Eine Familie in der Jurte

Nadja Schotthöfer und David Schuster leben in einer Jurte ein einfaches Leben ohne Luxus und mit vielen Naturmomenten. Die Geschichte einer tiefen Sehnsucht und wie sie gestillt wurde.

Etwas hat sie dahin geführt, wo sie jetzt sind, da ist Nadja sich sicher. Sie seiht Tee ab, ihr Mann David holt Tonschalen aus dem Regal, und dann passiert etwas, was viele Mittel­europäer, die Kinder haben, zumindest nachdenklich machen dürfte: Frida und Tonda, der drei- und einjährige Nachwuchs der beiden, ist während der bestimmt zwei Stunden des folgenden Gesprächs dabei, in diesem kreisrunden Raum mit seinen sechs Meter Durchmesser, den die Familie bewohnt, in der Jurte.

Jurte

Regentropfen prasseln gegen die Außenwände, bilden Perlen auf der Lichtkuppel, die die Behausung nach oben hin abschließt: Drinnen-Wetter. Wetter, das Eltern kleiner Kinder sonst zuweilen auf die Palme bringt. Nicht hier in der Jurte. Weder die offenen Regale, aus denen theoretisch alles rausgezogen werden könnte, sind ein Problem noch die Kekse, die auf dem flachen Tisch in der Mitte des Raumes stehen, oder die dampfenden Kessel, der bollernde Ofen, nichts. Frida und Tonda scheinen es einfach gewohnt, mit der Familie zu sein, auf so engem Raum. Der Winter ist gerade vorbei, auch für Nadja und David geht das gerade erst wieder los: dass der Aktions­radius sich vergrößert und man viel Zeit unter freiem Himmel verbringt.

Doch was immer auch gerade ansteht, in der Jurte, um die Jurte: Die Kinder fühlen sich, nein sie sind miteinbezogen. Beim Kochen zum Beispiel, wie sich zeigt, als Frida zwischendurch selbstverständlich auf der Küchenablage sitzend Eier für den Knödelteig aufschlägt. Oder als die Dreijährige Tee nachschenkt, für alle, ohne dass auch nur ein Tropfen danebengeht. Und auch das geht, während Nadja und David erzählen: in eine Decke gehüllt einschlafen, wie Tonda es vormacht. „Beide Kinder können das: wegdösen, während die Betriebsamkeit hier drinnen weitergeht“, sagt Nadja. Vom Voneinander-Lernen, das in der Jurte „auf wunderbare Weise von selbst“ passiere, spricht David. Und Nadja erzählt von ihrer Sehnsucht – und davon, wie sie mit Ende zwanzig endlich angekommen ist.

Wir sind beschenkt worden und erfreuen uns jeden Tag von Neuem an der Fülle und am Glück

Sie sagen, man müsse ein bisschen ausholen, um darzustellen, wie es zu diesem außergewöhnlichen Leben gekommen sei, das sie seit nunmehr vier Jahren hier im bayerischen Voralpenland führen. „Wir sind beschenkt worden und erfreuen uns jeden Tag von Neuem an der Fülle und am Glück“, das sagen sie. Beide haben sie die Kehrseite des Glücks kennengelernt. 17 ist David damals, ein Skater eben, wobei die Zeit auf dem Board der bei Weitem beste Teil des damaligen Lebens gewesen sei: „Nächtelang saß ich mit Kumpels vorm PC, hab Ballerspiele gemacht.“ Hätte er nicht zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute getroffen und hätte er vor allem nicht dieses Buch in die Hände bekommen – „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“, in dem Jean Liedloff das Leben eines Stammes im tropischen Regenwald beschreibt –, er weiß nicht, was aus ihm geworden wäre.

David, aufgewachsen in einem Dorf am Starnberger See, beginnt erstmals wirklich die großartige Natur wahrzunehmen, die ihn umgibt. Legt sich, während er aufs Abi lernt, zum „Verschnaufen“ auf Moorwiesen, atmet die Weite ein. Läuft dann nach der Schule einfach los, über die Alpen, schläft in Kornspeichern und Kirchen, monatelang, sieht, wie wenig man braucht. Aber einen Beruf, das eben doch. Darum geht er schließlich nach Oberammergau, wird Holzschnitzer. Etwas mit den Händen tun, das macht Sinn.

Nadja geht im Erzählen ebenfalls weit zurück. In der Pfalz ist sie aufgewachsen, „wir hatten ein Haus, wir spielten auf der Straße – einen Garten hatten wir nicht“. Aber die Oma, die hat einen, am Ortsrand. Karotten wachsen da, Kohlrabi, Bohnen, Ochsenherztomaten, so groß wie zwei Fäuste zusammen. Nadja erinnert sich noch genau, wie es war, in die fleischigen Früchte zu beißen, und dass sie jede Süßigkeit dafür stehen gelassen hätte. Und sie erinnert sich, wie sie der Oma als Teenager immer öfter über die Schulter geschaut haben will, beim Ernten, Einwecken. Vor 50 oder 100 Jahren hätten das alle so gemacht, heißt es. Ein paar Hühner habe jede Familie im Ort sich gehalten, eine Ziege, manchmal ein Pferd. Nadja weiß noch, was sie dachte. Dass sie nämlich offenkundig zur falschen Zeit auf die Welt gekommen ist. „Wieso habt ihr den Holzofen umgebaut?“, fragt sie ihre Eltern vorwurfsvoll, Gas verbreite doch längst nicht diese Behaglichkeit.

Ich bin falsch – als sie nach Tübingen geht, um Germanistik und Geografie zu studieren, kommt der Gedanke erneut. Die anderen machen begeistert Blockstudien in Indonesien, sie fühlt sich leer, wenn sie in den Vorlesungssälen sitzt, leer beim Beschäftigen mit all diesen Themen. Nur in den Semesterferien, wenn sie auf Höfen jobbt, scheint die Arbeit Sinn zu machen. Zurück im Alltag, pflegt sie bäuerliche Gewohnheiten, sammelt beim Joggen am Stadtrand Brennnesseln für Tee und Salat, kocht Beeren ein, aber das Fremdgefühl lässt sich immer nur kurz vertreiben. Und die Leere scheint kurz davor, zu einer echten Depression zu werden – bis Nadja etwas von diesem Bergdorf hört, in dem man eine Schnitzausbildung machen kann. Etwas mit den Händen tun, das klingt gut, denkt sie und bewirbt sich in Oberammergau. Und schmeißt in Tübingen, als sie genommen wird, alles hin.

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Mit David scheint sie einen Seelenverwandten zu finden. „Das einfache Leben war von Anfang an unser Thema“, erzählt Nadja. Und wie sie oft tageweise losgezogen sind und in den Bergen Wildkräuter gegessen haben oder Fladen, die sie auf im Feuer erhitzten Steinen gebacken haben. Wie sie schließlich in Oberammergau zusammengezogen sind und die Zweizimmerwohnung ihnen irgendwie grotesk vorgekommen sei, da sie sich ja doch immer nur in einem Raum aufgehalten hätten.

Als David eines Tages ein Seminar für Jurtenbau besucht, ist er überwältigt vom Anblick des Übernachtungsraums für die Gäste mit seinen acht Meter Durchmesser. „Die meisten Menschen habe nie bedacht, was ein Haus ist, und sind ihr Leben lang überflüssigerweise arm, weil sie glauben, ein ähnliches haben zu müssen wie ihre Nachbarn“, zitiert er den US-Philosophen Henry David Thoreau, der diese Zeilen 1854 für sein bekanntes Werk „Walden“ verfasste. Und: „Warum sollte unsere Einrichtung nicht so einfach sein wie die der Araber oder Indianer?“ Ja, warum eigentlich nicht?, fragt sich David.

Schon in der ersten Nacht in der Jurte ist ganz viel von mir abgefallen

Als eine Freundin bei einem Preisausschreiben eine Jurte gewinnt und ihn nach einem Sommer, in dem sie das Zelt vor allem für Partys genutzt hat, fragt, ob er sie haben will, glaubt er an einen Wink des Schicksals. Die Jurte ist klein, ein schöner Platz für eine Auszeit, denken Nadja und David, die das Zelt auf der Wiese eines Freundes am Waldrand aufbauen dürfen. „Hier könnte ich leben“, sagt David schon nach der ersten Nacht. Zweifel habe sie gehabt, gibt dagegen Nadja zu. Ein hübsches Bauernhaus, ein schöner Garten, eher so stellt sie sich damals die Zukunft vor. Andererseits fällt ihr das immer öfter auf: wie Menschen sich versklaven, damit sie ein schönes Auto fahren können und ein hübsches Zuhause haben. Wie Kredite aufgenommen werden, die bis ins hohe Alter abbezahlt werden müssen. Will ich das?, fragt sie sich, als die Ausbildung zu Ende geht.

Nadja sagt, sie habe das schließlich einfach gespürt: Ich muss was wagen, wenn mich dieser schöne Beruf ernähren soll. Als David von einer großen gebrauchten Jurte hört, die zum Verkauf steht, stimmt sie zu. Es muss ja nicht für die nächsten paar Jahre sein, beruhigt sie sich, als sie die Holzkonstruktion samt Dachplane abbauen und in der Nähe eines Bauernhauses von Freunden wieder errichten. Einen Tag dauert das Spektakel, zwei, weiß David inzwischen, wenn man die Dachstangen, Mittelstangen, Scherengitter und die Konstruktion um den Jurtenkranz selbst zimmert. Steht das „Skelett“, geht’s ans Befüllen der Wände.

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Berge von Wolle bekommen sie bei ihrem ersten Aufbau von Schafbauern aus der Gegend geschenkt, aus der sie sich die fehlende Isolierung selbst filzen. Ein Regal, eine Truhe, ein paar Körbe und ein Bett – das ist alles, was sie aus der Wohnung mitnehmen. Tische und Stühle ersetzen Nadja und David durch Felle und Decken, die auf einen Boden kommen, den David aus Fichtenholz selbst gebaut hat und der auf Pfosten ungefähr einen halben Meter über der Erde ruht, damit es drinnen warm und trocken ist. Nadja weiß noch, wie sie alle Zimmerpflanzen und ihre geliebte Mützensammlung verschenkt hat. Aber das mulmige Gefühl von Verzicht bleibt nur kurz. Schon als der Blick am ersten Abend vom Bett aus durch den Lichtkranz in die Sterne geht und der Wind als sanftes Rauschen durch die nahen Bäume zieht, wissen Nadja und David: Hier sind wir richtig. Hier, in diesem Raum, der atmet und eine ganz spezielle, weiche Akustik hat, da der Filz den Schall schluckt. Der „den Schutz schwerer, unverrückbarer Steinmauern eintauscht gegen Beweglichkeit und Durchlässigkeit“, wie David sagt.

„Schon in der ersten Nacht in der Jurte ist ganz viel von mir abgefallen“, erinnert sich Nadja. Dann erzählt sie, wie sie am anderen Morgen zum Pinkeln nach draußen ist: „Ich saß in der Hocke, da kam David aus der Jurte, und ich schrie: ,Raus!‘“ So etwas wie das I-Tüpfelchen der Bewusstwerdung des neuen Seins sei das gewesen. Eines Seins ohne Straße vorm Haus, ohne Miete, für die man so viel arbeiten muss, ohne die Möglichkeit, im Streit mit der Tür zu knallen – auch das. Eines Seins, so nah bei sich und dem Wesentlichen wie nur möglich.

Ist das schön hier, denkt Nadja in der ersten Zeit oft. Und genau so sagt sie es denen, die Vorbehalte haben und sich sorgen, allen voran ihre Eltern. Sie erzählt, wie sie und David morgens rüber in die Werkstatt des nahen Hofs gehen, die sie mitbenutzen dürfen, um Dinge für den Verkauf auf Kunsthandwerkermärkten herzustellen. Wie sie Holz und Schnitzmesser zwischendurch aber immer wieder beiseitelegen, um im Grunde wichtigere Dinge zu tun: den Boden bestellen zum Beispiel, damit sie bald ernten können. Oder Kräuter sammeln. Oder Freunde einladen, für die sie jetzt Zeit haben, wirklich Zeit.

Zehn bis zwanzig Liter Wasser verbrauchen Nadja und David pro Tag – so viel wie andere für eine Klospülung

Und wie kocht ihr da drinnen, fragen viele. „Auf dem Ofen oder dem Zwei-Platten-Herd.“ Bis heute sind es immer dieselben Dinge, die Menschen wissen wollen. „Nein, wir haben keinen Kühlschrank“, sagt Nadja dann, an den Verzehr frischer Nahrung in den warmen Monaten gewöhne man sich schnell. Nicht aber an ein Leben ohne Handy, gesteht sie, oder an eines ohne Auto. Auch die Waschmaschine hätten sie behalten und auf dem Hof untergestellt, worüber sie froh ist, seitdem sie während eines Praktikums auf einem Selbstversorgerhof in Südfrankreich einen Sommer lang tatsächlich von Hand gewaschen hat.

Gehen tut so was … Jedoch: Allein den Skater-Look gegen traditionelle Kleidung aus Wolle und Leinen zu tauschen, die sich gut lüften lässt, und die Jeans gegen Lederhosen hat den Wäscheberg reduziert. David deutet auf den langen Haselnussstecken, der an zwei Schnüren über dem Holzofen hängt und kurz unterhalb der Decke einmal quer durch die Jurte reicht. Geschirrtücher, Socken, Hemden – ist der Ofen an, trocknen die Sachen im Nu. Ist er nicht an, flattert die Wäsche draußen im warmen Wind.

Sie wollen die Zeit nicht zurückdrehen, stehen zum Erdkabel, das sie vom vielleicht 100 Meter entfernten Gehöft zur Jurte hin verlegt haben. Vieles aber, was der Mensch gemeinhin so tue, sei doch „schlicht Wahnsinn“. Zehn bis zwanzig Liter Wasser verbrauchen Nadja und David pro Tag – so viel wie andere für eine Klospülung. Vom nahen Wasserhahn tragen sie die gefüllten Glasballons in die Jurte, in der alle alltäglichen Verrichtungen vom Kochen über das Abspülen bis hin zur Körperreinigung erledigt werden, für Letzteres beides halten Zinkwannen her. Da in der Jurte nur biologisch abbaubare Reinigungsstoffe verwendet werden, kann das Abwasser hinterher bedenkenlos in die Büsche gekippt werden. Apropos Klospülung: „Auch diese Frag kommt oft“, sagt Nadja. Nach dem klassischen Donnerbalken sei man inzwischen bei einer Komposttoilette gelandet. Damit schließe sich gewissermaßen der Kreis, vor allem wenn man bedenke, wie die Zivilisation in dieser Sache sonst verfahre. Nadja schüttelt den Kopf. „Wieso wertvolles Trinkwasser in rauen Mengen dem Unrat mitgeben, wenn man aus dem Unrat das Wertvollste machen kann, das geht: gute Erde.“

Radieschen, so groß wie Tischtennisbälle, überdimensionierte Kohlköpfe und Kartoffeln in Mengen, die sie selbst gar nicht essen können – was der kleine Garten schon im ersten Sommer hergibt übersteigt alle Erwartungen und reduziert Einkäufe im Laden über Monate auf ein Minimum. Ab und an auf Märkten zu verkaufen oder Kurse im Jurtenbau zu geben, wie David es tut, oder als gelernter Wildnispädagoge in Schulklassen aktiv zu sein, das genügt, um ein Auskommen zu haben, das auch über den Winter zu reichen verspricht. Lange Zeit vergeht kein Tag, an dem Nadja dem Schicksal nicht dankt für die Entscheidung für dieses Leben – und selbst im Herbst, als die Stauden und Büsche zwar noch überreif tragen, aber die Abende langsam kühler werden, hört sie nur selten diese leise, zögerliche Frage: Wird es bleiben, das Glück? Mit den kürzer werdenden Tagen sind dann vor allem die Eltern zunehmend besorgt. Nadja lächelt. Erzählt, wie sie an einem nasskalten Herbsttag ihre Schwangerschaft bemerkt hat und sie sich dann mit dem wachsenden Bauch erst recht gedacht haben will: Wie groß ist die Natur! Weil: Alles um sie und in ihr geschieht ohne viel eigenes Zutun.

Ein Nachlassen der Euphorie, das Abwägen, ob nicht manches früher doch vergleichsweise besser gewesen sei – das alles sei komplett ausgeblieben, auch im Winter, sagt Nadja. Na klar, es gebe sie, diese Abende, an denen man unterwegs war, und dann komme man in eine völlig ausgekühlte und mit Eiszapfen verhangene Jurte und denke sich: Was gäbe ich jetzt nur für ein mollig warmes Heim. Ich wünsch mir eine warme Jurte – das allerdings sei etwas völlig anderes, als sich ein anderes Leben zu wünschen, stellt Nadja klar. Und kaum angeschürt mache der Ofen den kleinen Raum ja auch schon warm.

Oder dieser schlimme Sturm neulich. Richtiggehend getanzt habe die Jurte, immer wieder nach oben gehoben worden sei der Jurtenkranz. Ist das wirklich sicher, so zu leben? Diese Frage scheint der 33-Jährigen fremd. Eher wie man die Behausung noch stabiler machen könnte, bewegt sie. Zumal sie ja jetzt nicht mehr alleine sind. Tatsächlich sind vor allem Frida und Tonda zumindest anfangs immer wieder Aufhänger, wenn Außenstehende dieses Leben skeptisch beäugen. Wie stellt ihr euch das vor? Diese Frage kommt oft. Klammer auf: mit Kindern. Als sei das Jurtenleben eine Art erweiterter Campingurlaub, etwas für Leute, die noch erwachsen werden müssen. Aber es gibt auch Menschen, die sehen es anders. „So wie man lebt, kann man auch gebären“, sagt damals zum Beispiel Nadjas Hebamme. Und nimmt der Schwangeren selbst damit letzte Zweifel.

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Schön seien die beiden Jurtengeburten gewesen, sagt Nadja. Dann sagt sie einen Satz, der nachdenklich macht: „Wir leben und sterben nicht mehr in unseren Häusern. Warum?“ Fotos zeigen das Glück der jungen Familie. Zeigen, wie wohl die kleine Frida sich fühlt, wenn die Mutter am wärmenden Ofen sitzt und sie wiegt. Oder wie das Baby in einem Tuch durch die tief verschneite Landschaft um die Jurte getragen wird. Doch was, wenn die Kinder größer werden? In die Schule gehen? Freunde wichtig werden?

Inzwischen, vier Jahre nachdem dieses Leben begonnen hat, antwortet auf solche Fragen nicht mehr allein die Zuversicht, gibt es so was wie eine konkrete Ahnung, wie es einmal werden könnte. Aus der Jurte, die aus organisatorischen Gründen bereits dreimal ihren Standort gewechselt hat, ist zwischenzeitlich ein kleines Dorf geworden. Keine Nachahmer seien die anderen beiden Familien, betont Nadja, sondern Leute, die selbst genau diesen Traum gehabt hätten und mit denen man über mehrere Ecken in Kontakt gekommen sei.

Auch mitten im tiefsten Bayern bleibt dieses Gefühl, zu etwas hingeführt worden zu sein

In einem idyllischen Tal um ein 300 Jahre altes verlassenes Bauernhaus stehen die insgesamt fünf Behausungen, zu denen auch eine Werkstattjurte und eine Gästejurte gehören. Das zuweilen symbiotische Nomadenleben der ersten Zeit als Paar ist vorbei, sagen Nadja und David, Wehmut aber klingt anders. Gegen Nachmittag dieses bisher so verregneten Frühlingstages reißt der Himmel auf, ahnt man die Schönheit dieses Lebens, von der in den Stunden davor so viel gesprochen wurde. Hängematten schaukeln, Windelpopos hüpfen über die noch nassen Wiesen, mit einem Mal kommt Leben in den eben fast ein bisschen verschlafen wirkenden Ort, der von sechs Erwachsenen, acht Kindern, einer Handvoll Hühnern und zwei Katzen bewohnt wird. „Hey, kommt ihr nachher noch zu uns?“, ruft Luna winkend zu Frida rüber. Luna ist das älteste der acht Kinder, geht in die fünfte Klasse. Dort hat sie unlängst ein Referat gehalten: über das Leben in der Jurte. Die Klasse war so begeistert, dass an den eigentlichen Vortrag noch eine Fragestunde drangehängt wurde. Was aber nicht heißt, dass Luna alles nur positiv sehe, schmunzelt Nadja. „Klar, der Gedanke, dass unsere Kinder eines Tages alles ganz anders machen, bewegt uns schon“, sagt David. Vieles ist denkbar für Nadja und David, nur nicht, eines Tages wieder in ein Haus zu ziehen.

Es ist ihnen zu wertvoll: den Wind beim Einschlafen in den Bäumen rauschen zu hören oder auch die paar Meter zu gehen, um dann in die nahe Ammer zu hüpfen, was besser erfrische als jedes Duschbad. Gerne würden sie eines Tages in die Mongolei reisen und sich anschauen, wie die Jurte dort, wo sie herkommt, bewohnt wird. Aber auch ohne das je gesehen zu haben und auch mitten im tiefsten Bayern bleibt dieses Gefühl, zu etwas hingeführt worden zu sein, was einfach sein soll. Zu einem Leben jenseits eines fragwürdigen Luxus, so Nadja. Und dafür, sagt sie, verspüre sie tiefe Dankbarkeit.

4 comments on “Eine Familie in der Jurte

  1. Beeindruckend. Ich lebe auch in einer Jurte und habe auch das gefühlt – „es fällt ab“, es ist ein wunderbares Leben, Regentropfen zu hören, die Sterne zu sehen… Mögen noch viel junge Familien ihren Kindern so ein wunderbares Leben bieten.
    Herzliche Grüße Christiane
    von der Finca Pata Negra, Almunecar, Andalusien

  2. Dominique Strebl

    Klingt alles ganz toll.
    Wir sind 2 Menschen zwischen 65 und 70 und sind am planen unsere letzte Lebensabschnitt
    in einer Jurte zu leben.
    💕 auch liebe Grüße von Dom aus Wiednitz in Sachsen!

  3. Lydia Schöpf

    Ihr Lieben,
    ich bin noch am Anfang meiner Planung, weshalb mich zunächst folgende Frage beschäftigt.
    Welche Voraussetzungen braucht der Standplatz der Jurte?
    Zu allem was man baut gibt es doch heute Bauvorschriften, wie sieht es denn damit aus, was muss ich beachten? Wie finde ich meinen Platz?
    Ich freue mich über Tipps und Wissen!!
    Herzlichen Dank und herzlichte Grüße aus Süddeutschland
    Lydia

  4. Liebe Nadja, lieber David, wir verkaufen Jurten und machen leider die Feststellung, dass Privatpersonen ihre Jurte nicht einfach aufstellen können – schon gar nicht im Außenbereich. Ich habe verstanden, dass Ihr einen Bauernhof gefunden habt und frage mich nun, wie Ihr die Erlaubnis zum aufstellen der Jurten bewirkt habt. Vielleicht können wir dazu einmal telefonieren? Ich würde Eure Erfahrungen und Tipps gerne an die Menschen weitergeben, die uns mittlerweile fast täglich kontaktieren… Über eine kurze Antwort, ob ihr euch das vorstellen könnt, würde ich mich freuen und sende viele Grüße, von Herzen, Daniela P. S. : Meine Mobilnummer ist 0178-2577889

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