heute in Deutschland nicht möglich. Das kann man schnell sehen, wenn man seine Werte in einen CO2-Rechner eingibt. Selbst wenn wir ganz bewusst leben, bleibt ein Sockel, der sich aus der Infrastruktur, die wir alle nutzen, und anderen Faktoren, die wir nicht beeinflussen können, zusammensetzt. Deshalb setze ich mich für eine Veränderung der Rahmenbedingungen ein. Auch das ist mein Beitrag zur Nachhaltigkeit.

 

Zur Person
Katharina van Bronswijk ist seit 2009 selbst im Klimaschutz aktiv. Die Psychologin arbeitet in eigener Praxis in der Lüneburger Heide. Sie ist Sprecherin der Psychologists/Psychotherapists for Future – einem Zusammenschluss von  Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen, die ihr psychologisches und therapeutisches Fachwissen in den Umgang mit der Klimakrise und zur Förderung einer nachhaltigen Zukunft einbringen. Die Gruppierung sieht sich als Teil der “For Future”-Bewegung und steht damit hinter den Forderungen der “Fridays for Future”.

Interview: Ulrike Bretz
Foto: A. Boehmann