Die Macht der Plastikindustrie – Ein Interview mit Isa Willinger

Plastik ist allgegenwärtig. Es ist in den Flüssen und Meeren, in unserem Boden, in der Luft, die wir atmen, in Lebewesen – auch uns Menschen. Doch die Giganten der Kunststoffindustrie steigern die Produktion immer weiter. Filmemacherin Isa Willinger wollte von den Verantwortlichen erfahren, welche Lösungen sie bereithalten – und wie ernsthaft sie diese verfolgen. Gibt es echte Alternativen? Und wer trägt die Schuld für das globale Plastikproblem? Ein Gespräch über bewegende Dreharbeiten, schockierende Momente und eine tragische Erkenntnis.

Liebe Isa, was hat dich dazu bewegt, deine filmische Arbeit dem Thema Plastik zu widmen?

Es gab einen initialen Moment, als ich in der New York Times über das krasse Wachstum des Plastikmarktes gelesen hatte – das aber im Hintergrund stattfindet. Wir gehen davon aus, der Plastikverbrauch würde weniger werden, weil es Verbote gibt von Strohhalmen, Tüten und so weiter. In Wahrheit aber wächst der Plastikmarkt um 4% im Jahr. Klingt erstmal wenig, aber das sind rund 48% in 10 Jahren. Das fand ich extrem schockierend.

Dokumentationen zum Thema Plastikverschmutzung gab es bereits. Warum wolltest du deine eigene drehen?

Es gibt viele Reportagen, doch in diesen fehlt immer die Industrie. Es kommen Umweltschützer zu Wort oder Wissenschaftlerinnen. Aber nie die Verursacher des Problems – die bilden eine Leerstelle in der ganzen Berichterstattung über das Plastikproblem. Deshalb wollte ich sie vor die Kamera holen und mit ihnen reden. Was ist deren Haltung? Ihre Vision? Haben sie Lösungen? 

Und hattest du die Hoffnung, dass sie die haben?

Da war schon eine große Neugierde: Warum kommen die nie zu Wort? Was würden sie sagen? Würden sie lügen? Wenn ja, wollte ich ihnen dabei in die Augen schauen. Kurz, ich wollte in eine Ecke reinschauen, in die bisher nicht geschaut wurde. 

“Es ist natürlich zynisch, wenn man an so einer Machtposition sitzt, und dann sagt: ‘Naja, die Verantwortung dafür tragt ihr da draußen.'”

Haben sie sich dazu bereiterklärt?

Zuerst haben wir von all den Plastik produzierenden Unternehmen entweder überhaupt keine Antworten bekommen oder Absagen. Dann haben wir uns auch an die Lobbyverbände gewendet, aber auch da war es schwierig. Ich hätte auch gerne die Inverkehrbringer, also die Supermarktketten im Film gehabt, weil die auch sehr, sehr viel Marktmacht haben. Aber wir haben wirklich von allen, also Rewe, Penny, Edeka und so weiter, eine Absage bekommen. Das fand ich sehr schockierend, dass da nicht mehr Transparenz herrscht, denn schließlich kaufen wir jeden Tag in diesen Läden ein. Das war erschütternd.

Hattest du damit gerechnet, dass es so schwer werden würde?

Nein. Aber es erklärt, warum man diese Seite nie sieht in den ganzen Berichten zum Thema Plastik. Und letzten Endes haben wir ja zwei Zusagen bekommen von den Interviewpartnern, die im Film zu sehen sind.

Einer von ihnen ist Ingemar Bühler, der zu dem Zeitpunkt Hauptgeschäftsführer des Verbands der Kunststofferzeuger war und von sich selbst sagt, er werde der „Cheflobbyist der Plastikindustrie“ genannt. In Bezug auf die Steigerung der Plastikproduktion und den Konsum der Endverbraucher sagt er, er hoffe „auf den Selbsterhaltungstrieb des Menschen“.

Ja, das ist spannend. Der ganze rhetorische Duktus. Er ist eine Art Moralapostel im Film, und wälzt dann aber immer alles geschickt auf den Konsumenten und die Konsumentin ab. Und es ist natürlich zynisch, wenn man an so einer Machtposition sitzt, und dann sagt: „Naja, die Verantwortung dafür tragt ihr da draußen.“

Stimmst du ihm denn zu? Hoffst du auch auf den Selbsterhaltungstrieb des Menschen? 

Überhaupt nicht. Sonst hätten wir ja viel mehr Fortschritte gesehen in den letzten Jahrzehnten, in denen die Umweltschäden in Bezug auf den Klimawandel und viele andere Themen wirklich sehr bekannt geworden sind. 

Eine spannende Aussage deines Films ist, dass Plastik kein Konsumentenproblem sei, sondern ein Herstellerproblem, da in dem Moment, in dem ich den Supermarkt betrete, die Entscheidung für mich schon gefällt wurde: Die Tomaten sind bereits in Plastik eingepackt, ich finde kaum noch welche ohne Verpackung. 

Genau. Mir war es wichtig, im Film die Mechanismen der Plastikindustrie offenzulegen. Und dazu gehört auch – schon seit Jahrzehnten – das Problem immer wieder auf die Konsumenten abzuwälzen. Es gibt Werbespots aus den 80er-Jahren, finanziert von der Plastikindustrie in den USA, deren Aussage lautet: Der Konsument schafft es nicht, die Plastikflasche in die richtige Recycling-Tonne zu werfen und deswegen haben wir diese Umweltprobleme. Diese Strategie wollte ich offenlegen. 

Heißt das im Umkehrschluss, dass mein Einkaufsverhalten gar nichts mehr ausmacht?

Doch, ich denke schon. Ich will niemanden aus der Verantwortung entlassen, wir können etwas bewirken als Konsumentinnen, und vor allem können wir etwas als politische Akteurinnen bewirken. Wir können dazu Beiträge veröffentlichen, wie die Werde es mit diesem Interview tut, oder wie ich es getan habe mit dem Film. Wir können auf Social Media Supermarktketten anschreiben oder Fotos posten von absurd verpackten Dingen. Wir können Hersteller anschreiben, Petitionen unterzeichnen und einfach Lärm machen als Gesellschaft. Es gibt wirklich 1.000 Sachen, die wir tun können, politischer und gesellschaftspolitischer Natur. Und ich glaube, die fallen letztendlich mehr ins Gewicht als zum Joghurt im Glas statt im Plastikbecher zu greifen. Denn ich bin der Überzeugung, dass bei diesem Thema nicht in erster Linie der Konsument, sondern die Politik ganz stark lenken muss. In den meisten Fällen nicht über Verbote, sondern über Besteuerungen. Eine Steuer, die die großen Gesundheits- und Umweltkosten, die Plastik verursacht, internalisiert, sodass das Material nicht mehr künstlich so billig ist. Und die Wirtschaft sollte auch visionär sein und mitdenken. Wir brauchen eine Art ethische Wirtschaft. Diese Wirtschaft, die auf Ausbeutung der Ressourcen und Gewinn alleine beruht, die können wir uns als Planet überhaupt nicht länger leisten.

Joshua Baca vom Wirtschaftsverband der US-Chemieindustrie ist der zweite Interviewpartner, der sich bereit erklärt hatte, an den Dreharbeiten teilzunehmen. Gefragt nach den Plänen rund ums Recycling äußert er die Bitte: „Trust the process.“ Was geht dir als Interviewerin durch den Kopf, wenn dir Jemand bei so einer Frage sagt: Vertrau uns einfach mal, wir sind da auf einem guten Weg?

Ich bin während des Interviews eine Art Jägerin und muss aus ihm Dinge rauskriegen, die gut für den Film sind. Mir war es ganz wichtig, dass die Lobbyisten das Wachstum der Kunststoffindustrie zugeben. Dass es das wirklich gibt und auch wie groß es ist. Da hat sich mein ganzes Verhalten drum aufgebaut, um dann langsam zu dieser Frage vorzudringen, und das hat dann auch funktioniert. Aber klar: Bei seinen Aussagen waren ganz viel Greenwashing und Marketing-Sprech dabei. Man fragt sich dann immer: Glaubt er die Lügen selbst schon, um irgendwie nachts überhaupt noch ruhig schlafen zu können?

“Und 900 Meter unter Tage zu stehen, wo die giftigen Filterstäube, die bei der Verbrennung von Plastik entstehen, verwahrt werden, und zu erfahren, was für unfassbare Mengen das sind – das hat mich schon umgehauen.”

Ein starker Gegenpol war vermutlich eure Reise in den Ort St. James in Louisiana, dort hast du die Aktivistin Sharon Lavigne begleitet. Ihr seid gemeinsam die „Cancer Alley“ entlanggefahren, bekannt für die hohe Konzentration an petrochemischen Anlagen und die damit verbundene hohe Krebsrate. Wie waren diese Drehtage für dich und dein Team?

Das Bedrückende des Ortes war enorm. Wir waren nur zwei Tage vor Ort – aber diese Verschmutzung und die gesundheitliche Belastung haben wir alle sofort gespürt. Abends hatten wir Kopfschmerzen. Doch meine Protagonistin Sharon, die Leiterin der Organisation „Rise St. James“, war fantastisch. Sie hat diese Herzlichkeit und diesen Optimismus und die Zuversicht, mit der sie auch die Menschen in St. James immer mitreißt, etwas zu unternehmen. Das hat das Bedrückende für mich erstmal aufgewogen. Ich war begeistert davon, wieviel sie geschafft hat. Über Social Media habe ich mitbekommen, dass sie vergangenes Jahr sogar Joe Biden getroffen hat. 

Was war der prägendste Moment für dich während der Dreharbeiten?

Das zentralste Thema war für mich das Wachstum des Plastikmarktes, was ja auch meine ursprüngliche Motivation war. Was ich aber beim Drehen sehr beeindruckend fand, war das ganze Erlebnis unter Tage. Wir waren in den Stollen, in denen die Reste der Müllverbrennung, sprich die Filterstäube, eingelagert werden. Dass das so gemacht wird, wusste ich natürlich aus meinen Recherchen. Aber dazu gibt es keine Bilder, ich hatte keine visuelle Vorstellung. Und 900 Meter unter Tage zu stehen, wo die giftigen Filterstäube, die bei der Verbrennung von Plastik entstehen, verwahrt werden, und zu erfahren, was für unfassbare Mengen das sind – das hat mich schon umgehauen. Was ist das doch für ein riesiges ungelöstes Problem, das ja ganz direkt unseren Alltag betrifft, weil wir diesen Müll jeden Tag in Unmengen produzieren. Und dass es einfach so wenig Bewusstsein für die ganze Komplexität des Problems gibt. Ja, die ganzen Auswüchse des Problems zu erfahren, das war für mich immer wieder schockierend.

Gibt es auf der anderen Seite auch positive Erkenntnisse, die du aus deiner Recherche und dem Dreh mitnimmst?

Die ganze Entdeckung des „Cradle-to-Cradle“-Prinzips von Michael Baumgart, dem Hamburger Professor im Film, der durchdacht hat, wie man Dinge in Kreisläufen bewegen kann, fand ich sehr spannend und überzeugend. Die Lösung wäre eigentlich schon da. Oder die junge Wissenschaftlerin, Dr. Anne Lamp, die in Hamburg sehr erfolgreich einen neuen Kunststoff komplett aus Pflanzenabfällen entwickelt hat. Der ist rückstandsfrei kompostierbar, sogar im Gartenkompost. 

Ist das ausreichend Material für Hoffnung? Sagst du persönlich: „Ja es darf ruhig gehofft werden, dass alles (wieder) besser wird“?

Ich denke, die Antwort lautet „Ja“, was wissenschaftliche Potenziale betrifft. Und „Schwierig“, was die politische Weichenstellung betrifft. Die politische Themensetzung ist im Moment notwendigerweise bestimmt von Krieg und deswegen bekommen Umweltthemen nicht die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich verdienen. Natürlich müsste man noch viel mehr in Wissenschaft investieren, in die Entwicklung von innovativen Technologien, die zum Ende des fossilen Zeitalters beitragen. Aber da gibt es auch eine Erfolgsstory im Film. Das junge Hamburger Unternehmen traceless von Anne Lamp, das im Film noch aus einer Art Garage heraus arbeitet, wurde von der letzten Bundesregierung stark gefördert, so dass sie sich enorm vergrößern konnten und mittlerweile schon sehr viele Unternehmen wie C&A oder Mondis als Abnehmer für ihr kompostierbares Pflanzenplastik gefunden haben. Alles, weil eine junge Frau sich vor ein paar Jahren dachte: das kann nicht so weitergehen!


Zur Person
Isa Willinger ist Filmregisseurin und Autorin. Bereits ihr Debütfilm Hi, AI. Liebesgeschichten aus der Zukunft wurde 2019 für den Deutschen Filmpreis als „Bester Dokumentarfilm“ nominiert und mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. 2020 wurde Isa mit dem SI STAR-Filmpreis für herausragende Regisseurinnen ausgezeichnet. Weitere ihrer Filme sind der international preisgekrönte Dokumentarfilm Fort von allen Sonnen/Away From All Suns (2013) und die TV-Dokumentation Macht und Musik (2018). Plastic Fantastic startete 2023 im Kino und ist seit 2024 auf DVD erhältlich. Isa ist Mutter von zwei Kindern und lebt in Berlin.

Text: Silke Schröckert

Fotos: Andreas Müller, Lambert Strehlke

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