„Ich bin als Frau stärker und stolzer geworden“

Halima, 41, ist die inoffizielle Leiterin der Nähwerkstatt von Modeunternehmerin Jeanine Glöyer (Jyoti)  im indischen Chittapur und seit der ersten Stunde dabei. Nach der Hochzeit mit 17 war sie jahrelang zu Hause. Erst als ihr Ehemann seinen Job verlor, erlaubte er Halima, sich eine Arbeit zu suchen. Dort lernte sie die damals erst 19-jährige Glöyer kennen und half ihr, ein schlagkräftiges Team für die angedachte Nähwerkstatt aufzubauen.

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Halima, wie bist du aufgewachsen?
Ich bin in Gurgunta geboren, einem Dorf circa drei Stunden südlich von Chittapur. Meine Eltern waren Bauern und ungebildete Leute. Meine Geschwister und ich mussten nur selten auf den Feldern helfen und durften zur Schule gehen. Als Mädchen wollte ich selbst Lehrerin werden. Ich liebte das Lesen und Sticken. Leider werden meine Augen immer schlechter.

Wie sieht ein normaler Tag bei dir aus?
Mein Tag beginnt meist um 5.30 Uhr. Ich stehe auf, mache das Frühstück und bereite den Lunch für meine Tochter zu, danach erledige ich etwas Hausarbeit und mache mich gegen 09.45 Uhr zur Arbeit auf. In der Nähwerkstatt arbeiten wir von 10 bis 17 Uhr. Danach gehe ich manchmal noch einkaufen und schließlich heim, um das Abendessen zu kochen.

Und was machst du an Feiertagen?
Feiertage mag ich nicht, ich komme lieber zur Arbeit. Zu Hause habe ich mit so vielen Problemen zu kämpfen. Familiäre Probleme, finanzielle Probleme. Das Leben macht uns so viele Schwierigkeiten. (lacht) Ich muss mich um alles zu Hause kümmern und viele Entscheidungen fällen, die eigentlich mein Mann treffen müsste. Er sitzt den ganzen Tag herum. Das sorgt oft für Spannungen zwischen uns. Wenn er betrunken ist, streiten wir oft. Das kostet viel Kraft.

Bist du die Alleinverdienerin in der Familie?
Ja, mein Gehalt gebe ich komplett für den Haushalt und die Ausbildung meiner jüngsten Tochter Sabia aus. Sie studiert Handelsbeziehungen. Es macht ihr Spaß, sie ist sehr intelligent, lernt schnell und war immer die Beste in der Schule. Deshalb habe ich Sabia bisher nicht verheiratet. Sie soll zuerst etwas lernen und eine gute Arbeit finden. Zu sehen, dass sie eine starke und eigenständige Frau wird, macht mich sehr glücklich. Sparen kann ich nicht, weil mein Mann derzeit keine Arbeit hat.

Was magst du an Chittapur?
Eigentlich nichts, außer mein Haus und unsere Jyoti-Werkstatt vielleicht. (lacht) Die meisten Menschen hier sind arm. Rund 75 Prozent der Männer trinken zu viel und arbeiten nicht, nur ein Viertel von ihnen ist anständig. Viele Familien haben deshalb finanzielle Probleme, sind verschuldet. Die Arbeitslast bleibt dann an den Frauen hängen. Sie müssen die Familie alleine versorgen und verdingen sich als Erntehelferinnen auf den Feldern, als Putzfrauen oder Wäscherinnen bei bessergestellten Familien.

Woran liegt das?
Ich weiß es nicht. Vielleicht an den schlechten Arbeitsbedingungen in den Steinbrüchen, auf den Baustellen und Feldern, wo die meisten Männer und auch etliche Frauen Arbeit finden. Sehr harte körperliche Arbeit, die ganze Woche lang. Viele der Männer hatten gar keine oder nur eine sehr kurze Schulbildung und haben keine Chance, sich weiterzuentwickeln.

Du warst von Anfang an bei Jyoti dabei und hast das Näherinnenteam mit aufgebaut. Wie lief das ab?
Am Anfang war es schwer. Keine der angestellten Frauen hatte eine ordentliche Nähausbildung, kaum eine konnte Englisch. Ich musste zunächst viel erklären und vermitteln. Mittlerweile verstehen alle Englisch, übernehmen Verantwortung und teilen sich die täglichen Aufgaben. Wir sind zu einem echten Team zusammengewachsen.

Wie habt ihr die ersten Teammitglieder gefunden?
Ich habe im Familienkreis gefragt, auch meine Schwägerin, ob sie nicht mitkommen möchte. Sie hatte Angst und wollte nicht. Dann fanden sich Frauen wie Rizwanna und Suvarna, die ähnliche Probleme wie ich hatten und etwas lernen wollten. Zu Beginn waren wir zu sechst, zwei weitere kamen nach ein paar Tagen nicht mehr.

Bist du stolz auf das, was ihr auf die Beine gestellt habt?
Ja, sehr! Ich erinnere mich noch gut, dass Jyoti anfangs nicht mehr als ein Traum von Jeanine war, und – Gott sei Dank – ist er in Erfüllung gegangen. Wir haben zuerst Tischdecken bestickt und kleine Kosmetiktäschchen genäht. Nach und nach sind wir professioneller geworden. Je hochwertiger unsere Produkte wurden, desto mehr haben wir verdient. Angefangen haben wir mit einem Tagessatz von 50 Rupien, und jetzt verdienen wir 250 Rupien am Tag.

Wie haben die Leute im Dorf auf die Werkstatt reagiert?
Mittlerweile fragen mich viele, ob hier bald eine Stelle frei werde. Ich muss sie dann immer vertrösten und an Schwester Lucy Priya verweisen.

Hat die Arbeit bei Jyoti dich persönlich verändert?
Ich bin als Frau stärker und stolzer geworden. Ich habe jetzt zum Beispiel ein eigenes Konto und gehe allein zur Bank im Dorf und habe keine Angst mehr davor. Bis vor einigen Jahren bin ich fast überhaupt nicht aus dem Haus gegangen. Jetzt bin ich mit anderen Teamfrauen sogar in größere Städte wie Gulbarga, Hyderabad oder Ahmedabad gefahren und heil zurückgekommen. (lacht)

Bald soll das Team größer werden. Eine gute Idee?
Ja, wir sollten noch viel mehr Frauen eine Chance geben. Allerdings wäre es gut, wenn sie schon ein Mindestmaß an Bildung und handwerklichen Fähigkeiten mitbringen. Ich habe Jeanine geraten, vor allem denjenigen zu helfen, denen es am schlechtesten geht. Mein Traum ist es, dass alle Frauen aus Chittapur hier arbeiten können. Jeanine wird dann Fabrikbesitzerin sein. (lacht)

Möchtest du in Chittapur alt werden?
Seit der Heirat bin ich hier zu Hause. Mein ältester Sohn arbeitet bei einem Schneider im Dorf, der jüngere ist Mechaniker. Meine älteste Tochter lebt mit ihrer Familie im Nachbardorf. Sie hat einen guten Ehemann und ist glücklich. Ich möchte hier bei ihnen bleiben.