Werde Magazin - Madeleine Alizadeh

„ Große Veränderungen sind machbar, man muss sie nur wollen.“

Die Influencerin und Unternehmerin Madeleine Alizadeh spricht im Werde Interview über faires Unternehmertum, Alltagsrassismus, Wege aus dem Burnout und über die Notwendigkeit, sich politisch zu engagieren.

Vor knapp zehn Jahren hat Madeleine Alizadeh ihr Blog Dariadaria gestartet. Irgendwann war sie es jedoch leid, (Fast) Fashion Outfits zu posten oder über neueste Kosmetikprodukte zu berichten. Mit ihrem 2017 gegründeten Modelabel Dariadéh versucht sie nun, die Modeindustrie nachhaltiger zu gestalten. Und will den großen Labels irgendwann Konkurrenz machen.

Werde Magazin - Madeleine Alizadeh

Anfangs hast du über konventionelle Mode und Kosmetik berichtet. Inzwischen setzt du dich für Feminismus und Gleichberechtigung und gegen den Klimawandel ein. Wie kam es zu diesem Sinneswandel? 

Madeleine Alizadeh Ich bin in einem recht politischen Haushalt aufgewachsen, in dem gesellschaftspolitische Themen relevant waren. Bereits mit 13 habe ich angefangen, mich politisch zu engagieren. Im Alter von 14 habe ich meinen ersten ehrenamtlichen Job ausgeübt. Ich hatte also schon recht früh die Tendenz dazu, mich sozial und politisch zu engagieren.

Nach der Schule hast du dann angefangen, Politikwissenschaften zu studieren.

Madeleine Alizadeh Ja, nach meinem Abitur habe ich eine Zeit lang Politikwissenschaften und Ethnologie studiert. Aber dann bin ich mit dem Lifestyle-Blogging in eine etwas oberflächlichere Welt eingetaucht, bis ich 2013 die Dokumentation „Gift auf unserer Haut“ gesehen habe. In dieser Dokumentation geht es um Ledergerbereien in Bangladesch. Im selben Jahr ist der Fabrikkomplex Rana Plaza in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka eingestürzt. Dieser Film hat sozusagen den Grundstein für mein späteres Engagement gelegt. Ab dem Moment habe ich beschlossen, Fast Fashion-Unternehmen keine Plattform mehr zu bieten und nur noch nachhaltige Labels zu unterstützen.

Im Sommer 2015 hast du deine Reichweite in den sozialen Netzwerken genutzt, um auf die Zustände in einem Erstaufnahmelager für Geflüchtete aufmerksam zu machen. Du hast Spenden gesammelt, bist zu Behörden gegangen und hast eine Privatunterkunft für eine irakische Familie organisiert. Schließlich hast du einen offenen Brief an das österreichische Innenministerium geschrieben.

Madeleine Alizadeh Diesen Brief habe ich damals aus purer Verzweiflung geschrieben. Der Brief hat sich kurz darauf im Netz verbreitet und so viel Gehör gefunden, dass der irakischen Familie am Ende eine Verfahrenskarte ausgehändigt wurde. Seitdem bin ich mit meinen Themen immer spitzer, konkreter und politischer geworden. Aber leider kam im Zuge meines politischen Engagements auch sehr viel Hass, vor allem von Rechts. Ich habe sogar Morddrohungen erhalten.

Wie gehst du damit um?

Madeleine Alizadeh Eine Studie, die von der „Weißer Ring Stiftung“ in Auftrag gegeben wurde, hat gezeigt, dass Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, automatisch auch mehr Hass erfahren. Den Großteil dieser Kommentare versuche ich zu ignorieren. Wenn es sich um konstruktive Kritik handelt, versuche ich darauf einzugehen aber eigentlich möchte ich dem so wenig Bühne wie möglich geben. Das variiert aber je nach Tagesform. Grundsätzlich versuche ich zu akzeptieren, dass ich Teil der Öffentlichkeit bin und dass man ab einen gewissen Punkt keine Kontrolle über das hat, was die Öffentlichkeit schreibt oder sagt.

Woher kommt dein Wille, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und dich für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz einzusetzen?

Madeleine Alizadeh Ganz einfach: Ich habe einen sehr stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Dadurch, dass ich mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen bin, habe ich schon früh Ungerechtigkeit miterlebt. Etwa, dass alleinerziehende Mütter auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden. Zudem haben mir meine Eltern moralische und ethische Werte vermittelt. Diese habe ich später in Engagement für Tiere und Natur umgesetzt, auch wenn meine Eltern mir gar nicht explizit diese Werte vorgelebt haben.

Du bist in Österreich geboren und aufgewachsen und hast väterlicherseits iranische Wurzeln. Hat dein eigener multikultureller Hintergrund Einfluss auf dein politisches Engagement?

Madeleine Alizadeh Mein Vater war Menschenrechtsaktivist und hat vielen Menschen in Zeiten der Iranischen Revolution geholfen, aus dem Iran zu fliehen. Zwischenzeitlich hat einer dieser Geflüchteten bei uns zu Hause gewohnt. Als meine Geschwister und ich später alleine mit meiner Mutter zusammengelebt haben, gab es immer wieder Menschen, die aus anderen Ländern kamen und bei uns gewohnt haben. Eine Frau aus Ex-Jugoslawien etwa, die kostenlos bei uns gewohnt und gegessen hat und dafür meine Mutter bei der Kinderbetreuung unterstützt hat. Ich bin also bereits früh mit Menschen in Kontakt gekommen, die sehr viel durchgemacht und mir ihre Geschichten erzählt haben.

Wirst du deinem Empfinden nach im Alltag häufiger mit Rassismus konfrontiert, als Freunde und Bekannte mit hellerer Hautfarbe?

Madeleine Alizadeh Ja, mit Alltagsrassismus werde ich häufig konfrontiert, allein schon aufgrund meines persischen Nachnamens. Erst heute wurde ich wieder gefragt „Woher kommst du denn?“. Ich habe dann geantwortet, dass ich aus Österreich komme. Allerdings bin ich aufgrund dessen, dass ich in diesem Land geboren und aufgewachsen bin, lange nicht so stark von Rassismus betroffen, wie andere Menschen. Beispielsweise Menschen, die gerade erst Asyl beantragt haben. Die Erfahrung von Rassismus ist jedoch immer auch im Kontext zu sehen. Wenn ein Taxifahrer seit 30 Jahren von jedem Fahrgast gefragt wird, woher er denn kommt, dann kann das durchaus verletzend sein und als rassistische Erfahrung wahrgenommen werden.

Und das, obwohl es ja eigentlich nett gemeint ist.

Madeleine Alizadeh Selbstverständlich. Aber wenn man immer wieder auf seine Andersartigkeit hingewiesen wird, ist das unter Umständen eine schmerzhafte Erfahrung. Das kann noch so gut gemeint sein. Wenn es beispielsweise der größte Wunsch einer Person ist, nicht als fremd wahrgenommen zu werden, dann kann die wiederkehrende Herkunftsfrage sehr verletzend sein. Oft handelt es sich auch einfach um eine „Möchtegern-Aufgeschlossenheit“. Ein Gespräch im Stil von „Ah, ich war auch einmal in Ägypten. Zum Tauchen.“ dient oftmals bloß dazu, zu untermauern, dass man ein weltoffener, interessierter Mensch ist. Dabei vergisst man gerne, was die Frage nach der Herkunft bei dem Gegenüber auslöst. Denn der Mensch möchte vielleicht einfach nur als Österreicher wahrgenommen werden, anstatt ständig auf seine Differenz angesprochen zu werden.


Werde Magazin - Madeleine Alizadeh

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Aktuell folgen dir über 230.000 Menschen auf Instagram. Wie würdest du deine Fangemeinde beschreiben?

Madeleine Alizadeh Meine Community setzt sich aus extrem engagierten, interessierten und kritischen Menschen zusammen. Ich bin sehr froh, Follower zu haben, die nicht alles blind annehmen, sondern vieles hinterfragen. Und ich glaube, dass wir die gleichen Wertvorstellungen teilen und dass viele ähnlich sensibel sind.

Vor knapp drei Jahren hattest du einen Burnout. Was hast du in dieser schwierigen Lebensphase über dich gelernt?

Madeleine Alizadeh Eine gesunde Abgrenzung von meinem Beruf ist noch immer ein großes Thema für mich. Manchmal fällt es mir leichter, mich abzugrenzen, manchmal schwerer. Ich bin auf jeden Fall eine große Befürworterin der Therapie. Denn ich glaube, dass eine Therapie in allen Lebensbelangen helfen kann. Sowohl berufliche, als auch partnerschaftliche und persönliche Probleme lassen sich damit sehr gut in den Griff bekommen. Man sollte also keine Angst vor einer psychotherapeutischen Begleitung haben, sondern, ganz im Gegenteil, sie als große Chance begreifen.

Welche Selbstschutzmaßnahmen hast du seitdem ergriffen, vor allem in punkto des eigenen Social Media-Verhaltens?

Madeleine Alizadeh Für mich funktionieren bewusste Auszeiten vom Smartphone nur, wenn ich das Handy konsequent abschalte und wenn es sich in einem anderem Raum befindet. Ich habe Phasen, in denen es mir gelingt, das Smartphone vor 9 Uhr in der Früh und nach 20 Uhr am Abend nicht mehr in die Hand zu nehmen, aber ehrlicherweise tue ich mich schwer damit, das konsequent durchzuhalten. Wichtig ist, dass man sich keine unerreichbaren Ziele setzt, die zusätzlichen Druck auf einen ausüben. Stattdessen geht es darum, realistische Ziele für sich zu definieren.

2017 hast du dein ökofaires Modelabel Dariadéh gegründet. Bei jeder getätigten Bestellung werden 50 Cent an karitative Zwecke spendet. Welche Kriterien berücksichtigst du bei Materialien und Fertigung?

Madeleine Alizadeh Inzwischen habe ich die Produktion von Bangladesch nach Portugal verlegt. Einfach, weil ich näher am Geschehen sein und die Gewissheit haben wollte, dass ich jederzeit hinfahren und mir alles anschauen kann. In den vergangenen sechs Monaten habe ich mich sehr intensiv mit Materialien beschäftigt und bin zur nerdigen Expertin avanciert, denn ich wollte Kleidungsstücke herstellen, die so durchdacht wie möglich sind. Was ich zuvor nicht wusste und was auch die meisten Kundinnen nicht wissen: In jedem Textil ist ein Fremdfaseranteil von bis zu 3 % enthalten, der nicht deklariert sein muss. Sprich, es kann sein, dass ein T-Shirt zwar zu 100 % aus Biobaumwolle besteht, dass die Fäden jedoch aus Polyester sind. Mein Ziel ist es, Kleidung herzustellen, die komplett biologisch abbaubar ist.

Wie machst du das?

Madeleine Alizadeh Wir verwenden ausschließlich Naturfasern oder Tencel, eine aus natürlichen Rohstoffen industriell hergestellte Faser. Sämtliche unserer Fäden etwa sind aus Tencel, die Gummizüge in den Hosen bestehen aus Biobaumwolle und Naturkautschuk, zudem verwenden wir ein biologisch abbaubares Elastan. Dieses besteht zwar immer noch zu 30 % aus Mineralöl, der Anteil ist jedoch so gering, dass er sich ohne ökotoxische Rückstände in der Natur zersetzt. Außerdem erfolgt unser Versand komplett CO2-neutral, unsere Kleidungsstücke werden zu keinem Zeitpunkt der Lieferkette einzeln in Plastik verpackt und später in recycelten Kartons an die Kunden verschickt. Wir verzichten auf Hangtags und Metallklammern. Die Knöpfe, die wir verwenden, sind ebenfalls organisch. Sie werden aus Nüssen statt aus Plastik produziert.

Wenn es dir gelungen ist, dir in sechs Monaten so viel Expertise anzueignen, weshalb schaffen das nicht auch große Konzerne wie Zara oder H&M?

Madeleine Alizadeh Große Veränderungen sind absolut machbar, man muss sie nur wollen. So lange das Kerngeschäft dieser Textilkonzerne jedoch auf Fast Fashion basiert, wird es keine spürbaren Veränderungen geben. Genau aus diesem Grund muss man die Unternehmen dringend in die Verantwortung nehmen und darf sie nicht länger mit Samthandschuhen anfassen.

Wie gelingt dir der Spagat, einerseits ökofaire Kleidung zu produzieren, diese zu erschwinglichen Preisen zu verkaufen und zugleich wirtschaftlich rentabel zu sein?

Madeleine Alizadeh Wir haben relativ kleine Gewinnmargen von 10 bis 15 %. Das ist wirklich nicht viel. Aber der langfristige Plan ist natürlich, das Ganze zu skalieren. Je erschwinglicher unsere Kleidung ist, desto mehr Menschen können sie sich auch leisten und desto eher können wir eine echte Alternative zu Fast Fashion sein.

Das bedeutet im Moment kleine Stückzahlen?

Madeleine Alizadeh Genau. Wir steigern die Stückzahlen nach und nach. Zunächst haben wir 200 Kleidungsstücke pro Modell produziert. Die Kollektion war innerhalb von einer Woche ausverkauft. Jetzt lassen wir die doppelte Menge nachproduzieren. Somit haben wir keine überschüssige Ware im Lager liegen, zudem haben wir kaum Rücksendungen. Natürlich wäre es wesentlich günstiger, wenn man 10.000 Stück von einem Pullover in Auftrage geben würde, statt einiger Hundert. Aber ich habe ganz bewusst keinen Investor, sondern finanziere alles aus meinem Privatvermögen. Ich möchte das langsam und mit Bedacht angehen und sinnvoll planen und kalkulieren. Das ist der Vorteil von organischem Wachstum. Mein Ziel ist es, als großes Fair Fashion Label eine ernstzunehmende Konkurrenz zu Fast Fashion Labels zu werden, die sich ungefähr im selben Preissegment bewegen. Wie etwa Cos und Zara – mit dem Unterschied, dass wir nach bestem Gewissen handeln und niemanden ausbeuten.

Wie kommt es, dass eure Rücksendequote so gering ist?

Madeleine Alizadeh Wir verweisen im Onlineshop explizit auf die genauen Maße und animieren unsere Kundinnen dazu, im Zweifel nachzumessen. Wir veranstalten regelmäßig Events, bei denen man unsere Kleidungsstücke vor Ort anprobieren kann und beantworten sämtliche Kundenfragen gewissenhaft. Außerdem bieten wir ganz bewusst keinen Gratis-Rückversand an. Im nächsten Schritt wollen wir die einzelnen Kollektionsteile an verschiedenen Kleidergrößen fotografieren, so dass die Kundinnen sehen können, wie diese an einer Größe S, M oder L aussehen.

Der Verzicht auf einen Investor bedeutet zwangläufig ein ziemlich hohes unternehmerisches Risiko für dich.

Madeleine Alizadeh Ja, allerdings. Ich setze gerade alles auf eine Karte und investiere mein gesamtes Erspartes. Aber dieser Unternehmergeist ist sehr wichtig und ich habe Freude am Risiko. Ich glaube, nur wenn man bereit ist, Risiken einzugehen, kann man auch etwas bewegen und Dinge im Großen verändern.

Es ist sicherlich auch ein schönes Gefühl zu sehen, wie viele Menschen inzwischen dank deines stetig wachsenden Labels eine Beschäftigung haben.

Madeleine Alizadeh Man wird ja schnell dafür kritisiert, wenn man mit einer Tätigkeit Geld verdient, besonders als weibliche Unternehmerin. Dabei ist absolut nichts Falsches daran, mit konstruktivem Unternehmertum Geld zu verdienen. Das ist ja auch die Idee, die der Gemeinwohlökonomie zugrunde liegt – nämlich dass das ökonomische Schaffen dem Gemeinwohl dienen soll. Geld ist das Mittel. Und der Zweck ist es, dass es den Menschen besser geht. Oder, um es mit einem schönen Zitat von Markus Koza (Anm. d. Red.: Fraktionsvorsitzender von Die Grünen Wieden aus Österreich) zu sagen – Geld ist wie Kuhmist: Kuhmist auf einem Haufen stinkt, aber wenn man Kuhmist schön gleichmäßig auf einen Acker verteilt, ist es der beste Dünger überhaupt.

Wie gehst du mit dem Vorwurf der generalisierenden Konsumkritik um?

Madeleine Alizadeh Natürlich werde ich mit Vorwürfen im Stil von „Wie kannst du gegen Ressourcenverschwendung sein und gleichzeitig neue Produkte herstellen?“ konfrontiert. Wir sind jedoch eine Konsumgesellschaft und diese werden wir nicht von heute auf morgen abschaffen können. Deshalb ist es mein Anliegen, in den kommenden Jahren eine faire Alternative zu Fast Fashion anzubieten. Zudem sind wir gerade dabei, ein Rücknahmesystem zu entwickeln. Wenn eines unserer Kleidungsstücke in zehn Jahren nicht mehr tragbar ist, möchte ich als Herstellerin die Verantwortung dafür übernehmen und Kleidung beispielsweise kompostieren oder eine Plattform für gebrauchte Textilien kreieren.

Was tust du im Privaten, um deinen ökologischen Fußabdruck so minimal wie möglich zu halten?

Madeleine Alizadeh Ich beziehe Ökostrom, fahre viel mit dem Fahrrad, fliege keine Kurzstrecken mehr und fahre sehr viel mit der Bahn. Ich ernähre mich vegan, kaufe Biolebensmittel und möglichst wenig Produkte mit Verpackung. Ich kaufe viele gebrauchte Sachen oder lasse Dinge reparieren, außerdem spende ich regelmäßig Geld an Institutionen und Initiativen, wie etwa an das „Klimavolksbegehren“. Das sind alles Sachen, die ich auf individueller Ebene tue. Der größte und wichtigste Schritt für mich jedoch war es, das Kreditinstitut zu wechseln und zu einer nachhaltigen Bank zu gehen. Außerdem habe ich mich im Juli für Die Grünen ausgesprochen und für diese Partei symbolisch am letzten Listenplatz kandidiert. Denn die wirklich wichtigen Dinge werden nun mal auf wirtschaftlicher und politscher Ebene beschlossen. Deshalb finde ich es extrem wichtig, sich politisch einzumischen.

Madeleine Alizadeh

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Madeleine Alizadeh

Du hast ein Buch geschrieben: „Starkes weiches Herz – Wie Mut und Liebe unsere Welt verändern können“. Worum geht es?

Madeleine Alizadeh In dem Buch beantworte ich die großen Lebensfragen, die ich mir in den vergangenen zehn Jahren gestellt habe. Ich beschreibe beispielsweise Hindernisse, die ich in meiner Selbständigkeit als Frau erlebt habe und arbeite typische Gegensätze auf. Ich versuche mit Kategorisierungen, Vorurteilen und Schwarz-Weiß-Denken zu brechen. Etwa mit Glaubenssätzen wie „Wenn du Veganer bist, musst du automatisch auch Die Grünen wählen oder Fahrrad fahren.“ Denn genau so funktioniert ja leider auch Populismus. Mein Buch ist ein Appell, Themen differenziert zu betrachten und zu diskutieren.

Weshalb stellt es für dich keinen Widerspruch dar, gleichzeitig stark und weich zu sein?

Madeleine Alizadeh Der Titel spiegelt wider, welche Art von Menschen Vorbilder für mich sind. Nämlich Menschen, die eine gewisse Härte und ein starkes Durchsetzungsvermögen haben und zugleich Liebe und Wärme in sich tragen. Das ist eine unglaublich gute Mischung und ich glaube, Menschen mit genau diesen Eigenschaften brauchen wir aktuell in der Politik. Menschen, die smart und konsequent sind, die Durchblick haben und gleichzeitig über Empathie und Einfühlungsvermögen verfügen und die die scheinbaren Gegensätze ‚stark’ und ‚weich’ in sich vereinen. Derzeit sehe ich immer nur das Eine oder das Andere.

Welche Personen der Öffentlichkeit beeindrucken dich derzeit?

Madeleine Alizadeh Alexandria Ocasio-Cortez ist eine unglaublich starke, weiche Frau. Sie ist knallhart, konsequent und nimmt kein Blatt vor den Mund, gleichzeitig ist sie auch sehr nahbar, freundlich und sanft. Auch die amerikanische Präsidentschaftskandidatin Marianne Williamson oder Carola Rackete bewundere ich sehr. Das sind spannende und mutige Persönlichkeiten.

Was macht dir Hoffnung?

Madeleine Alizadeh Hoffnung macht mir vor allem die junge Generation. Sie ist extrem informiert, was die Klimakrise betrifft. In gewisser Weise erziehen Kinder gerade ihre Eltern. Besonders die junge Future-Bewegung stellt in meinen Augen eine große Gegenbewegung zu Nationalisten und Populisten dar. Da passiert gerade zum Glück ganz viel. Und so tragisch es auch ist, macht es mir Hoffnung, dass sich inzwischen 99 % der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einig über das Thema Klimawandel sind. Denn damit erhöht sich endlich auch der Druck auf Politik und Wirtschaft. Leider gibt es aktuell immer noch viel zu wenige Frauen in der Politik. Dabei ist es höchste Zeit, sich von alten Berührungsängsten zu befreien und politisch zu äußern.

Wie sollten wir leben?

Madeleine Alizadeh Ich will mir nicht anmaßen, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Für mich persönlich kann ich nur sagen, dass mir Werte wie Respekt, Toleranz und Verständnis sehr am Herzen liegen und dass ich in einer gerechten Welt leben möchte – damit meine ich sowohl Klimagerechtigkeit als auch soziale Gerechtigkeit.

Welche Bücher und Podcasts kannst du empfehlen?

Madeleine Alizadeh Ich kann sämtliche Bücher der US-Professorin Brené Brown sehr empfehlen. Von ihr habe ich gelernt, gleichzeitig weich und radikal zu sein. Wer sich verstärkt mit den Themen Kapitalismus und (Klima-)Politik auseinandersetzen möchte, dem kann ich die Bücher von Naomi Klein ans Herz legen. Zu den vielen Podcasts, die ich gerne höre, zählen unter anderem der österreichische Podcast „Ö1 Journal“, „The Daily“ von The New York Times, „The Ezra Klein Show“, ein Podcast, der sich mit den Machtakteuren in der Politik und den Medien beschäftigt, sowie der Podcast „Terrible, Thanks For Asking“, der das ehrliche Sprechen über unseren Schmerz, unsere Unbeholfenheit und unsere zutiefst menschlichen Seiten propagiert.

 

Zur Person

2010 hat die Österreicherin Madeleine Sophie Daria Alizadeh ihr Blog Dariadaria ins Leben gerufen. Statt über Kosmetik und Fast Fashion zu berichten, setzt sich die Influencerin und Unternehmerin heute für mehr Nachhaltigkeit in der Modeindustrie ein. Sie spricht auf Ted-Konferenzen, im EU Parlament und vor UN Women und setzt sich ebenso für Feminismus und Gleichberechtigung ein, wie für die Rechte von Geflüchteten und den Schutz unserer Umwelt. Zudem versucht sie, ihren Plastikverbrauch auf ein Minimum zu reduzieren, bewusst und wenig zu konsumieren und möglichst häufig mit der Bahn zu fahren, statt zu fliegen. In ihrem Podcast „A Mindful Mess“ klärt sie auf leicht verständliche Art komplexe nachhaltige Themen. Ende August 2019 ist ihr Buch „Starkes weiches Herz“ erschienen.