„Ich hoffe, dass wir wieder lernen, die Natur zu respektieren“

Die Französin Kankyo Tannier hat ein rasantes Leben: Sie führt einen Blog, reist um die Welt und tritt öffentlich auf. Das Geheimnis der Zen-Nonne:  Stille.

 

Seit ihr Buch „Stille. Meine buddhistische Kur für ein leichteres Leben“ erschienen ist, führt die „Nonne 2.0“ – wie sie sich gern bezeichnen lässt – ein eng getaktetes Leben. Regelmäßig verlässt sie das Kloster Weiterswiller in den Wäldern der Vogesen, wo sie ihre Zelte aufgeschlagen hat und ihre Lieblingstiere pflegt; dann reist Tannier durch die Welt und vermittelt einem Massenpublikum die Einsichten buddhistischer Weisheit. Dafür muss sie ihren Blog betreuen, an TED-Konferenzen teilnehmen und im Fernsehen auftreten.

 

Warum nehmen sie dieses Leben auf sich?
Kankyo Tannier: Bei dem Lebensentwurf, den ich in meiner Jugend kannte, mit Arbeit, Haus, Auto und Kindern, fehlten mir immer die Poesie und der spirituelle Hintergrund. Also suchte ich nach etwas anderem. Einem Leben, viel näher an den Zusammenhängen des Universums.

Was ist ihre Vision?
Eine sehr optimistische, in der der Mensch die Verbindung zur Schönheit der Natur findet und lernt, sie zu respektieren. Dass wir nach jahrhundertelanger Ressourcenverschwendung dieses düstere Kapitel abschließen. Und dass sich diese neue Art zu leben ausbreiten wird wie ein Lauffeuer!

Was wollen sie weitergeben?
Die tiefe Überzeugung, dass mit regelmäßigen Zen-Meditationen jeder Sinn in seinem Leben finden kann, mehr noch: für das Leben als Großes und Ganzes.

 

Stille: Drei Ratschläge für den Alltag

Werde Magazin - Kankyo Tannier

Meditation in lauter Umgebung, geht das?
Oft glauben wir, der Lärm störe uns, dabei ist es das Tohuwabohu unserer Gedanken, das uns vom gegenwärtigen Augenblick fernhält. Wenn meine Metro liegen bleibt, ärgere ich mich. Und meine negativen Emotionen halten mich vom gegenwärtigen Augenblick fern.

Wie konzentriert man sich am Bildschirm?
Digitale Geräte sind eine Art Gedankenstaubsauger. Wenn ich vor dem Computer sitze, mache ich das zu einer Übung: ich versuche, in meinen Körper zurückzukehren, zu meiner Haltung, und den Blick für die Umgebung zu bewahren, auf Geräusche und das licht zu achten.

Wie reagiert man auf aggressive Mitmenschen?
Wenn sie ein aggressives Signal erhalten, werden sie von einer emotionalen Riesenwelle überrollt. das ist der richtige Moment, die Wut durch sich hindurchfließen zu lassen. im Kloster sind wir geübt darin, Toleranz zu entwickeln, für die Wut der anderen wie für die eigene.

 

Die Tradition des ZEN

Was ist innere Stille?
Stille zu finden heißt, die Ruhe wiederzufinden, die in uns herrscht, bevor die Worte da sind und die Gedanken. Es geht nicht darum, nichts mehr von der Außenwelt wahrzunehmen, sondern zuzuhören, den Körper, die Augen zu besänftigen. dabei darf man negative Gedanken nicht beiseiteschieben. Wut und Trauer müssen akzeptiert werden, um sie leichter ziehen zu lassen.

Was ist der Buddhismus für sie, Religion oder Spiritualität?
Ich persönlich spreche lieber von Spiritualität. Aber der Buddhismus ist selbstverständlich auch eine Religion, mit Klöstern und Ritualen. Für mich bedeutet es, dass die Welt mehr ist als das, was wir sehen.

Was ist die „Augenblicklichkeit“, das Ziel des Meditierens?
Im Buddhismus ist die Zeit als Konzept ein Teil der „relativen Realität“: natürlich benötigen wir sie als Orientierung für das praktische leben, aber sie ist Teil einer Vorstellung, die nicht die „absolute Realität“, die Augenblicklichkeit erfasst. Alles ist schon da.

Text: Anne-Sophie Moreau  Foto: Stephan Bösch
Kategorien Achtsamkeit