Kuh Jessica Jungbauer

True Cost Accounting – die wahren Kosten für unsere Lebensmittel

Was kosten unsere Lebensmittel wirklich? Ist der Ladenpreis der wahre Preis, oder sind die Verkaufspreise viel zu billig? Wir zeigen dir, wo die versteckten Kosten liegen und wie hoch die wahren Kosten sind.

Jessica Jungbauer True Cost

Die Preise für Lebensmittel, Textilien und viele andere Konsumgüter spiegeln nur einen Teil ihrer Erzeugungskosten wider. Insbesondere in der Lebensmittelproduktion entstehen neben den direkten Produktionskosten viele Umwelt- und soziale Folgekosten, die nicht im Ladenpreis enthalten sind.

Diese Kostenfaktoren heißen auch externe Kosten oder externalisierte Kosten. Viele Umwelt- und Gesundheitsschäden resultieren aus der Produktion von Lebensmitteln. Mittels True Cost Accounting versuchen Wissenschaftler, soziale, Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen – die negativen externen Effekte – zu bilanzieren und die wahren Kosten zu errechnen.

Ursachen versteckter Kosten

Es gibt viele Gründe, warum sich hinter den Produkten sowohl weitere ökologische Kosten als auch soziale Kosten verstecken:

  • Pestizideinträge: Pflanzenschutzmittel verwehen in die Luft, sickern in den Boden und ins Grundwasser ein. Die Studie des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft (https://www.enkeltauglich.bio/) hat rund 140 Pestizidverbindungen nachgewiesen. Etwa 30 Prozent, darunter DDT und Lindan, sind nicht in Deutschland zugelassen.
  • Überdüngung und Überweidung
  • Antibiotikaresistenzen durch resistente Keime aus der Nutztierhaltung
  • Treibhausgas-Emissionen: Die Landwirtschaft in Deutschland verursacht über die Hälfte der Methan-Emissionen (aus der Tierhaltung) und der Lachgas-Emissionen (aus der Stickstoffdüngung).
  • Feinstaubbelastung: Beim Düngen mit Gülle verbindet sich Ammoniak in der Luft mit anderen Gasen zu Feinstaub. In Deutschland produziert die Landwirtschaft mehr Feinstaub als der Straßenverkehr.
  • Bodenerosion
  • Insektensterben
  • Wasserverschmutzung im Trinkwasser durch Nitrat
  • Lebensraumzerstörung: Über Jahrhunderte förderte die Landwirtschaft eine vielfältige Landschaft. Die Intensivierung hat artenreiche Äcker und Wiesen in monotone Flächen umgewandelt.
  • Konflikte um Rohstoffe: Neben den Rohstoffen Öl, Diamanten und Kupfer interessieren sich die Industrienationen seit einigen Jahren für die fruchtbaren Böden Afrikas. Sie wollen gigantische Großfarmen anlegen, um Biosprit und Nahrungsmittel anzubauen. Für erzwungene Umsiedelungen oder Enteignungen erhalten die Bauern keine Entschädigung.

So betrachtet bezahlen wir unsere Lebensmittel zweimal: Einmal an der Ladentheke und ein zweites Mal auf indirekten Wegen: über Steuern, Gebühren und Krankheitskosten, also über gesamtgesellschaftliche Kosten.

Wie hoch sind die Folgekosten der deutschen Landwirtschaft?

Wissenschaftler der Uni Augsburg haben berechnet, wie hoch die externen Kosten der deutschen Landwirtschaft sind. Die Studie „How much is the dish – was kosten uns Lebensmittel wirklich?“ wurde von der Tollwood GmbH gemeinsam mit der Schweisfurth Stiftung in Auftrag gegeben.

Das Ergebnis: Allein die Nitratbelastung der landwirtschaftlichen Tierhaltung in Deutschland verursacht jedes Jahr zehn Milliarden Euro gesellschaftliche Folgekosten. Denn das Trinkwasser muss von Nitratrückständen gereinigt werden, um die Trinkwassernormen einzuhalten. Trinkwasserkunden bezahlen die Aufbereitungskosten – und das, obwohl nicht sie die Kosten verursachen, sondern die Landwirtschaft.

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Fleisch müsste dreimal teurer sein

Viele der negativen Klima-, Umwelt- und Gesundheitseffekte, die sich aus der Lebensmittelproduktion ergeben, bezahlen weder die Landwirtschaft noch die Konsumenten. Dadurch entsteht eine große Preis- und Marktverzerrung.

Die höchsten externen Folgekosten und größten Fehlbepreisungen betreffen konventionelle Fleischprodukte. Sie müssten auf Erzeugerebene dreimal so teuer sein als derzeit bepreist.

Die zweithöchsten Aufschläge müssten konventionell hergestellte Milchprodukte erhalten. Sie müssten knapp doppelt so teuer sein. Bio-Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs hätten die niedrigsten Preisaufschläge. Laut Expertenschätzung wären Bio-Lebensmittel günstiger als konventionelle, würden alle Folgekosten der industriellen Landwirtschaft einberechnet.

Text Susi Lotz   Foto Jessica Jungbauer