Werde Magazin Danilo-Ilic

Leben auf einem Hektar Land

Seit 20 Jahren fährt Danilo Ilić mit seiner Droschke durch Belgrad. „Es ist höchste Zeit“, sagt er, „dass ich mein Leben vom Grund auf ändere.“ Auf seinem „Hektar Land“ will er sich selbst versorgen und im Einklang mit der Natur leben. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Werde Magazin - Belgrad - Danilo Ilić 

Mit Mitte vierzig stehen Sie voll im Leben. Warum wollen Sie es so radikal ändern?
Ich wusste schon lange, dass ich in meiner Wohnung im 7. Stockwerk eines Hochhauses in Belgrad nicht glücklich bin. Es quälte mich das Gefühl, in einer sich ständig wiederholenden Schleife zu leben, in der Geld verdienen und Geld ausgeben die erste Priorität war. Geld zu verdienen, das du dann für Sachen, die du gar nicht brauchst, ausgibst. Wenn ich auf meinem Hektar Land lebe, dann muss ich mich nicht mehr in diesem Rad drehen. Weil ich all das, was ich tatsächlich zum Leben brauche, selbst herstellen kann. Den Wolkenkratzer und die Innenstadt habe ich vor drei Jahren verlassen und lebe als Mieter am Rande Belgrads. Zuerst hatten meine Frau und ich einen 20-Quadratmeter-Garten, jetzt sind wir umgezogen, und der Garten ist zehn Ar groß. Das erste Gemüse haben wir auch schon eingepflanzt.

Wie stellen Sie sich denn das zukünftige Dasein auf einem Hektar Land vor?
 Meine Vision ist, dass wir auf dieser Fläche mit der Natur und von der Natur leben können. Wir wollen säen, pflanzen, ernten, einen Nutzgarten anlegen, einen Teich ausheben, Obstbäume und Tiere haben, ein Häuschen sowieso. Und wir werden uns von dem ernähren, was uns die Erde gibt. Aber es geht nicht nur darum, sich autark zu ernähren, sondern es geht auch um die Energie, die dir die Pflanzen geben, nicht nur wenn du sie isst. Der Duft einer Pflanze ernährt die Sinne, und wenn du sie wachsen siehst, erfreut das dein Herz.

Wie kam es dazu?
Ich wusste schon immer, dass mir ein Aspekt im Leben fehlt. Dann habe ich mit Freunden gesprochen, Internetseiten durchstöbert, fand Rudolf Steiner und John Seymour. Entscheidend für meinen Sinneswandel waren die Bücher über Anastasia, die in der russischen Taiga lebt und das Leben auf dem Land nicht nur als Selbstversorgervariante sieht, sondern auch an die uralte Beziehung zwischen Mensch und Natur erinnert. Sie sagt, dass eine Durchschnittsfamilie nur einen Hektar Land braucht, um alles, was sie zum Leben braucht, zu haben. Heute gibt es in Russland über 200 Siedlungen, in denen Familien so leben.

„Menschen und Natur sind eine Einheit“

Wie weit sind Sie mit der Idee, auf dem Land zu leben, gekommen?
Zuerst muss ich meinen Hektar Land finden. Das heißt, ich muss ihn beobachten, herausfinden, wo die Sonne auf- und untergeht, woher die Winde wehen, wie kalt der Winter und wie heiß der Sommer ist. Und ich muss mich genau auf diesem Stück Erde gut fühlen. Ich möchte eine Siedlung aufbauen, dafür brauchen wir etwa 50 Familien, die mitmachen. Die miteinander leben, sich unterstützen und den neuen Weg gemeinsam gehen. Serbien ist dafür gut geeignet. Außerhalb der Großstädte gibt es viele menschenleere und unbenutzte Flächen, Wälder und Wiesen sind noch immer jungfräulich, uralte Dörfer verlassen. Also, Platz hätten wir genug.

Und dann sitzen Sie dort, umgeben von Pflanzen und Tieren. Ist das nicht langweilig?
Danilo Ilić Aber gar nicht. Ich liebe es, wenn ich jeden einzelnen Grashalm beobachten kann, sehen, wie er sich im Laufe des Tages verändert. So sitzend auf der Scholle lerne ich wieder das, was meine Urahnen wussten: Menschen und Natur sind eine Einheit. Und mein Gehirn wäre frei neue Gedanken.

Auf Ihrem Taxi steht „Danke, ich liebe dich“ in Serbisch, Spanisch, Englisch und Russisch. Warum?
Sich jeden Tag zu bedanken ist eine Art Gebet, in dem man wertschätzt, dass es immer auch gute Momente gibt. Selbst an Tagen, die nicht gerade glorreich waren. Das erzeugt positive Gedanken, und ich fühle mich damit tatsächlich glücklicher. Auch „ich liebe dich“ ist eine Aussage, die guttut und dein Herz erwärmt. Viel zu wenige Menschen lieben sich, vielleicht hilft es, sie daran zu erinnern.

Werde Magazin - Belgrad - Danilo Ilić 

Text (Danja Antonović)  Fotos (Dagmar Morath)