Was ziehen wir morgen an?

Mit ihrem Fair Fashion Label  Jyoti hatJeanine Glöyer hat im indischen Chittapur eine zweite Heimat gefunden. Sie zeigt, wie Kleidung fair und umweltbewusst produziert werden kann – und unterstützt mit der Werkstatt die Selbstständigkeit der Frauen am Ort.

Text: Florian Zimmer-Amrhein Foto: Miriam Klingl

Die große Marktstraße von Chittapur, einem Dorf im indischen Bundesstaat Karnataka, gleicht einem Trümmerfeld. Entlang der löcherigen Asphaltpiste, auf der sich Lastwagen, Motorroller und Viehkarren drängeln, sieht es aus, als hätten riesige Bulldozer die vordersten Gebäudereihen am Straßenrand einfach niedergewalzt. Schutthaufen liegen herum, in denen Kühe und Schweine nach Essbarem stöbern. Dazwischen spielen Kinder Fangen und Verstecken. Jeanine Glöyer sitzt auf der Rückbank eines Jeeps, der sich hupend und viel zu schnell den Weg durch die belebte Straßenszenerie bahnt.

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Die 28-jährige Modedesignerin aus Berlin weiß noch gut, wie es hier früher aussah. Im Jahr 2010 habe die Regierung ein Strukturprogramm aufgesetzt und entschieden, die Hauptverkehrsstraßen des Ortes zu verbreitern, erzählt sie. Getroffen habe diese Maßnahme die Ärmsten der Armen. Sie hätten ihre Häuser ohne Baugenehmigung direkt an die Straße gebaut und seien von den Abrissarbeiten überrascht worden. „Viele haben nicht nur ihr Haus, sondern auch ihr Geschäft und damit ihre Lebensgrundlage verloren“, berichtet Jeanine. Acht Jahre ist das jetzt her, bis heute wurde niemand entschädigt. Auch der Schutt ist nie abgeholt worden.

Elf Frauen nähen faire Mode

Am Dorfrand – umringt von hohen Mauern – liegt das Sozialzentrum der örtlichen Hilfsorganisation Jyoti Seva Kendra, gegründet und geleitet von katholischen Nonnen. Gemeinsam mit den Ordensschwestern hat Jeanine im Erdgeschoss des zweistöckigen Gebäudes eine kleine Nähwerkstatt aufgebaut. Elf Frauen aus dem Dorf fertigen hier die Kleider für Jeanines Modelabel „Jyoti – Fair Works“ an.

Was vor acht Jahren als kleines Arbeitsprojekt für benachteiligte Frauen begann, ist mittlerweile zu einem sozialen Vorzeigeunternehmen für faire und ökologisch nachhaltige Mode herangewachsen. „Nach Chittapur zu reisen ist für mich immer auch ein bisschen wie nach Hause kommen“, sagt Jeanine.

Ein schlagkräftiges Team

Seit sie 2008 für ein Freiwilliges Soziales Jahr erstmals das Sozialzentrum der Nonnen besuchte, haben das Dorf und die Menschen sie nicht mehr losgelassen. Am nächsten Tag sitzen Jeanine und Halima vor der Nähwerkstatt. Es geht, wie so oft, wenn die beiden Frauen über das Geschäft diskutieren, um den Einkaufspreis der Stoffe. Der sei viel zu hoch, meint Halima. Die 41-Jährige ist die inoffizielle Leiterin des Jyoti-Teams in Chittapur und Mitarbeiterin der ersten Stunde. Aufgewachsen in einem Nachbardorf, träumte sie als Mädchen davon, Lehrerin zu werden, wurde aber mit 17 Jahren verheiratet und verließ die ersten zwölf Jahre ihrer Ehe kaum das Haus. Erst als ihr Ehemann seinen Job verlor, erlaubte er Halima, sich eine Arbeit zu suchen.

Bei Jyoti Seva Kendra fand sie eine zeitweilige Anstellung als Gärtnerin. Dort lernte sie die damals erst 19-jährige Jeanine kennen und half ihr, ein schlagkräftiges Team für die angedachte Nähwerkstatt aufzubauen. Mittlerweile verbindet die beiden Frauen eine bald neunjährige Freundschaft.

„Das bedeutet: keine schädlichen Chemikalien auf den Feldern oder in den Flüssen.“

„Schau dir das noch einmal genau an, Jenny“, bittet Halima. Ihre linke Hand ruht behutsam auf Jeanines rechtem Knie. Auf dem lokalen Markt kosteten Stoffe der gleichen Qualität kaum ein Fünftel des Preises. Jeanine lächelt etwas resigniert.Sie hat dieses Gespräch schon oft geführt, auch mit den anderen Näherinnen. Die eingekauften Stoffe seien so hochpreisig, weil es sich um Biobaumwolle handele, erklärt sie Halima. „Das bedeutet: keine schädlichen Chemikalien auf den Feldern oder in den Flüssen.“ Beim Färben werde ebenfalls nur umweltschonende Farbe verwendet. Außerdem erhielten auch die Weber einen fairen Lohn, damit sie ihre Familien ernähren können.

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Halima neigt den Kopf und schaut nun ebenfalls resigniert durch ihre randlose Brille. Für sie ist klar: Vom eingesparten Geld könnte man mehr Frauen einstellen und die Produktion deutlich steigern. Das wäre nötig, damit auch Jeanine und die 2. Geschäftsführerin und Inhaberin Carolin Hofer irgendwann von ihrem Modelabel leben können.

„Die Frauen sorgen sich natürlich auch um ihre eigenen Jobs“, sagt Jeanine. Sie hätten Angst, dass die deutschen Chefinnen irgendwann aufgeben müssen und das gesamte Projekt in die Brüche geht. Jeanine weiß aber auch, dass der Erfolg ihres Unternehmens vom Vertrauen ihrer deutschen KundInnen abhängt. Ihnen garantiert sie, dass die gesamte Produktionskette fair und transparent gestaltet ist und die Stoffe nach strengen Ökostandards hergestellt werden.

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Auch wenn auf den Jyoti-Kleidern bisher keines der offiziellen Fair-Trade-Siegel prangt. Dafür ist das Modelabel noch zu klein und die Zertifizierung zu teuer. Jeanine und Carolin sind selbst anderthalb Jahre lang quer durch Indien gereist, um die richtigen Partner für ihre Produktion zu finden. Sie beziehen heute fast ausschließlich handgewebte Stoffe von kleinen
Familienbetrieben und Kooperativen, die sie persönlich inspiziert haben und bei denen sie sicher sind, dass das Geld für die Stoffe nicht in den Taschen eines Zwischenhändlers, sondern direkt bei den Webern landet.

Ein Zeichen setzen

Jeanine möchte damit auch ein Zeichen gegen einen Trend in der globalen Modeindustrie setzen, der gemeinhin unter dem Begriff „Fast Fashion“ firmiert. Immer billiger, immer schneller werfen internationale Modekonzerne ihre Kollektionen auf den Markt, um vor allem junge Menschen so oft wie möglich in ihre Geschäfte zu locken.

Mit Erfolg: Deutsche KundInnen kaufen heute durchschnittlich 60 Kleidungsstücke im Jahr, wobei sie jedes Einzelteil nicht mehr als viermal anziehen. Rund ein Fünftel der gekauften Teile landet ungetragen in der Altkleidersammlung oder im Müll. Weltweit ist der Verbrauch von Bekleidungstextilien seit den 1980ern um das Vierfache gestiegen, während der Preis etwa im gleichen Maß gefallen ist.

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Unter unserem Wegwerfkonsum und dem enormen Preisdruck leiden vor allem die TextilarbeiterInnen, die die Billigkleider in Entwicklungs- und Schwellenländern wie China, Bangladesch, Indien oder Kambodscha zusammennähen. Die Modekonzerne nutzen die niedrigeren Lebens- und Arbeitsstandards in diesen Ländern aus und beauftragen im großen Stil Subunternehmen, die sie um ihre Produktionsaufträge konkurrieren lassen. So sparen sie einen Großteil der Lohnkosten und geben gleich noch die soziale und ökologische Verantwortung ihrer Billigproduktion an die ausländischen Fabrikbesitzer ab.

Arbeiten bis zur Erschöpfung

Welche Folgen dieses Geschäftsmodell für Mensch und Umwelt hat, daran erinnern uns nicht nur horrende Fabrikunfälle wie der Einsturz der bangladeschischen Fabrik Rana Plaza mit 1135 Toten im April 2013. Auch Umweltkatastrophen wie die Austrocknung des Aralsees in Kasachstan und Usbekistan, für die Experten maßgeblich den wasser- und schadstoffintensiven Baumwollanbau in der Region verantwortlich machen, sind Exempel dafür, dass die Textilwirtschaft bis heute eine der schmutzigsten und unmenschlichsten Industrien der Welt ist.

In Indien arbeiten laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) schätzungsweise 45 Millionen Menschen im Textilsektor. Allein acht Millionen sind in den Nähfabriken und Spinnereien der großen Industriestädte wie Tiruppur oder Bangalore beschäftigt. Die große Mehrheit davon sind Frauen. Laut Berichten von Frauen- und Arbeitsrechtsorganisationen gehören 70-Stunden- Wochen, unbezahlte Überstunden, mangelnde Pausen und Sicherheitsvorkehrungen sowie Übergriffe durch Vorgesetzte und männliche Kollegen zum Arbeitsalltag vieler Näherinnen.

Jeanine kennt die Verhältnisse in den indischen Textilhochburgen aus erster Hand. „Als wir angefangen haben, nach fairen Stoffen in Indien zu suchen, sind wir auch nach Tiruppur gefahren und haben uns dort umgeschaut“, erzählt sie. Besonders wütend habe sie die Situation der vielen 15- und 16-jährigen Mädchen gemacht, die, in riesigen Hallen eingepfercht, bis zur Erschöpfung Überstunden machten.

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In der Jyoti-Nähwerkstatt sind Überstunden deshalb unerwünscht. Gearbeitet wird von 10 bis 17 Uhr mit einer einstündigen Mittagspause und einer Teepause am Nachmittag. Da Jyoti ein gemeinnütziges Unternehmen ist, fließt jeder Cent Gewinn zurück in das Projekt. Von dem erwirtschafteten Geld finanziert Jeanine unter anderem medizinische Vorsorgeuntersuchungen und einmal die Woche einen Englischkurs für ihre Näherinnen.

In der dank Spenden frisch renovierten Nähwerkstatt bildet das monotone Rattern der fast ausnahmslos mechanischen Nähmaschinen einen ständigen Unterton. Darüber klingen die munteren Gespräche der Frauen. Das Team setzt sich aus acht Muslimas, zwei Hindus und einer Christin zusammen. Besonders für die muslimischen Frauen, die sich in der Öffentlichkeit nur voll verschleiert bewegen, ist die Werkstatt ein Ort der Freizügigkeit.
Hinter den Mauern des Sozialzentrums trauen sie sich, ihre Nihabs abzulegen und selbst in der Anwesenheit fremder Männer unverschleiert zu arbeiten. Auf der Straße wäre das undenkbar. Einige von ihnen möchten deshalb lieber nicht beim Arbeiten fotografiert werden, aus Angst, ihre Verwandten könnten die Bilder im Internet entdecken.

Werde-Magazin---Jyoti-Fair-Fashion_9Während Jeanine durch Auftragsbücher und Bestelllisten stöbert und den Bestand an Knöpfen und anderen Materialien prüft, sitzen die Näherinnen Shashireka und Yasmeen auf dem Boden und zeichnen mit Schablonen und Kreide Schnittmuster auf ozeanblaue Stoffbahnen. In einem zweiten Arbeitsschritt schneiden sie die Muster aus, dann werden die Baumwollstoffteile gebügelt und schließlich an den Nähmaschinen zu dem Kleid „Kumku“ vernäht – ein schlichtes wie luftiges Hemdkleid mit Knopfleiste und Stehkragen.

Einzelfertigung statt Massenproduktion

Für jedes Produkt gibt es eine Expertin im Näherinnenteam, die die fertigen Kleiderstücke noch einmal auf ihre Qualität prüft, bevor sie in Kartons verstaut und nach Deutschland gesendet werden. Die geraden Schnitte und puristischen Designs der Jyoti-Kleider zielen nicht bloß auf einen möglichst zeitlosen Modestil ab. Sie sorgen auch für ein Minimum an Verschnitt. Aus den wenigen Stoffresten, die trotzdem noch anfallen, werden unter anderem Kissenfüllungen für die ebenfalls im Sozialzentrum untergebrachten Waisenmädchen gemacht.

Statt auf Massenproduktion setzen die Jyoti-Gründerinnen außerdem darauf, dass jedes Teil auch wirklich verkauft wird. Sie fertigen ihre Kollektionen zumeist stückweise auf Bestellung an und haben in ihrem Berliner Geschäft stets nur wenige Stücke auf Lager. So kann es durchaus vorkommen, dass die KundInnen bis zu sechs Wochen auf ihre Onlinebestellung warten müssen.

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Laxmi trägt die traditionellen Segenszeichen der Hindus auf der Stirn. Einen roten Punkt zwischen den Augenbrauen und darüber drei waagerechte, mit heiliger Asche gezeichnete Striche. Die 39-Jährige sitzt im Schneidersitz vor einem Haufen halb fertiger, knielanger Winterröcke der Modellvariante „Reena“. Per Hand vernäht sie den Baumwolloberstoff mit blau-weißem Zickzackmuster mit einem hauchdünnen Unterstoff.

Laxmi liebt das Nähen. Nach Feierabend sitze sie gern noch zu Hause an ihrer Nähmaschine, erzählt sie. Allerdings schneidert sie dann indische Saris nach ihrem Geschmack. Einige der knallbunten Gewänder, die ihre Kolleginnen heute zur Arbeit tragen, stammen aus ihrer Hand. Laxmi sei eine echte Künstlerin mit Stoff und Nadel, schwärmen ihre Kolleginnen. Die Mode, die sie für Jyoti anfertigt, entspricht eigentlich so gar nicht ihrem Stil. Aber Hauptsache, den Deutschen gefällt es so, findet Laxmi.

Mit ihrem Lohn – umgerechnet circa 3,40 Euro am Tag – finanziert Laxmi das Studium ihrer zwei Kinder. Der Sohn studiert Bauingenieurwesen, die Tochter Informatik in der nächstgrößeren Stadt Gulbarga. Besonders für die 20-jährige Tochter wünscht sich Laxmi, dass sie das Studium erfolgreich abschließt. Sie soll einen guten Job finden und später mit einem Ehemann verheiratet werden, der selbst gebildet ist und ihr Bewegungsfreiheit lässt. Besonders die Töchter der Näherinnen sollen ein selbstbestimmteres Leben als ihre Mütter führen können.


Auch Jeanine stellt sich immer häufiger die Frage nach der eigenen Zukunft. Von ihrem Vollzeitberuf als Modeunternehmerin kann sie bisher nicht leben, nebenbei muss sie sich mit zwei Nebenjobs über Wasser halten. Das funktioniere, weil sie fast nonstop arbeite und noch immer auf Studentenniveau lebe, sagt sie. Eine Dauerlösung ist das nicht. Was, wenn sie schwanger wird? Bei diesem Gedanken steigt manchmal Panik in ihr hoch, dann würde sie am liebsten alles hinschmeißen. Aufzugeben kommt für sie aber auch nicht in Frage. Dafür ist das Verhältnis zu den indischen Frauen mittlerweile zu eng und die Verantwortung, die sie für sie empfindet, zu groß.

„Wir sind uns bewusst, dass wir die Textilindustrie nicht umkrempeln werden.“

Jeanines eigenes Glück hängt also unmittelbar davon ab, dass Jyoti weiter wächst. Daran arbeitet sie mit ihrem deutschen Team im rund 7000 Kilometer entfernten Berlin. Anfang 2017 haben sie eine zweite Werkstatt in Londa, einem rund acht Autostunden von Chittapur gelegenem Dorf, eröffnet. In der kommenden Woche möchte Jeanine auch in Chittapur drei neue Frauen anstellen. Da zugleich der Absatz in Deutschland weiter steigen muss, wird Jeanine künftig auch enger mit dem deutschen Einzelhandel zusammenarbeiten müssen. Dafür muss sie den bisherigen Produktionszyklus ihres Modelabels ein Stück weit an die Geschäftspraktiken der Einzelhändler anpassen, die mindestens ein Jahr vorab wissen wollen, wie die Kollektionen der kommenden Saisons aussehen und welche Stückzahlen sie einkaufen können.

„Wir sind uns bewusst, dass wir die Textilindustrie nicht umkrempeln werden“, sagt Jeanine, als sich ihre Mitarbeiterinnen längst auf den Heimweg gemacht haben. Sie habe aber die Hoffnung, dass immer mehr Menschen bewusst darüber nachdenken, was sie konsumieren und was das für diejenigen bedeutet, die hinter den Produkten stehen. Genaue Zahlen zum Marktanteil von Fair Fashion gibt es nicht. Schätzungen von Experten zufolge liegt er auch in Deutschland noch immer deutlich unter einem Prozent. Zugleich attestieren sie der Branche ein riesiges Wachstumspotenzial. Chancen also für Mutige wie Jeanine, der Modeindustrie langfristig ein menschlicheres Antlitz zu verleihen.