Werde Magazin-Sole Rebels

Die Schuh-Rebellin

Ein menschenwürdigeres Dasein und Wertschätzung für die eigenen Talente und kulturellen Traditionen. Das war vor zehn Jahren die Vision von Bethlehem Tilahun Alemu aus Addis Abeba, und die Wirklichkeit sieht noch besser aus: Heute führt die junge Äthiopierin das erste Fairtrade-Schuhunternehmen des afrikanischen Landes und ist damit weltweit erfolgreich.

„Irgendwann werde ich ein eigenes Unternehmen haben und dann stelle ich Euch an!’ Als ich das in der Highschool zu meinen Freunden sagte, haben alle nur gelacht. Denn wo wir aufwuchsen, im Stadtteil Zenabwork von Addis Abeba, gab es keine Arbeit. Die Menschen waren arm, viele konnten nicht lesen und schreiben. Äthiopien verließ sich auf Entwicklungshilfe und Schecks von Familienmitgliedern, die in die USA oder nach Europa ausgewandert waren. Für mich kam eine solche Abhängigkeit nie in Frage.

Aus eigener Kraft

Mein Vater war bei schwedischen Missionaren groß geworden: Sie hatten ihm beigebracht, dass man es mit harter Arbeit aus eigener Kraft schaffen kann, und das gab er an meine zwei Brüder und mich weiter. Mein Vater arbeitete in einem Krankenhaus als Elektriker, meine Mutter als Köchin. Sie lehrten uns, jedem Menschen mit Liebe und Respekt zu begegnen.

Die Entstehung von Sole Rebels

Deshalb habe ich nach dem College, das ich mit einem Diplom in Buchhaltung abschloss, meinen neuen Büroarbeitsplatz bald wieder gekündigt. Ich wollte etwas bewirken in unserem Viertel, bei meinen Nachbarn und Freunden, etwas, was ihnen dauerhaft ein besseres Leben ermöglicht. Sie alle hatten kreative Talente und Fähigkeiten, aber keine Chancen oder nicht genug Selbstvertrauen, daraus etwas zu machen. Dabei hatte unser Land so viel zu bieten: Wunderschöne Baumwolle, die schon deshalb ökologisch ist, weil sich die Kleinbauern Spritzmittel nicht leisten können. Wir haben kunsthandwerkliche Traditionen im Spinnen, Weben, Färben, Nähen, Lederherstellen. Reycling gehörte bei uns zum Alltag, es gab nie viel und wir mussten aus Altem immer etwas Neues machen. So wie die Rebellen, die 1991 Diktator Mengistu verjagten – in „Barabasso“-Sandalen, selbst zusammengeschustert aus kaputten Reifen. Und da war sie, die Idee: 2005 gründete ich Sole Rebels („Sohlenrebellen“) und seitdem stellen wir Schuhe her mit Gummisohlen, oben mit Leder oder Baumwolle, alles in modernem Design, dabei bequem und in bunten Farben, von Flipflops (mit Fußbett!) bis zu Sneakers. Zu hundert Prozent aus einheimischen Materialien, gefertigt nur von Hand von Äthiopiern.

Der Traum geht weiter

Die ersten Modelle waren klobig und schwer – erst mit der Zeit fand ich heraus, welche Teile der Reifen wir verwenden konnten und wie wir sie zuschneiden mussten. Mehr als 100 Frauen spinnen bis heute in Heimarbeit die Baumwolle für uns, einige haben durch Lepra Fingerglieder verloren, andere haben schon Urenkel, sie alle würden keine andere Arbeit finden. Jungen Mitarbeitern ermöglichen wir es, den Schulabschluss nachzuholen, wie allen anderen zahlen wir ihnen ein übertarifliches Gehalt. Angefangen haben wir mit fünf Leuten in einem Hinterhof, heute geben wir hunderten Arbeit. Über einen Onlineshop verkaufen wir in 45 Ländern, es gibt Läden von Silicon Valley über Singapur bis in die Schweiz, 2016 soll einer in Berlin eröffnen. Und mein Traum geht weiter – auch mit einem neuen Unternehmen, mit dem wir seit diesem Jahr kleine Kaffeeproduzenten im äthiopischen Hochland unterstützen. Kaffee ist Teil unseres kulturellen Erbes. Deshalb verlesen und rösten wir die Bohnen von Hand– so wie meine Mutter es immer zu Hause gemacht hat. Und ihre Mutter und deren Mutter.“