Magdalena_Schaffrin

„Wir müssen Kräfte und Kompetenzen bündeln“

Im Gespräch mit Magdalena Schaffrin, der engagierten Fair-Fashion-Pionierin und dreifachen Mutter, über die wachsende Bedeutung von Zusammenarbeit, Kreislaufwirtschaft und das Potenzial nachhaltiger Mode.

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Wofür nimmst du dir Zeit? Wie schaffst du dir kreative Freiräume?
Magdalena Schaffrin Ich nehme mir Zeit für die Konzeption von Projekten und für Gespräche, um neue Ideen entwickeln zu können. Die Wochenenden sind reserviert für meine Familie, und werden oft ohne Handyempfang auf unserer Datsche verbracht. Da im Alltag wenig Zeit für mich bleibt, laufe ich zu Fuß zu Terminen und genieße es, dass ich meinen Gedanken nachhängen und in Ruhe über Themen nachdenken kann. Ansonsten bade ich ab und zu gerne. Die Badewanne ist sozusagen meine persönliche Zeitkapsel.

Was antwortest du, wenn du gefragt wirst, was du beruflich machst?
Magdalena Schaffrin Ich weiß ehrlich gesagt nicht immer sofort, was ich darauf antworten soll. Wer oder was bin ich eigentlich? Oft fange ich an zu erzählen, dass ich studierte Modedesignerin bin. Als erste Definition, auch wenn ich schon lange nicht mehr als Modedesignerin tätig bin. Dann leite ich meistens gleich über zu dem Titel, den ich für die Neonyt habe, also Creative Director und erkläre, dass ich gemeinsam mit Max Gilgenmann die Agentur Kaleidoscope führe, mit der wir Unternehmen strategisch beraten und im politischen Kontext arbeiten. Unser Fokus liegt auf Mode, textilen Lieferketten und Nachhaltigkeit. Wir verstehen uns als Übersetzer komplexer Inhalte aus dem Nachhaltigkeitsbereich in eine emotionale, modische Sprache.

Was denkst du, ist dein größtes Talent?
Magdalena Schaffrin Eindeutig mein Optimismus: Grundsätzlich gut gelaunt zu sein und auch in Stresssituationen die Ruhe zu bewahren, ganz gleich, wie viel ich um die Ohren habe.

Aus dem Greenshowroom, den du mit Jana Keller ins Leben gerufen hast, wurde inzwischen die international bekannte Fair Fashion Messe Neonyt. Pro Saison kommen mittlerweile über 170 Aussteller. Hast du diese Entwicklung damals kommen sehen?
Magdalena Schaffrin Nicht bei der Gründung. Als wir 2011 die Veranstaltung bei der Messe Frankfurt vorbereitet haben, stand diese Anzahl an Labels bereits in unserem Businessplan, aber wir sind damals von einem kürzeren Zeitraum ausgegangen. Wir haben unsere Veranstaltung im Zuge des Relaunches und der Neukonzeptionierung bewusst organisiert, um eine höhere Qualität zu erreichen. Qualität statt Quantität sind mir grundsätzlich wichtig. Bei Neonyt geht es nicht darum, die größte Veranstaltung zu sein und in klassischen Superlativen zu denken, sondern mit Qualität und Inhalten zu überzeugen.

Das scheint euch gut gelungen zu sein – nachhaltige Mode hat auf der Berlin Fashion Week inzwischen einen viel höheren Stellenwert, als noch vor wenigen Jahren…
Magdalena Schaffrin Das stimmt! Es ist sehr schön, in Meetings zu gehen und sich mit Unternehmen, die im Juli auf der Messe waren, über weitere Kooperationen und Partnerschaften zu unterhalten. Wir bekommen unglaublich viel positive Resonanz. Auch international.

Was waren und sind die größten Herausforderungen?
Magdalena Schaffrin Obwohl der Mode-Einzelhandel ziemlich unter Druck steht, haben noch nicht alle Einzelhändler gesehen, dass in der nachhaltigen Mode enormes Potenzial steckt. Zum einen, weil sie inzwischen die modischen sowie die qualitativen Ansprüche bedienen kann. Zum anderen, weil hinter den Kollektionen echte Geschichten, interessante Projekte oder innovative Materialien stehen. Wir möchten den konventionellen Einzelhandel besser ansprechen und nachhaltigen Marken mehr Sichtbarkeit verschaffen. Dafür richten wir unser Rahmenprogramm verstärkt auf die Bedürfnisse der Einkäufer aus und bemühen uns darüber hinaus, mehr internationale Gäste nach Berlin und zu uns zu bringen.

Aber ihr seid doch bereits international ziemlich gut aufgestellt?
Magdalena Schaffrin Ja, über die Hälfte unserer Aussteller und Besucher kommt aus dem Ausland und wir haben eine Kooperation mit den Vereinten Nationen. Wir sind sehr hochkarätig vernetzt. Dennoch begegnen uns auf unseren Reisen immer wieder Menschen, die noch nie von der Neonyt gehört haben und gar nicht glauben können, dass wir das bereits seit zehn Jahren machen. Es gibt also noch eine Menge zu tun, um in der Kommunikation stärker zu werden.

2016 ist dein Buch „Fashion Made Fair“ erschienen, das du gemeinsam mit Ellen Köhrer verfasst hast. Für wen ist das Buch gedacht?
Magdalena Schaffrin Das Buch ist ganz bewusst als ein Coffee Table Book konzipiert und für Menschen gedacht, die sich von der Mode inspirieren lassen möchten. Für die, die tiefer in die Materie einsteigen möchten, gibt es jede Menge fachliche Informationen zu den Designern und in den Experten-Interviews. Es ist also zugleich ein Fach- und Endkonsumentenbuch.

Was motiviert dich zu solchen Projekten?
Magdalena Schaffrin Meine Motivation bestand schon immer darin, nachhaltige Mode stärker in den Vordergrund zu rücken. Deshalb haben wir damals auch den Greenshowroom gegründet – um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es jede Menge tolle, nachhaltige Labels gibt. Und genau die möchte ich unterstützen, ihnen eine bessere Sichtbarkeit und Wahrnehmung verschaffen.

An welchen weiteren Projekten arbeitest du derzeit?
Magdalena Schaffrin Mit Neonyt haben wir natürlich etwas Großartiges geschaffen. Aber Max und ich möchten gerne noch größere Dinge bewegen. Mit Kaleidoscope befinden wir uns derzeit mitten im Strategiefindungsprozess. Um den Wandel der Modebranche voranzutreiben, möchten wir uns sowohl mehr in Richtung Politik bewegen und mit den politischen Verantwortlichen zusammenzuarbeiten, als auch mit Wirtschaftsunternehmen kooperieren.

An welche Unternehmen denkt ihr?
Magdalena Schaffrin Die großen Treiber in der Mode, aber auch deutsche Mittelständler sowie Unternehmen, die schon begonnen haben, nachhaltiger zu arbeiten. Mit unserer Fachexpertise und Marktkenntnis können wir auch in die Strategieberatung gehen. Ein Format ist zum Beispiel der Thinkathon, welchen wir zusammen mit der befreundeten Agentur Sourcebook entwickelt haben.

Um was für ein Format handelt es sich dabei?
Magdalena Schaffrin Thinkathon ist ein Thinktank-Format, das insgesamt 1,5 bis 2 Tage dauert und die Möglichkeit bietet, intensiv mit hochkarätigen Leuten zusammen zu arbeiten und sich zu vernetzen. Firmen können sich im Vorfeld mit einer ganz konkreten Fragestellung an uns wenden. Daraufhin stellen wir interdisziplinäre und interkulturelle Teams zusammen, die mit einem systemischen Blick an der jeweiligen Fragestellung arbeiten, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Wir haben den Thinkathon im Rahmen der Neonyt zum dritten Mal während der Berlin Fashion Week organisiert und erhalten inzwischen mehrere hundert internationale Bewerbungen. Auch als firmeninternes Tool für Strategieprozesse ist der Thinkathon geeignet.

Hast du internationale Vorbilder, die nachhaltige Mode voranbringen?
Magdalena Schaffrin Vor allem Denkschulen wie Cradle-to-Cradle haben mich stark inspiriert. Außerdem das Buch ‚Anti-Fragilität’ von Nassim Nicholas Taleb. Nach der Finanzkrise haben plötzlich alle davon gesprochen, dass wir eine resiliente Gesellschaft brauchen.

Aber Resilienz ist nicht die alleinige Antwort auf die Unruhen und Veränderungen, vor denen wir derzeit stehen. Wir brauchen das Gegenteil von fragilen, anfälligen Systemen. Große Strukturen wie Firmen, Regierungen oder andere Organisationen sind meist starre Systeme und können daher mit Erschütterungen schlecht umgehen. Das macht sie fragil. Das Gegenteil ist Anti-Fragilität, die sich in dynamischen Systemen zeigt, die flexibel agieren und sich anpassen können. Kleinere Einheiten sind daher weniger angreifbar, sie können flexibler agieren und sind so besser für die Zukunft gerüstet.
Das Buch von Factfulness von Hans Rosling hat mich beeindruckt. Ich habe viel über meinen Blick auf die Welt gelernt und finde den Ansatz so hilfreich, Fakten-basiert auf die Welt zu schauen. Denn gerade in unserer Branche werden viele Wahrheiten kommuniziert.

Welche spannenden Entwicklungen und Tendenzen beobachtest du derzeit auf dem Modemarkt?
Magdalena Schaffrin Die Vereinten Nationen haben das Thema ‚Nachhaltige Mode’ für 2019 auf ihre Agenda gesetzt und schaffen so einen internationalen Rahmen dafür, was enormen Einfluss hat – vor allem für größere Firmen, die sich inzwischen verstärkt mit Nachhaltigkeit beschäftigen und die ihre Strategien auf die von den Vereinten Nationen festgelegten Ziele ausrichten. Auch am Thema Circularity wird derzeit viel geforscht; eine sinnvolle Kreislaufwirtschaft für Wertstoffe würde eine Menge Probleme lösen. Interessant ist, dass die Cradle-to-Cradle-Idee ja bereits in den Neunzigern von Professor Dr. Michael Braungart und William McDonough ins Leben gerufen wurde und 20 Jahre gebraucht hat, bis sie in der Textilindustrie angekommen ist. Es gibt derzeit leider noch sehr wenige Produkte, die den Kriterien entsprechen. Aber hinter den Kulissen geschieht in diesem Bereich sehr viel.

Auch die Themen Co2 Immission sowie Plastik und die daraus resultierende Verschmutzung der Weltmeere sind nach wie vor riesige Themen in der Textilindustrie. Sie steht immerhin auf Platz fünf, wenn es um die Verursacher geht und stößt mehr Co2 aus als die Flugindustrie. In Deutschland passieren spannende Sachen, wie etwa die Einführung des Grünen Knopfes, ein staatliches Metasiegel, das ökofaire Kleidung kennzeichnet. In Frankreich hat Präsident Macron die Modeindustrie aufgefordert den Fashion Pact zu gründen, um für mehr Verantwortung in der Branche zu sorgen. Natürlich bleibt das Thema Soziale Kriterien weiterhin aktuell. Auf diesem Gebiet haben wir lange noch nicht den Status erreicht, den wir uns wünschen.

Aber du bleibst weiterhin optimistisch?
Magdalena Schaffrin Ja, auf jeden Fall! Aber ich habe in den vergangenen 15 Jahren gelernt, dass die Entwicklungen wesentlich langsamer voranschreiten, als ich es mir wünschen würde. Ich sehe jedoch eine deutliche Entwicklung. Wenn ich auf die letzten zehn Jahre zurückblicke, hat Greenpeace mit seiner Detox-Kampagne dazu beigetragen, dass es im Outdoorbereich PFC-freie Ausrüstungen zu kaufen gibt. Auch die Fashion Revolution-Initiative hat einen großen Einfluss auf unser (Konsum-)Verhalten ausgeübt. Und Organisationen, die im Rahmen der UN agieren, wie beispielsweise die World Fair Trade Organisation, die Conscious Fashion Campaign und die Ethical Trade Initiative tragen wesentlich zu einem positiven Wandel in der Modebranche bei.

Wie wichtig ist das Thema Networking in der Fair-Fashion-Branche?
Magdalena Schaffrin Inzwischen verbreitet sich das Verständnis, dass die Probleme so groß und komplex sind, dass sie nur in Zusammenarbeit gelöst werden können. Es ist essentiell, diese Herausforderungen nicht als Konkurrenten anzugehen, sondern Kompetenzen und Kräfte zu bündeln.

Was muss sich in Zukunft dringend ändern?
Magdalena Schaffrin Es ist ganz offensichtlich, dass sich in erster Linie unser Konsumverhalten verändern muss. Der Preis ist eine starke Stellschraube. Nicht nur die Qualität leidet: Es gibt immer jemanden in der Wertschöpfungskette, der den Preis bezahlt.

Wie wird es in den Fußgängerzonen und Onlineshops in Zukunft aussehen?
Magdalena Schaffrin Es wird weiterhin Fast Fashion und eine wachsende Zielgruppe geben, die dort einkauft. Gleichzeitig wird es Veränderungen im Markt geben, weil die Nachfrage nach ökofairer Mode wächst. Das Fast-Fashion-Geschäftsmodell wird nicht so schnell zusammenstürzen, es sei denn, es gäbe völlig neue Regelungen, die von der Politik auferlegt und dazu führen würden, dass Mode wieder teurer wird. Und dass bestimmte Kriterien in der Lieferkette eingehalten, angemessene Löhne gezahlt und bestimmte Giftstoffe nicht mehr eingesetzt werden dürften. In dieser Hinsicht bin ich jedoch leider nicht so optimistisch…

Welches Label hat dich zuletzt überrascht?
Magdalena Schaffrin Die niederländische Marke G-Star. Bis vor kurzem habe ich nicht gewusst, wie intensiv deren Nachhaltigkeitsengagement tatsächlich ist. Außerdem bin ich von der Entwicklung des Labels Rhumaa begeistert, das übrigens auch aus den Niederlanden stammt, und natürlich Ecoalf, die wirklich einen tollen Erfolg haben.

Was lernst du gerade?
Magdalena Schaffrin Eine andere, breitere Perspektive auf die Branche einzunehmen und die Wertschöpfungsketten besser kennen zu lernen. Das finde ich extrem spannend, da ich vorher quasi immer auf der anderen Seite stand, nämlich bei den fertigen Produkten und in der Kommunikation.

Welche Bücher, Filme, Podcasts und Co kannst du denjenigen empfehlen, die gerne mehr über nachhaltige Mode erfahren möchten?
Magdalena Schaffrin Neben unserem Buch Fashion Made Fair kann ich einschlägige Blogs und Online Magazine wie Peppermynta oder Lessafair´empfehlen. Die Ecotextile News ist das Fachmedium für nachhaltige Textilien. Ich lese auch Business of Fashion, hier erfährt man immer öfter über Nachhaltigkeit in der Mode. Außerdem kann ich die App Good on you empfehlen, sie listet  nachhaltige Modelabels auf und bewertet diese. Und die Plattform Get changed ist hilfreich für alle, die nach ökofairen Shops und Brands suchen.

 

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Zur Person
Magdalena Schaffrin ist Designerin, Beraterin, Kreativdirektorin, Autorin sowie Co-Gründerin und Creative Director der nachhaltigen Berliner Modemesse Neonyt (ehemals Greenshowroom). Mit Max Gilgenmann gründete sie die Agentur Kaleidoscope, die Unternehmen in Fragen nachhaltiger Ausrichtung berät.

2009 wurde Magdalena Schaffrin mit dem Berliner Umweltpreis in der Kategorie Wirtschaft und Innovation ausgezeichnet, 2011 von der Standortinitiative „Deutschland – Land der Ideen“ zu einer der „100 Frauen von morgen“ gewählt.