Got Back Rucksäcke Benjamin Mandos

„Wirtschaftlicher Erfolg und Verantwortung schließen sich nicht aus“

Rucksäcke mit „Meerwert“: Das Mainzer Label Got Bag fertigt Rucksäcke aus recyceltem Meeresplastik. Wir haben mit dem Gründer Benjamin Mandos darüber gesprochen, wie Wirtschaftlichkeit auch abseits von umweltschädigenden und ausbeuterischen Praktiken gelingen kann.

Got Back Rucksäcke Benjamin Mandos

Wie ist die Idee entstanden, Rucksäcke aus recyceltem Meeresplastik zu fertigen?
Benjamin Mandos Ursprünglich bin ich Kameramann. Roman, mein Mitgründer, und ich hatten während eines gemeinsamen Drehs in den Alpen viel Zeit, uns auszutauschen. Er ist in Tel Aviv aufgewachsen und leidenschaftlicher Surfer, ich bin dank meines Vaters bereits in frühester Kindheit zum Segeln gekommen.

Wir beide hatten also eine Verbindung zum Meer. Wir dachten: Es gibt so viel Plastikmüll im Meer, Plastik lässt sich recyceln, weshalb kann man nicht auch diesen Meeresmüll zu neuen Produkten aufbereiten? 2018 ist dann nach zweieinhalb Jahren Entwicklungszeit der weltweit erste Rucksack aus Meeresplastik auf den Markt gekommen.

Got Back Rucksäcke Benjamin Mandos

Ihr sammelt das Alt-Plastik, aus dem die Rucksäcke entstehen, vor der Küste Javas. Warum ausgerechnet dort?
Benjamin Mandos Roman und ich hatten uns in der Anfangszeit mit CleanUp-Programmen beschäftigt und an Projekten am Atlantik und im Mittelmeerraum beteiligt. Und dann haben wir festgestellt, dass das Epizentrum der Plastikverschmutzung im asiatischen Raum liegt. Also haben wir angefangen, auch dort CleanUp-Programme zu organisieren.

Wie genau entsteht aus einer Wegwerf-Flasche ein Plastik-Rohstoff, aus dem sich Rucksäcke herstellen lassen?
Benjamin Mandos 200 bis 300 Fischer holen regelmäßig vor der Küste Javas Plastikmüll aus dem Meer, den Flüssen und den Mangrovenwäldern. Diesen bringen sie anschließend zu Community Points, wo der Müll vorsortiert wird. Danach kommt er zu einer unserer vier Lagerhallen und wir weiter sortiert. 30 Prozent des Mülls sind recycelbar, 70 Prozent nicht. Wir kümmern uns um den kompletten Meeresmüll und nicht nur um den Teil, den wir selbst nutzen können. Das nicht recycelbare Plastik geben wir weiter zur thermischen Verwertung. Dort wird er anstelle fossiler Brennstoffe eingesetzt.

Die restlichen 30 Prozent bestehen ungefähr zur Hälfte aus PET, welches wir für unsere Produktion nutzen. Die restlichen Plastiksorten wiederum gehen in eine passende Weiterverarbeitungskette. Der PET-Anteil wird zuerst gründlich gereinigt, dann zu Pellets verarbeitet, die das Rohmaterial für das Garn darstellen. Aus dem Garn wird ein Textil und daraus entstehen schließlich unsere Rucksäcke.

Hattest du vorher Berührungspunkte mit der Textilindustrie oder musstest du dir dieses Wissen komplett aneignen?
Benjamin Mandos Roman, der Got Bag inzwischen verlassen hat, und ich hatten zunächst keine Ahnung. Aber wir haben uns passende Entwicklungs- und Forschungspartner gesucht.

„Der Kontakt zu den Dorfgemeinschaften ist unglaublich wichtig, weil ganz viel über den persönlichen Austausch passiert. Sie fangen an zu verstehen, dass ihre Lebensgrundlagen aufgrund des Müllproblems gefährdet sind.“

Hattet ihr Sponsoren, die euch finanziell unterstützt haben?
Benjamin Mandos Roman und ich haben das Unternehmen aus eigenem Cashflow aufgebaut – Bootstrapping nennt man das in der Gründerszene. Neben der Gründung haben wir beide Vollzeit in unseren Berufen weitergearbeitet. Das war sehr spannend, auf Dauer aber auch sehr aufreibend.

Got Back Rucksäcke Benjamin Mandos

Auf Java kooperiert ihr mit lokalen Initiativen und mit einem Netzwerk von rund 2300 Fischern aus verschiedenen Dorfgemeinschaften. Wie wichtig ist es, vor Ort das Bewusstsein für Recycling und die Konsequenzen von Plastiknutzung zu stärken?
Benjamin Mandos Wir haben mittlerweile fünf festangestellte CleanUp-Manager vor Ort in Indonesien. Diese kümmern sich um die ganze Logistik, die Lagerhallen, das Onboarding der neuen Communities und die lokale Zusammenarbeit. Der Kontakt zu den Dorfgemeinschaften ist unglaublich wichtig, weil ganz viel über den persönlichen Austausch passiert. Sie fangen an zu verstehen, dass ihre Lebensgrundlagen aufgrund des Müllproblems gefährdet sind. Dadurch nimmt nach und nach der Druck auf die Lokalregierung zu. Man sieht ein, dass Veränderungen geschaffen werden müssen, wie etwa eine vernünftige Infrastruktur für Müll.

Du bist fest davon überzeugt, dass Wirtschaftlichkeit auch abseits von umweltschädigenden und ausbeuterischen Praktiken erfolgen kann. Welcher Maßnahmen bedarf es, um als Unternehmen einen positiven Impact zu kreieren und gleichzeitig ökonomisch rentabel zu sein?
Benjamin Mandos Ich finde nicht, dass wirtschaftlicher Erfolg und Verantwortung sich ausschließen. Im Gegenteil: Je mehr Erfolg wir haben, desto größer sind auch die Projekte, die wir umsetzen können. Zum „Word Ocean Day“ veranstalten wir beispielsweise immer eine „World Ocean Week“, bei der wir Geld generieren, um Projekte umzusetzen, wie etwa den Trash Boom. Das ist eine schwimmende Barriere im Ganges in Indien – eine Blockade im Fluss, an der Plastik hängen bleibt. Der Bau eines Trash Booms kostet 50.000 Euro.

Solche Projekte wollen wir in Zukunft verstärkt umsetzen. Und wir möchten auch in anderen Regionen aktiv sein. Beispielsweise auf den Philippinen und in Malaysia. Je mehr wirtschaftlichen Erfolg wir haben, desto mehr können wir in solche Projekte investieren. Aktuell geben wir ungefähr 6 Prozent unserer Umsätze für nachhaltige Aufbauarbeiten aus.

„Wir sind gerade dabei, ein Versicherungssystem für die Fischer aufzubauen, so dass sie versichert sind und über dieses System eine Altersvorsorge haben.“

In einem „Code of Conduct“ habt ihr euch verpflichtet, eine faire Entlohnung, sichere Arbeitsbedingungen und eine gleichberechtigte Behandlung aller Beteiligten sicherzustellen. Wie gelingt euch die Einhaltung dieser Standards, und wie schafft ihr es, die Auswirkungen eurer Produktion auf die Natur möglichst gering zu halten?
Benjamin Mandos Das ist ein Prozess. Aber wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass die Produzenten, mit denen wir zusammenarbeiten, bereits mit anderen nachhaltig geprägten Unternehmen gearbeitet haben. Außerdem sind uns Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit sehr wichtig. Wir sind gerade dabei, ein Versicherungssystem für die Fischer aufzubauen, so dass sie versichert sind und über dieses System eine Altersvorsorge haben. Wir sind dauernd damit beschäftigt, etwas zu verbessern. In unserem „Code of Conduct“ halten wir Dinge fest, die für uns absolut wichtig sind und zu deren Einhaltung wir uns verpflichten.

Got Back Rucksäcke Benjamin Mandos

Inzwischen hat Got Bag über 50 feste Mitarbeiter. Ihr seid innerhalb kürzester Zeit sehr stark gewachsen. Euch folgen mehr als 100.000 Follower auf Instagram, und ihr seid in über 200 Stores weltweit vertreten. Wie gelingt es, nicht über den eigenen Erfolg zu stolpern oder auszubrennen?
Benjamin Mandos Sich selbst zu managen ist ein großes Thema. Inzwischen habe ich zwei Kinder und möchte nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Familienvater präsent sein. Im Laufe der Zeit habe ich mir eine gewisse Resilienz angeeignet. Vor allem in der Gründungsphase habe ich mich sehr viel mit mir selbst und meiner Persönlichkeit beschäftigt. Davon kann ich heute noch gut schöpfen. Seitdem wir Got Bag ins Leben gerufen haben, ist sehr viel Gutes passiert. Ich bin ein Stück weit spirituell geprägt und glaube, dass wir weiterhin auf einem guten Weg sind.

Derzeit sind zahlreiche Unternehmen von der weltweiten Pandemie betroffen. Wie wirkt sich die Coronakrise auf eure globale Lieferkette aus?
Benjamin Mandos In den vergangenen anderthalb Jahren gab es jede Menge Brände zu löschen. Aktuell herrscht in Indonesien wegen der Delta-Variante absoluter Lockdown, es gibt 40.000 Corona-Fälle am Tag. Die ganzen Lieferketten liegen brach. Wir sind derzeit komplett ausverkauft.

Hilft dir der Austausch mit anderen Gründer:innen oder Coaching?
Benjamin Mandos Wir sind ja Teil des „Startups For Tomorrow“-Netzwerks und stehen mit anderen StartUps im engen Austausch, was enorm hilft. Und an Coaching, also daran, die Dinge gemeinsam mit jemandem einzuordnen, glaube ich sehr. Das mache ich jetzt seit drei Jahren. Ich gehe mindestens einmal im Monat zu einem Supervision-Coaching.

Gibt es ein übergeordnetes Ziel, das du mit Got Bag verfolgst?
Benjamin Mandos Unser Credo lautet: „Design innovative products to form a movement that creates an impact for our planet.“ Das bedeutet für mich, dass wir gemeinsam mit anderen etwas bewegen. Das treibt mich und unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an. Da haben wir auch noch sehr viel vor. Das klare Ziel ist, unsere CleanUp-Aktivitäten auszuweiten und in anderen Regionen tätig zu sein und in anderen Märkten – in Europa und den USA – aktiv zu sein und unseren Teil zum Schutz der Meere beizutragen.

Welche Bücher, Podcasts oder Filme zum Thema Plastik, Meeresschutz oder Corporate Purpose kannst du empfehlen?
Benjamin Mandos Das Buch „Wenn der Ozean stirbt, sterben auch wir“ von Paul Watson, dem Gründer von Sea Shepherd, kann ich empfehlen, wenn man sich für die Weltmeere und Klimaschutz interessiert. Und quasi eine Bibel für Social Entrepreneurship ist das Buch „Let My People Go Surfing“ von Yvon Chouinard, dem Gründer von Patagonia.

 

Zur Person
Benjamin Mandos hat 2018 Got Bag mitbegründet. Das Unternehmen recycelt Plastikabfälle aus den Meeren Südostasiens und stellt daraus Rucksäcke und Taschen her. Got Bag hat bereits über 150 Tonnen Meeresplastik gesammelt und verarbeitet. Das Mainzer Unternehmen kooperiert mit Initiativen wie wie „Sea Shepherd“ oder der „Whale & Dolphin Conservation (WDC)“, die sich dem Schutz der Meere verschrieben haben. 

Interview Lesley Sevriens
Fotos Got Bag