Jasminblüten: Ein Geschenk der Götter

In Indien wird duftender Jasmin biologisch angebaut und von den Menschen zutiefst für seine spirituelle Bedeutung verehrt

Text: Astrid Joosten Foto: Bernd Jonkmanns

Jasmin in Indien

Das Morgenlicht liegt wie ein weicher Schleier über der Jasminfarm in Tamil Nadu, einem Naturparadies im Süden Indiens. Sonnenflecken tanzen über die Blätter der Büsche und Bäume, als Vaivapuri mit einem alten Moped über einen Lehmweg brummt. In einem schattigen Hain aus Mangobäumen hält er an, schnallt eine Waage vom Gepäckträger und befestigt sie mit einem Seil an einem Ast. Auf sein Hupen hin kommen aus den nahe liegenden Feldern Jasminpflückerinnen herbei und hängen ihre gefüllten Stofftaschen an Vaivapuris Waage. Wie jeden Tag zur Erntezeit.

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Duft der Nacht

Vaivapuris Arbeitsplatz inmitten von Kokospalmen und üppigem Grün ist eine Augenweide. Nur wenige Kilometer von der Kleinstadt Periyanaickan Palayam entfernt liegt die Farm am Fuß der Western Ghats, einer Gebirgskette im Südwesten des Subkontinents. Alles duftet ganz wunderbar, denn in Vaivapuris Kosmos gedeiht Jasminum grandiflorum, dessen Essenz in der Kosmetik für Pflegeprodukte und Parfüms genutzt wird. Der Leiter der Farm ist Selventhiran, genannt Selva, ein Agrar­ingenieur, der jetzt alle Hände voll zu tun hat. Der freundliche, kleine Mann weist bis zu 50 Frauen und ein paar Männer mit einem wohltönenden Singsang und knappen Armbewegungen an. Hier, neben einer Allee aus Palmen, die den Weg zur Farm einrahmt, blüht es. Und dort, wo ein Frangipanibaum seinen Schirm ausbreitet. Mit fliegenden Händen und doch sanften Bewegungen arbeitet sich Selvas Schar durch die Felder. Von Juni bis Dezember erntet sie zarte, weiße Jasminblüten. Die Pflanzen öffnen ihre schmalen Knospen, wenn die Temperatur bei etwa 20 Grad liegt. Im tropischen Süden also zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens.

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Dreimal täglich bringt Vaivapuri die Ernte mit dem Traktor direkt zur 14 Kilometer entfernten Destille. Alles soll ganz frisch sein, nichts vom kostbaren natürlichen Parfüm des Jasmins verloren gehen. Das ätherische Öl wird mit Wasserdampf aus den Blüten gewonnen und in Form einer Paste, Concrète, oder als Flüssigkeit, Absolue, von der Kosmetik- und Parfümbranche weiterverarbeitet. „Jasmin ist eine der wichtigsten Blumenduftnoten“, erklärt der Agraringenieur. Das Aroma ist süß und fast ein bisschen berauschend. Jasmin gilt als einer der teuersten Duftstoffe auf der Welt. Kein Wunder, für 125 Gramm Absolue braucht man 100 Kilogramm Blüten.

Gemeinsam mit der Natur

Hinter Mangobäumen muht leise eine Kuh. In einem halb offenen Stall stehen und liegen 15 Rinder mit braunem Fell. „Sie sorgen für unseren Naturdünger“, lächelt der Agraringenieur. Die Tiere werden auf der Farm gehalten, um den Boden auf schonende Weise anzureichern. Denn in Selvas Reich hat alles Bioqualität, es ist die einzige Farm in Indien, die Jasmin ökologisch anbaut. Bis vor einem Jahr hat der 43-Jährige noch in den kühlen Lagen der Western Ghats eine Farm geleitet, die Grünkohl, Eisbergsalat und Rotkohl konventionell anbaut. Jetzt ist er stolz darauf, alles anders zu machen. „Es gibt mir das Gefühl, mit der Natur und nicht gegen sie zu arbeiten.“ Die Farm gehört einer indischen Firma, spezialisiert auf die Herstellung von Duftessenzen für die Parfüm- und Kosmetikbranche. Dieses 36 Hektar große Farmland hat Modellcharakter. „Wir werden Führungen anbieten und hoffen, dass sich mehr Bauern dem ökologischen Jasminanbau anschließen“, sagt Selva. Neben Jasmin wachsen hier auch Vetiver, ein Süßgras und als Viehfutter genutzt, sowie felderweise Kurkuma.

Es gibt mir das Gefühl, mit der Natur und nicht gegen sie zu arbeiten

Der Jasmin braucht diese rotbraune, fruchtbare, mit etwas Sand durchsetzte Erde. Und den Regen. Am Horizont hängen graue Wolken, neblige Fetzen hüllen die Berggipfel der Western Ghats ein. Selva schaut zum Himmel, dann auf sein Handy nach dem Wetterbericht. Heute wird es nicht mehr regnen, obwohl die Jasminsträucher eine Dusche gebrauchen könnten. Neun Monate im Jahr regnet es mit großer Regelmäßigkeit, denn die bis zu 2700 Meter hohen Berge stauen die Westwinde so auf, dass hier gleich zweimal im Jahr der Monsun zieht und für frische Jasmintriebe sorgt. So können jedes Jahr 12.000 bis 16.000 Kilo Blüten geerntet werden.

Jasminblüten

Jasminblüten, ein Symbol für Reinheit und Frieden

In der Pause bringt die Teefrau Shanti aus dem Verwalterhaus zwei silberne Kessel für die Pflückerinnen und Pflücker. Sie sitzen auf dem grasbewachsenen Pfad zwischen den Büschen, ihre Becher in den Händen. Als die Sonne hoch am Himmel steht, erscheint eine schmale Frau in einem rot-grünen Sari. Es ist Varadhamani, die heute schon mit ihrem Mann in einem berühmten Tempel im über 200 Kilometer entfernten Tiruchirappalli war. Die Götter zu ehren ist Pflicht im tiefreligiösen Tamil Nadu. Die 24-Jährige hat ihnen mit Jasminblüten ihre Verehrung gezeigt.

Die zarten, weißen Blüten verkörpern Reinheit und Frieden. In Indien sind sie die wichtigsten Blumen in den Tempeln der Hindus. Auf Märkten, an kleinen Ständen an den Straßen, überall verkaufen Blumenhändler Jasmin, oft zu Girlanden geflochten, die man den Göttern um den Hals hängen kann. Oder als lose Blüten in einem Bananenblatt, das die Tempelbesucher Ganesh, Vishnu und Shiva zu Füßen legen. Frauen stecken sich kurze Jasminketten als Schmuck ins Haar. Über Jahrhunderte galten Blüten an Körper und Kopf als natürliches Parfüm.

Varadhamani legt die gepflückten Blüten in ein Tuch, das sie um ihren Sari geschlungen hat, während sie sich mit den anderen Helfern zwischen den Jasminbüschen bewegt. Selva läuft und dirigiert. Vaivapuri fährt mit seinem Traktor an den Feldern vorbei zum Mangohain. Bald wird wieder die Hupe seines Mopeds ertönen.

Blumenmarkt

Blumenmarkt und Bergtempel

Auf dem Blumenmarkt der Großstadt Coimbatore strömt das Leben durch die Rangai Gowder Street. Unter den vielen Bambuspfählen und Wellblechen ist es laut, und die Menschen schieben sich durch schmale Gänge. Händler preisen ihre Waren an, Träger schleppen auf ihren Schultern Jutesäcke durch die Menschenmenge. Über allem liegt eine Wolke aus Blütendüften, denn auf den Tischen der Händler türmen sich Berge von Jasmin und Tuberosen, Frangipani, Magnolien und Mimosen. Ein graubärtiger Mann gräbt die Hände in seine Blüten und wirbelt sie durch die Luft. Der Blumenmarkt ist einer der bekanntesten im Süden Indiens, vor allem für Jasmin. Über 20 Sorten gedeihen im Land, und für die Einheimischen scheint er sogar mit Magie verbunden. Wer sich auf seine Spuren begibt, entdeckt eine von alten Traditionen geprägte Gegend mit großartigen Landschaften.

Die Gebirgskette der Western Ghats zieht sich durch Tamil Nadu. Um zum Bergtempel Marudhamalai auf einer der Felskuppen zu gelangen, windet sich die Straße kurvenreich bergauf. Der reich verzierte, turmhohe Tempel ist Muruga, einer der wichtigsten Gottheiten der gläubigen Tamilen, gewidmet. Auch hier spielt Jasmin eine wichtige Rolle, und überall verkaufen Händler prächtige Blütengirlanden. Nur die geschlossenen Jasminblüten sind fest genug, um sie zu Girlanden zu binden. Nicht nur im Tempel, auch bei der Geburt eines Kindes, auf Hochzeiten und Beerdigungen sorgen Jasminketten für die Verbindung zur spirituellen Welt. Und sie erweisen den Gästen der Zeremonien und Feiern Ehrfurcht und Respekt.

Jasmin ist eine spirituelle Pflanze und die wichtigste Blume im Tempel

„Jasmin hat viele Kräfte“, erklärt der Hindu-Priester Muralidharan unter einem Banyanbaum.  Schon in den Vedas, den ältesten hinduistischen Schriften der Tamilen, erzählt der Priester, wurde der Jasmin erwähnt. Das strahlende Weiß der Blüten verkörpert Reinheit und Frieden, der blumige und süße Duft soll die Gottheiten umschmeicheln und erfreuen. „Blumengaben sind bei uns der reinste Weg, unsere Verehrung für die Götter zu zeigen.“ Die Gläubigen laufen von einer Gottheit zur anderen und beten mit aneinandergelegten Handflächen, während hinduistische Mantras aus Lautsprechern die weitläufige Tempelanlage beschallen. Priester stehen an Steinbecken und sprengen geweihtes Wasser auf die Menschen. Frauen in Saris hängen kleine Holzbettchen an Bäume, um dem Kindersegen nachzuhelfen. In einer Ecke füttern Männer Kühe mit Grasbüscheln, damit die Götter gütig gestimmt sind.

 

Eine Wunderwelt für Tiere und Pflanzen

In den Nilgiri Mountains, einer Bergkette der Western Ghats, leben große Elefantenherden. Mit etwa 10.000 Dickhäutern gibt es in den Nationalparks Mudumali und Mukurthi die größte zusammenhängende Elefantenpopulation der Welt. Nur in der Trockenzeit, wenn Nahrung knapp ist, kommen die mächtigen Tiere aus den Schutzgebieten in die Ebene, um sich mit Futter zu versorgen. Dafür wandern sie manchmal einige Hundert Kilometer. In der Regenzeit bleiben sie in ihren angestammten Revieren. Saleem kennt sie gut, seit über 20 Jahren besucht er die Elefanten, um sie Naturliebhabern im Mudumali-Park zu zeigen. Klein gewachsene Bäume und Dornenbüsche ziehen sich über die rotbraune Erde. „150 Kilo an Blättern, Rinden und Gräsern benötigt ein Elefant, um satt zu werden“, flüstert Saleem. Die grauen, mächtigen Leiber schubsen sich gegenseitig, um an die leckersten Teile zu kommen. Wenn die Leitkuh trompetet, setzt sich die Herde in Bewegung, und es geht weiter zum nächsten Futterplatz.Elefant

Zu den weltweit beeindruckendsten Beispielen für Biodiversität zählen die Nilgiri Mountains mit ihrer Wunderwelt für Tiere und Pflanzen. Hier gedeihen 3300 Pflanzenarten, davon 132 endemisch, und Unmengen an Vögeln und Schmetterlingen bevölkern die Landschaft. Viele verschiedene Ökosysteme ziehen sich über die unterschiedlich hohen Berge: immergrüne, dichte Regenwälder, savannen­artige Ebenen, Grasland. Genährt vom Regen, der je nach Lage wie eine regelmäßige Dusche auf das Land fällt, erklärt Saleem.

Indien

Gutes Wetter

Zuerst ist es nur ein leises Klopfen auf dem Autodach, dann hört es sich an wie ein Trommeln, und schließlich prasselt der Regen, als würde die Welt untergehen. Der Himmel grollt, die Vögel flüchten in die Bäume, Sturzbäche fließen über die staubige Erde. „Gutes Wetter sagen wir dazu in Indien“, lacht Saleem. Gut für die Natur, gut für die Menschen. Der Regen mildert die Hitze ab und wässert die Felder. Wenn die Zeit der Schauer beginnt, besuchen viele Gläubige für ein Dankesgebet den Tempel.

„Die Natur ist ein wichtiger Teil unserer Religion“, hatte Hindu-Priester Muralidharan gesagt, „denn ohne sie können wir nicht leben.“ Jedes Element, egal ob Tier oder Baum, Fluss oder Stein, hat im Hinduismus eine Seele. Manche Bäume sind sogar heilig, wie der Niem-Baum mit seiner hochgewachsenen Krone. Morgens stehen in den Straßen Coimbatores betende Gläubige davor. Auch Banyan-Bäume, Tamarinden und Flammenbäume mit feurig-roten Blüten säumen die Boulevards der 1,3-Millionen-Metropole. Am Abend jedoch scheint das Dämmerlicht die Hektik der Stadt zu verschlucken. Über den Parks der Stadt kreisen Schwarzmilane auf der Suche nach Mäusen. In manchen Straßen glimmen Räucherstäbchen, dort, wo Götter ihre heilige Kraft verströmen. Gerade hängt eine Gläubige eine frische Blüten­girlande um den Hals eines Ganesha. Es duftet nach süßem Jasmin.