Werde Magazin-Hof Narr

Die Würde der Tiere

Werde Magazin - Sommerheft 2019

Aus Sommerheft 2019

Auf einem Hof bei Zürich werden Schweine und Puten nicht geschlachtet, Pferde nicht geritten, Ziegen nicht gemolken, und Hühner müssen keine Eier legen. Der Lebenshof zelebriert die Begegnung zwischen Mensch und Tier.

Der Wetterbericht hat für die Nacht Sturm angekündigt, und so ist an diesem Septemberabend besondere Sorgfalt geboten beim Einsammeln der Tiere im Hofgelände. Mit bedächtigen Schritten laufen Sarah Heiligtag, ihr Mann Georg und zwei weitere Helfer durch das Gehege, nähern sich vorsichtig den Hasen, Enten und Hühnern, heben sie vom Boden und tragen sie in ihre Ställe, beobachtet von Hündin Mimi, die jenseits des Zaunes durch die Latten linst. Sie reinigen Futterschalen, füllen Wasser nach und locken mit einem Stückchen Lasagne vom Mittagessen das elf Jahre alte, kranke Huhn Wanda, das vor der Nachtruhe noch seine Medizin benötigt.

Zuletzt fehlt noch Bobby, der „Hasen-Opa“. Seinen Namen rufend, schauen die drei Männer, während Sarah Heiligtag am Boden vor einer Futterschale hockt, in alle Winkel, in die sich der Hase verkrochen haben konnte. „Bobby, Bobby“, tönt es durchs Gehege. „Drei Männer suchen einen alten Hasen – das ist die neue Welt“, murmelt Sarah Heiligtag lächelnd vor sich hin.

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Der Lebenshof

„Alles kann anders sein.“ Das ist das Motto am „Hof Narr“ in Hinteregg bei Zürich, auf dem rund achtzig aus der Nutztierhaltung stammende Tiere leben, die nicht mehr von Nutzen sein müssen durch ihre Milch, ihre Eier, ihr Fleisch, ihre Kraft. Die Gründerin, Sarah Heiligtag, sieht ihren Hof aber nicht als Gnadenhof, auf dem die Pferde und Schweine und Ziegen und Hühner leben, weil ihnen von oben herab gnädig noch etwas Zeit gewährt wird, sondern als Lebenshof, der den Tieren ermöglicht, worauf sie ein unveräußerliches Recht haben: zu leben.

„Die Würde des Schweins ist unantastbar“, lautet einer ihrer Wahlsprüche. In gewisser Weise sind aber auch die Tiere auf dem Hof Narr Nutztiere: Sarah Heiligtag, ihr Mann Georg Klingler und die vielen Helfer nutzen sie als Botschafter einer Welt, in der vielleicht nicht alles, aber vieles anders sein könnte, sein sollte – das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, die Art, Landwirtschaft zu betreiben, die Ernährungsweise der Menschen. Die Bewohner von Hof Narr stellen das System infrage.

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Fühlende Wesen

Angefangen hat es mit Lucky, einem Springpferd, das, als es nicht mehr hoch genug springen konnte, aber ansonsten kerngesund war, geschlachtet werden sollte. Sarah Heiligtag, schon als Mädchen mit ihren Eltern aus Norddeutschland in die Schweiz gezogen, studierte in Zürich Philosophie und Ethik, als sie vom „unnützen“ Nutzpferd Lucky erfuhr. Sie finanzierte seine Unterkunft und Verpflegung bei einem Bauern – und folgte Lucky schließlich aufs Land, gemeinsam mit ihrem Mann, einem Umweltnaturwissenschaftler. „Lucky wurde der beste Lehrer, den ich je hatte“, sagt Sarah Heiligtag, „er lehrte uns über das Herz, was wir mit dem Verstand studiert hatten: Alle fühlenden Lebewesen teilen fundamentale Interessen.“

Als der Landwirt seinen Hof altershalber aufgab, übernahmen die Heiligtags und machten daraus ihr Lebensprojekt, den Hof Narr. Dort kniet, am Tag nach dem angekündigten Sturm, der dann doch nur ein starker Wind war, Georg Klingler vor dem Bauernhaus und füttert „Bertrand le Beau“, kurz: Bert, mit Salatresten aus der Küche. Der große vielfarbige Hahn gehört zur Rasse der Riesen Brahma, seine Füße sind mit dichten Federbüscheln bedeckt. „Ein wunderschöner Hahn“, sagt Klingler, „an einem Heiligabend konnten wir ihn vor dem Kochtopf retten. Die Hühner waren begeistert, als er hier herkam. Mit ihm hat sich eine schöne Familienordnung gebildet.“

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Bis ein Fuchs alle Enten und sieben Hühner riss, worauf Bert tagelang in sich zusammensank, sein Kopf hing zeitweise bis zum Boden. Es war aber kein Genickbruch, sondern, wie die Tierärztin diagnostizierte, Schock, Frust und Trauer, weil der Hahn nicht alle Hennen hatte verteidigen können. „Ganz langsam kam er wieder ins Leben zurück, und wir sind alle froh, diesen Prachtkerl zu haben“, sagt Klingler.

Geschichten pflegen

Geschichten wie die von Lucky oder vom schönen Brahma-Hahn Bert pflegen sie auf Hof Narr. Sie nageln Holztafeln an die Stellwände, die an das verstorbene Springpferd Lucky erinnern oder an Lotte, das Mastschwein, das hier natürlich nicht gemästet wurde und unerwartet starb. „Es mag an der Überzüchtung der sogenannten Fleischtiere liegen, dass so ein Körper plötzlich nicht mehr mitmacht.“ Oder die Geschichte von den zwei Pferden, von denen das eine, Jessy, wegen eines Hüftleidens vom Tierarzt schon fast aufgegeben worden war und dann doch überlebte, auch weil das andere, das Shetlandpony Janosh, solidarisch jeden Behandlungsschritt vom Hufverband bis zur Röntgenuntersuchung im Tierspital mitging.

Sie pflegen diese Geschichten, weil die Tiere dadurch zu empfindungsfähigen Individuen werden und heraustreten aus ihrem anonymen, tristen und meist sehr kurzen Nutztierleben in den Massenställen.

Die Stars des Hofes

Besonders groß ist das Gefalle bei den Mastschweinen, auf dem Hof Narr sind Mimi, Tobi und Bo die stillen Stars, vor allem bei den Kindern. Die sind zuerst beeindruckt, fast eingeschüchtert von der Größe und Wucht der mehr als 200 Kilogramm schweren Schweine. Wenn eines niest und dabei seinen gewaltigen Leib schüttelt, wenn es nach Futter suchend an die Bretter der Stallwand stößt, weichen die Kinder erst ängstlich zurück; sie zücken ihre Smartphones, wenn eines aus dem Stall ins Freie trottet, seine Schwarte am Baum reibt oder sich in die Suhle fallen lässt; sie sind beeindruckt, wie lange die Tiere am Stück pinkeln können; und noch mehr davon, dass es im Stall kein bisschen stinkt, „obwohl es doch Schweine sind“.

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Sarah Heiligtag und die anderen Führer bei den Besuchstagen erzählen dann von der Lust der Tiere am Spielen, ihrer Neugier und Intelligenz, von ihren feinen Nasen und dass sie, wenn sie nur die Chance dazu bekommen, ihre Schlafecke peinlich sauber halten; mit etwas Glück sehen die Kinder dann, wie Bo, Mimi oder Tobi Stroh im Maul für den Bettenbau herantragen.

Als Höhepunkt dürfen die Besucher zum Bürsten und Streicheln ins Strohbett, wo die dösen- den Schweine beim ersten Geräusch der sich nähernden Menschen erwartungsvoll ihre Bäuche präsentieren und Hinterläufe strecken.

Kindliche Drohbriefe

Als Sarah Heiligtag als kleines Mädchen zum ersten Mal begriff, woher Wurst und Fleisch stammen, schrieb sie dem Metzger im Ort kindliche Drohbriefe; später stand sie als Aktivistin auch protestierend vor Schlachthöfen und Tiertransportern; heute, als Tierrechtlerin und Philosophin, setzt sie auf die positive, systemverändernde Kraft der Begegnung zwischen Mensch und Tier: Hunderte Schulklassen waren schon auf dem Narren-Hof, jährlich besuchen mehrere Tausend Menschen die Ställe und Gehege, hören Vorträge und Konzerte, kommen zu Filmen, Diskussionen und philosophischen Hofführungen, zu veganen Barbecues, veganen Stammtischen und veganen Erntedankfesten, bei denen die drei Masttruthähne Bubu, Lulu und Hailey und all die anderen Tiere mitfeiern – bei lebendigem Leib.

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Lebensgrundlage

Der Hof-Verein finanziert die ihm anvertrauten Tiere und eine Tierpflegerstelle durch Spenden, Patenschaften, Veranstaltungen und Schulungen. Der Landwirtschaftsbetrieb – und somit die Familie – finanziert sich über die landwirtschaftlichen Produkte, wie zum Beispiel durch den Verkauf von Abo-Kisten mit Bio-Gemüse, Obst und Getreide, sowie durch Kurse im Bereich Ethik und biovegane Landwirtschaft. Nicht zuletzt die Mitarbeit vieler ehrenamtlicher Helfer macht das Hof-Programm und das Coaching für interessierte Bauern möglich. Georg Klingler arbeitet noch als Energiecampaigner bei Greenpeace in Zürich.

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Ein gutes Fest

Wenn die Schweizer am 1. August ihren Nationalfeiertag begehen, mit großem Feuerwerk und auch viel Fleischverzehr, werden im Hof Narr zwei alte landwirtschaftliche Anhänger aufgefahren und mit Speisen beladen: Kuchen und Quiches, Süßes und Saures, Obst und Gemüse, Most, Schnaps und Kompott, Linsen- und Getreidegerichte, Müsli und Mousse, alles, was ein Bio-Hof hergibt und was Helfer mitbringen, aber sämtlich ohne Sahne, Milch, Eier, Speck, Honig, Käse und andere tierische Produkte.

Hunderte Besucher kommen regelmäßig zum veganen August- Brunch auf den Hof, sitzen essend, trinkend, redend auf Strohballen und Bierbänken zwischen Pferdmüslisäcken, Schubkarren und Stallstiefeln, direkt neben den Tieren. Am Pferdegatter, neben der Holztafel, die vor einem „schnappenden Pony“ warnt, kniet ein Mädchen, es greift durch den Zaun, um Maik, das Mini-Shetland-Pferd, an Lippen und Nüstern zu kraulen, seine Ohren zu massieren. Minutenlang versinken beide in ihre Begegnung, unbeeindruckt vom Trubel um sie herum; sie sind fast regungslos, nur die Hände des Mädchens bewegen sich; zwischendurch blast sie zart auf seine Nüstern, halt seine Kinnlade mit der einen Hand, streicht mit der anderen über die weiche Haut; ihre Mutter kommt vorbei: „Na, hast du dich verliebt?“ Das Mädchen sagt nichts, krault einfach weiter.