Ritterspornfeld

Blaues Wunder

Rittersporn trägt klangvolle Namen wie Morgentau und Augenweide und leuchtet wie Juwelen. Für den Gärtner Wolfgang Kautz sind die prächtigen Sommerstauden die Melodie seines Lebens.

Text Ralf Lilienthal          Foto Angela Franke

Ein Krug mit selbst gekeltertem Quittensaft steht auf dem ausgebleichten Bambustisch unter dem knorrigen Rebstock. Dazu eine Schüssel mit Trockenobst und ein Schälchen Nüsse. Auf der Bank daneben sitzt Wolfgang Kautz, vergnügt und hellwach, seine blauen Augen leuchten.

Gärtner im Feld

Erde unter den Fingernägeln und die erdbraunen Knie verraten seine Leidenschaft: Der über 70-Jährige ist mit Leib und Seele Staudengärtner. Dazu ein Mensch, dem der Schalk im Nacken sitzt, einer, dessen erste Heimat sich noch immer am schlesischen Zungenschlag verrät. Hier am Sitzplatz erfreut ein kleines, struppiges Hofgärtlein das Auge. Wer einem schmalen Durchschlupf nach hinten folgt, gelangt in den großen Anzuchtgarten. Dort breitet ein stattlicher Walnussbaum seine Äste wie einen Baldachin über den Besucher aus.

Die Natur als Komponist: Ein zartes Kunstwerk voller Harmonie und Farbenpracht

Nach links gewandt, erblickt der Besucher das Erhoffte: Dutzende, Hunderte hell- und dunkelblaue Blütenkerzen, die wie stolze Königinnen auf einem Ball zur blauen Stunde miteinander um die Wette leuchten. Ein magischer Anblick! Wer hat da Muße, auf den langen Beetflächen ringsherum die vielen anderen blühenden Stauden zur Kenntnis zu nehmen: weiße Margeriten und Staudenkamillen, gelb blühende Iris- und Heliopsismutterpflanzen.

Rittersporn  

Angefangen hat alles mit diesem Satz: „Mach doch Rittersporn – den macht sonst keiner!“ Als Karl Foerster, der legendäre Staudengärtner aus Potsdam-Bornim, irgendwann in den frühen 60er-Jahren seinem jungen Vermehrungsmeister Wolfgang Kautz diesen Vorschlag macht, gibt er einem langen, erfüllten Gärtnerleben Ziel und Inhalt. Und das gilt bis heute. Denn wo immer es um den Rittersporn geht, fällt auch der Name Kautz, dessen geduldiger Auslese wir unter anderem die „Augenweide“, eine der weltweit gesündesten Delphinium-Sorten überhaupt, verdanken.

Keine Frage, dass man als Gartenbegeisterter eine Juni-Exkursion zu Kautz in Potsdam mit den höchsten Erwartungen an eine Symphonie der Blautöne antritt. Doch wer sich Bornim über enge Lindenalleen von Westen nähert, vorbei an hohen Mistelpappeln und gründunklen Schwanenseen, und schließlich vor dem flachen Wohngebäude parkt, reckt sich zunächst vergeblich nach den Blütenschäften des Rittersporns. Stattdessen lädt ihn eine kleine, aber sehr handfeste Gärtneridylle zum Bleiben ein. Das helle Haus mit den roten Fensterläden ist gerade so groß und anheimelnd, wie es zu einem Menschen passt, der viele Stunden des Tages im Freien verbringt, sich zwischendurch und am Abend müde vom Tagwerk erholt.

Der Platz für ein reiches Leben

Es ist ein Bild aus einer vergangenen Epoche, in die wir hier einzutreten scheinen. Da ist nichts Gesuchtes, keine konstruierte Landlust-Szenerie, sondern alltägliches Gartenleben. Über die Jahre dekoriert mit allerlei rätselhaften Gerätschaften, mit gesammelten Bizarrerien – Wurzelstrünke, emaillierte Schilder, Trockensträuße exotischer Fruchtstände, mit natürlich angeordneten Pflanzungen, verschachtelten Nutzbauten und nur dem Besitzer verständlichen Belegen vergangener Jahrzehnte.

  

Was er tut, kommt für Wolfgang Kautz von Herzen. Auch das Teilen und Schneiden gehört dazu.

Wolfgang Kautz steht mitten im Beet, umgeben von prächtigen Stauden, und schüttet ein Füllhorn spannender Gartengeschichten aus. Nicht selbstverständlich für jemanden mit einer Biografie, wie er sie hat. Vor den alliierten Bombenangriffen ist er damals zu den Verwandten der Mutter nach Schlesien geflüchtet. In den schweren Nachkriegsjahren entrinnt er mit knapper Not dem Hungertod, wächst als Halbwaise ohne Vater auf. Bei einer Großgärtnerei in Mecklenburg beginnt er eine Gärtnerlehre, für den schmächtigen 14-Jährigen ist es bestenfalls zweite Berufswahl. Als er im Jahr 1963 nach Potsdam zieht, hat der Mauerbau alle aufkeimenden Hoffnungen auf einen westdeutschen Lebensentwurf erstickt. Im Speckgürtel Berlins lernt Kautz seine künftige Frau, eine frischgebackene „Foersterianerin“, kennen. Als das erste Kind unterwegs ist, zieht die junge Familie bei dem betagten, über 90-jährigen Staudengroßmeister und seiner Frau Eva in die Mitarbeiterwohnung unters Dach. In den nächsten vier Jahren hegt und pflegt Wolfgang Kautz tagsüber die Großfamilie der Jungpflanzen, am Abend den an den Rollstuhl gebundenen Karl Foerster, für den er auch wichtiger Gesprächspartner ist. Auf die vorsichtige Frage nach dem Charakter des legendären Gärtners und poetischen Gartenschriftstellers reagiert Wolfgang Kautz fast heftig: „Karl Foerster? Der war genauso wie sein Ruf! Ein Humanist. Ein Kumpel. Er war einfach gutmütig und konnte die Schlechtigkeit der Welt gar nicht verstehen. Als was der am Ende alles geehrt wurde: Verdienter Züchter des Volkes, Dr. h. c.!“ „Ich war immer nur Gärtner“, habe der dann gesagt und seinem Gegenüber gleich das Du angeboten. „Selbst im Rollstuhl war ‚Karlchen‘ noch verträglich. Und für mich war er beinahe so etwas wie ein Vater!“

Der Garten ist ein Ort, an dem sich Pflanzen und Menschen auf Augenhöhe begegnen

Gärtner mit Strauß

Ein Spaziergang mit Wolfgang Kautz durch Foersters berühmten Garten hat den Charakter einer gedanklichen Zeitreise, so als blättere man in einem drei dimensionalen Fotoalbum: „Sehen Sie die vergilbten Tulpenblätter dort? Hier im Senkgarten hat Frau Foerster unseren Brautstrauß geschnitten – und jetzt feiern wir bald goldene Hochzeit! Die Rosen da habe ich selber eingepflanzt – ein knorriger Ginster musste dafür allerdings weichen.“

„Das Gärtnerleben ist voller leiser und kleiner Erlebnisse“

 

Wie aber war das eigentlich mit dem Rittersporn – wieso nimmt sich der junge Gärtner Kautz gerade der Lieblingsblume des alten Foerster an? Der Anlass dazu war reichlich prosaisch. Wer in Foersters Gärtnerei gearbeitet hat, durfte sein schmales DDR-Salär durch private Pfanzkulturen aufbessern: halbe-halbe – das war der Handel; welche Arten und Sorten produziert wurden und durch wen, war abgesprochen und fixiert. Als Wolfgang Kautz, fleißig wie eine Biene und sparsam wie kein anderer, auch mitmischen will, sind die lukrativsten Kulturen allerdings schon lange vergeben.

Berghimmel ist die Erste

„Junge, mach doch Rittersporn … “ Hat er gemacht, der Gärtner Kautz. Auch als er schon längst im eigenen Haus wohnt und verantwortlich die Versuchskulturen am botanischen Institut der Universität Potsdam betreut. Seine ersten Mutterstauden sind Abfallpflanzen, von den Kollegen achtlos auf den Kompost geworfen, schlecht und recht am Leben und dankbar für eine kundige Hand. Mit den Jahren sind etliche der 110 Foerster-Sorten bei Kautz in Kultur. „Berghimmel“, die erste Rittersporn-Sorte, hat es 1920 nach fünfjähriger Auslese durch Foersters „Enttäuschungsfilter“ geschafft: fünf Jahre kein Mehltau, schöne straffe Stiele, kein Umfallen.

Wegen der Form der Blütenknospen gaben Botaniker dem Rittersporn einst den Namen Delphinium

Weitere Rittersporne wie „Gletscherwasser“ und „Finsteraarhorn“, „Nachtwache“ und „Morgentau“, „Tempelgong“, „Klingsor“ oder „Jubelruf“ gesellen sich dazu, Sorten, deren Namen alleine schon das imaginierende Gärtnerherz betören können. Sorten mit hohen Ansprüchen an Boden, Sonnenlicht, Düngung und Pflanzenschutzmaßnahmen. Sorten, die, geteilt und im Freiland aufgezogen, ideale Witterungsverhältnisse brauchen, damit ihre Kultur sich lohnt.

 „Ein Gärtner braucht unendlich viel Gelassenheit“

Wolfgang Kautz schaut dem verehrten Meister auch bei der Auslese über die Schulter, beginnt schließlich selbst nach neuen, besonderen Sorten des Rittersporns Ausschau zu halten. „Augenweide“, die ihrer Schönheit und Gesundheit wegen viel gelobte Sorte, haben wir schon erwähnt. Aber auch die dunklere und kleiner gewachsene „Bunzlau“, deren Name ein Tribut an die alte Heimat und an das blau gefärbte Bunzlauer Porzellan ist, ist nach wie vor unter den Ritterspornen beliebt.

  

Es geht ihm um die Menschen

Außerhalb des farbenprächtigen Gartenreiches liegt ein Feld, das Kautz mit Herz und Engagement zum Blühen bringt: Noch bevor die Mauer fällt, beginnt er eine private Hilfsinitiative für Rumänien und andere osteuropäische Länder, die bis heute reiche Früchte trägt. „Bin ich glücklicher, wenn ich nicht spende?“, fragt er sich und investiert Geld und Zeit, legt Hunderttausende Kilometer zurück. Um seinen Respekt zu bekunden, lernt er ein paar Sätze auf Romanes, neben Deutsch die zweite Muttersprache der Sinti und Roma. Natürlich hat er auch auf diesen Reisen einen aufmerksamen Blick für alles, was grün ist und blüht. Als er einmal wieder in Rumänien unterwegs ist, entdeckt er sie: die Winteraster „Poesie“, eine Chrysanthemumindicum-Sorte. 2004 wird sein Mitbringsel als beste deutsche Staudenneueinführung ausgezeichnet. Das macht Wolfgang Kautz gerade so stolz, wie seine kernechte Bescheidenheit dies  zulässt.

Die Rittersporne sind bis heute seine Herzensangelegenheit. „Es ist die Pflege dessen, was mir Karl Foerster aufgegeben hat. Ich gehe darin auf und mache es so lange, bis Petrus bei mir das Licht ausmacht – auch wenn er sich meinetwegen noch 20 Jahre Zeit lassen darf!“ Wer seine ganze Lebensarbeit der blauen Blume, ja nur der schönsten unter ihnen, dem Rittersporn, verschreiben wolle, sähe sich am Ende eines 90-jährigen Lebens noch vor blauer Unendlichkeit der Aufgaben, so hat das Karl Foerster einmal gesagt. Plötzlich kann der Besucher spüren, dass für den Schüler dasselbe gilt wie einst für seinen Lehrer: „Wenn ich noch einmal auf die Welt komme, werde ich wieder Gärtner, und das nächste Mal auch noch. Denn für ein einziges Leben war dieser Beruf zu groß.“


Kleine Geschichte der Staudengärtnerei

Er war Gärtner mit Leib und Seele: Karl Foerster hat den größten
Teil seines Lebens den Stauden gewidmet. Im Jahr 1874
geboren, gründete er als 36-Jähriger im kleinen Örtchen Bornim
bei Potsdam seine eigene Gärtnerei, die auch zum Lebensmittelpunkt
wurde. Gleich neben dem Wohnhaus liegt die
Gartenanlage mit dem legendären Senkgarten – sie wurde mit
den Jahren zum Pilgerziel unzähliger Gärtner und Gartenliebhaber.
Noch zu DDR Zeiten galt der Foerster-Garten als das
„Worpswede der Gartengestalter“. In den Staudensortimenten
von Gartenmärkten und Gärtnereien finden sich heute
noch viele Züchtungen von Karl Foerster wieder – Phloxe,
Rittersporne, Astern und Staudengräser. Dass Foerster nicht
nur Garten, sondern auch Sprache konnte, verraten die
vielen poetischen Sortennamen seines Züchterlebens und das
knappe Dutzend bis heute lesenswerter Bücher wie „Blauer
Schatz der Gärten“, „Ferien vom Ach“ und „Einzug der Gräser
und Farne in unsere Gärten“.