Paul Westrich

Paul im Glück

Der Tübinger Biologe Paul Westrich sucht in Wäldern, auf Wiesen und an Ufern unbekannte Wildbienen. In einer winzigen Welt entdeckt er großartige Zusammenhänge

Text: Stefan Scheytt Foto: Cira Moro

Paul Westrich

Wollte man den Wildbienenforscher Paul Wes­trich mit einem einzigen Bild charakterisieren, dann würde dieses Bild eine grün-bunte Sommerwiese zeigen, in der, kaum sichtbar, irgendwo ein Stück Paul Westrich versteckt ist: die Spitze seines Sonnenhuts, ein Stück vom Kescher, die Kamera auf dem Stativ, sein Rucksack am Boden. Das Suchbild eines Suchenden. Ein Wissenschaftler, der mit seinem Forschungsobjekt verschmilzt.

Solche Bilder sind Standbilder: Westrich sitzt auf einem Stein, einer Mauer, er kniet vor einem winzigen Erdloch in einer Wiese, an einer Uferböschung, die Kamera neben sich in Stellung gebracht, die Hände im Schoß. Ein Natur-Andächtiger. Stundenlang kann er so warten, jede störende Bewegung vermeidend, die Sonne im Nacken, die Kehle trocken, der Magen knurrt, aber: erfüllt von der Hoffnung auf ein millimeterkleines Wildbienchen, das hier auftauchen müsste am Erdloch, am Brombeerstängel, in dem es seine Brut mit Pollen und Nektar versorgt; kommt das Insekt nicht oder fliegt es gleich wieder weg, sitzt und kniet und wartet Westrich auch am nächsten Tag und am übernächsten, zehn, zwölf Stunden, wenn es sein muss. Und es muss ja sein.

Der Wildbienenforscher Paul Westrich
„Bitte gehen wir ins Gelände und prüfen am Naturobjekt, ob ich um Unrecht bin.“

Paul Westrich, Doktor der Biologie, 67 Jahre alt, wohnhaft in Tübingen, ist so etwas wie der Wildbienenpapst Deutschlands, sein Ruf in diesem Fach reicht nach Europa und in die Welt, eine chinesische Sandbiene ist nach ihm benannt: „Andrena westrichi“. Sein fast 1000 Seiten starkes, inzwischen vergriffenes zweibändiges Buch über „Die Wildbienen Baden-Württembergs“ gehört zu den Standardwerken der einschlägigen Literatur, Westrich hat es 1989 im Auftrag des Umweltministeriums geschrieben und seither ein weiteres Buch, unzählige Fachartikel und Buchbeiträge verfasst; er hat Tausende von Videoaufnahmen und viele Zehntausend Fotos geschossen, gerade ist er dabei, die schönsten davon für ein neues Buch zusammenzustellen.

Wichtige Bestäuber

In Deutschland gibt es mehr als 560 verschiedene Bienenarten, in Europa rund 1800, weltweit mehr als 17.000, und bis auf eine Handvoll sind alle Arten wild lebend, die meisten auch solitär, das bedeutet: Das Weibchen baut sein Nest und versorgt seine Brut ganz allein. In der Wahl des Nistplatzes, des Baumaterials und der Nahrungspflanzen sind die meisten Wildbienen hoch spezialisiert, sie reagieren besonders empfindlich auf Beeinträchtigungen ihres Lebensraums und gelten deshalb als hervorragende Indikatoren für intakte oder gestörte Ökosysteme. Gleichzeitig sind sie sehr effiziente Bestäuber von Obstbäumen, Beerensträuchern und Feldfrüchten. Vieles vom allgemeinen Wissen über Wildbienen hat Paul Westrich erforscht und zusammengetragen – und damit vor vielen Jahren manche Imker verärgert: Sie fürchteten, die Bedeutung des Nutztiers Honigbiene könne leiden, wenn der Öffentlichkeit bewusster wird, dass auch Wildbienen unverzichtbar sind für die Bestäubung von Nutzpflanzen und für die Pflanzenvielfalt insgesamt. „Das Bild von Bienen ist ganz stark geprägt von der Honigbiene, obwohl es weltweit kaum ein Dutzend Arten gibt“, sagt Paul Westrich. „Aber natürlich will ich als Wissenschaftler keine Bienenart gegen die andere ausspielen; ich versuche nur, das Blickfeld zu erweitern und das Interesse für die gesamte Bienenfauna zu wecken.“

Biene im Glas

Paul Westrich im Gelände

Wildblumenwiese
In ihm selbst wird die unbändige Neugier auf die Natur früh geweckt durch die sonntäglichen Waldspaziergänge mit dem Großvater und dem Vater. Als Schüler in der Pfalz studiert er die Vogelwelt, geht noch vor Sonnenaufgang hinaus, weil ihn die Frage umtreibt, welche Vögel um welche Uhrzeit mit dem Singen beginnen; als Philosophie-Student auf einem irischen College zieht er Dohlen groß; und während seines Biologie-Studiums in Tübingen lädt ihn ein befreundeter Professor für Biologiedidaktik zu einer Exkursion nach Südfrankreich ein: Dort, in einem Canyon an einem „wunderschönen provenzalischen Frühsommertag“ Mitte der 70er-Jahre, an den er sich noch heute aufs Datum genau erinnert, „hat’s gefunkt“, erzählt Paul Westrich wie von einer Liebesbeziehung: Ab jetzt sind seine Sinne geöffnet für Holz- und Seiden- und Mauer- und Langhorn- und Woll- und all die anderen wild lebenden Bienenarten, für ihr Sozial- und Paarungsverhalten, für ihren Nestbau, ihr Brutpflegeverhalten, ihre Blütenbeziehungen, ihre Schlafgewohnheiten (zu Westrichs Fundus gehört das berührende Foto von sechs Männchen der Grauschuppigen Sandbiene, die in einer Glockenblume schlafen).

Lohn oder Geduld

Die Neugier und die Begeisterungsfähigkeit in Paul Westrich sind bis heute nicht erschöpft, mit 67 erzählt er wie einer, der gerade am Anfang steht; wenn er über seine Arbeit berichtet, fallen Begriffe wie „Rausch“, „Belohnung“, „Glücksgefühl“, „Augenweide“. Im Originalton klingt das so: „Ich habe das Glück, zu den wenigen Menschen zu gehören, die die Brutzelle der sehr seltenen Mauerbienenart Osmia mitis gesehen haben. So eine Brutzelle ist ein kunstvoll gefertigtes Gebilde aus abgebissenen Blattstückchen vom Sonnenröschen, die Brutzelle sieht aus wie ein kleiner Kiefernzapfen, das ist einzigartig. Es war vor einigen Jahren im Wallis auf 1600 Meter Höhe am Rande eines mühsamen Wegs, ich beobachtete eigentlich eine andere Art, bis ich am dritten Tag zufällig ein Weibchen von Osmia mitis entdecke, das mit dem Bau der Brutzelle beginnt. Ich wollte den Fortschritt fotografieren, aber es passierte nichts, der Himmel war wolkenverhangen, stundenlang saß ich da, und plötzlich kommt sie wieder angeflogen, baut weiter.

Was für ein Glück. Gerade bei den Mauerbienen gibt es sicher noch ganz fantastische andere Phänomene, die noch niemand dokumentiert hat.“ Oder vor zwei Jahren auf der Schwäbischen Alb, wo er einen Nistkasten für eine andere Art aufgehängt hatte: „Wie ich zum Auto gehe, fällt mir eine rostrot behaarte Mauerbiene auf, die an den Fuß einer Kiefer fliegt, wo Walderdbeeren blühen, und ich sehe, wie sie Blattmaterial holt, ich knie mich hin, fotografiere, wie sie von den Erdbeerblättchen ihr Baumaterial holt und wieder wegfliegt. Das Nest habe ich nicht gefunden, aber jetzt wissen wir zumindest, woraus es gebaut ist.“ Oder erst jüngst, wieder in der Schweiz, wo er Zeuge wird, wie eine in Mitteleuropa sehr seltene Pelzbienenart, die in Deutschland nur noch an den Kreidefelsen auf Rügen vorkommt, wie sie also mit dem Schmelzwasser im Frühling Lehm für ihr Nest aufweicht. „Phänomenal“, sagt Paul Westrich und strahlt vor Freude darüber, wie er sich „in diesen kleinen Lebensraum reinschmuggeln“ darf.
„Für mich sind das keine nüchternen Geschichten, das betrifft die Seele. Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert von der Komplexität des Verhaltens dieser Tiere.“ Die Harzbiene zum Beispiel baut ihre Brutzelle aus Harz, in das sie ein Röhrchen für die Luftversorgung der Larve einarbeitet. „Wenn man so einem Bienchen dabei vier Tage lang acht Stunden am Tag zuschaut, dann entwickelt man eine persönliche Beziehung zu ihm“, sagt Westrich. So versteht man, wie er winzige Insekten im Flug bestimmen kann, die der Laie nur als vorbeischwirrendes Etwas wahrnimmt, geschweige denn dessen Nester er erkennen würde oder sonst irgendetwas wüsste über Eiablage, Polleneintrag, Brutzellenbau … Paul Westrich nennt das „komplexe Gestaltwahrnehmung“: So wie man unter Milliarden Menschen den einen erkennt, so erkennt er die Bienen an ihrem Flug, ihrem Klang, der Tageszeit, der Umgebung.

nomioides minutissimus

ampulex_fasciata

Als Paul Westrich 1999 von der Deutschen Gesellschaft für allgemeine und angewandte Entomologie (Insektenkunde) mit der Meigen-Medaille ausgezeichnet wurde, sagte sein Laudator: „Paul Westrich hatte eigentlich immer nur eine Antwort: Bitte, gehen wir ins Gelände und prüfen am Natur­objekt, ob ich im Unrecht bin.“ In der kalten Jahreszeit, wenn die Wildbienen nicht fliegen, verbringt der Biologe viele Wochen in seinem Arbeitszimmer, um seine Beobachtungen wissenschaftlich aufzuarbeiten; und er reist in Naturkundemuseen in ganz Europa, wo er Bücher und Aufzeichnungen einsieht, manche 100 Jahre und älter, die er mit seinen eigenen Erkenntnissen vergleicht; wo er auf den Wildbienenpräparaten uralter wissenschaftlicher Sammlungen noch Pollen findet, sie am Mikroskop analysiert und so die Spezialisierung von Bienenarten auf bestimmte Pflanzen bestätigen oder widerlegen kann. Aber Westrichs eigentliches Terrain sind die Wiesen, Uferböschungen, Lehmgruben, Waldränder. „Ich habe mich schon immer weniger für die Zellen, die Biochemie interessiert, sondern immer viel stärker für das Ganze, für das lebende Tier in seiner natürlichen Umwelt mit all seinen Beziehungen zu Blüten, Artgenossen, Lebensräumen, für die Ökologie“, sagt der Bienenkundler.

Wissen schafft Sorge

Noch mehr als Westrich selbst, der als feldforschender Biologe einer seltener werdenden Art angehört, sind die Wildbienen bedroht. Die „gravierende Verarmung“ in der heimischen Wildbienenfauna sei unübersehbar geworden, sagt Westrich. In Deutschland ist mehr als die Hälfte der Arten gefährdet oder vom Aussterben bedroht, 39 Arten sind schon völlig verschwunden; und die absolute Zahl der Tiere – unabhängig von der Art – ist dramatisch gesunken. „Man weiß heute bei den Schmetterlingen, dass im Vergleich zu vor 50 Jahren 99 Prozent der Tiere weg sind. Das passiert jetzt auch mit den Wildbienen.“ Ihre Spezialisierung auf bestimmte Nahrungspflanzen, bei der Wahl des Nistplatzes und des Bau­materials macht sie abhängig. Die Goldene Schneckenhaus-Mauerbiene nistet ausschließlich in leeren Schneckengehäusen, die Garten-Wollbiene baut ihr Nest nur aus Pflanzenhaaren, die Malven-Langhornbiene sucht Pollen allein an Malvengewächsen, bestimmte Mauerbienen brauchen die Wachsblume, die es in ganz Deutschland nur noch an zwei Standorten gibt.

Biene fliegt zur Pflanze
Und weil Ökologie das Ganze meint, das Westrich mit seiner Grundlagenforschung so genau in den Blick nimmt, weiß er, dass das Verschwinden der Wildbienen auch andere Arten bedroht: Nicht nur unzählige Pflanzen brauchen Wildbienen als Bestäuber, auch Käfer, Schmetterlinge, Fliegen, Schlupfwespen, Goldwespen und Vögel leben von ihnen oder entwickeln sich in ihren Nestern, sie sind selbst so spezialisiert, dass sie ohne ganz bestimmte Bienenwirte nicht existieren können. Der Verlust an artenreichem Grünland durch Straßenbau, Wohn- und Gewerbesiedlungen und vor allem durch die Intensivlandwirtschaft sei alarmierend, meint Westrich. „Offensichtlich genügt vielen Menschen ein gelbes Rapsfeld als Beispiel für intakte, schöne Natur oder wenn alles grün ist. Für mich sieht Naturästhetik anders aus, ich habe ein anderes Schönheitsempfinden, weil ich dahintersehe.“ Als freischaffender Biologe, der für diverse Ämter und Behörden Pflegepläne für Naturschutzgebiete erarbeitet, an Artenschutzprogrammen und Beweidungskonzepten mitwirkt oder faunistische Daten für Schutzgebiete oder Biotopvernetzungskonzepte erhebt, weiß Paul Westrich nur zu gut um den Zustand der Natur im Allgemeinen, nicht nur der Wildbienen.

Insektenhotel
Bei diesem Thema kann ihm, der sonst so begeistert erzählt, schon mal das Wort „entmutigend“ über die Lippen kommen. Oder wenn er sieht, was für Nisthilfen, die er selbst mit populär gemacht hat, in Baumärkten als „Insektenhotels“ angeboten werden – „vieles ist völlig untauglich, und manches grenzt an Betrug“, sagt Westrich dazu. Bei Vorträgen erzählt er, wie gute Nisthilfen aussehen müssen, auf seiner bestens gepflegten, reichhaltigen Wildbienen-Website steht auch dazu alles Wissenswerte. Die Anzahl von Anrufen und E-Mails mit immer wiederkehrenden Fragen hofft er so auf einem niedrigen Niveau halten zu können – damit ihm Zeit bleibe für die Arbeit im Feld. Wer es dennoch probiert, kann als Antwort E-Mails erhalten (vor allem im Frühjahr und Sommer), die in etwa so klingen: „Leider habe ich in der nächsten Woche und wohl auch noch danach keine Zeit, da ich in Nördlingen, bei Karlsruhe, am Kaiserstuhl und im Wallis sein werde. Ich musste bereits eine Besprechung absagen, weil ich spontan auf das Erscheinen bestimmter Arten reagieren muss, sonst verpasse ich wichtige Phänomene. Ich bitte um Verständnis.“

Text: Stefan Scheytt Foto: Cira Moro

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