Der Bio-Pionier

Der französische Bio-Pionier Pierre Rabhi arbeitet jeden Tag in seinem Garten. Und spricht in der ganzen Welt über eine respektvolle Beziehung zur Erde

Text Olaf Tarmas Foto Odile Hain

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Was als Erstes auffällt, ist seine Stimme. Mit sanftem Timbre, leise, aber nachdrücklich, erzählt der 77-jährige Pierre Rabhi aus seinem Leben. „Wir kamen aus Paris und wollten zurück zur Erde, zur Natur“, erzählt er von seiner Ankunft in der französischen Ardèche-Region. Bei Touristen ist sie beliebt wegen ihres herben Charmes, bei den Bauern berüchtigt wegen ihres kargen, steinigen Bodens. 1961 hat sich Rabhi mit seiner Frau Michèle hier niedergelassen. „Es war eine Revolte gegen das moderne Leben.“

Nicht mit mir, mein Leben steht nicht zum Verkauf

Wir sitzen an einem Tisch im Anbau seines Hauses. Der Blick geht über einen frisch gepflügten Acker und einige Olivenbäume. Damals war das alte Bruchsteinhaus eine Ruine ohne Wasseranschluss und Elektrizität, das Land ringsum verwildert. „Doch es war Liebe auf den ersten Blick!“ In Paris hatte er seinen Lebensunterhalt in einer Fabrik verdient. Ziemlich schnell war klar: „Mein Leben eintauschen gegen Lohnarbeit, fremdbestimmt und eingesperrt in einer kleinen Schachtel von Wohnung: Nein. Nicht mit mir, mein Leben steht nicht zum Verkauf“, sagt Rabhi mit Nachdruck, während er sein Gegenüber fest in den Blick nimmt. Es sind solche Momente im Gespräch, in denen hinter Rabhis sanftem Gebaren eine fast schon körperlich spürbare Entschlossenheit aufscheint. Klein von Statur und vom Alter schon ein wenig gebeugt, offenbart sich in diesen Momenten ein ungebrochener Selbstbehauptungswille.

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Es ist ein Wille, der früh geformt wurde: Pierre Rabhi wuchs als Sohn eines Schmieds und Sängers in einem Oasendorf in der Sahara im Süden Algeriens auf. Seine Mutter starb früh, sein Vater, mittellos und ohne Zukunftsperspektive, gab den Achtjährigen an französische Stiefeltern ab. „Das war ein früher Bruch, der mich in eine Welt voller Widersprüche führte: Ich war Muslim, meine Stiefeltern Katholiken, ich kam aus den Traditionen des Dorfs und war plötzlich mit dem modernen Leben konfrontiert.“ Um die Widersprüche zu begreifen, sucht der junge Mann Zuflucht bei den klassischen Philosophen der Antike und erschließt sich selbstständig die Lehre des Sokrates.

Glückliche Genügsamkeit

Das städtische Leben erscheint ihm absurd, unfrei, voll von falschen Kompromissen. „Das war zu meiner Überraschung auf dem Land nicht besser: Die Bauern in der Ardèche verwendeten große Mengen an Giften, um so viel aus ihren Böden herauszuholen wie möglich. Sie folgten der gleichen Logik der industriellen Produktion, des unbedingten Strebens nach Profit, des Glaubens an ein unbegrenzt steigerbares Wachstum, wie ich es bereits in der Fabrik in Paris kennengelernt hatte.“ Rabhi will es anders machen, ganz anders: „Meine zweite Revolte“ nennt er seine Weigerung, die Methoden der konventionellen Landwirtschaft anzuwenden – in den frühen 60er-Jahren eine unerhörte Einstellung, die belächelt und verspottet wurde.

Doch Rabhi lässt sich nicht beirren in dem, was er einmal als richtig erkannt hat – und wird zum Pionier des ökologischen Landbaus. Mit einfachsten Mitteln trotzen er und seine Frau dem anfangs noch kargen Boden ihren Lebensunterhalt ab, bauen im Laufe von 15 Jahren einen nachhaltig bewirtschafteten Garten auf, der sie immer besser ernährt. Autonomie durch Selbstversorgung – das ist ein wichtiges Element seiner Philosophie, die Rabhi in dieser Zeit schrittweise entwickelt. Im Wesentlichen geht es ihm darin um Selbstbeschränkung und ein Leben im Einklang mit den Zyklen der Natur. Als „glückliche Genügsamkeit“ bezeichnet Rabhi seine Lebenseinstellung, die über ökologisch korrekten Konsum hinausgeht und auf ein achtsames, ganzheitliches Leben abzielt.

Das Wichtigste ist, dass wir unsere Einstellung ändern

„Selbstbeschränkung hört sich erst einmal freudlos an, klingt nach Verzicht. Aber sie macht auch frei von den Zwängen des Konsums und der unablässigen Produktion. Und diese Freiheit macht glücklich.“ Nicht jeder müsse dabei so rigoros sein wie er in seinen Pionierjahren, sagt Rabhi – auch kleine Schritte in die richtige Richtung seien wertvoll. „Das Wichtigste ist, dass wir unsere innere Einstellung ändern, dass man angesichts von Klimawandel und ökologischer Krise ja sowieso nichts machen kann. Wenn wir uns damit zufriedengeben, wird sich tatsächlich nie etwas ändern. Aber dann haben wir als menschliche Spezies über kurz oder lang ausgedient.“ Was Rabhi vorschwebt, ist nichts weniger als eine „innere Revolution“, die révolution intérieure: „Jeder kann seine Einstellung ändern und ein paar Schritte in Richtung der ‚glücklichen Genügsamkeit‘ gehen“, sagt Rabhi, während er uns auf einem Spaziergang durch seinen Garten begleitet.

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Er selbst achtet sehr darauf, dass sein Leben im Gleichgewicht bleibt. Noch immer bestellt er einen Großteil seines Gartens selbst – die eigenhändige Arbeit mit der Erde ist für ihn ein, wie er betont, lebenswichtiger Ausgleich zu seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten auf Konferenzen und Tagungen. Mehr noch, sie ist die Grundlage für alles, was ihn umtreibt, und hat für ihn, der erst Muslim, dann Katholik war und mittlerweile konfessionslos ist, eine spirituelle Bedeutung. Ohne Kontakt zu „Mutter Erde“ fühlt er sich entwurzelt. Wer ihn einmal auf der Sofakante in einer Fernseh-Talkshow hat sitzen sehen, weiß, wie verloren er in durchtechnisierten Lebenswelten wirken kann. Was hätte er bloß gemacht, wenn ihn die Franzosen tatsächlich zum Präsidenten gewählt hätten, als er 2002 antrat? „Ich hatte ein gutes Programm“, sagt er, „aber ein Leben im Élysée-Palast, das wäre nicht mein Ding gewesen.“

Auch heute hat er schon in den Beeten gearbeitet, am Nachmittag will er das Vorwort zu einem Fotoband eines Freundes schreiben – auch dies per Hand, wie alle seine Texte. „Ich kann dann klarer denken“, sagt er. Und am Abend? Sitzt er da am Lagerfeuer und röstet Kastanien, eine der einfachen Freuden, die er so gerne preist? „Ich glaube, heute sehe ich mir lieber irgendeinen Film auf DVD an – das gehört auch dazu! Ich muss mich ja auch mal zerstreuen!“, sagt er grinsend. Ihm ist bewusst, dass er bei aller Vorbildhaftigkeit kein Leben ohne innere Widersprüche führt. „Ich habe ein Auto, ich nutze Bahn und Flugzeug – ich bewege mich nur allzu oft innerhalb einer Logik, deren Grundlagen ich ablehne.“

Doch die „Colibris-Philosophie“ ist kein geschlossenes Weltbild, sondern eine praktische Philosophie der kleinen Schritte: „Einen Garten anlegen, selbst etwas anbauen, die Erde wiederentdecken. So können, wie hier, überall viele kleine Oasen der Nachhaltigkeit entstehen, selbst in den Städten.“

Ein sozial orientierter Lebensstil

Die Mischung aus Bescheidenheit und Utopie findet in Frankreich großen Anklang: 70.000 Mitglieder zählt die von Pierre Rabhi 2006 ins Leben gerufene Bewegung „Mouvement Colibris“. Sie hat ihren Namen von einer alten indianischen Legende, in der ein winziger Kolibri versucht, einen Waldbrand zu löschen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, aber der Kolibri weigert sich aufzugeben. Und siehe da – auch wenn offen bleibt, ob das Feuer besiegt wird, kleine Dinge kann er doch retten. „Colibri fait sa part“ – „Der Kolibri trägt seinen Teil bei“ ist das Motto der populären Initiative, die von Prominenten wie der Sängerin Zaz und der Filmregisseurin Coline Serreau unterstützt wird. Dabei beschränkt sich die Bewegung nicht auf die Schaffung und Vernetzung ökologischer Oasen, sondern hat einen ganzheitlichen, achtsamen und sozial orientierten Lebensstil zum Ziel. Der von Pierre Rabhi beschworene innere Wandel ist dabei eine zentrale Botschaft.

Nur wenige Kilometer von Pierre Rabhis Haus entfernt ist seit 2008 eine ökologisch-pädagogische Mustersiedlung entstanden, die eine Art Mikrokosmos der „Colibris“-Werte darstellt: Le Hameau des Buis. 20 Haushalte umfasst die Siedlung, die Bewohner kommen aus aller Welt. Sie wohnen in einer Gruppe elegant gestalteter, gut isolierter Holzhäuser, die nach dem Vorbild traditioneller Dörfer der Region angeordnet sind: mit kleinen Plätzen und Gassen, dazu kommen Sonnensegel und Vorgärten, in denen Blumen und Gemüse bunt durcheinanderwachsen. Ein Großteil des täglichen Nahrungsbedarfs wird durch die angeschlossene Farm gedeckt. Die Bewohnerschaft setzt sich aus Familien, Paaren, Singles, aber auch älteren Menschen zusammen. Entsprechend seinen Fähigkeiten übernimmt ein jeder Aufgaben für die Dorfgemeinschaft, und Entscheidungen, die das Zusammenleben betreffen, kommen nicht über Mehrheits-, sondern über Konsensbeschlüsse zustande.

Ins Leben gerufen hat diese Siedlung Pierre Rabhis Tochter Sophie, die uns im Herzstück der „Oase“ empfängt: einer Gruppe großer, kegelförmiger Jurten, in denen die Schule des Dorfs untergebracht ist. Sophie Rabhis sanfte, klare Sprache erinnert sofort an ihren Vater. Von ihm hat sie zweifellos auch die kleine Statur und das dicht gekräuselte schwarze Haar geerbt – und ihr Unbehagen an den Lebensformen der heutigen Zivilisation. „Schon als Kind habe ich mich in der Schule gelangweilt und eingesperrt gefühlt“, erzählt sie. „Ich habe mich immer gefragt, wie ich auf diese Weise etwas über die Welt draußen lernen soll.“ In ihrer Schule hingegen gleichen die Klassenräume offenen Ateliers, in denen rund 50 Schüler nach Montessori-Prinzipien unterrichtet werden.

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Von Frankreich aus in die ganze Welt

Wie weit die Wirkung von Pierre Rabhi über Frankreich hinausgeht, erfahren wir auf unserer nächsten Station, die eigentlich nur ein paar Kilometer entfernt liegt. Das Anwesen „Mas de Beaulieu“ sieht auf den ersten Blick aus wie ein etwas struppiger Bauernhof: ein altes Steinhaus, Treibhäuser, ein paar Gemüsebeete. Tatsächlich ist es der Mittelpunkt einer von Rabhi gegründeten Organisation, die weltweit aktiv ist: „Terre et Humanisme“ unterstützt nachhaltige Projekte gegen Wüstenbildung in Mali, Burkina Faso und Marokko, aber auch ökologische Selbstversorgungsprojekte in Polen und in der Ukraine. In den kleinen, mit Infomaterial vollgestopften Büros im ersten Stock des alten Hauptgebäudes wird die Arbeit der Organisation koordiniert, auf den Beeten und in den Treibhäusern ringsum mit Gemüsen und Getreiden experimentiert.

„Unsere Farm ist eine Art Labor, wir testen Bewässerungs- und Kompostierungsmethoden, Trockentoiletten und Möglichkeiten, wie man auch in trockener, heißer Umgebung die Qualität des Bodens entwickeln kann“, erzählt uns Clément Doche, der die Einsätze von Freiwilligen in den Gärten einteilt. Der Boden in „Mas de Beaulieu“ war für solche Versuche durchaus geeignet: Ausgetrocknet, mit Pestiziden verseucht und hart wie Beton sei er gewesen, als „Terre et Humanisme“ den Hof 1998 übernommen habe. Und wie sieht es heute aus? „Wir werden es gleich erfahren“, grinst Clément und führt uns zu einem mit Stroh abgedeckten Beet, auf dem Salatköpfe und Beikräuter offenbar wild durcheinanderwachsen.

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Mittendrin kniet ein beleibter Mann im Karohemd, mit wallendem grauen Haarkranz und einem gewaltigen Vollbart: der Agronom und Bodenkundler Gérard Hugue. Er hat ein 20 Zentimeter tiefes Loch ausgehoben und hält eine große Scholle der rötlichen Erde in seinen Händen. Schnuppert daran, zerbröselt sie und untersucht das feine Wurzelgeflecht, von dem sie durchzogen ist. Dazu stößt er Laute des Wohlbehagens und Genusses aus, wie man sie eher auf einer Weinprobe vermuten würde: „Wunderbare Erde! Reich, körnig, nahrhaft!“ Seit zehn Jahren begutachtet Hugue die Fortschritte in der Bodenverbesserung bei „Mas de Beaulieu“ – heute ist er das erste Mal richtig zufrieden. „Besser geht’s nicht, ganz großartig für Karotten und Kartoffeln!“, lobt er Clément stellvertretend für die Gartentruppe.

Clément lächelt stolz. Für ihn ist dieses Lob auch eine Auszeichnung seines ganz persönlichen Lebenswegs. Vor zehn Jahren arbeitete der gelernte Labortechniker nämlich noch als Material­tester für die Autoindustrie. „Aber dann wurde ich unzufrieden und machte mich auf die Suche. Ich wollte etwas tun, was meinem Leben mehr Sinn verleiht.“ Statt in einem sterilen Testlabor steht er nun mit schlammigen Hosen und Strohhut vor uns und grinst, zufrieden mit dem Ort, an den ihn seine persönliche révolution intérieure geführt hat.

Pierre Rabhi wäre stolz auf ihn.

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