Das Herz im Beet

Im Weleda-Garten in Neuseeland wächst Medizin aus glücklicher Erde: Heilpflanzen von Kamille bis Calendula, die von einem kleinen, aber feinen Team in Te Mata umsichtig versorgt werden. Und von Kühen, Bienen und Elfen.

Der Tag beginnt mit einem satten Knattern, das das Vogelkonzert in den Bäumen übertönt. Ein Soundtrack wie aus alten Filmen. „Unser Traktor ist aus dem Jahr 1969“, sagt David Millin, der am Steuer des rostig-roten Fahrzeugs sitzt und grinst, leicht verlegen bis stolz. „Älter als ich.“ Er reibt sich die Bartstoppeln und startet. Auf der Ladefläche hinter halten sich drei Jugendliche in Shorts und T-Shirts an einer Holzplanke fest, während es ruckelnd die Schotterstraße herunter geht Richtung Calendula-Beet.

Es ist acht Uhr morgens und es sind Ferien. Antonia, Shanea und Jakob, alle 15 Jahre alt und Schüler an der Waldorfschule von Hawkes Bay im Nordosten Neuseelands, steigen vom Traktor, schnappen sich jeweils einen Eimer und binden ihn sich vor den Bauch. Sie verdienen sich ein paar Dollar dazu, indem sie im Sommer in den „Weleda Gardens“ in Te Mata nahe dem Weinort Havelock North bei der Ernte helfen, jeden Morgen ein bis zwei Stunden.

Denn geerntet wird auf dort nicht irgendwann am Tag, sondern nur in der Frühe, wenn die Sonne aufsteigt. „Damit steigt auch die Energie, die in den Pflanzen steckt, wenn wir sie pflücken“, erklärt David Millin. Und diese kostbare wie kosmische Energie in Sonnenhut, Rosmarin, Johanniskraut und rund 60 weiteren Pflanzen wird nur wenige Meter weiter in Laboren eingefangen und zu Pulvern, Tinkturen und Cremes verarbeitet.

Der Blick geht ins Grüne

Der Weleda-Garten – der einzige in ganz Australien und Neuseeland – ist auch Sitz einer kleinen pharmazeutischen Manufaktur mit angeschlossener Apotheke. Hier werden im Handbetrieb die homöopathischen Arzneien hergestellt, die der anthroposophische Konzern aus der Schweiz in Neuseeland und Australien vertreibt. Klein, aber fein (und freundlich), könnte das Motto in Te Mata lauten.

Die Morgenstimmung zwischen verwunschen anmutenden Bäumen und stillen Wiesen ist friedlich, der Blick geht ins Grüne. Kein Autolärm, kaum Häuser. Weinberge erstrecken sich links und rechts der Kräuterfarm. Am Horizont liegt das Meer und im Rücken der Gipfel des Te Mata Peaks – ein Hügel, der schon seit den Zeiten der Maori eine spirituelle Bedeutung für die Gegend hat.

Heute ist die Hawkes Bay vor allem für ihre Weine und Obstplantagen bekannt. Sie zieht jedes Jahr nicht nur Tausende von Touristen an, sondern auch all jene, die sich in dem Pazifikstaat für die Lehre Rudolf Steiners interessieren. Denn nur wenige Kilometer weiter liegt das Taruna College, wo neben Pädagogik und Heilkunde biodynamische Landwirtschaft gelehrt wird. Im nahen Umkreis ist außerdem die Behindertenwerkstätte und Lebensgemeinschaft Hohepa. Einer der dortigen Bewohner kommt regelmäßig zum Rasenmähen nach Te Mata. Man ist wie eine große Familie.

Keine Massenproduktion

Die jungen Pflücker bücken sich über die Reihen der Calendula-Pflanzen. In ein paar Stunden werden sie ihre Rücken spüren. Nicht alle orangefarbenen Blüten haben sich geöffnet, sie sind erst in wenigen Tagen „reif“. David Millin schneidet im Nachbarbeet Disteln ab, deren Samen für ein leberstärkendes Präparat verarbeitet werden. Alles kommt auf den Traktor und danach in den Trockenraum – ein  Metallschuppen, wo die Jugendlichen ihre gesammelten Blüten lose auf Tabletts auslegen und David die Temperatur überprüft: über 30 Grad dürfen es sein. Er trägt den Wert in einer Liste ein. 300 Kilo müssen sie insgesamt diese Saison zusammenbekommen. Soviel braucht der Betrieb für die Produktion der Creme, die ansteht. „Es ist keine Massenproduktion“, sagt David. „Gesunde, starke Pflanzen sind wichtiger als die Quantität. Wir richten uns nach dem Bedarf und pflanzen manchmal nur kleine Mengen einer bestimmten Sorte an.“

Der gute Geist des Betriebs

Der 42jährige Neuseeländer wuchs auf einem konventionellen Milchbauernhof auf. Jeden Tag fütterte er die Ferkel, die bereits nach sechs Monaten geschlachtet wurden. Tiere waren dort nur „Maschinen zum Geldverdienen“. David wurde Vegetarier und ging in die alternative Landwirtschaft. Nach dem Kurs in Taruna begann er vor 13 Jahren im Weleda-Garten und ist mit seiner umsichtigen wie zupackenden Art längst so etwas wie der gute Geist des Betriebs. Er kann auch Technisches reparieren. Jetzt muss er sich erst mal um den Traktor kümmern, der nach dem kurzen Ausflug am Morgen einen platten Reifen hat. Er verschwindet Richtung selbstgezimmertem Gewächshaus.

Eine ungewöhnliche Geschichte

Das über 100 Quadratmeter große Land, von dem nur ein Viertel im Rotationsprinzip beackert wird, hat eine ungewöhnliche Geschichte. Bevor Weleda es 1988 kaufte, hieß es „Peloha“ – abgekürzt für Peace, Love und Harmony. Ein charismatischer britischer Psychologe namens Herbert Sutcliffe lebte dort mit einer Schar von Anhängern, die ihre Bewegung „radiant living“ (strahlendes Leben) nannten und ihrer Zeit mit Yoga, veganer Ernährung und Bewegung in vielem voraus waren. Auch Edmund Hillary, berühmtester Neuseeländer und Erstbesteiger des Mount Everest, gehörte dazu.

Von Elfen, Zwergen und Energien

Aus der Zeit der Vorbesitzer stammen auch die Zitronenbäume, zur Zeit prall behangen – hundert Kilo Früchte davon werden bald in einen Hustensaft wandern. Davor knien drei Männer in der mittlerweile vom Himmel knallenden Sonne in einem Beet voller Eibisch. Sie stützen sich an ihren Hacken ab und zupfen geduldig Unkraut, Zentimeter für Zentimeter. Keine vergebliche Liebesmüh, sondern Arbeit, die sich lohnt – unter Plastikplanen schwitzt der Boden, es würden sich Pilze und Krankheiten bilden. Ein Transistorradio dudelt neben den leise plaudernden Männern im Gras. Sowas sieht man hier entspannt; Hauptsache, alle fühlen sich wohl bei der Arbeit. „Mozart würde den Pflanzen vielleicht besser tun“, sagt Warren Pearce und blickt mit einem verschmitzten Lächeln auf.

Er ist der Chefgärtner, ein baumlanger Schlacks mit Strohhut und sanfter Stimme, der sich detailliert mit biodynamischen Wachstumszyklen auskennt. Er spricht von Rhythmen, von Mond und Venus: „Das geht ein bisschen tiefer als nur ein reiner Job.“ Zögernd und fast ein wenig verlegen erwähnt er auch die unsichtbaren Wesen, die den Pflanzen nach seiner Ansicht beim Wachstum helfen. Nicht nur Insekten und Mikroben, sondern Naturkräfte, die auf die Organismen einwirken – „manche nennen sie Elfen oder Zwerge, andere nur Energien“.

Die Zubereitung der Präparate

Schon die Zubereitung der Präparation 500 für den Kompost klingt unkonventionell genug. Die Gärtner halten sich drei braune Kühe, die gerade am oberen Ende einer Weide im Schatten ruhen. Morag, Phillis und Roxy dürften mit Abstand die glücklichsten Wiederkäuer von Hawkes Bay sein (und laut David „ein bisschen zu wohlgenährt“), denn sie müssen weder Milch noch Steaks produzieren, sondern nur Dung. Der wird in Hörner gefüllt – von der Kuh, nicht vom Stier oder Bullen – und im Winter für fünf Monate in der Erde verbuddelt. Danach verrührt man den so entstandenen Humus in einer Richtung eine Stunde in Wasser.

Versprengt wird die potente Lösung beim abnehmenden Mond. So verbessert sich die Bodenqualität ganz ohne jede Chemie. Der Kompost ist so etwas wie das Heiligtum der Farm. Er wird gefüttert, studiert und schließlich für die Heilpflanzen wie ein Festmahl angerichtet. Die wiederum geben bei so viel Hege und Pflege all ihr Gutes weiter an den Endverbraucher.

Warren greift ins Beet und lässt schwarze Krumen durch die Finger rieseln. „Es ist ein beruhigendes Gefühl, die Hände in der Erde zu haben und zu spüren, was darin passiert.“ Ein paar Jahre lang haben sie den Boden getestet, zu seiner Zufriedenheit: „Ganz wunderbare Erde.“ Er spricht über sie wie ein Juwelier über Diamanten – mit Kennerblick und Passion.

Seine Lieblingspflanze? „Die Brennessel. Es fasziniert mich, wie ihre Blätter symmetrisch angeordnet sind.“ Sie ist ebenfalls eine Heilpflanze und wächst deshalb bewusst in Warren und Davids Garten. Unkraut ist in ihren Augen eh nur etwas, das gerade an der falschen Stelle sprießt, aber nicht ausgerottet gehört. Sie sehen die Farm als einen Gesamtkörper: Das Land ist die Lunge, die Kühe sind der Verdauungstrakt. Und die Gärtner sind Herz und die Sinne. „Unsere Hände steuern all die Bewegungen und füttern diesen Körper.“

Die Villa aus Gründerzeiten als Firmensitz

Auf halber Strecke der gemächlich ansteigenden Farm steht eine herrschaftliche, leicht verwitterte Villa aus Gründerzeiten – einst das Herz der „Peloha“-Gemeinde, jetzt der Firmensitz von Weleda Neuseeland. Dort arbeiten der Geschäftsführer, die Marketing-Expertin, die Verwaltung in holzgetäfelten Räumen voller Patina. Und direkt daneben ist die homöopathische Pharma-Manufaktur in einem moderneren Gebäude angesiedelt.

Sie ist das komplette Kontrastprogramm zu Dung und Erde, zu Würmern und zersetzenden Bakterien. Hier macht man sich nicht nur nicht die Hände schmutzig, sondern verpackt sich in Schutzkleidung, sobald man das Innere durch eine Schmutzschleuse betritt. Auf sterile Sauberkeit wird penibel geachtet. Der Luftdruck zwischen Gängen und Produktionsräumen ist so geregelt, dass die Atmosphäre keimfrei bleibt. In einem Zimmer riecht es nach Kamille, im nächsten nach Eukalyptus. Alles blitzt vor Chrom und Stahl: große Tiegel zur Salbenherstellung und Maschinen zur Pulverisierung, aber auch eine ehemalige Suppenkochmaschine aus dem Krankenhaus, in der jetzt Essenzen eingekocht werden – typisch für ein Land voller Self-Made-Ingenieure, in dem viel improvisiert und erfunden wird.

Das meiste geschieht von Hand: schütteln, portionieren, abfüllen. Was draußen biodynamisches Gärtner-Gebot ist, kann für die reibungslose Herstellung schon mal zum lästigen Hindernis werden. Bei einer Sonneneklipse zum Beispiel hat alle Arbeit zu ruhen, bis das kosmische Gleichgewicht wieder stimmt. Und die Insekten, die man so gerne im Garten hat, müssen von dem weiß getünchten Gebäude möglichst fernbleiben. Aber Gift versprühen ist undenkbar. Dann lieber Metallstäbe in die Erde stecken, die durch elektromagnetische Schwingungen den Flug der kleinen Viecher umlenken sollen.

Eine Garantie für Frische

In einer alten Holzpresse sind gerade Kräuter für eine Tinktur zerquetscht worden. Der braune Rest, der davon übrigbleibt, wandert sofort wieder hinaus auf den Komposthaufen. Perfektes Recycling, und die Wege vom Anbau bis zur Herstellung könnten nicht kürzer sein – nicht nur ein ökologischer Vorteil, sondern auch eine Garantie für Frische. Nur wenige Substanzen werden aus Europa dazugekauft. Die neuseeländische Arnika-Creme von Weleda hat eine etwas andere Rezeptur als die deutsche.

Und dann gibt es exklusive Produkte, die nur in Te Mata entstehen: zum Beispiel das Zahnpulver für Babys. Es ist das meistverkaufte Mittel in der landeseigenen Produktpalette, aber in Europa bisher noch nicht zu haben. Ob sich das eines Tages ändern wird? „Vielleicht“, sagt der entspannt und jugendlich wirkende Geschäftsführer Fred Dryberg, der eine holistische Finanzpolitik verfolgt. Er will nicht um jeden Preis expandieren. „Was wir erwirtschaften, fließt nicht in die Tasche von einzelnen, sondern zurück in das, was wir hier tun.“

Er hofft, damit auch positiv auf die Umgebung abzufärben. Denn die unmittelbaren Nachbarn sind illustre, alteingesessene Weingüter. Eines davon, Black Barn Winery, bewirtschaftet die ersten zehn Reihen an angrenzenden Rebstöcken mittlerweile ohne Spritzmittel, um die Weleda-Pflanzen nicht zu kontaminieren. „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander“, betont Fred Dryberg. Nebenan bei Black Barn wird gerade eine Freilichtbühne aufgebaut. Am Abend gibt es ein Konzert mit berühmten Tenören. Oft kommen die Weleda-Angestellten in den akustischen Genuss einer kostenlosen Gesangsprobe und lauschen auf dem Balkon, während Arien oder Popsongs hinüberwehen. Auch die Planzen werden es mögen.

Die Erntezeit

Mittlerweile ist es früher Nachmittag. Der vergeht mit Graben und Hacken. Im Winter waschen die Gärtner Wurzeln unter kaltem Wasser im Freien – der unschönste Teil ihrer Arbeit an der frischen Luft. Warren Pearce sitzt im Schatten und füttert ein paar Vögel mit den Resten seines Mittagessens. Zwei Wachteln huschen über die Wiese ins Gebüsch. Am Morgen waren hier noch wilde Kaninchen zu sehen. „Ich liebe die Erntezeit“, sagt Warren. „Es tut gut zu sehen, wofür man so hart gearbeitet hat.“ Sein Tag ist fast vorbei, dann geht er segeln – seine andere Passion.

David Millin will noch die Kühe von der Weide in ihr Gatter holen. Er hat es nicht weit bis nach Hause, denn er wohnt in einem gelben Cottage am Fuße der Farm. Davor steht ein Sandkasten für seinen vierjährigen Sohn und das Elektroauto, das er sich selber umgebaut hat. Im Gemüsegarten sprießen Grünkohl und Zucchini, die längst nicht so oft gejätet werden wie die Heilpflanzen der Farm.

Bevor er sich in sein bescheidenes Domizil absetzt, kümmert sich David noch um die eigentlichen Bewohner und Helfer des großen Gartens: seine Bienen. Rund 70,000 Insekten gehören zu dem Stock, den er vor einem Jahr am Haus von Fred Dryberg fand und nach Te Mata transportierte. Jetzt hegt und pflegt er sie jeden Tag, guckt nach dem Honig und senkt den Deckel des Kastens dabei behutsam ab, um kein einziges Tier zu zerquetschen. Er zeigt auf die summende Meute und strahlt unter seinem alten Schlapphut auf. „Seht ihr das? All der Pollen, der an ihren kleinen Beinen hängt?“ Es wird ein gutes Jahr werden.