Werde Magazin-Bleisch

Über Freiheit und Familie

Philosophen unserer Zeit schildern hier ihre Sicht auf das gute Leben. Diesmal erklart Barbara Bleisch, dass die Beziehungen innerhalb der Familie ein großartiges Übungsfeld sind. Für Toleranz, für Reibung, für unsere Konfrontationsfähigkeit.

Frau Bleisch, in unserem Leben haben wir eine Vielzahl unterschiedlichster Beziehungen: zu unseren Partnern, Freunden und Eltern. Worin unterscheiden sich Familienbeziehungen von den anderen?Barbara Bleisch Familienbeziehungen sind tatsächlich anders als alle anderen persönlichen Beziehungen. Das hat zum einen mit deren Unfreiwilligkeit zu tun: Als Kind kann man sich seine Eltern nicht aussuchen, und auch Eltern suchen sich ihre Kinder nicht aus. Man wird ungefragt in eine Familie hineingeboren, und man wird sie auch zeitlebens nicht wieder los. Natürlich kann man den Kontakt abbrechen, aber die eigenen Eltern bleiben die eigenen Eltern. Bei Freundschaften verhält es sich anders. Hier kann man entscheiden, auf wen man sich in welchem Maße einlassen möchte. Der zweite wichtige Punkt ist die Exklusivität: Niemand anderes kann in die Rolle des Vaters oder der Mutter schlüpfen. Eine Ex-Mutter oder einen Ex- Vater gibt es nicht. Einen neuen Partner oder neue Freunde zu finden ist aber durchaus möglich.

Wo also Unfreiheit sonst eher als negativ wahrgenommen wird, ist sie im Rahmen familiärer Beziehungen ein positiver Wert?
Barbara Bleisch Das kommt darauf an, wie gut die Beziehung ist. Wer von seiner Familie gequält wird, wird erst recht darunter leiden, dass man den Familienbanden nicht entfliehen kann. Aber richtig ist, dass Freiheit heute oft ausschließlich positiv gesehen wird. Dabei kann die andauernd geforderte Wahl auch eine Bürde sein. Diese Ambivalenz der Freiheit führt der dänische Philosoph Søren Kierkegaard aus, wenn er die Freiheit als einen Abgrund beschreibt, in den wir blicken und in den wir andauernd zu stürzen drohen, sofern wir nicht zugleich gehalten werden. Familie kann genau diesen Halt bieten. Unsere Verwandten sind uns einfach gegeben. Irgendwo bedingungslos dazuzugehören kann eine Quelle großer Sicherheit sein.

In Ihrem aktuellen Buch „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ nennen Sie noch eine andere wichtige Aufgabe der Familie.
Barbara Bleisch Wenn man unter Familie auch die weitere Verwandtschaft und nicht nur das Eltern-Kind-Verhältnis versteht, ist Familie heute besonders eines: ein Trainingslabor für geistige Offenheit. Damit meine ich, dass wir in der Familie oft auf Menschen treffen, die wir sonst nie im Leben angetroffen hätten, weil wir uns meist mit Leuten umgeben, die unsere Interessen und Ansichten teilen. Zur Verwandtschaft gehören aber meist ein Cousin, der politisch ganz anders denkt, eine Tante mit einem ganz fürchterlichen Geschmack, ein Onkel, der stockkonservativ ist. Gerade diese Unterschiedlichkeit schult unsere Konfrontationsfähigkeit und erzeugt Reibung, die manchmal sehr produktiv sein kann.

Die Familie bietet also eine Möglichkeit, der eigenen Filterblase zu entkommen?
Barbara Bleisch Wenn wir uns auf die Familie einlassen, ja. Zum anderen kommen wir in der Familie auch zum ersten Mal mit moralischen Vorstellungen wie Respekt, Anerkennung und Empathie in Kontakt. In der Familie lässt sich wunderbar lernen, andere Meinungen zu ertragen und diesen mit Respekt zu begegnen. Deshalb sollten wir auch keinen vorzeitigen Abgesang auf die Familie anstimmen.

Und dennoch ist mit der Gründung einer Familie auch ein großes Wagnis verbunden.
Barbara Bleisch Der Philosoph Dieter Thomä hat einmal gesagt, dass Eltern eigentlich „verkappte Extremisten“ sind, weil sie sich auf etwas einlassen, von dem sie weder wissen, ob ihnen diese Tätigkeit liegt, noch ob sie ihre Kinder überhaupt mögen werden. Und trotzdem sollen sie verlässlich und langfristig für sie da sein. Man kann es tatsächlich nicht genug betonen, dass Elternschaft eine extrem anspruchsvolle Aufgabe ist. Um nochmals auf Kierkegaard zurückzukommen: Eltern werden ist der existenzielle Sprung par excellence. Man weiß nicht, ob man da wieder heil herauskommt. Und dennoch springt man und hofft aufs große Glück. Bei vielen Menschen rufen Gedanken an die Familie unweigerlich Schuldgefühle hervor. Man meldet sich zu selten, hat zu wenig Zeit, kümmert sich nicht genug.

Warum ist Schuld in der familiären Sphäre so präsent?
Barbara Bleisch Dass erwachsene Kinder in der Schuld ihrer Eltern stehen, ist ein Gedanke, der in der Philosophiegeschichte immer wieder auftauchte. Aristoteles und Thomas von Aquin argumentierten beispielsweise, dass Eltern ihren Kindern immerhin das Leben geschenkt haben und danach Fürsorge und Erziehung. Ich meine jedoch, dass weder der Verweis auf das Lebensgeschenk noch auf die elterliche Fürsorge den Kindern moralische Verpflichtungen aufbürden. Kinder haben um ihre Existenz nie gebeten, und die Kinder aufzuziehen war die Pflicht der Eltern.

Im Gegenteil könnte man sogar sagen, dass Eltern ihren Kindern etwas schulden, weil diese sehr viel Freude ins Leben bringen und im besten Fall Sinn stiften.
Barbara Bleisch So argumentiert auch die Reformpädagogin Maria Montessori. Allerdings würde ich selbst nicht so weit gehen. Ich würde eher sagen: Schuldgefühle sollten in der Familie einfach keine Rolle spielen. Denn diese mögen uns zwar aneinander binden, jedoch auf negative Weise.

Was sollten wir an die Stelle von Schuldgefühlen setzen?
Barbara Bleisch Die normative Kraft, die uns verpflichtet, sollte das lebendige Interesse aneinander oder, im besten Fall, die wechselseitige Liebe sein. Ich plädiere dafür, nicht von der Schuld, sondern von der Gabe her auf die Familie zu blicken. Wir sollten uns nicht fragen, was wir einander schuldig sind, sondern welche Gründe wir haben, uns umeinander zu sorgen. Zwischenmenschliche Beziehungen sind ja mit das Wichtigste, was wir in unserem Leben haben, weil wir eben gerade keine „solitären Pilze“ sind, wie der Philosoph Thomas Hobbes geschrieben hat. Mir geht es darum, zu zeigen, dass die Antwort auf die Frage, was Kinder für ihre Eltern tun sollten, von ihrer Beziehung zu ihren Eltern abhängt und nicht allein am Verwandtschaftsverhältnis liegt.