Johannas ewiger Garten

Johanna Häger lebt und arbeitet nach den Prinzipien der Permakultur. In Brandenburg bewirtschaftet sie zusammen mit ihrer Familie ihren eigenen Hof. 

 

Johanna Häger

 

Ein sanfter Wind weht über den Hof. Vom Parkplatz lockt ein schmaler Trampelpfad aus Sägespänen in den Waldgarten. Wer nun an eine Lichtung inmitten dichter Bäume denkt, mit sauberen, aufgeräumten Beeten und Pflanzen in Reih und Glied, der irrt. Große und kleine Baumstämme ragen mal hier, mal dort aus der Erde. Ihre Äste und Zweige tragen Äpfel, Felsenbirnen und Mirabellen. Wo kein Obst oder Gemüse gedeiht, recken Maulbeeren, Minze und Melisse ihre Blätter und Blüten dem Himmel entgegen. Hinter der Unordnung steckt ein ausgetüfteltes System. „Mit der Natur arbeiten und leben statt gegen sie“, beschreibt Johanna Häger die Idee dahinter.

Bodenpflanzen wie Minze und Melisse lockern und düngen den Boden. Hecken schützen zarte Pflänzchen vor Windböen und Hitze. Bäume pumpen Grundwasser über ihre Wurzeln zutage und versorgen durstige Nachbarn, deren Wurzeln zu schwach sind. Was dem einen fehlt, übernimmt der andere. „Die Natur funktioniert im Grund perfekt. Davon können wir Menschen vieles lernen“, schwärmt Johanna.

Lebendige Kreisläufe

Während die 39-Jährige begeistert von natürlichen Kreisläufen, lebendigen Systemen, von Achtsamkeit, Genuss und Lebensqualität spricht, bleibt ihr Blick zwischen Kartoffelstauden und Rhabarber hängen. Mit einer kurzen Geste streift sie ihr langes, braunes Haar hinter die Ohren, bückt sich und rupft gezielt einen Strauß rauer Blätter heraus. „Beinwell ist ein super Dünger. Die Pflanze produziert Kalisalze, Mineralien, die dem Boden meistens fehlen“, sagt Johanna und streut die zerpflückten Blätter auf den Boden. Was dem Boden fehlt, wirkt sich auch auf seine Bewohner aus. Wo die Gemeinschaft unausgeglichen ist, greift Johanna daher ein.

Die Sorge um die Natur ist einer von drei Grundsätzen, die Johanna verinnerlicht hat und für die sie vor acht Jahren von Berlin in das eineinhalb Autostunden entfernte 1900-Seelen-Dorf Gerswalde in der Uckermark gezogen ist. Die gelernte Zimmerin lebt mit ihrem Mann Christoph Steinberg, ebenfalls Zimmerer, und ihren beiden Kindern Frederik und Charlotte auf einem Grundstück, das mit 2,5 Hektar fast so groß ist wie vier Fußballfelder. Genügend Platz also, um das gekaufte Haus auszubauen, mit Lehm und Steinen aus dem eigenen Garten. Und regelmäßig ein oder zwei Helfer vom Bundesfreiwilligendienst aufzunehmen, drei Freunde zu beheimaten, Pferde und Schweine zu halten sowie eine Zimmerei, einen Zeltplatz und eine Ferienwohnung zu betreiben. Denn „Sorge um den Menschen“ lautet ein weiterer Grundsatz ihrer Hofgemeinschaft. Allen Bewohnern inklusive Nachwuchs soll es gut gehen. Dazu gehören: soziale Gerechtigkeit und ein schonender Umgang mit natürlichen Ressourcen.

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Mit ihrem Hof Stein-Häger ist die Familie Teil eines Konzeptes, das sich Permakultur nennt: die Natur zu beobachten, um sie dann effektiv zu nutzen. Dahinter steckt ein ganzheitlicher Denkansatz, den die Australier Bill Mollison und David Holmgren bereits vor 45 Jahren anhand von Hunderten Projekten weltweit erprobten. Die beiden Forscher versuchten, naturnahe Lebensräume zu gestalten, die alle menschlichen Bedürfnisse befriedigen und sich dabei mit möglichst geringem Arbeitsaufwand selbst erhalten. Die Idee stabiler, produktiver und natürlicher Ökosysteme sollte eine Alternative zu der kurzfristigen Ausbeute der industriellen Agrarwirtschaft bieten. Ein autarkes Ökosystem bilden auch Johannas Pflanzengemeinschaften im Waldgarten. Sie schenken nicht nur reichlich unterschiedliche Erträge, sondern schützen sich mit ihren jeweiligen Eigenschaften gegenseitig vor Schädlingen.

In den meisten Fällen reguliert sich die Natur von allein, weiß Johanna. Manchmal kann man ihr aber auch mit wenig Aufwand auf die Sprünge helfen: Rund um die halbmondförmige Rasenfläche an der sonnigen Südterrasse schimmern schwedische Granitsteine in grau-grün-rötlichen Facetten um die Wette. Johanna hat sie auf dem Gelände gefunden und zu einer hüfthohen Mauer gestapelt. Sie speichern Wärme und Wasser und schaffen damit Lebensraum für Eidechsen und Ringelnattern. Letztere fressen Wühlmäuse, die ohne natürliche Feinde schnell zur Plage werden können. Mit ihren unterirdischen Gängen lockern und lüften Wühlmäuse zwar den Boden. Doch fressen die Nager neben Gemüse auch Baumwurzeln, wodurch Bäume sterben und Kreisläufe unterbrochen werden.

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Beobachten und abwarten

Nicht zu viel. Nicht zu wenig. Damit natürliche Kreisläufe entstehen, keine verschwenderischen Abflüsse, hat Johanna vor allem eines intensiv betrieben: beobachten, abwarten und erneut beobachten. Wie die Natur tickt, der Boden arbeitet, der Wind weht. Oder der Regen abfließt. Und dann ein passendes Konzept entwickeln. Nicht sofort in Aktionismus verfallen. „Wir haben es mit lebendigen Systemen zu tun, da helfen keine Schablonen oder vorgefertigten Lösungen“, erklärt Johanna. Um Fehler zu vermeiden, sollte die Umgebung gut erforscht und mit den eigenen Bedürfnissen und Zielen abgeglichen werden. Wer wird dort leben? Was wünschen sich die Bewohner? Wie wird die Fläche später genutzt? Gibt es dort genügend Wasser? Ist es windig oder windgeschützt? Welche Pflanzen wachsen hier?

Die Freiluftdusche war ein Wunsch von Johanna. Hinter der Scheune fand sie den geeigneten Platz. Dort, am höchsten und trockensten Punkt des Hofes, pflanzte Johanna einen Halbkreis aus jungen Weidenbäumen. Am Platz für Duschbrause und Holzwanne spenden sie gleichzeitig Schatten, sichern den Bienen Nahrung und produzieren viel Blattmasse zum Düngen der Böden. Im Gegenzug wurzeln die Weiden in überwiegend feuchtem Boden – so wie sie es von Natur aus bevorzugen. „Hier ist jeder Tropfen Wasser eine gute Tat“, sagt Johanna. Durch die Gravitation fließt das Wasser automatisch ab und bewässert umliegende Flächen. Statt Duschvorhang sorgen gebündelte Weidenzweige und ein gespanntes Tuch zwischen den Baumstämmen für ein wenig Privatsphäre.

Am Anfang nur Wind

„Weidendusche“ und „Waldgarten“ – was klingt wie einem Märchen entsprungen, war zu Beginn kaum vorstellbar. „Unsere Ankunft war alles andere als romantisch“, erinnert sich Johanna, damals schwanger mit Frederik. Dort, wo heute allerlei essbare Pflanzen um die Wette blühen und Baumwurzeln die Böden lockern, lag einst karge, vertrocknete Erde. Unfruchtbar und bis auf den letzten Halm heruntergewirtschaftet. Das traurige Ergebnis eines konventionellen Bauernbetriebes, der jahrelang im großen Stil Roggen anbaute. Nicht unbedingt ein Ort, an dem man ein neues Leben starten möchte. Umgeben von 160 Hektar freiem Feld, auf dem starke Windböen Stück für Stück die vertrocknete Erde abtragen. Doch wo andere bloß einen öden Fleck Erde betrachten, sieht Johanna die Herausforderung. Sie will dort Leben wecken, wo die Erde verkommen ist.

Ein Jahr verbringt Johanna damit, die Natur rund um ihren Hof in der Uckermark zu beobachten, Windströme nachzuzeichnen und topografische Modelle zu bauen. Schließlich lässt sie Radlader kommen, gräbt damit die Erde um, pflügt Pfade hinein, schiebt Schollen zu Hügeln auf. Dann fängt sie an, „wie wild“ Bäume und Hecken zu pflanzen, „um den Wind zu brechen“, erinnert sich Johanna. Ihre Nachbarn beäugen die heftigen Eingriffe und Aufforstung indes kritisch. „Hier Bäume pflanzen? Da wächst doch eh nichts“, so der Tenor. Johanna lässt sich nicht entmutigen – schließlich hat sie ihre Umgebung lange genug beobachtet und studiert. Und tatsächlich: Vier Wochen später sprießen aus den Wällen Kornblumen, Klatschmohn und wilde Margeriten empor – Wildblumen, deren Samen im Boden schlummerten und durch die Umwälzungen geweckt wurden. Über das Blütenmeer stutzen auch die Nachbarn. „Heute kommen sie und fragen, ob ich ihnen einen Baum mitgeben oder ihre Kirsche veredeln kann“, freut sich Johanna.

Johanna Häger

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Lebensmodell Permakultur

Eigentlich wollte Johanna nach ihrer Ausbildung zur Zimmerin ökologisches Bauen studieren. Das gab es vor rund zehn Jahren allerdings noch nicht. So entschied sie sich für Landschaftsarchitektur. Während eines Auslandssemesters in Spanien kam sie erstmals in Kontakt mit der Praxis der Permakultur – und war sofort entschlossen. Zurück in Berlin, absolvierte sie parallel zum Studium eine Weiterbildung zur Permakultur-Designerin. Sie gehört zu den wenigen Menschen in Deutschland, die ausschließlich von Permakultur leben. Als Dozentin an der Permakultur Akademie reist sie regelmäßig quer durch die Bundesrepublik. „Wenn der Begriff Permakultur fällt, denken viele sofort an Mulchen und Kräuterspirale“, so Johanna. Also an ein bestimmtes Produkt. Daher lernen ihre Teilnehmer schnell, dass es viel mehr um die Qualitäten dahinter geht. Zum Beispiel darum, den Boden zu bedecken und ihn damit vor Unkraut, Wind und Sonne zu schützen und gleichzeitig mühelos zu düngen. Oder auch darum, auf wenig Raum viele Kräuter anzubauen, um den Platz optimal zu nutzen.

Permakulturjohanna24PermakulturSie hält inne, lässt ihren Blick über das Weideland schweifen. Neben ihr wiehert Bayan. „Ein Willkommensgeschenk von Freunden“, sagt Johanna und streichelt über den gesprenkelten Rücken des Pferdes. Der Araber vergräbt seine Schnauze im Futtereimer und schmatzt genüsslich. Auch Bayan und seine Kollegen sind Teil des Permakultur-Konzeptes. Mit einem Pflug lockern die Pferde ohne großen Kraftaufwand den Boden. Später fressen sie das Gras, ohne das Gemüse anzurühren. Ihr Mist versorgt die Erde mit Nährstoffen, die schließlich den Anbau von Obst und Gemüse ermöglichen. Eine runde Sache, die Johanna ausbauen möchte. Wenn es nach ihr geht, wird die Koppel schon bald leer stehen. Damit sie mit Pferd und Pflug neues Ackerland zum Leben erwecken kann.

Text Lillian Siewert 
Foto Marcel Schwickerath

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