Am Bodensee baut Eva Maria Walle Arznei-, Gewürz- und Aromapflanzen an und berät Landwirte auf der halben Welt, wie Wildpflanzen in Gärten gedeihen können.
War es Zufall oder Fügung? Eva Maria Walle wäre heute vielleicht eine erfolgreiche Cellistin, hätten sich damals, beim Musikstudium in Basel, nicht diese Schulterschmerzen bemerkbar gemacht – wohl eine Folge der Überlastung durch das viele Üben, wie sie heute glaubt. So begann ihre Rückbesinnung auf das, was sie schon als Kind empfand, wenn sie auf einem Schweizer Bauernhof die Ferien verbrachte oder wenn sie die Gärten sah, die ihr Großvater als Verwalter eines Versuchsguts betreute: „Die Stimmung in der Landwirtschaft, Felder, Wiesen, überhaupt alles Ländliche haben mir schon immer gefallen.“ Dieses Gefühl begleitete sie selbst beim Cellospielen als Jugendliche: „So gerne ich übte, so oft ging ich dafür in den Keller, um nicht sehen zu müssen, wie schön es draußen war.“ Und trotzdem dachte sie beim Üben daran, wie es jetzt wäre, im Freien zu sein, mit Pflanzen und dem Boden zu arbeiten. Eva Maria Walle ist dann doch noch nach draußen gegangen. Nur einige Jahre später.

Im Büro schlägt derweil auf Eva Maria Walles Handy die Nachtigall an, der Anrufer ist einer ihrer neueren Kunden, ein Landwirt aus Tschechien. Früher baute er vor allem Getreide an, nun versucht er – auch angesichts des Klimawandels – zu diversifizieren und probiert es mit neun verschiedenen Kräutern. Wie er mit Weizen umzugehen hatte, wusste er, aber wie mit Ysop, Oregano u Anis? Wo ist gutes Saatgut zu bekommen? Wie muss der Boden vorbereitet werden, in welchem Abstand sind die Kräuter anzupflanzen, und welche Fruchtfolge empfiehlt sich? Mit welchen Krankheiten und Schädlingen ist zu rechnen, und wie kann man vorbeugen? Gibt es speziellen Dünger und eine besondere Hacktechnik zur Unkrautbekämpfung? Welche Maschinen braucht es, wie steht es mit der Trocknung und dem Transport der Pflanzen?
Im ehemaligen Kuhstall im Flecken Mahlspüren am Bodensee purzeln solche Fragen unentwegt herein, als Anrufe, E-Mails und WhatsApp-Nachrichten mit angehängten Fotos von Feldern und Pflanzen aus der halben Welt. Ein Algerier, der in Deutschland Pharmakologie studiert hat, will in seiner Heimat Kräuter anbauen und sucht Rat. Aus Ecuador kommt die Anfrage eines Landwirts zum Anbau der Guayusa-Pflanze, aus der koffeinhaltiger Mate-Tee hergestellt wird. Soll die Beratung tiefer gehen, besucht Eva Maria Walle die Anbauer in Moldawien, Bulgarien, Marokko, Tunesien, Mexiko oder Albanien. Ihre letzte Reise vor der Corona-Krise führte sie auf eine Finca auf Mallorca, wo ein Deutscher einen großen Kräuterbetrieb aufbauen will und mit Walles Hilfe schon die ersten Testkulturen mit Thymian, Rosmarin, Salbei und Calendula gedeihen. Für einen Spirituosenhersteller in Österreich trug Eva Maria Walle vor zwei Dutzend Landwirten über den Anbau der Meisterwurz vor, die im Rezept für einen Likör eine wichtige Rolle spielt. Nach Russland reiste sie, um einen Betrieb beim Anbau von Biokamille im großen Stil zu beraten.


Wildpflanzen für den Kulturanbau
Im Kern geht es bei Eva Maria Walles Arbeit stets um die Inkulturnahme von Wildpflanzen, vergleichbar der Domestikation von Wildtieren zu Haustieren: Wie lassen sich Bedingungen schaffen, in denen die Pflanzen, die sich sonst selbst ihren Standort suchen, auch im Anbau optimal gedeihen? Das ist von existenzieller Bedeutung für die Landwirte, die vom Anbau dieser Pflanzen leben und dadurch die Wildbestände schonen. Und ebenso für deren Kunden, etwa Arzneimittelhersteller, Lebensmittelfirmen, Händler und Importeure von Kräutern, Heil- und Aromapflanzen aller Art, die große Mengen in gleichbleibender Qualität nachfragen.
Die Grundlagen für ihr Wissen hat die Hamburgerin Eva Maria Walle nach der abgebrochenen Cellistenkarriere durch ein Studium der Agrarwissenschaften in Hohenheim gelegt. Dort freilich ging es vor allem um Hauptkulturen wie Weizen und Mais. „Mir fehlte die Vielfalt“, sagt Walle im Rückblick. So stieß sie noch während ihres Studiums zum Naturkosmetik-und-Pharma-Unternehmen Weleda, wo sie ihre Bachelorarbeit über die Meisterwurz schrieb, deren Inkulturnahme in den firmeneigenen Heilpflanzengarten damals anstand. Walle zog durchs Wallis, Graubünden und das Bergell, sammelte die wilde Meisterwurz und machte sie im Firmengarten heimisch. „Das war mein Einstieg in die Welt der Heilpflanzen und Kräuter“, sagt Walle, die später auch ihre Masterarbeit bei Weleda schrieb und dann noch acht Jahre im Anbau tätig war, bevor sie sich 2013 selbstständig machte.
Kultivierte Wildpflanzen bis zu seltenen Frischpflanzen
Am „Tag der Erde“ im April 2020 läuft Eva Maria Walle hinter ihrem Haus über ihren eigenen Firmengarten, zu dessen Schutz gegen den Wind sie 15 verschiedene Wildgehölze gepflanzt hat. Früher wuchsen hier konventionell angebauter Weizen und Mais, jetzt gedeiht eine Vielfalt an heimischen und exotischen Pflanzen. „Mit Gründüngung haben wir intensiv Humusaufbau betrieben und dem Boden dadurch Kraft gegeben“, sagt Walle. Bei ihrer Arbeit gehe es weniger darum, die Pflanzen mit dem perfekten Nährstoffcocktail zu versorgen, sondern den Boden als Träger dieser Pflanzen gesund zu halten und kräftig zu machen. „Je vielfältiger der Boden bedeckt ist, umso besser ist es für die Bodenlebewesen und die vielen komplexen Prozesse zwischen ihnen und den Pflanzen. Je mehr Glieder dieser große Organismus hat, umso mehr hält sich alles in Balance.“ Auf der Kamille zum Beispiel siedelten sich einmal Läuse an – und waren irgendwann einfach wieder verschwunden. „Ich wette“, sagt Walle, „in einem einseitigen Bestand hätten sie sich explosionsartig ausgebreitet.“


Eva Maria Walle brauchte kein eigenes, zwei Hektar großes Feld mit vier Dutzend Pflanzenarten. Zumal sie ihren kleinen privaten Garten hat mit Blumen, Gemüse, Beerensträuchern, Walnuss- und Mirabellenbaum, Hügelbeet und Kräuterrondell. Sie wäre gut damit beschäftigt, ihre Kunden vor Ort in den Ländern zu besuchen und sie zusätzlich von Mahlspüren aus zu begleiten – so wie sie es zu Beginn ihrer Beratungstätigkeit tat. Die Reisen seien bereichernd und die Begegnungen mit den Menschen oft sehr herzlich, sagt sie. Und doch fehlte ihr die körperliche Arbeit. „Wenn ich nach Reisen oder nach längeren Phasen der Schreibtischarbeit mit dem vielen Hin-und-her-Springen zwischen Personen und Themen wieder nach draußen aufs Feld komme, die Pflanzen und den Boden sehe und spüre, dann wird mir wieder bewusst: Das ist es, das will ich.“
Zudem ist das Feld eine Art Versuchslabor, in dem sie im Kleinen ausprobieren kann, was später einmal bei einem Anbauer in größerem Stil umgesetzt werden könnte. Und nicht zuletzt wachsen hier Pflanzen, nach deren Blättern, Blüten und Wurzeln Firmen in so geringen Mengen fragen, dass ihr Anbau für die meisten Landwirte kaum lohnend wäre. Deshalb ergänzte Eva Maria Walle ihre Beratung um den Eigenanbau ausgewählter Gewächse, vor allem von Arzneipflanzen wie Aconitum, Gold-Fingerkraut, Maiapfel oder Schafgarbe für pharmazeutische Firmen. Bei kleineren Chargen oder sehr speziellen Wünschen wird sie auch zur Händlerin und beschafft für Kunden das Gesuchte aus ihrem internationalen Netzwerk. Seit Kurzem wachsen auf Eva Maria Walles Feld auch Pflanzen für ihre Herba-Solaris-Bio-Kräutertees, die sie und ihre Mitarbeiter mischen, abfüllen, in Läden der Region und im Büro in Mahlspüren verkaufen.
Blüten sind die Sterne des Tages, sind die Liebesgedanken der Natur.
Zudem ist das Feld eine Art Versuchslabor, in dem sie im Kleinen ausprobieren kann, was später einmal bei einem Anbauer in größerem Stil umgesetzt werden könnte. Und nicht zuletzt wachsen hier Pflanzen, nach deren Blättern, Blüten und Wurzeln Firmen in so geringen Mengen fragen, dass ihr Anbau für die meisten Landwirte kaum lohnend wäre. Deshalb ergänzte Eva Maria Walle ihre Beratung um den Eigenanbau ausgewählter Gewächse, vor allem von Arzneipflanzen wie Aconitum, Gold-Fingerkraut, Maiapfel oder Schafgarbe für pharmazeutische Firmen. Bei kleineren Chargen oder sehr speziellen Wünschen wird sie auch zur Händlerin und beschafft für Kunden das Gesuchte aus ihrem internationalen Netzwerk. Seit Kurzem wachsen auf Eva Maria Walles Feld auch Pflanzen für ihre Herba-Solaris-Bio-Kräutertees, die sie und ihre Mitarbeiter mischen, abfüllen, in Läden der Region und im Büro in Mahlspüren verkaufen.

Eva Maria Walle steht in jenem Teil des Bauernhauses, in dem früher der Traktor stand und das Heu für die Kühe lagerte, an den Wänden hängen noch ein paar landwirtschaftliche Geräte. Dort, wo die mit Hackschnitzel befeuerten Trockner für die Blüten und Blätter stehen, hat sie auf ein großes papiernes Banner einen Merksatz geschrieben: „Blüten sind die Sterne des Tages, sind die Liebesgedanken der Natur.“ Hier hat sie schon ein kleines Hofkonzert mit ihrem Cello und Klavierbegleitung gegeben, hier finden im Herbst „Kräuterscheunen“ mit Teeausschank statt. In der Scheune ist noch viel Platz. „Man könnte sie noch ausbauen“, sinniert Eva Maria Walle. „Da hinten zum Beispiel könnte ich mir ein Büro vorstellen – ein Büro mit Blick aufs Feld.“ Nach draußen.


Drei Fragen an Eva Maria Walle
Warum machen Sie diese Arbeit?
Pflanzen haben mich schon immer fasziniert mit ihrem Wesen, auch mit ihrer Vielfalt der Verwendungen. Erfüllend ist auch die Begegnung mit meinen Mitarbeitern und den Menschen auf meinen Reisen in viele Länder. Ihnen zu helfen bei der Gestaltung ihrer Aufgaben ist eine schöne, sehr befriedigende Arbeit.
Was ist Ihre Vision?
Dass Menschen die unglaubliche Vielfalt, Schönheit und Wirkungen der Pflanzen wieder mehr erkennen, schätzen und nutzen lernen. Dazu möchte ich einen Beitrag leisten, indem ich das Anbauspektrum erhalte und erweitere und mein Wissen weitergebe.
Was wollen Sie weitergeben?
Dass man sich Zeit nehmen muss, um die Natur lesen zu können. Wenn ein Unkraut überhandnimmt, eine Krankheit plagt, sollte der erste Gedanke nicht sein, wie man das am schnellsten wieder loswird, sondern welche Konstellation dazu geführt hat, dass das Problem überhaupt entstehen konnte. Es geht um systemisches Denken: Es hilft, zum Echten vorzudringen.
Text: Stefan Scheytt
Foto: Regina Recht