Werde Magazin- Bernhard

Die Magie des Einfachen

Ein andächtiger Bodenflüsterer und eine Kräuterfrau voller Geschichten.

Gerade noch ist der Blick des Gartenbesuchers über die Pflanzenschätze am Boden gewandert. Angezogen von den Blättern der Elfenblume, so zart wie feinstes Porzellan. Daneben purpurne Pfingstrosenschösslinge vor dem tiefen Azurblau einer Irisblüte. Hinter der Laube taucht beschützt von der mächtigen Kiwipflanze der Horizont auf: die Hochebene der Malser Haide und dahinter, in der Ferne, der Anlauf zum fast 4000 Meter aufsteigenden Ortlermassiv, im Rücken die mittelalterliche Fürstenburg. Was für eine Landschaftskulisse, was für ein Ort, um seinen Apfelbaum zu pflanzen!

Der Paradiesgarten

Der Garten der Bernhards, den hier alle nur den „Garten Eden“ oder „Paradiesgarten“ nennen, liegt in Südtirol. Längst zählt der „Samensortengarten“ zu den Sehenswürdigkeiten des kleinen Örtchens Burgeis, ebenso wie die Fürstenburg und das barocke Benediktinerkloster Marienberg.

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Kein Wunder, haben sich Edith und Robert Bernhard doch über lange Zeit Respekt erarbeitet, mit ihrer Art und Weise, was sie tun und wie. Leise und konsequent haben sie im Lauf der letzten 20 Jahre eine Inspirationsquelle für jährlich Hunderte von Besuchern geschaffen. Zu zweit, auf 3000 Gartenquadratmetern. Dabei sind die beiden überzeugten Biogärtner im Ruhestand.

Endlich richtig gärtnern

„Bernhards Garten“ ist ein Lebenswerk. Begonnen im Rentenalter, als beide von Bozen nach Burgeis zogen, zurück in Robert Bernhards Geburtsort, zurück „aufs Land, wo die Wurzeln sind“. Eine ehemalige Chemielaborantin und ein pensionierter Südtiroler Landesangestellter mit dem Gespür für das Ursprüngliche und Gesunde. Bisher geübt auf einem kaum fünf Quadratmeter großen, sommerheißen Stadtgärtlein, „wo nur der Rosmarin gedieh“, erfüllt von dem übermächtigen Wunsch, endlich richtig zu gärtnern.

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Ediths Blick streift über die kraftstrotzenden Bäume der Streuobstwiese, über die rot, rosa und weiß getupften Blütengobelins der Wildrosenhecken, über Eberraute, Holunder, Süßdolde, Baldrian oder Riesenlauch. An ihre ersten Gedanken von damals, als alles begann, erinnert sie sich noch genau: „Da war so viel Platz, was sollte man da bloß hineingeben?“ Heute lacht sie über die Zaghaftigkeit ihrer ersten Schritte in dem riesigen Garten. Überhaupt lacht sie viel und gerne, und ihre weit offenen, dem Gesprächspartner zugewandten und von Lachfalten gerahmten Augen lachen mit. Trotzdem entgeht ihr kaum etwas, während sie, leicht vornübergebeugt, erklärend durch den lang gezogenen Garten geht. Hier zupft sie eine reife Erdbeere ab, richtet dort ein umgefallenes Namensschild auf oder verdrillt einen losen Bindedraht am Bohnenstangenzelt.

 

Erdbeeren im Überfluss

„Wir haben eine Streuobstwiese gepflanzt, alte Sorten aus biologischer Kultur. Zuerst Bäume vom Gardasee, später aus klimatisch verwandten Regionen Österreichs und Deutschlands. Und Erdbeeren, acht Beete Erdbeeren! Plötzlich hatten wir 200 Kilogramm Früchte – und bei allen, die uns damals über den Weg gelaufen sind, gab es am nächsten Tag wahrscheinlich Erdbeeren mit Schlagsahne.“

Natürlich spielten auch die Küchenpflanzen von Anfang an eine große Rolle, im Anbau und in der späteren Verarbeitung. Schon da zeigte sich die Neugierde und Experimentierlust der Gärtnerin. „Manche kennen nur den Kopfsalat ‚Maikönig‘. Ich finde das viel zu langweilig und habe immer mindestens zehn Salatsorten.“ Und mindestens 80 Tomatensorten, könnte sie noch ergänzen. Welche Augen- und Gaumenwunder Edith Bernhard damit vollbringt, beweist wenig später ein einfaches Mittagsmahl, komponiert vom Allerfeinsten und Frischesten, das ihr Garten hergibt.

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Der Garten als Apotheke

Die Heilpflanzen wurden schon sehr bald besonders wichtig für Edith. Die Kräuterfrau absolvierte einen Lehrgang bei verschiedenen Heilpraktikern. Ein halbes Jahr lang ging das so, jeden Freitag, Samstag und Sonntag. Mit allen dreien ist sie bis heute verbunden. „Gleich einem Alchemisten habe ich damals alles bereitet: Ringelblumen-, Johanniskraut- und Beinwellsalbe, Engelwurz- und Baldrian-Tinktur und eine ganze Palette einzelner Teesorten wie Goldmelisse, Zitronenstrauch oder Königskerze. Aus denen habe ich je nach Anwendung ganz verschiedene Mischungen zusammengestellt. Schließlich habe ich selbst Kurse gegeben.“

Nicht selten hat Edith dabei verblüffende Wirkungen beobachtet: „Einmal haben wir aus Wein und entspannenden Gewürzen einen ‚Trank der Freude‘ hergestellt. Nach zwei Tagen traf ich eine der Teilnehmerinnen im Dorf, eine sehr in sich gekehrte, schweigsame Frau, die vor lauter Erzählen schier übersprudelte.“

Die kleine private Gartenapotheke gibt es immer noch. „Wir gehen nie zum Arzt“, erklärt Robert Bernhard, „es sei denn, wir hätten uns etwas gebrochen. Das liegt an der gesunden Lebens und Ernährungsweise.“ „Und wenn es einmal nötig ist“, ergänzt die Kräuterfrau, „nehmen wir bestenfalls Weißdorn, Goldrute und Johanniskraut – fürs Herz, die Niere und die Nerven.“

Die alten Sorten wiederbeleben

Heute lässt Edith Bernhard den Kräutergarten wachsen und wuchern, „als kontrollierte Wildnis“. Die zierliche Frau ist voller Geschichten. Ihr Garten wird durch sie zum Ort dieser Geschichten und von „verborgenem Wissen“. Sie zeigt auf die Wegwarte und erzählt: „Als Prinzessin mit blauen Augen hat sie ihren Prinzen so lange umsorgt, bis es dem eines Tages zu viel wurde und er fortgeritten ist. Da steht sie nun und wartet und wartet. In der Bachblütentherapie wird sie gegen Überfürsorglichkeit eingesetzt!“

Oder sie spricht über das Marienblatt, „das wie Kaugummi riecht. Wurden die Patres im Kloster müde, machte ein darin eingelegtes getrocknetes Marienblatt sie wieder munter!“

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Oder das Moxakraut, „das in der chinesischen Medizin angewendet wird, wenn ein Kind vor der Geburt falsch liegt. Das getrocknete und mit Beifuß gemischte Kraut wird angezündet und über die Meridiane gehalten.“ Auf wenigen Metern tummeln sich einige Tausend Jahre Garten- und Medizingeschichte, eingefangen in Namen voller Klang und Mythos: Engelwurz, Färberkrapp und Meerkohl, Etagenzwiebel, Süßdolde und Anisysop.

Oder Bischofskraut, aus dessen Stängeln in Arabien und bei den Bernhards bis heute veritable, die Zähne natürlich pflegende Zahnstocher geschnitten werden.
Wer über die Jahre ein so weitläufiges und oft seltenes Pflanzensortiment ausprobiert, wird unweigerlich zum Aussaatspezialisten. „Ich wollte die alten Sorten wiederbeleben und erhalten helfen.“

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Ein Kurs in Meran mit Referenten der österreichischen Gesellschaft „Arche Noah“ stand am Beginn dieser neuen Leidenschaft – aus der nicht nur der Nachbau von bislang fast 400 Tomatensorten erwuchs, sondern unzählige Karotten-, Erbsen-, Bohnen- oder Kohlvariationen. Noch immer ist ihre Neugier auf die Saaten der „Arche Noah“ oder das Samenangebot von „Dreschflegel“, „Bingenheimer“ und Co. riesengroß.

Die Welt begreifen

Und Robert Bernhard? „Meine Spezialität ist das Herrichten des Bodens!“ sagt er, dessen Händen man die mehr als sieben Jahrzehnte harter Arbeit ansieht. Hände, die kräftig zupacken können und dabei im doppelten Wortsinn die Welt begreifen.

Es ist der Acker, der ihn vor allem anderen anzieht, der die Hacke genauso verlangt wie den feineren Kupfersauzahn, die Alchemie des Kompostierens und Jauchens und die schützende Hülle aus Mulch oder Gründüngung. Wenn Robert Bernhard den Setzkartoffeln und Puffbohnen ein Bett aus gezupfter Schafwolle und Steinmehl bereitet, ist er wie ein Magier des Einfachen und Ursprünglichen am Werk, ausgestattet mit einer Energie, der auch die fortschreitenden Lebensjahre nichts anhaben können.

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„Für mich ist der Umgang mit dem Boden und mit der Pflanze ein Gebet. Manchmal kommt meine Frau in den Garten und steht eine Viertelstunde neben mir. Ich sehe sie nicht. Zur Gartenarbeit gehört ein „Bitte“ und ein „Danke“. Du bist in Verbindung mit dem Boden und den Pflanzen. Egal ob beim Säen, Lockern oder Wässern – die Pflanzen merken, mit welchem Gefühl jemand dabei ist!“

Es ist für alle gesorgt

Das Gartenparadies der Bernhards beherbergt viele Gäste. Singvögel, Bienen und Falter bevölkern zu Dutzenden und Hunderten den Paradiesgarten in Burgeis. Siebenschläfer fühlen sich in den Apfelbäumen wohl wie die Zauneidechsen auf der Trockenmauer. Und die anderen? „Immer wollen unsere Besucher wissen, was wir gegen die Schädlinge machen. Nichts! Die bekämpfen wir nicht, nicht einmal mit biologischen Mitteln. Weil unsere Pflanzen gesund sind und sich selber helfen können. Unsere Rosen werden nicht lausig. Nein, wir freuen uns sogar über die Blattläuse, denn wovon sollten die Vögel und Marienkäfer sonst leben? Es ist für alle gesorgt, alle haben Platz und können sich wohlfühlen.“

Inmitten dieser Vielfalt ist kein Raum für Monokultur im Apfelanbau, wie er in den Tälern Südtirols zu finden ist. Die Bernhards zählen als Mitglieder des sogenannten Promotorenkomitees zum Kern des erfolgreichen und international viel beachteten Widerstands der Malser Bürger gegen die Ausbreitung der Pestizide auf dem Gemeindeland.

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Robert Bernhard bringt es mit einer einfachen Frage auf den Punkt: „Wer gibt der jetzigen Generation das Recht, die Böden zu vergiften?“
Man ist gerne zu Besuch bei den Bernhards. Weil ihre Sprache seelenvoll ist und ihr Lachen ansteckend, weil ihr Haus gemütlich ist, ihr Garten erquickend und der Platz am Tisch unter der wuchernden Kiwipflanze im Sommer so einladend kühl. Sitzen sie dort wieder einmal mit einem Besucher und plaudern über Gott und die Welt, werden die Bernhards vielleicht sagen, dass „im Garten auch Platz für Muße sein sollte“. Und dann, etwas leiser: „Aber ehrlich – da kommt man nicht oft dazu!“