Saatgut von Heilpflanzen schützen und erhalten

Der Verein Hortus Officinarium kämpft für den Schutz und die Erhaltung von Heilpflanzen Saatgut.

Der Verein vergibt ein Label, wenn sich Saatgut mindestens dreimal in biologischer oder biodynamischer Vermehrung bewährt hat und der Nachbau vollständig dokumentiert wurde. Ein Interview mit den Vereinsmitgliedern Andreas Ellenberger, Ruth Richter und Nora Hills.

Wie kam es zu eurem Engagement?
Andreas Ellenberger: Dass beim Gemüse und Getreide die traditionellen Arten und Sorten stark gefährdet sind, war mir schon länger bewusst. Ich hatte ja auch zehn Jahre in der biologisch-dynamischen Gemüsezüchtung gearbeitet. Aber für die Heilpflanzen brauchte es dazu erst noch ein Aha-Erlebnis. Als ich Schriften aus den 1920er-Jahren über den Heilpflanzenanbau in den Händen hielt, sah ich Fotos von blühenden Anbauflächen in der Gegend ums schweizerische Arlesheim. Heilpflanzen anzubauen, das war damals für die ganze pharmazeutische Industrie von großer Bedeutung. Schlagartig wurde mir klar, was seitdem passiert war: Viele der beschriebenen Pflanzen gab es nicht mehr. Saatgut und Wissen waren zum großen Teil unwiederbringlich verschwunden.

Werde Magazin - Saatgut Heilpflanzen

Ruth Richter: Das Wissen, das heute über einen Wirkstoff einer Pflanze gegeben ist, kann sich erweitern, neue Erkenntnisse können hinzukommen. Was, wenn Pflanzen gebraucht werden, die es zwischenzeitlich gar nicht mehr gibt?

Wie ist der Verein entstanden?
Andreas Ellenberger: Es ergab sich ein intensiver Austausch mit Menschen, die wie ich von Berufs wegen mit Heilpflanzen zu tun hatten. Viele machten sich ähnliche Gedanken. Was wird möglicherweise noch alles vorgeschrieben? Und damit verschwinden? Wollte man das wirklich: Saatgut unhinterfragt zukaufen? Man muss bedenken: Ein biologisch-dynamisches Angebot wie heute gab es damals noch nicht, vor allem nicht von so ausgefallenen Arten, wie sie in der Anthroposophischen Medizin benötigt werden, etwa Bilsenkraut oder Acker-Gauchheil. Zudem war mit der Konferenz von Rio de Janeiro, einer Art Vorreiter der heutigen Klimakonferenzen, 1992 etwas in Bewegung gekommen. Die Mitgliedsstaaten wurden verpflichtet, sich um die Erhaltung der pflanzlichen Vielfalt zu kümmern. Diese Arbeit wird seitdem in der Schweiz staatlich gefördert

Nora Hils: Genetische Ressourcen erhalten, das ist Teil der Hortus-Idee.

Andreas Ellenberger: Ein paar Tüten mit Hortus-Saatgut haben ihren Weg bis ins norwegische Spitzbergen gefunden und lagern dort in einer Genbank im ewigen Eis.

Was ist eine Genbank?
Ruth Richter: Es ist eigentlich eine Arche Noah für Saatgut. Solche „Banken“ gibt es weltweit, die ersten seit fast hundert Jahren. Bei minus 18 Grad wird das Saatgut gelagert, was allerdings nur Sinn macht, wenn es alle paar Jahre aufgetaut und wieder neu vermehrt wird – kein Samen hat das ewige Leben. 2015 hat Hortus die Verantwortung für das in der schweizerischen Genbank enthaltene Heilpflanzen und Gewürzkräuter-Saatgut übernommen. Saatgutpflege zur Erhaltung genetischer Ressourcen, auch das ist Teil unserer Arbeit.

Was ist eure Vision?
Ruth Richter: Die goetheanistische Pflanzenbetrachtung ist bei unserer Arbeit ein wichtiges Werkzeug: Wie erlebe ich eine Pflanze, wenn ich immer wieder genau hinschaue? Über einen längeren Beobachtungszeitraum kann ich die Dynamik der Pflanze erfassen. Momentaufnahmen liefern ja immer nur Ausschnitte. Über die Jahre bekomme ich ein bewegliches Bild von dem Potenzial, von dem, was diese Pflanze kann und was sie braucht, um sich gut zu entwickeln.

Andreas Ellenberger: Wir sprechen auch vom Urbild der Pflanze. Als Gärtner denke ich vielleicht zunächst vor allem an das Vegetative: an die schöne Blüte, das kräftig wirkende Blattwerk. Aber wir sollten noch einen Schritt weiter zurückgehen. Dahin, wo die Pflanze am bildsamsten, am sensibelsten ist: bei der Saat. Das ist die Wiege, da spielt die Sphärenmusik, sage ich immer. Und dass man nicht ernst genug nehmen kann, was da passiert. Wenn Rudolf Steiner über Samenbildung sprach, schilderte er das als einen Zustand größtmöglicher Offenheit, in dem sich die Wirkung des Umkreises auf die Pflanze einprägen kann.

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Wie kann man sich das vorstellen?
Nora Hils: Jeder, der gärtnert, kann das beobachten: Wie die Pflanze sich über die Jahre durch den Anbau verändert.

Andreas Ellenberger: Wie bei Kindern: Es ist ein Unterschied, ob an der Wiege eines Babys lärmende Musik gespielt wird oder ob etwas harmonisch klingt. Die Musik wirkt. Überspitzt könnte man sagen: So wie Pflanzen heute in der konventionellen Züchtung in genetische Veränderungen getrieben werden, das ist mindestens Lärm. Zum Glück ist diese Entwicklung bei den Heilpflanzen noch nicht so weit vorangetrieben wie etwa beim Gemüse, wo die Gurke sogar eine vorgegebene Krümmung haben muss. Aber die Tendenzen sind da.

Wie dokumentiert ihr das Saatgut?
Andreas Ellenberger: Unsere Gärtner-Mitglieder verpflichten sich, ihre Bestände übers Jahr genau zu beobachten. Einmal im Jahr kommen alle Daten zu uns und werden in einer Art Datenbank zusammengeführt.

Nora Hils: Ich gehe nie ohne meinen Hortus-Ordner aufs Feld. Die Hälfte des Bestands ist über den Winter eingegangen, lese ich zum Beispiel aus den Aufschrieben übers Gänseblümchen vom letzten Jahr. Der verbliebene Teil war aber sehr gesund. Strahlende weiße Blüten lautet eine Notiz. Sämtliche Dokumentationen sind in der Datenbank, zu der nur Mitglieder Zugang haben. Über die abrufbaren Informationen findet ein reger Austausch statt, teils auch in Form von Saatgut, das untereinander verschickt wird. Das ist schön zu sehen: Wie vertrauensvoll dies bei Heilpflanzenbetrieben auch unter Mitbewerbern geschieht, die sich ja eigentlich als Konkurrenten verstehen könnten. Das übergeordnete Ziel, der Schutz des Saatguts, ist wichtiger als Wirtschaftlichkeit. Weleda zum Beispiel stellt Hortus hier in der Schweiz Anbauflächen und andere Ressourcen zur Verfügung. Hortus ist unabhängig von Weleda, das Unternehmen ist aber dem Verein freundschaftlich verbunden.

Wem gehört das Saatgut?
Andreas Ellenberger: Die Haltung des Vereins ist klar: Saatgut ist Gemeingut. Es darf keine Patente geben für etwas, was wir von der Natur erhalten haben. Wer Saatgut über den Verein bezieht, soll sich auch an diese Maxime halten. Es gibt eine Vereinbarung, in der sich der Empfänger dazu verpflichtet.

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Wer erhält das Hortus-Label?
Ruth Richter: Das Label wird vergeben, wenn sich Saatgut mindestens dreimal in biologischer oder biodynamischer Vermehrung bewährt hat und der Nachbau vollständig dokumentiert wurde. Inzwischen ist das bei fast hundert Heilpflanzen der Fall. Die Schafgarbe ist übrigens auch vertreten, mit zwischenzeitlich drei verschiedenen Pflanzentypen.


HORTUS OFFICINARIUM

Der 2008 gegründete gemeinnützige Verein Hortus Officinarium mit Sitz in der Schweiz setzt sich für den Schutz von Heilpflanzen- Saatgut ein, tauscht Saatgut und Wissen. Unter den 200 Mitgliedern sind Heilpflanzen-Gärtnereien, Ärzte, Apotheker und Hersteller anthroposophischer Arzneimittel und Naturkosmetik. Im Verein sind ein Vorstand mit sechs Mitgliedern sowie zwei Teilzeitmitarbeiterinnen tätig.

Aufgabe des Vereins
Der Verein führt eine gemeinsam gepflegte Datenbank, zu der jedes Mitglied Zugang hat. Pflanzen, die hier aufgenommen werden, müssen übers Jahr von der Aussaat bis zur Ernte genau begutachtet werden. Dazu gibt es für jede Aussaat Vordrucke, die die Mitglieder mit aufs Feld nehmen. Gefragt wird etwa: Wann beginnt eine Pflanze zu blühen? Wie gesund ist sie? Wie waren die Erntebedingungen? Das Dokumentationsblatt kann durch Fotos und Zeichnungen ergänzt werden. Ziel des Vereins ist es, die Vielfalt im Heilpflanzengarten zu bewahren.

Saatgut kaufen
Der Verein finanziert sich durch Förder- und Spendengelder. Begrenzt gibt es Hortus-Saatgut auch in einem Pool, den Sativa, eine biologisch-dynamisch arbeitende Saatgutfirma, verwaltet. Dieses Saatgut kann man portionsweise kaufen, eine Spende fließt jeweils an Hortus zurück.