Chahboun

Moustaphas Gleichgewicht

Der Marokkaner Moustapha Chahboun baut in der Hochebene Meseta, zwischen Casablanca und dem Atlasgebirge herrliches Obst und aromatische Kräuter an. Ein Paradebeispiel für Artenvielfalt und Nachhaltigkeit.

Text Astrid Joosten        Foto Bernd Jonkmanns

Wenn Moustapha Chahboun morgens um sieben in den Himmel blickt und weiß, es wird ein heißer Tag, füllt er einen großen Trog mit Wasser für „Good“ und „Luck“. Die beiden Kühe tauchen hinter einer Reihe Orangenbäume auf, schlendern auf dem mit saftigen Gras bewachsenen Weg heran und bleiben erwartungsvoll stehen. Zeit für die Morgendusche. Moustapha Chahboun weicht die Hälse ein, sprüht die Rücken und Bäuche nass, sprengt die Hinterteile, bis das schwarz-weiße Fell vor Feuchtigkeit glänzt. Genüsslich wiegen die beiden Kühe die Köpfe hin und her und schauen ihn mit sanften, schwarzbraunen Augen an.

Farmer mit Kuh

Tiere und Menschen leben an diesem paradiesischen Ort in Einklang miteinander

Chahboun besitzt mit seiner kleinen Farm einen der ungewöhnlichsten Flecken Erde in ganz Marokko. Unter Olivenbäumen wächst Eisenkraut, neben dem Orangenhain Minze. Hinter Rosmarinbüschen reckt sich Lavendel empor, zwischen Aprikosen- und Maulbeer-, Clementinen-, Pfirsich- und Granatapfelbäumen stehen Immortellen und Bananenstauden, Wermut, Myrte. Eine Allee aus Palmen schlängelt sich durch das große Miteinander, das sich wie organisch verschlungen auf gerade mal achteinhalb Hektar drängt. Am Wegesrand wiegen sich Wildpflanzen, Disteln mit dicken lilafarbenen Blüten, Malven und Mohnblumen in einer sanften Brise. Dazwischen pickt eine Schar Hühner nach Insekten, kollern Truthähne, watscheln Enten und Gänse. Und auf dem Zweig eines Olivenbaums schreit ein Pfau.

Pfau Rosenblätter Gänse

Moustapha Chahboun nickt zufrieden: „Ich möchte die Artenvielfalt in unser Leben zurückbringen und die Natur wieder wirklich lebendig machen.“ Vor drei Jahren hat er angefangen, sein Naturparadies anzulegen. Keine Selbstverständlichkeit in der Meseta, der marokkanischen Hochebene zwischen Casablanca und dem Atlasgebirge. Auf goldgelben Feldern stehen die Halme von Gerste und Weizen dicht an dicht. Mitten in einer der Kornkammern Marokkos ragt Moustapha Chahbouns Farm wie eine grüne Insel aus dem Einerlei beim Dörfchen Guisser, als Ergebnis harter Arbeit und unkonventioneller Ideen.

Körbe mit Rosenblättern

Respekt für Flora und Fauna

Die Schalen von Aprikosenkernen knirschen unter seinen Füßen, als würde Chahboun über ein Körnerkissen laufen. Über zahlreiche Wege hat der Farmer sie gestreut, um die Wildp­flanzen in Schach zu halten. An einem Zelt aus grobem Netzstoff bleibt er stehen, einem Schutzraum, in dem die neuesten Mitbewohner des Biotops wachsen: blaue Kamillepflänzchen. „Ich bin der Erste, der sie in Marokko anp­flanzt“, erzählt er und fängt an, die P­flanztabletts hinauszutragen. 4000 der Kräuter sollen in die Erde gebracht werden. Er zeigt dem Vorarbeiter ein Flechtgitter aus Röhricht, an ihm sollen Weinranken hochwachsen, um der blauen Kamille Schatten zu spenden, wo sie nicht geschützt ist von den umliegenden Bäumen. „Ein Loch in den Boden graben und Kräuter, Blumen und Bäume p­flanzen, das kann jeder. Aber so einen Garten zu schaffen, das ist nicht nur Handwerk. Wir versuchen, uns um Flora und Fauna wirklich zu kümmern und ihr mit Respekt zu begegnen.“

Natur Frau mit Hund

Moustapha Chahboun blinzelt in die Sonne. Die vielen unterschiedlichen Lebensfäden in das Tuch der Natur weben, sodass sich Pflanzen und Tiere gegenseitig stützen – das ist seine persönliche Herausforderung. Er errichtet Schattenspender wie die Weinranken, pflanzt Rosenhecken als Schutz gegen den Wind, Lavendel gegen Blattläuse. „Alle existieren miteinander und sind im Gleichgewicht, so wie es in unserem Leben als Menschen auch sein sollte.“ Die Pfauen fressen giftige Spinnen, Skorpione und Schlangen. Die Enten und Gänse vertilgen Schnecken, und die Hühner picken nach kleinen Fliegen, die gern auf der Minze sitzen und den Pflanzensaft absaugen. Und die Kühe halten die Gräser auf den Wegen kurz und produzieren jede Menge Naturdünger.

„Ich möchte die Artenvielfalt in unser Leben zurückbringen“

Moustapha Chahboun ist Unternehmer mit einer grünen Seele. Der 49-Jährige leitet die Firma ARD Guisser, die ihm zusammen mit seinem älteren Bruder Jamal gehört. Die Firma destilliert aus Kräutern, Rosen, Aprikosenkernen, Orangenblüten und -schalen Pflanzenextrakte wie ätherische Öle und Pflanzenwasser (Hydrolate). Sie werden in der Naturkosmetik, in der Aromatherapie und für Parfüms genutzt. Seit 2010 gibt es in Marokko ein Bio-Siegel, Chahbouns Extrakte tragen zusätzlich das französische und US Öko-Label. Gleich neben dem großen Tor der Farm werden die Extrakte in einem lang gestreckten, halb offenen Bau hergestellt, in sechs großen, blanken Metallkesseln. Um genügend Zutaten für die Pflanzentinkturen zusammenzubekommen, bewirtschaftet er nicht nur die Farm bei Guisser, sondern auch 161 Hektar im Norden Marokkos, viereinhalb Autostunden entfernt.

Farm

Und er kauft Bio-Kräuter von den Bauern in der Nachbarschaft. Die Pflanzenreste, die nach der Destillation übrig bleiben, werden hinter den Orangenbäumen als Kompost für das Biotop gesammelt. Bienen summen und brummen in den Blüten der Olivenbäume und um eine silberne Teekanne, die auf einem Tisch steht. Es ist Frühstückspause auf einer kleinen Terrasse unter einem Dach aus geflochtenen Eukalyptuszweigen. Saadia, Moustaphas Cousine, stellt einen Korb mit frisch gebackenem Fladenbrot neben ein Schüsselchen Olivenöl, gepresst aus eigener Ernte. Cousin Hassan gießt den Minztee ein, in hohem Bogen, bis sich leichter Schaum in den Gläsern bildet – ein marokkanisches Ritual und Zeichen, dass das Teewasser gut abgekocht ist.

traditionelle Teekanne Arbeiter Paar

Cousin Khalid setzt sich auf einen der Stühle, tunkt ein Stück Brot ins Olivenöl und schiebt es sich in den Mund. ARD Guisser beschäftigt einen Teil der Großfamilie, so wie es sich gehört in einem Land, in dem es schwer ist, Arbeit zu finden. Saadia hilft bei der Pflanzenextraktion, Hassan ist Vorarbeiter auf der Farm und Khalid stellvertretender Manager. Moustaphas Frau Neide kümmert sich um die Tiere und um den kleinen Gemüsegarten, wo Tomaten und Auberginen, Zwiebeln, Paprika und Chilis für die eigene Küche gedeihen. Chahbouns Vater hat drei Sterne aus Rosmarin gepflanzt, um dem Betrieb seine guten Wünsche mitzugeben. Es sind Sterne mit fünf Zacken, so wie sie auf der Landesflagge Marokkos prangen.

Zitronenpflücken

Moustapha Chahboun sieht nicht nach Orient und Tausendundeiner Nacht aus, eher wie ein sonnengebräunter Mann, der Werbung für Rucksäcke macht, in denen man Laptops transportiert. Beim Sprechen sind Hände und Füße in ständiger Bewegung, und er spricht viel. Seine Frau sagt oft „Obama“ zu ihm, weil Chahboun immer am Reden und am Überzeugen ist, gepackt von einer Idee, einer Mission. Er gehört nicht zu den Menschen, die in philosophischer Ruhe über ihre Herausforderungen nachdenken und Schritt für Schritt an ihren Idealen basteln. Er legt einfach los. Das Gefühl für die Natur hat Moustapha von seinem Vater. In der Provinz Ben Slimane im Zentrum des Landes ist Chahboun aufgewachsen, auf einer Olivenplantage am Rand eines Naturschutzgebietes. Sein Vater war Förster und verantwortlich für das Waldgebiet, an dem die Familie wohnte. „Er hat die Natur sehr geliebt und uns Kindern Verantwortung und Respekt beigebracht für alles, was lebt.“ Mit seinen acht Geschwistern hat Moustapha sich wie selbstverständlich um den großen Gemüsegarten gekümmert. Auch dass sie jeden Tag fünf Kilometer zur Schule laufen mussten und am Nachmittag die ganze Strecke zurück. Später studierte er in Casablanca Biochemie und fing mit seinem Bruder Jamal an, Pflanzenextrakte zu destillieren und zu verkaufen. Aber ihm war Marokko zu eng, zu konservativ, zu unbeweglich.

Der amerikanische Traum

Mit 33 Jahren wanderte er nach Massachusetts in die USA aus und fand eine Stelle als Biochemiker. „Ich hatte meine Freiheit und ein gutes Leben.“ Keiner, der kontrollierte, mit wem er Umgang hatte, oder ihn in Schwierigkeiten bringen würde, weil er etwa über den König lästerte. Im November 2011 rief Jamal, der Lieblingsbruder, an und bat ihn eindringlich, wieder nach Hause zu kommen. Der Markt für Naturkosmetik und Naturmedizin war erfolgreich, die gemeinsame Firma wuchs, und es gab so viel zu tun, dass Jamal es allein nicht mehr schaffte. Moustapha überlegte. Er hatte einen guten Job, viele Freunde, und es gab seine Frau Neide Gonçalves, eine Brasilianerin. In den letzten Jahren träumte er immer wieder davon, in der Natur und mit den eigenen Händen etwas zu erschaffen. Also zog Moustapha Chahboun mit seiner Frau 2012 zurück in die alte Heimat. „Hier kann ich meinen amerikanischen Traum verwirklichen.“

Stadt

Fruchtbares Land, wo es früher aussah wie in der Wüste

Das Ehepaar lebt in einem orangefarbenen, neu gebauten Häuschen gleich neben den Gemüsebeeten. Für Moustaphas Frau, die früher Chefsekretärin einer Schweizer Firma war, ist die Farm eine heile Welt, die sie liebt. Als sie und ihr Mann das erste Mal hier standen, sah es aus wie in einer Wüste, erzählt Neide. Nur ein paar Orangen- und Olivenbäume wuchsen in der trockenen Erde. „Moustapha hat eine Revolution angezettelt“, sagt Neide Gonçalves Chahboun. Manchmal kommen Landwirtschaftsstudenten von der Universität Meknès in Bussen angereist, um sich das Paradebeispiel für Artenvielfalt und Nachhaltigkeit anzuschauen. Sogar seine Nachbarn, die anfangs den Kopf geschüttelt hatten über das Durcheinander auf Moustaphas Farm, fangen allmählich an, neue P­anzen anzubauen, zum Beispiel Eisenkraut für seine Destillationsanlage.

Wasser heißt Leben

Der Bürgermeister von Guisser mag Chahboun, weil er Arbeitsplätze schafft – auf dem Land eine Rarität. Der Unternehmer mit der grünen Seele beschäftigt mehr Leute als andere Bauern in der Gegend, die doppelt oder dreimal so große Höfe haben. In ruhigen Zeiten arbeiten neben Moustaphas Familie noch sechs Helfer in den Beeten oder in der Destille, während der Ernte sind es über 40. Und Chahboun ist der Einzige weit und breit, der seine Mitarbeiter bei der Sozialversicherung anmeldet. Sein Naturparadies zieht sich durch ein ehemaliges Flusstal. Beim Dorf Guisser sprudelt eine Quelle aus der Erde und läuft als unterirdischer Strom unter seiner Farm entlang. Aus drei Brunnen holt er das Wasser für Pflanzen und Tiere. Marokko ist ein fruchtbares Land. „Wer hier Wasser hat, der hat auch Leben“, sagt Moustapha Chahboun. Was hat er als Nächstes vor? „Ich wünsche mir, dass die Artenvielfalt an vielen Plätzen in Marokko zurückkehrt.“ Ein langer Weg. Moustapha Chahboun läuft schon mal vor.