Der wollene Faden

Die Londoner Künstlerin Celia Pym repariert gestrickte Kleidung so außergewöhnlich, dass die Stücke in Museen Aufsehen erregen. Denn sie erforscht die Geschichte von schadhaftem Gewebe und erhebt es zum Kunstwerk.

Celia Pym erhielt 2007 ein sonderbares Geschenk: einen zerlöcherten und x-mal gestopften Pullover. Er hatte ihrem kurz zuvor verstorbenen Onkel, im Alter ebenfalls Künstler, gehört. „Mein Vater kennt meine Vorliebe für seltsame Dinge und sagte: ,Ich habe hier etwas, das dich interessieren könnte‘“, erinnert sich Pym. Tatsächlich nahm sie der Pullover sofort gefangen. „Zum einen konnte ich den Körper meines Onkels darin sehen, zum anderen wegen der vielen Stellen, die meine Tante, seine Schwester, ausgebessert hatte.“

Das sonderbare Geschenk und die Folge


Pym lebt in der oberen Etage eines sehr schmalen, typisch englischen Reihenhauses in Stoke Newington im Nordosten der britischen Hauptstadt. In ihrem Arbeitszimmer, das auch Wohnzimmer ist, setzt sich die Anfang 40-Jährige in einen Sessel und erzählt: „In den letzten fünf Jahren seines Lebens hat mein Onkel jeden Tag gemalt und dabei diesen Pullover getragen.“ Sie legt die Unterarme auf einen niedrigen Tisch und sagt: „Genauso hat er dagesessen. Denn dort, wo der Pullover mit der Tischplatte in Berührung kam, befanden sich besonders viele ausgebesserte Stellen.“ Der Pullover halte ein Echo ihres Onkels fest und mache gleichzeitig die Fürsorge der Tante sichtbar. Doch weil sie vor ihm starb, waren neue Löcher entstanden. „Wir haben uns dann um den Onkel gekümmert, aber seinen Pullover vergessen“, sagt Pym, die dieses Versäumnis längst nachgeholt hat. Um das Stück wieder herzurichten, griff sie schließlich selbst zu Nadel und Faden.

So kam es, dass Pym anfing, Kleidung zu reparieren: Stopfen ist ihr künstlerisches Ausdrucksmittel. Mit winzig kleinen Stichen bessert sie heute einen Pulli ihres Vaters aus. Es ist typisch für sie, dass sie nicht nur das Loch repariert, sondern auch das Gewebe drum herum stärkt, sodass rechteckige Flicken entstehen, die aussehen wie ein Pflaster auf der Haut. Es soll sichtbar werden, dass das Stück einst zerlöchert war. Deshalb benutzt sie Garn, das einen farblichen Kontrast zum Kleidungsstück bildet: zum Beispiel einen hellen Faden für dunkles Gewebe. An vielen Tagen der Woche arbeitet Pym stundenlang an ihrem Platz am Fenster. Und sie bemerkt, wann welcher Bewohner in den gegenüberliegenden Häusern auf den Balkon tritt, um Luft zu schnappen. Während es ihr zunächst um das Handwerk, die Handarbeit an sich ging, die sie noch immer mit Leidenschaft ausübt, merkte sie bald, dass kaputte Kleidung ein gutes Mittel ist, um mit anderen ins Gespräch zu kommen. „Ich untersuche die Beziehungen, die Menschen mit ihren kaputten Kleidungsstücken verbinden“, sagt die Künstlerin. „Mir gefällt die Idee, eine Expertin der Löcher zu werden.“


„Merkwürdig, dass es so viel leichter ist, sich um die Dinge von anderen zu kümmern als um die eigenen.“

Um dieses Ziel zu erreichen, muss Pym viele Löcher unter die Lupe nehmen. Kunst Events geben ihr dazu Gelegenheit. Sie wird von Galeristen und Museumskuratoren in Großbritannien, Frankreich, Norwegen, den USA und Japan engagiert, häufig um für Publikum Kleidung zu stopfen. Die reparierten Stücke nehmen die Menschen wieder mit nach Hause. „Das ist kein großes Geschenk, aber es mag sich gut anfühlen, wenn du jemanden hast, der sich um deine Kleidung kümmert“, erläutert sie. Wie häufig beim Arbeiten trägt Pym auch heute eine handgestrickte Jacke. Die Künstlerin hat das helle Kleidungsstück an den Ellbogen mit pinkem Garn ausgebessert. „Hier an den Bündchen wird das Gewebe immer dünner, ich müsste es besser instand halten“, sagt sie. „Merkwürdig, dass es so viel leichter ist, sich um die Dinge von anderen zu kümmern als um die eigenen.“


Pym erinnert sich an ein Event mit der Organisation „craftspace“ in Birmingham, das ihr besonders gut gefiel. Weil es das Anliegen von „craftspace“ ist, Beziehungen zwischen Künstlern und der Bevölkerung sowie den Austausch von Ideen oder kunsthandwerklichen Praktiken zu fördern, stellten sie einen kleinen Lieferwagen zu Verfügung, den Pym an 40 verschiedenen Stationen, neben Schulen und Vereinen, parkte, um die Anwohner einzuladen, kaputte Kleidung mitzubringen. „Jeder war willkommen“, erinnert sie sich, „ich habe großartige Menschen getroffen.“ Eine Frau erzählte von ihrer Mutter, die einen zerlöcherten Pullover hinterlassen hatte, von dem sich die Tochter nicht trennen wollte. „Es überrascht mich immer wieder, wie gut wir ins Gespräch kommen können, nur weil ich darum bitte, Kleidung mit Löchern zu sehen“, sagt Pym.
In vielen Fällen ist die beschädigte Kleidung, die Menschen nicht wegwerfen wollen, ein Geschenk einer Person, die den Besitzern nahestand. Pym erzählt von einem alten Mann, der ihr einen mottenzerfressenen Pullunder zeigte, eine Handarbeit seiner verstorbenen Frau. „Er nahm es sich selbst sehr übel, dass es ihm nicht gelungen war, das Stück vor den Motten zu schützen“, sagt sie. Die Löcher der matt orangefarbenen Strickarbeit besserte sie für ihn mit leuchtend gelbem Garn aus. Pym hat erfahren, dass kaputte Kleidung bei ihren Besitzern oft ein Gefühl des Verlusts hervorruft, und sei es nur, weil die Lieblingsjeans löchrig wird. „Oft merkst du erst, wie gern du etwas hast, wenn es kaputtgeht“, sagt die Londonerin.


Der Katalog der Löcher

Ein weiteres wichtiges Thema, dem die Künstlerin nachspürt, sind alltägliche Gewohnheiten. „Abgenutzte Kleidung ist wie ein Abdruck der Anstrengungen im Alltag, denen wir mehr Anerkennung verleihen sollten“, sagt sie. Während manche Schäden, wie die löchrigen Unterarme an dem Pullover des Onkels, direkt auf bestimmte Aktivitäten hinweisen, geben andere indirekt Zeugnis, wie Pym betont: In einem „Catalogue of Holes“ hat sie ausgebesserte Kleidungsstücke von 94 Personen gesammelt sowie die Geschichten, die die Besitzer damit verbinden. In diesem Zusammenhang war auch Pyms Engagement für ein britisches Modelabel spannend. Die Kunden gaben der Künstlerin kaputte Pullover der Marke, damit sie sie ausbessern konnte. Es gab ein Treffen, bei dem Pym abfragte, wann die Kleidungsstücke getragen wurden und warum sie kaputtgingen. Um besser zu erklären, wie das Projekt ablief, zeigt die Künstlerin ihren Webauftritt. Dort hat sie neben einem Foto der reparierten Kleidung – „ein Schnappschuss des täglichen Lebens“, so sagt sie selbst – die Antworten festgehalten, in denen es sich um Gartenarbeit, Kinderhüte und Krankenbesuche drehte. Auf ihrer Website und ihrem Instagram-Auftritt kann man ihrem Anliegen nahekommen.

Abgenutzte Kleidung ist wie ein Abdruck der Anstrengungen im Alltag, denen wir mehr Anerkennung schenken sollten.

Die Erinnerungen, die Kleidungsbesitzer der Londonerin anvertrauen, erzählt sie nur weiter, wenn sie die ausdrückliche Erlaubnis dazu bekommen hat. Wie etwa bei Veranstaltungen oder wenn sie über Stücke ihrer eigenen Familie spricht. Aus einer der vielen gut verschlossenen Boxen, die sie in ihrem Arbeitszimmer stapelt, zieht sie einen Norwegerpulli hervor, den schon ihre Mutter als kleines Mädchen getragen hat: „Mein Großvater war Amerikaner und damals in Island stationiert“, erzählt Pym. Ihre Mutter hatte den Pulli später Pyms Bruder angezogen und danach vergessen. Völlig zerlöchert fand sie das Kleidungsstück vor Jahren wieder und schenkte es ihrer Tochter. Es passte perfekt zu Pym, die die Löcher längst mit Garn in einem hellem Lilaton gestopft hat. Celia Pym ist im Londoner Stadtbezirk Haringey aufgewachsen, zu Fuß nur eine Dreiviertelstunde entfernt von ihrem jetzigen Zuhause. „In meiner Familie kann jeder etwas mit den Händen machen“, erzählt sie, „mein Onkel zum Beispiel war bei der Marine und konnte nähen.“ Nach ihrem Abschluss in Bildhauerei an der Harvard University in den USA kehrte sie nach London zurück, wurde Lehrerin an Grundschulen und absolvierte schließlich ein Masterstudium am Royal College of Art, der Hochschule für Kunst und Design in London. Inzwischen lehrt sie als Gastdozentin selbst dort, einmal wöchentlich. 2017 gehörte sie bei der Vergabe von zwei bedeutenden Kunsthandwerkspreisen zu den Finalistinnen: beim Woman’s Hour Craft Prize, einer Initiative, an der die BBC maßgeblich beteiligt ist, und beim Loewe Craft Prize, den die renommierte Loewe Foundation vergibt.
Für Celia Pym ist es wichtig, dass Menschen ihre eigene Kleidung reparieren und erhalten können. Sie will nicht, dass diese Fähigkeiten verloren gehen. Also gibt sie auch Kurse in Wollgeschäften und bringt den Teilnehmern unterschiedliche Techniken bei. Die Lehrerin mag diese Rolle sehr, „weil ich an die Kunst als eine wichtige Sache für das Leben und die Kultur glaube“.


Künstlerin, Lehrerin und Pflegerin

Mit Anfang 30 macht Celia Pym eine Ausbildung zur Pflegefachkraft. „Ich fühlte mich extrem von Disziplinen wie der Wundbehandlung angezogen“, erklärt sie. Löchrige Kleidung lasse sich schließlich auch gut mit verwundeter Haut vergleichen. „Außerdem spielte ich mit dem Gedanken, meinen Alltag zwischen Arbeitszimmer und Krankenhaus aufzuteilen, um ein sicheres Standbein zu haben“, sagt die Künstlerin. Doch dieser Plan ging nicht auf. „Die Arbeit als Krankenschwester fordert dich ganz“, so Pym, die vor allem ihre Zeit in einem Hospiz sehr schätzte. „Das medizinische Personal fragt dort nicht, was die Menschen brauchen, sondern was sie möchten.“


Obwohl sie sich letztlich gegen die Arbeit im Krankenhaus entschied, fand sich Pym nach dem Ende ihrer Ausbildung auf einem dreimonatigen Posten in einem Sezierraum wieder. Bei einem von der Handwerkskammer unterstützten Projekt kamen Künstler mit Mitarbeitenden aus dem Gesundheitswesen zusammen. Wo gab es gemeinsame Themen? „Schließlich saß ich mit Richard Wingate, dem Leiter der Anatomie am King’s College London, zusammen“, erinnert sich die Künstlerin. Das ist eine der weltweit angesehensten Universitäten. Wie im Medizinstudium üblich, lernen angehende Mediziner und Ärztinnen dort die menschliche Anatomie in der Praxis kennen und arbeiten mit Körpergewebe ähnlich wie die Künstlerin Pym mit Textilien. Das kann zu Beginn belastend sein. Zu Pyms Aufgaben im Sezierraum gehörte es, diese Themen im Gespräch zu vertiefen und die Studenten emotional aufzufangen. Dazu stellte sie einen Tisch auf, drapierte bunte Garnrollen und bat die jungen Menschen, kaputte Kleidung mitzubringen. „Ein Student zeigte mir eine Jacke seiner Freundin, eine junge Frau brachte einen Pullover ihres Kindes mit“, erzählt sie. „Auffallend war, dass viele Studierende ihre Rucksäcke mit ausgerissenen Trägern zur Reparatur gaben. Wahrscheinlich transportieren sie häufig viele schwere Bücher.“ Darüber entwickelte sich mitten im Sezierraum ein Vertrauensverhältnis, und die jungen Mediziner bekamen einen anderen Blick auf ihre Tätigkeit.


Emotionale Nachhaltigkeit

Heute beschäftigt sich die Künstlerin auch gerne mit der historischen Dimension ihrer Arbeit. Aus einem Bücherregal in einem Winkel ihres Arbeitszimmers holt sie einen Band mit Fotos von selbst gemachten und reparierten Alltagsgegenständen hervor. Ein Künstler hat sie in den 1970er- und 1980er-Jahren in der Sowjetunion gesammelt Ein Bild zeigt einen kleinen Silberlöffel mit einem recht großen Loch in der Höhlung. „Das war ein Spielzeug für Kinder“, so die Britin, „sie konnten damit Seifenblasen machen.“ Auch das Foto eines geflickten Nudelsiebs ist dabei. „Das wurde aus der Not heraus repariert, weil die Ressourcen knapp waren“, sagt sie. „Für mich sind Löffel und Sieb schön, weil sie auch praktisch sind.“ Angesichts zunehmender Umweltbelastungen ist der nachhaltige Umgang mit Rohstoffen inzwischen ein wichtiges Thema. Welche Rolle spielt es für Pym? „Ich nutze kein pinkfarbenes Garn mehr. Beim Färben dieses Tons wird besonders viel Wasser verbraucht“, erläutert sie. Ihre Kunst macht es möglich, den Wert von Kleidungsstücken, die andere wegwerfen würden, sichtbar zu machen. Dabei steht allerdings der Umweltschutz nicht im Vordergrund. „Vielleicht würde ich es als emotionale Nachhaltigkeit bezeichnen“, sagt sie.


Drei Fragen an Celia Pym

Warum machst du diese Arbeit?
Ich liebe die Dinge anderer Menschen. Ich mag es, über kaputte Kleidung mit anderen ins Gespräch zu kommen. Es geht mir um den Wert der Handarbeit. Sie hat eine essenzielle Bedeutung für uns Menschen.

 

Was möchtest du teilen?
Hab Spaß! Pass auf die Sachen auf, die du magst. Überlege, welche Dinge das sind, und dann nimm dir die Zeit, dich darum zu kümmern.

 

Was hoffst du?
Ich wünschte, dass Kunst und Handwerk in den Schulen den gleichen Stellenwert bekommen wie Naturwissenschaften. Dabei sollten nicht die Produkte, sondern die Zeit, die man sich für sie nimmt, im Vordergrund stehen. Je mehr du mit Materialien spielst, desto kreativer wirst du.
 


Text: Stephanie Eichler  
Fotos: Emanuel Herm  

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