Elisabeth von Thadden, DIE ZEIT, 25.6.19

Warum Berührung so wichtig ist

Philosophen unserer Zeit schildern ihre Sicht auf das gute Leben. Für Elisabeth von Thadden tut frei gewählte Berührung in diesen digital dominierten Zeiten der ganzen Gesellschaft gut. Dabei ist weniger fast immer mehr.

Elisabeth von Thadden, DIE ZEIT, 25.6.19

Frau von Thadden, in Weingartners Film „303“, in dem sich zwei junge Menschen auf einem Roadtrip verlieben, fällt der Satz: „Eine einzige zärtliche Berührung killt Tausende von Stresshormonen.“ Stimmt das?
Elisabeth von Thadden So könnte man es ausdrücken, ja. Denn angenehme Berührungen mobilisieren, wie es der Haptikforscher Martin Grunwald ausdrückt, die körpereigene Apotheke des Menschen. Sie können Stresshormone im Körper reduzieren, den Blutdruck senken, entzündungshemmend wirken und das allgemeine Wohlbefinden steigern. Allerdings liegt die Betonung hier auf „angenehme“ Berührungen. Denn wo gewollte Berührungen heilsam sind, haben unangenehme den gegenteiligen Effekt: Sie spannen uns an und können uns auf Dauer sogar krank machen.

Was unterscheidet wohltuende von unangenehmen Berührungen?
Elisabeth von Thadden Natürlich ist Freiwilligkeit ein bedeutender Faktor. Darüber hinaus zählt allerdings nur, was die berührte Person empfindet. Ein Kriterium, das man von außen klar und universell bestimmen könnte, gibt es demnach nicht. Was der eine als angenehme Nähe wertet, kann für die andere nahezu unerträglich sein. Jeder und jede hat hier seine eigene Komfortzone. Deshalb finde ich es auch problematisch, dass die Berührung beispielsweise in der Werbung undifferenziert als Allheilmittel gefeiert wird. Dem Thema Berührung wohnt eine Paradoxie inne, die bereits Aristoteles beschrieben hat.

Welche wäre das?
Elisabeth von Thadden In seiner Schrift „Über die Seele“ beschreibt er zwei widerstrebende Empfindungen, die jeder Berührung notwendigerweise innewohnen. Auf der einen Seite sehnen wir Menschen uns qua unserer Natur nach Nähe und Kontakt, weil uns das das Gefühl gibt, lebendig und in eine wohlmeinende Gemeinschaft eingebunden zu sein. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass Berührungen immer in Machtzusammenhänge eingebunden sind. Um diese paradoxe Struktur geht es Aristoteles: Auf der einen Seite können wir nicht ohne Berührungen leben. Auf der anderen Seite fürchten wir kaum etwas so sehr wie Gewalt und Zurückweisung.

Dieser Konflikt spielt auch in Ihrem aktuellen Buch „Die berührungslose Gesellschaft“ eine zentrale Rolle. Berühren wir einander in unserer modernen Gesellschaft immer weniger?
Elisabeth von Thadden Die Gesamtanzahl der Berührungen, die zwischen Menschen stattfinden, ist nicht leicht zu messen. Trotzdem kann man festhalten, dass es noch im Europa der 1950er-Jahre normal war, dass Familien gedrängt in wenigen Zimmern lebten. Oft teilten sich Kinder ein Bett. Allein die Tatsache also, dass die Quadratmeterzahl, die wir heute bewohnen, historisch einmalig hoch ist, hat dafür gesorgt, dass wir weniger körperlichen Kontakt zu anderen Menschen haben. Das ist andererseits nicht schlecht, denn wer früher mit drei Geschwistern und beiden Eltern in einem kleinen Raum lebte, hatte kaum Rückzugsmöglichkeiten und wurde sicher auch berührt, wenn ihm ganz und gar nicht danach war.

Das bedeutet also, dass wir heute zwar weniger Nähe erfahren, allerdings jene, die dennoch stattfindet, oft frei gewählt und somit in vielen Fällen angenehm ist?
Elisabeth von Thadden Genau. Was von Kulturpessimisten immer als Verfallssymptom à la „Wir berühren uns immer weniger. Das ist schlecht!“ gedeutet wird, würde ich unbedingt als Fortschritt ansehen. Denn an die Stelle aufgezwungener, immer präsenter Nähe treten weniger, jedoch selbst gewählte Kontakte. Ich bin da mit der Philosophin Martha Nussbaum ganz einer Meinung. Sie sieht die Selbstbestimmtheit der Berührung untrennbar mit dem Begriff der körperlichen Unversehrtheit verknüpft. Wer ungewollt eine übergriffige Nähe ertragen muss, der oder dem widerfährt Gewalt. Wie großartig ist eine Gesellschaft also, in der ich weiß, dass mir nichts geschehen wird, auch wenn ich mich verletzlich zeige.

Welche Rolle spielt die Kommunikationstechnik an dieser Stelle? Ersetzen unsere Smartphones physischen Kontakt mit anderen Menschen?
Elisabeth von Thadden Wie so vieles hat auch der Einfluss der Technik zwei Seiten. Die eher negative ist, dass der leiblich anwesende Mensch in seiner Bedeutung tatsächlich zurücktritt gegenüber den Menschen, die man auf den sozialen Netzwerken sehen kann und die immer perfekter erscheinen, als man selbst und die eigenen Mitmenschen es sind. Konkret gesagt: Durch Bilder im Netz wirkt der tatsächlich anwesende Körper immer mangelhaft. Mein echter Partner kann sich gar nicht so gut anfühlen, wie die Models digital aussehen können. Immanuel Kant nannte den Menschen ein „krummes Holz“ und meinte damit seine moralische Verfasstheit. Doch das lässt sich auch auf unsere Leiblichkeit übertragen. Echte Körper schwitzen, triefen und haben Gerüche. Im Netz sind all diese Faktoren ausgeblendet, und wir streben nach einer Perfektion, die notwendig unerreichbar bleibt. Das führt zu Stress.

Das wäre die negative Seite. Und die positive?
Elisabeth von Thadden Die andere Seite der digitalen Entwicklung ist, dass man Menschen aus der Ferne stets in seine Nähe holen kann. Durch ein Skype-Gespräch kann eine Mutter ihrem Kind beispielsweise signalisieren: „Ich bin da, es gibt mich, ich bin am Leben, du bedeutest mir viel.“ Auf die Weise kann man Menschen gehen lassen, ohne sie jedoch aus der eigenen Reichweite zu verlieren. Jede, die Kinder hat, aber auch jeder, der alte Eltern hat, weiß, dass es neue Näheverhältnisse sind, die so entstehen.

Man sagt ja, dass man einen Gedanken „begreift“, ein Konzept „erfasst“ oder man durch eine Aussage „berührt“ wird. Wie wichtig ist der Tastsinn für unser Verständnis der Welt?
Elisabeth von Thadden Man muss sich ja nur die Welt um uns herum ansehen. Es gibt so viele verschiedene Oberflächen, Strukturen, Stoffe, dass wir ohne unseren Tastsinn schlichtweg aufgeschmissen wären. Die Vielgestaltigkeit der Welt, davon bin ich überzeugt, müssten wir grundlegend anders erfahren, wenn wir als Säugetier Mensch nicht mit einem so phänomenalen Tastsinn ausgestattet wären. Das geht beim Sandkorn unter den Füßen los und hört beim Erfühlen einer anderen Haut nicht auf. Allein in einer menschlichen Fingerspitze befinden sich über sechshundert Druck- und Berührungsrezeptoren. Das ist kein Zufall, denn
ohne Fühlen gäbe es keine Weltbeziehung. Da bin ich ganz bei dem Soziologen Hartmut Rosa und dessen Konzept der Resonanz. Er sagt, dass wir uns erst selbst erfahren, wenn wir in Beziehung mit der Umwelt treten. Erst durch die Andersheiten um uns herum wird uns unsere eigene Existenz vernehmbar, spürbar und artikulierbar. Sich selbst in der Wechselbeziehung durch Berührungen zu erfahren ist etwas Wunderbares.

Zur Person
Elisabeth von Thadden ist Journalistin, lebt in Hamburg und ist bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ zuständig für das Feuilleton  und die philosophischen Seiten „Sinn & Verstand“. Seit 2012 ist sie Permanent Fellow im DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften der Universität Jena. Im Herbst 2018 erschien ihr Buch „Die berührungslose Gesellschaft“ (C. H. Beck).