Werde Magazin - KANKYO TANNIER

Die Stille in mir

Die Französin Kankyo Tannier hat ein rasantes Leben: Sie führt einen Blog, reist um die Welt und tritt öffentlich auf. Das Geheimnis der Zen-Nonne: Stille.

Werde Magazin - Kankyo Tannier

Zeitlos

Für Buddhisten gibt es keine Zeit.“ Wenn ich das leuchtende Gesicht der buddhistischen Nonne Kankyo Tannier betrachte, möchte ich das beinahe glauben. Lächelnd strahlt mein Gegenüber eine friedliche Ruhe aus, die ganz im Einklang steht mit dem kleinen, abgeschiedenen Zimmer des Tempels „La Gendronnière“. Dem Gesang der Vögel und dem Rauschen der Bäume zu lauschen, die Hühner zu beobachten, wie sie in aller Ruhe im Gras umherpicken … ist das womöglich der Schlüssel zur Weisheit?

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Sehen und hören

Das wäre ein bisschen simpel, ruft die Pariserin in mir. Denn am Morgen noch saß ich keineswegs ruhig wie ein Buddha da, als mein Zug wegen einer Signalstörung liegen geblieben war. Eine harte Probe! Meine kleine Geschichte bringt sie zum Lächeln: Tannier, die beileibe keine Müßiggängerin ist, kennt den Stress des Lebens. Seit ihr Buch „Stille. Meine buddhistische Kur für ein leichteres Leben“ erschienen ist, führt die „Nonne 2.0“ – wie sie sich gern bezeichnen lässt – ein eng getaktetes Leben.

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Regelmäßig verlässt sie das Kloster Weiterswiller in den Wäldern der Vogesen, wo sie ihre Zelte aufgeschlagen hat und ihre Lieblingstiere pflegt; dann reist Tannier durch die Welt und vermittelt einem Massenpublikum die Einsichten buddhistischer Weisheit. Dafür muss sie ihren Blog betreuen, an TED-Konferenzen teilnehmen und im Fernsehen auftreten. Wie geht sie mit diesem rasanten Tagesablauf um? „Wer gestresst ist, dem rate ich, sich umzublicken“, erklärt Tannier. „Was sehen Sie? Was hören Sie?“ Da kommt mir eine Erinnerung von heute morgen in den Sinn: ein bildhübsches Kätzchen, das die Gleise überquert und dessen zarter Gang aufs Schönste im Gegensatz zu der Anspannung steht, die der x-te Streiktag bei der Bahn hervorgerufen hatte. „Da sehen Sie es“, strahlt Tannier. „In solchen Momenten vollzieht sich die Spontaneität des Lebens. Man versucht, alles zu planen, aber das funktioniert nie!“ Besteht das Geheimnis des Buddhismus also einfach darin, sich von den äußeren Umständen zu lösen, um zur Ruhe zurückzufinden? „Die immer gegenwärtige Möglichkeit des Sterbens zu empfinden bringt mich zur Entschleunigung im Alltag“, erklärt die Französin Tannier weiter. „Wenn hier gleich eine Atombombe explodiert, will ich bis ganz zum Ende da, ganz da gewesen sein!“

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Auf der Suche nach Sinn

Anders als die Menschen, die in einer Sinnkrise zum Buddhismus übertreten, beschreibt Tannier ihren Weg zur Weisheit nicht als Flucht, sondern als Suche. „Sehr früh habe ich den Ruf des Unsichtbaren verspürt“, erzählt sie über ihre Jugend an der Jura-Fakultät, die geprägt war von der Suche nach dem Sinn des Lebens. „Ich spürte ein gewisses Unbehagen gegenüber den Aussichten, die sich mir boten: das Studium abschließen, eine gute Stelle finden, Geld verdienen, ein Haus kaufen. Es musste doch etwas Poetischeres auf Erden geben!“ Irgendwann fällt ihr ein besonderes Buch in die Hand, „Die Regeln des Glücks“ vom Dalai Lama. „Mich beeindruckte der Gedanke der wechselseitigen Abhängigkeit, die Tatsache, dass alles miteinander verbunden ist.“ Als 26-jährige Studentin interessierte sie sich nicht für Madonna und Casting-Stars, sondern erlebte ein spirituelles Retreat im Tempel. Dort, wo sie mich heute empfängt.

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Ganz da sein

1979 von Meister Deshimaru gegründet, hat sich dieser Ort zu einem wichtigen Zentrum der Zen- Tradition in Europa entwickelt. Ins Auge fallen ein Hauptgebäude, das mich an das Schloss Moulinsart bei „Tim und Struppi“ erinnert, sowie mehrere Nebengebäude. Und natürlich das Dojo, der Meditationsraum, in den Tannier mich hineinbittet. Barfuß und beeindruckt von der Stille dieses Ortes, mache ich um die am Rand drapierten Kissen einen Bogen und nähere mich dem Altar, auf dem ein spitzbübischer Buddha thront. Nicht weniger als viermal am Tag begeben sich die Ruhesuchenden hierher und praktizieren lange Meditationsübungen namens „Zazen“ – man sitzt mit Blick zur Wand, um das Kommen und Gehen der Gedanken nicht zu behindern. „Ziel des Meditierens ist es, sich der eigenen Gedanken und Gefühle bewusst zu werden und wieder frei zu sein“, erklärt sie mir. „Es geht darum, dass wir uns aus unserem mentalen Getriebe lösen und uns von der Illusion verabschieden, wir seien diese Gedanken.“

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Verbundenheit

Die ehemalige Sängerin kann heute einen Platz im Rampenlicht nur akzeptieren, weil sie mit ihrem Bedürfnis nach Anerkennung entspannter als zuvor umgeht. Früher gab sie Konzerte, interpretierte Jazzstücke und Chansons. Aus dieser Bühnenperiode behält sie das Vergnügen in Erinnerung, ihre Stimme frei und ihren Atem fließend zu spüren. Doch es ist die Stille, die die Tage in La Gendronnière prägt.

Zur Teilnahme am Mittagessen im großen Refektorium eingeladen, soll ich bald selbst die Ernsthaftigkeit dieser Übung erfahren. Wortlos leere ich zwischen einem strengen Mönch und einem Pärchen, das eindeutig neu hier ist, meine Reisschüssel. Nichts unterbricht das Kauen und das Schaben der Holzlöffel, abgesehen von der Rezitation der Sutras und dem Flüstern meiner ungestümen Nachbarn. Ist es nicht eine große Herausforderung für eine ehemalige Sängerin, mehrmals am Tag zu schweigen? Mitnichten: „Stille ist Glück“, versichert Tannier.

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Gespür für die Menscheit

„Ich komme aus der Tradition eines Dualismus zwischen Seele und Körper, hier im Kloster habe ich die Einheit entdeckt. Die Meditation bietet einen Weg des augenblicklichen Vollzugs – sie ist wie ein Säbel.“ Nach 15-jähriger Praxis wurde Isabelle Tannier 2003 zur Nonne geweiht und nahm den Vornamen Kankyo (Spiegel des Universums) an. Das war die Bestätigung einer langen Praxis für eine junge Erwachsene, die „früher ein bisschen rebellisch“ war. „Meditieren ist wie nach Hause kommen“, sagt sie. Dabei steht außer Frage, sich von der Welt abzukapseln: „Aufgabe der Zen-Klöster ist es nicht, ein abgeschiedenes Leben zu propagieren“, betont sie nachdrücklich. Im Pariser Problemvorort Clichy-sous-Bois geboren und aufgewachsen mit dem Arbeiterkatholizismus der multiethnischen „roten Vororte“, stand und steht die Spiritualität für Tannier im Dienste der anderen. Sie betont, das Klosterleben und die Morgenzeremonie, die dem Nächsten gewidmet ist, riefen ein „unglaubliches Gespür für die Menschheit“ hervor.

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Die richtig geübte Meditation verleihe „die Fähigkeit, urteilsfrei mit den anderen verbunden zu sein, in gegenwärtiger Spontaneität“. Am Mittagstisch legt jeder ein Stückchen Brot neben den Teller und gedenkt der hungernden Menschen. Heißt das, der Buddhismus hat auf alles eine Antwort? Was bringt die Meditation, wenn man mit dem Anblick der Opfer von Attentaten oder der umherirrenden Geflüchteten konfrontiert wird? „Wenn eine Flüchtlingsfamilie auf der Straße schläft, ist das ein guter Grund, starke Emotionen zu empfinden“, gibt Tannier zu. „Diese berechtigte Trauer regt uns an, zu sprechen, zu handeln. Das Wichtige ist, dass man zur Tat schreitet, ohne dieses Gefühl zu fetischisieren. Aktiv zu werden, nur um der eigenen Trauer zu entfliehen, kann ungesund, ja sogar egoistisch sein.“

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Gegenwärtig sein

Tanniers Wesen entspricht so gar nicht dem Klischee klösterlicher Langsamkeit. Sie bezeichnet sich als flink, ja ungeduldig, sei gern aktiv und mache ihr Tun immer von den Umständen abhängig. „Es kommt darauf an, gegenwärtig zu sein“, erläutert sie. „In einer gut überlegten Entscheidung steckt ein tiefes Vertrauen in das, was da ist. Früher stellte ich mir viele Fragen. Heute bin ich nicht mehr besorgt. Ich setze meinen Glauben in das, was da ist. Die Natur, die kleinen Vögel da draußen.“ Sie dreht sich um zu einem bodentiefen Fenster, das auf die sonnige Landschaft hinausgeht. Ihr Blick verliert sich im Licht, und ich vergesse meine Notizen. Die Zeit steht still.