Werde Magazin Jessica Lee

In Kontakt sein mit dem, was uns umgibt

Die Umwelthistorikerin und Autorin Jessica J. Lee durchschwimmt zu jeder Jahreszeit die Berliner Seen und macht sich Gedanken zu unserer Verbindung mit der Natur.

Jessicca J. Lees Debütroman Mein  Jahr im Wasser (Original: Turning) erzählt von ihren Erfahrungen mit der Berliner Seenlandschaft und gleichzeitig von Begegnungen mit sich selbst. Ein Jahr lang ist Jessica geschwommen, jede Woche in einem anderen See.

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Mit dem Wechsel der Jahreszeiten verwandeln sich die Gewässer: kaltes und warmes Wasser zirkulieren, Laubschichten bilden sich am Grund, Eis bedeckt die Seen und bricht wieder auf. Während all dem passiert auch etwas in ihr selbst, die ihre Schwimm-Mission ursprünglich angetreten war, um der Isolation ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu entkommen.

In ein Gewässer einzutauchen ist für Jessica zu einer Art „geografischen Kennenlernübung”  geworden, aber auch zu einem Moment des Innehaltens, in dem sie ganz bei sich ist. Möglicherweise liegt zwischen beidem gar kein großer Unterschied: „Jedes Mal, wenn ich in kaltem Wasser  schwimme, fühle ich, wie sich die Luft in meiner Lunge ausbreitet – es ist, als sei ich wirklich genau dort, wo ich gerade bin”, erzählt Jessica. „Und nach dem Schwimmen setzt eine unglaubliche Klarheit ein. Sie ist durchdringend, und alles ist plötzlich scharfgestellt.” Wenn Jessica darüber spricht, warum sie mit dem Schwimmen angefangen hat, beschreibt sie eine Sehnsucht nach Sinn und Verbundenheit, wie sie viele Menschen heute empfinden.

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Denn Jessica kam nicht als „Wasserratte“ auf die Welt. „Ich war kein Kind, das gerne draußen war”, scherzt sie im Rückblick auf ihre Kindheit in Kanada, einem an Seen reichen Land. Tatsächlich hatte sie Angst vor Gewässern und diese Furcht verging nicht von allein. Aus heutiger Sicht erklärt sich Jessica ihre spät gewonnene Liebe zum Wasser mit ihremStudium der Umweltgeschichte. Später, in London widmete sie sich dem Fach „Environmental Aesthetics”. Und las zum ersten Mal etwas von Arnold Berleant: „Kennst du dieses Gefühl, wenn du etwas liest und dir klar wird: Das wird meinen Kurs ändern?.” Bei den Recherchen für ihre Dissertation besuchte sie die Schwimmteiche im Londoner Hampstead Heath Park. Am Frauenbadeteich traf sie auf eine Schwimmerin, die ihr sagte: „Ich liebe diesen Ort – hier gibt es keine Männer, Babies,Hunde oder Handys.” Jessica war infiziert.

Als sie schließlich nach Berlin zog, war ihr völlig klar, dass sie die Stadt über ihre zahllosen Seen kennenlernen musste. Sie wollte jede Woche in einem neuen See schwimmen, für ein Jahr lang, Wetter und Jahreszeiten zum Trotz. Nicht nur, um die neue Stadt kennenzulernen, sondern auch, um regelmäßig ganz nah bei sich selbst zu sein. Dass dieses kleine Nebenprojekt Jessica noch mehr Arbeit einbringen würde – etwas, zu dem sie mit dem Schwimmen eigentlich einen Ausgleich schaffen wollte – war eigentlich nicht Teil des Plans: ein Buch zu schreiben.

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Das Schreiben ist für sie ein Mittel, um die „unterschiedlichsten Dinge zusammenzuführen und zu verdichten”: ihr Interesse an Ökologie und Umwelt; die Art, wie wir uns zur Umwelt in Beziehung setzen; aber auch wie sich Kulturgeschichte in die Landschaft einschreibt. „In meinem Studienfach Environmental Aesthetics geht es darum, wie wir in unserer Umwelt existieren und wie wir ihr gegenüberstehen”, was in Jessicas Augen weit entfernt von einem passiven Verhältnis ist. „Wir schauen nicht aus einer Distanz auf die Umwelt, wie auf ein Gemälde. Wir sind ja in ihr und Teil von ihr.”

Das Schwimmen ist nur eine von vielen Arten, mit der Umwelt in Berührung zu kommen – möglicherweise aber eine der intimsten. Insbesondere beim Winterschwimmen bedarf es einer erhöhten Aufmerksamkeit, sowohl für den eigenen Körper als auch die Umgebung. Am Anfang braucht es aber vor allem mentale Überwindungskraft: „Geh es langsam an, bleib bei deinem Atem und deiner Bewegung. Es ist wie eine Meditation: die Atmung verlangsamen, die Schwimmzüge zählen, immer im eigenen Tempo“. Der Körper gewöhnt sich bereits nach wenigen Malen an den Temperaturunterschied und es reichen einige Minuten im Wasser, damit der gewünschte „Endorphin-Kick einsetzt“. Obwohl regelmäßiges Winterschwimmen mit einer Vielzahl von gesundheitlichen Vorteilen in Verbindung gebracht wird – von einer Stärkung des Immunsystems und besserer Blutzirkulation bis hin zur Reduktion von Stress- und Angstsymptomen – zählt für Schwimmerinnen wie Jessica vor allem das großartige Gefühl, das hinterher einsetzt.

Es ist die direkte Erfahrung, die sie auch beim Schreiben vermitteln möchte,um große und komplexe Probleme wie Klimawandel und Artensterben greifbarer zu machen. „In meinem Buch  beschreibe ich die Eisschicht auf dem See, weil es mir wichtig ist, über das Verschwinden von Eismassen in anderen Teilen der Welt nachzudenken.”

Jessica möchte also die großen und entfernten Dinge im Kleinen aufscheinen lassen: „damit wir sie besser verstehen können und uns um sie kümmern, auch wenn sie nicht in unserem Vorgarten stattfinden.” Im Sommer gibt es Tage, an denen sie auf Seen voller Blaualgen trifft, das Anzeichen für eine zu hohe Wassertemperatur: „In solchen Momentan kann ich mir nichts vormachen und so tun als wüsste ich nicht genau, was los ist.” Ihr Schreiben entsteht aus der Begegnung zwischen Mensch und Natur, auf molekularer, körperlicher Ebene.

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Nachdem ihr Buch erschienen war, gab Jessica sechs Monate lang Interviews, und es zu bewerben. Ziemlich bald darauf folgte die Frage: Und, was schreibst du als nächstes? Jessica brauchte Abstand und ging eine Zeit lang nach Taiwan, wo ihre Mutter aufgewachsen ist und ihre Großeltern ein neues Leben begonnen haben, nachdem sie China vor Jahrzehnten hatten verlassen müssen. Diese Reise zu einer ihrer vielen Wurzeln brachte Jessica schließlich zurück zu einer früheren Buchidee.   „ Two Trees Make a Forest“, die Geschichte ihrer Großeltern, in der persönliche Erinnerungen, Migration und die komplizierte Geschichte Taiwans aufeinander treffen, ist im November 2019 erschienen. Gleichzeitig ist es ein Werk über die Vielschichtigkeit ihrer eigenen Herkunft.

„Wie weißt du, wo du hingehörst, wenn es Kräfte gibt, die so viel größer sind als du selbst?” Das hat sich Jessica oft gefragt. Irgendwann hat sie angefangen „Zuhause” auf ihre ganz eigene Art zu definieren. Ihr Instagram-Account listet vier unterschiedliche Städte: London, Toronto, Berlin und Taipeh. Jede einzelne hat sie hinzugefügt als sie wieder umgezogen ist und sich nicht überwinden konnte, die vorherige zu löschen. „Ich möchte an allen gleichzeitig festhalten”, sagt sie. Wohl wissend, dass sie an nur einem Ort zu einer Zeit leben kann. Aber vielleicht ist es ja sogar umgekehrt: all diese Orte leben gleichzeitig in ihr.