„Wir brauchen ein neues Verhältnis zu unserem Essen“

Tief in den brandenburgischen Wäldern lebt der Holländer Wam Kat. Mit der Initiative „Fläming Kitchen“ kocht er für Tausende und zeigt: Wie und was wir essen, verändert die Welt.

 

 

Ihr Name klingt wie ein Künstlername. Handelt es sich um ein Pseudonym?
Wam Kat „Nein, so heiße ich tatsächlich. Aber das mit dem Künstler ist gar nicht so weit hergeholt. Mein Vater Frits Kat war nämlich Künstler, ich bin in einer richtigen Künstlerkolonie aufgewachsen und bin heute noch glücklich, wenn ich eine der Skulpturen meines Vaters in den Händen halte. Als Kind habe ich oft für ihn Modell gesessen.“

Sie sind im niederländischen Utrecht, einer Hochburg der Anthroposophie, aufgewachsen. Wie kann man sich das vorstellen?
Meine Kindheit war recht ungewöhnlich, zumal wir ja noch von einer Zeit sprechen, in der der Zweite Weltkrieg gerade einmal ein Jahrzehnt zurücklag. Unser Gemeinschaftsleben würde man wohl heute eher als Kommune bezeichnen. Zwischen 50 bis 70 Menschen wohnten dort mit uns zusammen in einem schlossähnlichen Anwesen aus den 1920er-Jahren. Für mich als Kind waren vor allem die Kellergewölbe spannend. Dort hatte jeder Künstler sein eigenes Atelier, und ich konnte zwischen den Welten umherwandern.

Konnte man von der Kunst leben?
Damals konnte man von der Kunst fast noch schlechter leben als heute. Doch meinen Vater interessierte das nicht im Geringsten. Folglich hat meine Mutter unsere und viele andere Familien durchgebracht. Sie hat im anthroposophischen Kinderheim gearbeitet.

Werde Magazin - Wam Kat

War ihr Vater ein Vorbild für sie?
Er war nur 1,53 Meter groß. Die Gestapo hat dem kleinwüchsigen Mann mit dem schönen deutschen Namen Friedrich Wilhelm Adolf immer sehr höflich beim Tragen geholfen. Niemand verdächtigte ihn, so konnte er Menschen, die untergetaucht waren, regelmäßig mit Essen versorgen und sogar eine Untergrundschule gründen. Er hat den Menschen Lebensmut geschenkt.

Also war vieles, wofür sie heute stehen, bereits als Kind angelegt? Der Widerstand, die Zivilcourage, das Miteinander-teilen.
Auf jeden Fall. Hinzu kam die Toleranz, die bei uns gelebt wurde. Bei uns wurde jeder respektiert, so wie er war. Folglich saß meist rund ein Dutzend Leute mit am Tisch. Für mich war es aber auch wichtig, irgendwann zu erkennen, dass die Welt da draußen nicht so tolerant, kreativ oder progressiv war wie die, in der ich aufgewachsen bin. Ich bin ja mit einem Mix aus Judentum, Anthroposophie und Protestantismus groß geworden. Der politische Widerstand, ein ökologischer Lebensstil und die spirituelle Suche haben mich auch später noch geleitet.

Sie haben in Amsterdam und Nimwegen Psychologie studiert. Wollten sie nie ein bürgerliches leben führen?
Tatsächlich bin ich promovierter Psychologe und Soziologe. Aber ich war schon früh in einem Kollektiv engagiert. Es hatte den verheißungsvollen Namen Rampenplan, zu Deutsch: Katastrophenschutzplan. Und wir haben uns damals geschworen, niemals kommerziell arbeiten zu wollen. Denn wir hatten das Gefühl, dass wir mehr für die Gesellschaft erreichen könnten, wenn wir sie kostenlos beraten. In Süd-Limburg herrschten damals 20 bis 30 Prozent Arbeitslosigkeit, und wir konnten vielen Menschen umgehend und auf unkomplizierte Weise helfen.

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Wann hat das Aktivistentum bei ihnen angefangen?
Mit neun Jahren habe ich die erste Aktion organisiert; da ging es um den Schutz von Flamingos in Afrika. Einen Monat lang haben wir Kinder, wir waren so an die 50 bis 60 Jungen und Mädchen, gemeinsam die Straßen bemalt. Und schließlich hat sich die halbe Stadt für den Schutz von Flamingos engagiert.

Wie sind sie zum politischen Kochen gekommen?
Das eine ergab sich aus dem anderen. 1981 hatten wir ein vegetarisches Restaurant in Limburg eröffnet, in einem Gebäude, von dem wir nicht wussten, dass es zuvor ein Rotlichtlokal gewesen war. Plötzlich standen ganz merkwürdige Gäste vor der Türe. Später, als wir uns die Frage gestellt haben, wie man auf die Ungerechtigkeiten in der Welt aufmerksam machen könnte, kamen wir auf die Idee: durch Propaganda. Mit 30 Leuten besetzt man aber kein Atomkraftwerk. Also haben wir letztlich medienwirksame Aktionen gemacht. Auf einmal kamen 15.000 Leute an und wollten mitmachen. Das hat uns natürlich motiviert. Drei Wochen zuvor wurde mir bei einer Jugendbewegung in Utrecht auf einmal klar: Wir haben etwas sehr Wichtiges vergessen: das Essen! Vor allem gutes und nachhaltiges Essen.

Sie haben sich also für die Welt engagiert und dabei Tiefkühlpizza gegessen?
Sie werden lachen, aber genauso war es. Niemand von uns dachte damals an gesundes Essen. Wieder auf dem Land, haben wir dann rund drei Wochen lang für 15.000 Menschen Mahlzeiten zubereitet. Man muss sich das einmal vorstellen: diese Massen! Die Töpfe dafür haben wir von den Pfadfindern und über Studentenorganisationen geliehen. Gekocht haben wir vor allem Reis und Gemüse. Dafür haben wir nur Spenden entgegengenommen. Es war immerhin warm und hat uns einigermaßen satt gemacht. Das war Mitte Oktober, und es hat fortlaufend geregnet. Schließlich wurde daraus eine Idee geboren: die Volksküche, eine Küche für alle.

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Später haben sie auf Friedensmärschen die Antiatomkraftbewegung versorgt. Auch während der Jugoslawienkriege haben Sie sich engagiert und 1999 die „Balkan sunflowers – Volunteers for social reconstruction“ ins leben gerufen. Friedensaktivist und Koch, wie passt das zusammen?
Es passt sogar sehr gut zusammen. Essen ist alles! Essen und Trinken sind so lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen. Jeder Mensch muss doch essen. Egal welcher Herkunft, Kultur, Statur oder Religion. Und manchmal lassen sich sogar sehr schwierige Situationen durch Essen entspannen. Wir halten inne, wenn etwas besonders Leckeres aufgetischt wird, und kommen miteinander ins Gespräch. Im Prinzip ist Essen das meistdemokratische Mittel, um deutlich zu machen, in welcher Gesellschaft wir leben.

Was auf der Welt macht sie noch wütend?
Ich würde nicht sagen, dass mich das alles wütend macht. Doch wenn man versteht, was auf der Welt alles schiefläuft, dann kann man doch nicht einfach wegschauen. Wir können entweder akzeptieren, dass unsere Rosen und Brechbohnen aus Äthiopien kommen, wo gerade Menschen an Hunger sterben. Oder dass 30 Prozent unserer importierten Bananen einfach weggeworfen werden. Oder wir können hinschauen und unser Verhalten ändern. Etwa damit anfangen, Nahrungsmittel zu kaufen, die nur aus unserer Region kommen. Das wäre schon mal ein Anfang.

Es gibt normen dafür, wie unser Gemüse aussehen soll. Eine schlimme Entwicklung?
Absolut. Und deshalb haben wir vor über einem Jahrzehnt angefangen, diese Normen öffentlich infrage zu stellen. Wir waren zum Beispiel auf dem G-8-Gipfel in Heiligendamm und haben dort biologisches Essen für rund 15.000 Aktivisten gekocht. So wurde die „Fläming Kitchen“ ins Leben gerufen. Zum Gemüseeinkauf sind wir nach Mecklenburg Vorpommern gegangen und haben die Bauern um Kartoffeln gebeten, die sie normalerweise weggeworfen hätten. Mit diesem „Missfits-Gemüse“ haben wir ein leckeres Essen für Tausende von Menschen gekocht.

Sie haben mal gesagt: die kommenden Generationen werden für alles zahlen, was wir angerichtet haben.
Junge Leute machen sich heute viel mehr Gedanken übers Essen, über die Art der Produktion und darüber, wo es herkommt. Die Bewegung „Food sharing“ ist zum Beispiel aus dem Film „Slow Food“ entstanden. Teller oder Tonne? Das einzige Mittel, was wir als Konsumenten haben, ist der Protest. Essen ist immer auch politisch. Klar, was angerichtet wurde, müssen die nachfolgenden Generationen ausbaden.

Was geben sie uns mit auf den Weg?
Versuche, Produkte zu kaufen ohne Strichcode. Am besten direkt vom Wochenmarkt. In Plastik verpackte Bio-Lebensmittel zu kaufen ist Unsinn. Längst geht es nicht mehr nur um vergiftete Eier, sondern darum, dass wir uns verstärkt aus regionaler Herkunft versorgen und vor allem saisonal.

Müssen wir über die Spekulation mit Lebensmitteln nachdenken?
So etwas müsste verboten werden! Wie kann es sein, dass zum Beispiel fast der gesamte Weizen aufgekauft wird, nur damit anschließend damit spekuliert werden kann? Oder dass in Deutschland zu viel Brot produziert wird und im Müll landet, während anderenorts auf der Welt Kinder an Hunger sterben?

Hat unsere Gesellschaft das Gefühl für die Mittel zum leben verloren?
Das Bewusstsein für die Wertigkeit und die Herkunft auf jeden Fall. Wir können beinahe zu jeder Tageszeit und zu jeder Jahreszeit in den Laden gehen und beinahe alles haben. Erdbeeren im Winter oder Fleisch zu Dumpingpreisen. Erst wenn etwas passiert, werden wir kurzfristig wach.

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Ist ihr Zuhause auch ein politisches Projekt?
Das ist es. Unser Projekt heißt „Selbstbestimmtes Leben im Alter“, wir sind ein eingetragener Verein und haben hier eine Wohngemeinschaft von mehreren Menschen über 50.

Wie und wann sind sie hierhergekommen?
Am Ende des Balkankrieges war ich in ganz Europa unterwegs, um Gelder für unser Friedensprojekt zu sammeln. In Belzig befand sich eine Gemeinschaft, die mich damals eingeladen hatte. Nach fünf Jahren Bosnien fühlte ich mich vollkommen ausgelaugt. 1995 in Srebrenica waren rund 60.000 Flüchtlinge unterwegs, das habe ich alles koordiniert. Und habe Lebensmittel und Medizin verteilt und Kondome, Liebesbriefe und Gemüsesamen außerdem. Und wissen Sie was? Die Hälfte der Lebensmittel war offiziell abgelaufen. Ich dachte: Wenn man auf diese Weise vier Millionen Flüchtlingen helfen kann, könnte man damit auch die normale Bevölkerung eine ganze Weile ernähren.

Sie haben mal gesagt, dass es einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Essen gibt.
Deshalb wollen ja auch viele Tafeln keine Tiefkühlpizzas haben. Umgekehrt wissen viele Bedürftige nicht, wie man frisches Gemüse oder einen leckeren Salat zubereitet. Immer weniger Menschen lernen, richtig zu kochen.

Sind sie selber Vegetarier oder Veganer?
Ich bin zwar fleischlos aufgewachsen, aber Veganer bin ich nicht. Das muss jeder halten, wie er möchte. Für mich muss Essen vor allem Spaß machen, und es darf sinnlich sein. Vegan zu sein ist eine Entscheidung, die vielleicht mehr mit Politik zu tun hat als mit dem Essen an sich. Es ist allerdings keine Lösung für all unsere Probleme.

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Sind wir immer noch zu gedankenlos, was den Umgang mit Essen betrifft?
Jeder von uns hat eine Wahl, und jeder kann sich informieren. Wenn wir nicht bereit sind, den angemessenen Preis für Lebensmittel zu zahlen, werden andere darunter leiden. Wenn wir uns einmal anschauen, was ein durchschnittliches Huhn kostet oder ein Ei, ist der niedrige Preis nicht realistisch. Nördlich von Hannover werden alleine eine halbe Millionen Hühner pro Tag geschlachtet. Dort befindet sich der größte Hühnerschlachthof Europas. Das sollten wir vor Augen haben, wenn wir ein Stück Huhn essen.

Also haben wir uns vom Ursprung unserer Nahrung entfremdet.
Das haben wir. Wenn wir uns mal die Karotten im Supermarkt anschauen: Die sind orange und sehen alle gleich aus. Ursprünglich waren sie lila, rot oder gelb. Und vor langer Zeit haben die Holländer als Zeichen gegen die Spanier orange Karotten gezüchtet. Sozusagen die erste genmanipulierte Nahrung.

Wie klären sie bei ihren Kochaktionen die Menschen auf?
Wenn man vor rund 1000 Leuten kocht, bleibt wenig Zeit, um viel zu erzählen. Alles muss ganz schnell gehen, sonst gibt es anschließend kein Essen. Aber nebenbei erkläre ich natürlich schon, warum eine Karotte, die krumm ist, genauso gut schmeckt wie eine gerade. Es ist einfach bescheuert, Essen wegzuwerfen. Das bleibt bei den Menschen hängen nach so einer Aktion.

Wie können wir als Konsumenten dazu beitragen, dass nahrung nicht gedankenlos weggeworfen wird, dass sie fair und nachhaltig produziert wird und wir folglich in einer gerechteren Welt leben?
Mit jedem Einkauf treffen wir eine Entscheidung. Und bei jedem Einkauf können wir auch fragen, weshalb wir uns täuschen lassen. Die Einkaufswagen werden zum Beispiel immer größer, während der Inhalt in den ebenfalls immer größer werdenden Verpackungen schrumpft. Wir sollten uns nicht länger hinters Licht führen lassen und lieber wieder ein gutes Verhältnis zum Essen entwickeln. Wir sollten wieder lernen, richtig und vor allem mit Freude zu kochen. Um mit Genuss die Mittel zu uns zu nehmen, die uns am Leben halten: Lebensmittel.


Text (Alicia Rust)  Foto (Regina Recht)
Kategorien Ernährung