Werde Magazin - Tel Aviv

Wo Mensch und Natur zusammenkommen

Yoav Shafranek ist Mitglied des Onya-Kollektivs in Tel Aviv  – einem Verein von Architekten, Designern, Permakultur-Farmern und Aktivisten. Ihre Mission: positive Orte in der Stadt zu schaffen, wo sich Menschen und Natur treffen. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Werde Magazin - Tel Aviv - Shafranek Mensch und Natur


Die Gegend wird von vielen Israelis gemieden. Wie hat 
es dich hierher nach Neve Sha’anan verschlagen?
Es ist nicht nur der Ruf des Viertels. Mit Tausenden von Bussen jeden Tag ist das hier einer der Orte mit der höchsten Luftverschmutzung in Israel. Die Busstation ist so riesig, dass man zwanzig Minuten braucht, um drum herum zu laufen. Ich lebe seit zehn Jahren im Süden der Stadt, fliehe gewissermaßen vor der Gentrifizierung. Hier im Viertel mit seinen Bewohnern aus Afrika und Asien hatte ich das Gefühl, auf eine Parallelwelt zu stoßen – und das Bedürfnis, diese Welten zu verbinden.

Wieso ist die Situation hier so schwierig?
Die Stadt hat den Zuzug der illegalen Einwanderer zu lange ignoriert, sich weder um angemessene Infrastruktur noch um die Sorgen der alten jüdischen Einwohner gekümmert. Die Politiker sprechen nur davon, wie man die Flüchtlinge deportieren kann. Hier gibt es kaum Sozialarbeiter, geschweige denn Geld für die wenigen NGOs, die sich um Flüchtlinge kümmern.

Was macht das Onya-Kollektiv?
Die Stadtverwaltung tut sich schwer, mit der Dynamik dieses Orts mitzuhalten, man muss hier anders planen als im bürgerlichen Norden. Deshalb machten wir vor drei Jahren die Ausstellung „Next Station“ rund um die Busstation. Wie könnte es hier alternativ aussehen? Wir nennen es Agro-Punktur: zarte Eingriffe, um das Viertel zu begrünen. Etwa der Eingang war, wie so vieles, eine Fehlplanung. Über die Jahre wurde eine Müllkippe daraus. Nach der Ausstellung sagten viele Anwohner: Jetzt verstehe ich, wieso ich mich hier zuvor nicht wohlgefühlt habe.

„Hier im Viertel mit seinen Bewohnern aus Afrika und Asien hatte ich das Gefühl, auf eine Parallelwelt zu stoßen – und das Bedürfnis, diese Welten zu verbinden.“

Dabei passiert doch so viel im Busbahnhof!
Ja, das ist das Spannende, da drin gibt es Kindergärten, Kirchen, die jiddische Bibliothek, Galerien, Theater. Die Leute haben sich Nischen gesucht für all die Institutionen, die es in der Nähe nicht gibt. Der Architekt hatte das als „Stadt unter einem Dach“ geplant, mit schicken Ladenzeilen. Stattdessen nutzt der unsichtbare Teil unserer Gesellschaft nun diesen Ort. Man sieht: Es braucht nicht viel, um Gemeinschaft zu schaffen. Ein paar Lampen, ein paar Stühle, einen Kühlschrank.

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Wer nutzt diesen Raum denn nun?
Ein paar Youngsters treffen sich zu Jamsessions, schlafen manchmal sogar hier. Eine Gruppe von Sudanesen baut sich gerade eine Radiostation auf, und eine nepalesische Gemeinde hält hier ihre Gottesdienste ab. Im Gegenzug gestalten sie den Raum jeweils selbst nach ihren Vorstellungen. Für uns ist das der Schlüssel: die inoffiziellen Anführer der jeweiligen Communitys anzusprechen und ins Boot zu holen. Um sie zu locken, machen wir regelmäßig Workshops: Öko-Gärtnern, Stühle-Bauen, Yoga.

Und wie reagieren die Israelis?
Während der Ausstellung gab es viel Kritik. Wieso macht ihr Kunst hier? Das muss endlich abgerissen werden! Gleichzeitig fragten uns Investoren, ob wir für sie arbeiten würden. Aber wir sind uns sehr bewusst, dass Gentrifizierung kein natürlicher Prozess ist, sondern von Leuten gepusht wird. Wir wollen einen Raum zum Atmen schaffen, aber auch das Gefühl von Heimat. Manche Filipinos leben hier länger als ich, aber es findet keine Interaktion mit der Außenwelt statt. Wir möchten nicht das Viertel renovieren, sondern die Gemeinschaft. Und zwar ohne Agenda. Alle sollen sich wohlfühlen.

Wie ergeht es dir denn selbst in Neve Sha’anan?
Manchmal bin ich sehr verzweifelt, weil sich der Zustand eher verschlimmert hat in den letzten Jahren. Wer hier aufwächst, hat keine Zukunft. Die Wohnungen sind Baustellen und werden trotzdem immer teurer. Viele Flüchtlinge versuchen weiterzuziehen oder wollen sogar zurück nach Afrika.

Und wie stehst du nach all der Zeit der Busstation gegenüber?
Oft wünsche ich das Ding weit weg. Doch an abenteuerlustigen Tagen laufe ich gern herum und entdecke Neues. Ich mag den siebten Stock mit der Street-Art-Galerie – und der Blick von da oben über die Stadt ist unvergleichlich!

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Zur Person: Yoav Shafranek   

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Der 30-Jährige Israeli Yoav Shafranek hat Gartentherapie studiert und arbeitet nebenbei in einem Jugendprojekt für Flüchtlinge am Busbahnhof in Neve Sha’anan.

Text (Agnes Fazekas)  Fotos (Jonas Opperskalski)