Werde Magazin-Milena Glimbovski

Mein Leben ohne Müll

Es gibt Menschen, die nehmen sich viel vor, um es dann doch nie zu machen. Anders Milena Glimbovski, Gründerin des Berliner „Original Unverpackt“– Supermarkts und Vorreiterin des Zero-Waste-Lifestyles in Deutschland.

Sie haben in Berlin einen verpackungsfreien Supermarkt eröffnet, einen Verlag für Achtsamkeitskalender gegründet und ein Buch über Ihr Leben ohne Müll geschrieben. Was treibt Sie an?
Milena Glimbovski: Praktisch oder psychologisch? Praktisch treibt mich an, dass es mir Spaß macht, einfach loszulegen. Dafür bin ich auch bereit, dass nicht alles 100 Prozent perfekt wird, sondern nur zu 80 Prozent, und meistens reicht das. Das war schon in der Schule so und ist es auch heute noch. Psychologisch betrachtet kommt das daher, dass ich eine Aufmerksamkeits- Defizit-Hyperaktivitäts-Störung habe, also ADHS. Deswegen kann ich mich auch schnell auf neue Ideen stürzen und vergesse dabei die Welt links und rechts um mich herum. Aber das hält meist nicht lange an.

Werde Magazin-Milena Glimbovski

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Würden Sie das als Ihr Erfolgsgeheimnis bezeichnen?
Milena Glimbovski: Tatsächlich ja. Ich habe auch herausgefunden, dass ich Projekte schnell profitabel machen muss, damit ich Leute einstellen kann, die für mich das Tagesgeschehen übernehmen. Sowohl im Laden als auch im Verlag erledigt ein Team diese Aufgaben, denn ich habe gelernt, Dinge schnell abzugeben an Menschen, die das diszipliniert durchziehen können.
Wissen Sie noch, was Sie als Kind werden wollten?
Milena Glimbovski: Meine Jobwünsche haben jedes halbe Jahr gewechselt. Mit 17 wollte ich Männermodedesign an einer Universität in London studieren. Ich bin sogar hingeflogen und habe mir die Uni angeschaut. Ein halbes Jahr später sollte es dann Jura sein. Und lange Zeit wollte ich dann Schauspielerin werden.

Wann sind Sie dann zum ersten Mal mit den Themen Nachhaltigkeit und Zero Waste, also Müll im Alltag zu vermeiden, in Berührung gekommen?
Milena Glimbovski: Als ich mit etwa 15 Jahren angefangen habe, bei der Grünen Jugend in Hannover mitzumachen. Die Treffen fanden immer mittwochabends statt, und ich dachte mir, das ist etwas Politisches und aufklärend. Dort kam ich zum ersten Mal mit Themen wie dem Grundeinkommen und Fair Trade in Berührung. Mit Zero Waste habe ich mich auseinandergesetzt, als ich den Laden geplant habe. Der erste Gedanke war: Ich möchte Müll vermeiden. Schließlich begegnete mir bei meinen Recherchen Bea Johnson. Sie ist sozusagen die Urmutter des Zero Waste in den USA. Vor „Original Unverpackt“ hatte ich bereits ökologisch gelebt, aber seit der Eröffnung im September 2014 kaufe ich nur noch dort ein.

Wie hat sich Ihr Alltag dadurch verändert?
Milena Glimbovski: Ich habe gelernt, meine Einkäufe besser zu planen. Ich fahre also nicht mehr jeden Tag kurz zum Supermarkt, sondern versuche, das ein- bis zweimal pro Woche zu erledigen. Und ich habe angefangen zu kochen, das ist einfach gesünder und spart Geld. Früher hatte ich ziemlich viel Müll, weil ich viele Fertigprodukte gekauft habe. Das Tollste an Zero Waste ist aber die Community, ich mag diesen Menschenschlag total gerne: Leute, die idealistisch sind, an etwas glauben und ökologisch und sozial denken. Die alle versuchen, das Thema auf eine hippe und entspannte Art rüberzubringen, und dabei zeigen, dass es auch Spaß macht. Etwa dass man sich immer noch genial kleiden kann und nicht plötzlich in „Hippieklamotten“ rumlaufen muss.

Gibt es etwas, was Sie am Anfang noch gar nicht wussten?
Milena Glimbovski: Es ist tatsächlich manchmal bei bestimmten Themen wie ein Fass ohne Boden. Womit ich mich immer noch schwertue, ist zu entscheiden, was mir wichtiger ist: eine geringere CO2-Bilanz oder das Vermeiden von Plastik. Beides ist gut für die Umwelt, aber auf unterschiedliche Art. Und das kann in einem Widerspruch stehen.

Zum Beispiel?
Milena Glimbovski: Ich kaufe in Plastikfolie eingeschweißtes Toilettenpapier. Es ist zwar Recyclingtoilettenpapier, von einer Ökofirma in recycelte Plastikfolie verpackt. Es ist zwar recycelt, aber immer noch Plastik. Ich habe für mich dann irgendwann entschieden, eher auf eine bessere CO2-Bilanz zu achten, als Plastik komplett zu vermeiden. Klopapier ist einfach eine dieser Ausnahmen. Auch Bambustoilettenpapier aus Asien oder teures plastikfreies Klopapier sind keine Alternative für mich.

Was kann jeder ganz einfach tun, um weniger Müll zu erzeugen?
Milena Glimbovski: Sich einen Mehrwegbecher für Coffee to go anschaffen. Keine Kapselmaschinen benutzen. Oder, wenn man schon eine hat, wiederbefüllbare Kapseln verwenden. Ich würde aber jedem erst einmal empfehlen, sich seinen eigenen Müll anzuschauen. Ich hatte zum Beispiel meinen Lebensstil umgestellt und hatte trotzdem immer noch sehr viel Papiermüll. Jetzt nehme ich auf Veranstaltungen bewusst keine Zeitschriften, Flyer oder Visitenkarten mehr mit. Bei den meisten Menschen sind es aber die Lebensmittel: Obst- und Gemüseverpackungen lassen sich leicht vermeiden, wenn man auf den Markt oder in den Bioladen geht. Das würde ich allen empfehlen. Einfach mal nachschauen, wie man in seiner Stadt einkaufen kann, auch wenn es keinen Unverpackt-Laden gibt.

 

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Wie sind Sie auf das Thema Achtsamkeit gekommen?
Milena Glimbovski: Ich hatte vor fast drei Jahren einen Burn-out, weil ich Vollzeit gearbeitet habe und versucht habe, gleichzeitig Vollzeit zu studieren. Durch einen Zusammenbruch habe ich gelernt, dass mein Körper auch Wünsche und Bedürfnisse hat und ich nicht einfach machen kann, worauf ich Lust habe. Das war mir vorher einfach nicht bewusst. Ich bin 25 Jahre durch mein Leben gelaufen, ohne zu wissen, dass da was ist, worauf ich hören muss. Durch geführte Meditationen kam ich zum Thema Achtsamkeit. Damals hat mein Kumpel Jan Lenarz bei mir gewohnt und sich um mich gekümmert. Gemeinsam haben wir Aufgaben gesucht, die mir dabei helfen sollen, herauszufinden, was ich ändern will. Daraus haben wir einen Kalender gemacht und dafür eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Mittlerweile sind wir im dritten Jahr mit „Ein guter Plan“, jede Auflage war bisher ausverkauft. Auch die gleichnamigen Bücher sollen anderen Menschen helfen, herauszufinden, was sie wollen, wo sie gerade stehen und wie sie reduzieren können, wenn ihnen alles zu viel wird. Dabei wollen wir Hilfestellung geben.

Wie vermeiden sie es, bei all ihren Projekten in den nächsten Burn-out zu rutschen?
Milena Glimbovski: Ich war tatsächlich schon öfter wieder kurz davor. Ich neige einfach dazu, immer Ja zu sagen. Doch wenn ich merke, dass es zu viel wird, sage ich alle Termine ab und nehme mich zurück. Durch die Meditation habe ich gelernt, konzentrierter zu sein und meine Gedanken besser im Griff zu haben. Ich würde das nicht missen wollen.

Stichwort Minimalismus: Was brauchen sie zum glücklichsein?
Milena Glimbovski: Ich brauche Bücher und ein paar schöne Kleidungsstücke, die ich alle gernhabe. Ich mag dieses Konzept des Wenigen. Denn so muss ich morgens nicht lange überlegen, was ich anziehe, und kann schnell auf den Punkt: Wenn es regnet, ziehe ich die Gummistiefel an, wenn es kalt ist, die gefütterten. Ich finde aber auch, dass Minimalismus nicht für jeden passt. Wer tatsächlich viele Dinge um sich herum braucht, weil sie ihn beruhigen oder einen kulturellen Hintergrund haben, der muss sie eben sammeln, und ich kann das verstehen.

Werde Magazin-Milena Glimbovski

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Was sind ihre nächsten Pläne?
Milena Glimbovski: Wir haben eine neue Firma namens Period gegründet und produzieren eine sogenannte soziale Menstruationstasse. Damit wollen wir auch sozial benachteiligten Frauen in Deutschland leichter Zugang zu Hygiene verschaffen, indem wir jeden Monat eine gewisse Menge an Tassen spenden und uns auch anderweitig engagieren.

Was ist ihre Vision?
Milena Glimbovski: Dass die breite Masse von Menschen sich der Umweltprobleme nicht nur bewusst ist, sondern auch bereit zu handeln. Und zwar in kleinen Schritten. Sei es, weniger Fleisch zu essen oder weniger zu fliegen. Und öfter mal das Fahrrad zu nehmen, gerade wenn man in der Stadt wohnt. Es gibt so viele kleine Dinge, die, wenn viele Menschen sie umsetzen würden, etwas gegen den Klimawandel bewirken könnten.

Was möchten sie teilen/mitteilen?
Milena Glimbovski: Man sollte sich ruhig trauen, auch unangenehm zu sein und derjenige oder diejenige, die andere auf etwas hinweist.