Der Erhalt und die nachhaltige Bewirtschaftung von gesundem Boden sind das Wichtigste, findet die Landwirtin Franziska Dörr. Dass sie ihn gar nicht besitzt, ist ihr ziemlich egal.
Am Abend vor unserem Treffen ist Franziska Dörr beim Palettentragen mit dem Knie in einen Nagel gefallen, deshalb humpelt sie an diesem Vormittag Mitte April über ihren Bauernhof im nordhessischen Gilsa, ein Gang über ihre Äcker ist unmöglich. Auch die nächste Gelegenheit dazu – ihr jährlicher „Feldrundgang“ Anfang Mai für Interessenten des Biolandbaus – entfällt, wegen des Coronavirus. So sitzt die 28-jährige angehende Landwirtschaftsmeisterin jetzt mit pochendem Knie an einem der Holztische im Landcafé ihres Hofs und kann nur erzählen, nichts zeigen. Aber auch so wird ihre Begeisterung für das, was sie tut, spürbar: wenn sie vom zwei Meter hohen Roggen auf ihren Feldern schwärmt und den Kornblumen und dem Mohn dazwischen oder vom „rosa-lila Meer aus Kleegras und Luzernegras, in dem man den ganzen Tag nur drinstehen möchte“; wenn sie von ihren Zuckerrüben berichtet, die ihr Vater partout anbauen wollte, die so viel Handarbeit mit der Hacke erfordern und so prächtig und zuckerhaltig wuchsen, dass der Biokontrolleur sie begeistert fotografierte; wenn sie von der gesundenden Wirkung von Kuhmist auf Böden erzählt und von deren Vielfalt: „Kein Boden gleicht dem anderen, einen bäuerlichen Betrieb kann man erst richtig beurteilen, wenn man ein Jahr lang Ackerbau betrieben hat“; und von ihren Plänen, den elterlichen Hof mitsamt dem Landcafé, die sie vor knapp zwei Jahren als Pächterin übernommen und auf Demeter-Landbau umgestellt hat, als belebenden Ort im Dorf zu erhalten und auszubauen.

Einen wichtigen Part dabei spielt die BioBoden Genossenschaft. Sie kauft Land und verpachtet es an Biobauern der anerkannten Anbauverbände für die gesetzlich maximal mögliche Dauer von 30 Jahren. Zwar steigen die Zahl und die Anbaufläche der ökologisch bewirtschafteten Betriebe in Deutschland, aber noch stärker steigt die Nachfrage nach Bioprodukten, weshalb ein großer Teil davon importiert wird. Regional produzierende Biolandwirte und solche, die es werden wollen, müssen hohe Hürden überwinden: Die Höfe werden immer größer und kapitalintensiver, gleichzeitig steigen die Preise für Landkauf und Pacht, befeuert durch Bodenspekulation und den Anbau von Energiepflanzen wie Mais und Raps, die mehr Ertrag versprechen als Biogemüse und -obst. Zudem müssen Landwirte bei der Umstellung vom konventionellen auf ökologischen Landbau finanzielle Durststrecken überstehen, weil ihre Erzeugnisse nicht sofort als Biolebensmittel verkauft werden können, der Aufwand aber vom ersten Tag an höher ist. „In diesem schwierigen Umfeld sichern wir Flächen und Höfe für die ökologische Landwirtschaft und die nächste Generation von Biobauern“, sagt Uwe Greff, Geschäftsführer der Genossenschaft BioBoden, die inzwischen 3800 Hektar Ackerfläche an rund 60 Partnerhöfe in ganz Deutschland verpachtet und auch einige Höfe selber bewirtschaftet.
Ein Hof, der wachsen darf
Von dem Tag an, an dem die Genossenschaft im Auftrag eines Landwirts Flächen kaufe und an ihn verpachte, sagt Uwe Greff, spiele der Preis des Grundstücks keine Rolle mehr, sondern nur noch dessen Qualität. Diese Neubewertung des Bodens ist möglich, weil die Genossenschaft das Land nie mehr verkauft, sondern es quasi aus dem Markt nimmt und damit der Spekulation entzieht: Der Boden verliert damit seinen Status als beliebig handelbare Ware. Gleichzeitig nehmen die 30 Jahre laufenden Pachtverträge, die sonst oft nur wenige Jahre währen, dem Landwirt die Sorge vor ständig steigenden Pachten und davor, dass der Besitzer das Grundstück verkaufen könnte. „Es braucht Jahrhunderte, um ein paar Zentimeter Bodenkrume aufzubauen“, sagt Uwe Greff. „Das kann nicht gelingen, wenn Pachtverträge immer nur zwei, drei Jahre laufen, das führt zum Raubbau am Boden.“ Um dessen Fruchtbarkeit und die Artenvielfalt auf den Äckern verbessern zu können, müsse ein Landwirt seine Flächen dauerhaft bewirtschaften können, müsse er die Chance haben zur generationenübergreifenden Perspektive auf seine Arbeit mit und in der Natur.

Land soll niemand gehören
So wie Franziska Dörr im nordhessischen Gilsa. Als ihr Vater vor drei Jahren erkrankte, stand plötzlich die Frage im Raum, ob und wie es weitergehen könne mit dem kleinen Hof in beengter Dorflage und einer Vielzahl kleiner gepachteter Flächen hier und dort, „Handtuch an Handtuch“, wie Franziska Dörr sagt, die sich daran erinnert, wie ihr Vater früher am Jahresende von Tür zu Tür durchs Dorf ging und seine Pacht in Umschlägen entrichtete. Inzwischen sind manche der Verpächter weit entfernt lebende Erben, einer verdoppelte vor wenigen Jahren plötzlich den Pachtzins,andere wollten ihr Grundstück verkaufen. „Wenn man dann nicht zugreift, tut es ein anderer, und die Perspektive für den Hof ist wieder ein Stück unsicherer“, sagt Franziska Dörr.
„Ich muss den Boden nicht besitzen, ich will ihn nur gut bewirtschaften“
Als designierte Hoferbin hätte sie Kredite aufnehmen müssen, um die Kaufangebote zu bedienen. Ob sie die Darlehen als junge ledige Frau mit ihren Umstellungsplänen bekommen hätte? „Und selbst wenn“, sagt sie, „dann wäre das geliehene Geld im unbewirtschafteten Boden gebunden und würde fehlen für Investitionen zum Durchstarten – für Maschinen, einen neuen Stall, Mitarbeiter, neue Vermarktungsideen.“ Franziska Dörr erinnert sich an einen Spruch, den ihr Großvater manchmal zitierte: „Über mein Land können sieben Armeen gehen, und dennoch ist es immer noch mein Land.“ Die Enkelin hingegen findet, Land solle niemandem gehören: „Ich muss den Boden nicht besitzen, ich will ihn nur gut bewirtschaften.“ Das tut sie nun auf einem Teil der Hoffläche als Pächterin von BioBoden, und der Pachtvertrag läuft über 30 Jahre. Das gebe ihr eine große Sicherheit, dem Hof die Zeit für seine Entwicklung zu geben, sagt Dörr, die viele Ideen hat. „Demeterhöfe sind mehr als Ackerbau und Viehzucht. Es geht immer auch darum, Menschen teilhaben zu lassen. Ein Hof hat immer auch eine soziale Komponente.“


Gegen Bodenspekulationen
Eine neue Sicht auf den Boden wächst auch in vielen Kommunen, die angesichts stark steigender Wohnungsmieten und Grundstückspreise für sozialen Ausgleich sorgen wollen. Und immer öfter entdecken sie dabei das seit Jahrhunderten praktizierte Erbbaurecht, das zwischen dem Eigentum am Grundstück und dem Eigentum des darauf stehenden Gebäudes trennt: Für die Nutzung des Bodens zahlt der Hausbesitzer dem Grundstückseigner einen Erbbauzins, so wie der Landwirt für die Nutzung der Äcker dem Eigentümer Pacht zahlt. Wie der pachtende Bauer keine Kredite für den Grundstückskauf aufnehmen muss und so Spielraum gewinnt für produktive Investitionen, benötigt der Hausbauer beim Erbbaurecht weniger Eigenkapital, weil er nur das Haus, nicht aber das Grundstück finanzieren muss. Frankfurt am Main, München, Berlin, Hamburg, Basel, Lübeck, Wolfsburg, Leipzig – immer mehr Städte nutzen das Erbbaurecht dazu, Bodenspekulationen vorzubeugen, Eigentümer ihrer Grundstücke zu bleiben und durch Vorgaben an die Bodennutzer Gemeinwohlinteressen den Vorrang zu geben, etwa dem Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum. So wie es andere Länder zum Teil schon viel intensiver praktizieren, wie Großbritannien, Singapur oder die Niederlande.

Übernutzt und zerstört
Freilich geht der Wert des Bodens weit darüber hinaus, als Fläche für Häuser und Roggenfelder zu dienen: Böden verwandeln Regenwasser in sauberes Trinkwasser; sie sind nach den Ozeanen größter Kohlenstoffspeicher der Erde und regulieren so das Klima; auf ihnen wächst, was später zu Kleidern, Holzmöbeln und Brennmaterial wird; Böden schaffen Arbeitsplätze, und sie sind mit ihrem unvorstellbaren Artenreichtum – in einer Handvoll Erde leben mehr Organismen als Menschen auf der Erde – die Grundlage des Lebens überhaupt: Sie können all ihre Funktionen nur erfüllen, wenn das Bodenleben intakt ist und die Humusschicht gesund. Dafür braucht es häufig mehrere Tausend Jahre, weshalb Böden nach menschlichen Maßstäben eine nicht erneuerbare Ressource sind.

Dennoch werden sie übernutzt, versiegelt und zerstört, als wären sie unerschöpflich: durch den Bau von Straßen, Häusern und Fabriken; durch den übermäßigen Anbau von Futter- und Energiepflanzen; durch den Abbau von Rohstoffen und durch die Abholzung von Wäldern und Hecken, weshalb Wind und Wasser den Boden forttragen können; durch den hohen Einsatz von Pestiziden und Mineraldünger.
Der Wert land- und forstwirtschaftlicher Böden nehme erst dann massiv zu, wenn sie überbaut würden, schrieb Hubert Weiger, Forstwissenschaftler und langjähriger Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND). Das führe „zu der absurden Situation, dass intakter Boden einen geringeren Wert hat als zerstörter Boden“. In diesem Sinn argumentiert auch Uwe Greff, wenn er auf Vorträgen die BioBoden Genossenschaft vorstellt: „Unter den Zuhörern sind immer auch einige, die Land besitzen. Ich mache dann darauf aufmerksam, dass Landeigentum und Biokost untrennbar zusammengehören: Wenn alle, die im Bioladen einkaufen, dafür sorgen, dass ihr Land auch biologisch bewirtschaftet wird, könnten wir richtig was bewegen.“


Drei Fragen an Franziska Doerr
Warum machen Sie diese Arbeit?
Auf den ökohöfen, die ich in der lehrzeit und danach kennenlernte, habe ich viele Menschen getroffen, die voller energie waren. Ihr strahlen war immer mein erster eindruck. das hat mich fasziniert. durch die Arbeit erlebe ich viele glückliche Momente, sie gibt mir die Möglichkeit, als selbstständige etwas zu gestalten.
Was ist Ihre Vision?
ökolandbau zu betreiben und damit Kulturlandschaft zu gestalten – auf dem Acker und im sozialen. landwirtschaft ist ortsprägend, wie der Metzger in unserem dorf, der leider zugemacht hat. Ich will nicht tatenlos zusehen, wie die dörfer aussterben und großbetriebe immer größer werden. Ich will mit unserer hofstelle und dem landcafé dagegenhalten.
Was wollen Sie weitergeben?
Ans Weitergeben denk ich noch gar nicht. Ich will jetzt erst mal etwas aufbauen, auch wenn viele davon abgeraten haben. Aber ökolandbau nur zu betreiben, wenn die Bedingungen ideal dafür sind, ist fast wie ein verrat an der Idee. Man muss brennen für das, was man macht.
Unser Boden, unsere Erde
Weltweite Bodenwoche
Die Global Soil Week, die weltweite Woche des Bodens, ist das einzige Forum, auf dem alle Aspekte einer nachhaltigen Bodenbewirtschaftung diskutiert werden. Es macht auf die zentrale Rolle des Bodens für eine nachhaltige Entwicklung und beim Klimawandel aufmerksam. Hier kommen Wissenschaftler, Menschenrechtler, Aktivisten und Politiker zusammen, um neue Lösungsansätze zu erarbeiten. Die Global Soil Week wird vom Potsdamer Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) veranstaltet.
Bodenfruchtbarkeitsfonds
Den Boden für eine gesunde, lebenswerte Zukunft zu bereiten ist das Ziel des Bodenfruchtbarkeitsfonds der Bio-Stiftung Schweiz. Ein Projekt in der Pilotphase: 32 landwirtschaftliche Betriebe wirtschaften nach einem Maßnahmenplan, den sie zusammen mit Fachleuten ausgearbeitet haben. Über ein Forschungsprojekt wird die Entwicklung der Böden dokumentiert. Die Höfe liegen in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Liechtenstein. Wer eine Patenschaft für 100 Euro im Jahr übernimmt, fördert den gesunden Aufbau von 2500 Quadratmeter Boden. Das entspricht in etwa der Fläche, die ein Mensch im Durchschnitt zur Ernährung benötigt.
Die Wüste wird grün
Mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft hat die Sekem Initiative seit 1977 über 680 Hektar ägyptische Wüste in fruchtbares Land verwandelt. Nun sollen insgesamt 1000 Hektar Wüstenboden urbar gemacht werden. Finanziert wird das ehrgeizige Projekt „Greening the Desert“ über Crowdfunding: 2019 kamen 400.000 Euro zusammen. Von dieser Summe wurden drei Pivot-Anlagen zur nachhaltigen Bewässerung erworben, und die ersten 63 Hektar konnten mit Kamille und Pfefferminzpflänzchen begrünt werden. Durch den Bodenaufbau und die Pflanzung von 10.000 Bäumen werden jährlich über 975 Tonnen CO2 gebunden. Mitmachen kann jeder:
Boden- Animationsfilm
Warum wir den Boden unter den Füßen verlieren, zeigt der animierte Kurzfilm Let’s Talk About Soil. In fünfeinhalb Minuten erfahren wir, wie es unseren Böden geht und welche Auswirkungen Käufe durch ausländische Investoren, Urbanisierung und eine nicht nachhaltige Nutzung haben – ohne dass wir es wirklich wahrnehmen. „Dabei ist der Boden ein sensibles Wesen, das umsorgt werden will“, heißt es im Film. Der englischen Internet Animation hat der deutsche Schauspieler und Regisseur Hilmar Eichhorn seine Stimme gegeben.
Boden des Jahres
Jeweils am 5. Dezember, dem Internationalen Tag des Bodens, wird der Boden des Jahres. gekürt. 2020 ist das Jahr des Wattbodens, eines komplexen Lebensraums unter extremen Bedingungen: Geprägt von den Gezeiten, ständigen Wasser-, Temperatur- und Salzschwankungen, hat sich ein Lebensraum voller Spezialisten entwickelt. 10.000 Arten von Einzellern, Pilzen und Pflanzen, viele verschiedene Würmer, Muscheln, Fische, Vögel und Säugetiere leben hier – in einem der produktivsten Lebensräume der Erde. boden-des-jahres.de
Wertvoller Landarbeiter Regenwurm “
„Der Pflug ist eine der ältesten und wertvollsten Erfindungen des Menschen; aber eigentlich wurde das Land schon lange vor dessen Erscheinen regelmäßig gepflügt; das geschieht auch weiterhin, und zwar durch den Regenwurm.“ So schrieb einst der große Naturforscher Charles Darwin in einem Buch, das er eigens dem Regenwurm widmete. Die amerikanische Bestsellerautorin Amy Stewart hat über sein Werk ihre Liebe zu den fleißigen Bodenarbeitern entdeckt. Ihr Buch nimmt uns mit zu Darwins außergewöhnlichen Regenwurm-Beobachtungen, bringt erstaunliche Wurmleistungen ans Licht und führt ins weltweit einzige Wurmmuseum. Amy Stewart: „Der Regenwurm ist immer der Gärtner“, oekom.
Bauer sucht Land
Vor allem in Ostdeutschland führen Spekulationen und Landgrabbing außerlandwirtschaftlicher Investoren zu enorm hohen Bodenpreisen und wachsenden Großbetrieben. Die Investoren streben nach kurzfristigen Gewinnen und schöpfen Subventionen ab, die immer noch nach Flächengröße ausgezahlt werden. Was verloren geht: regionale Verankerung, Wertschöpfung, Umweltschutz und die Lebensqualität ländlicher Regionen. Initiativen junger Bauern wie das „Bündnis Junge Landwirtschaft“ setzen sich gegen Landgrabbing ein. Sie kämpfen um Land und fordern „Bauernland in Bauernhand“.
Virtuelle Bodenexkursion
Bodenwelten.de zeigt die große Vielfalt, die sich unter unseren Füßen verbirgt: Braunerde, Pelosol oder Gley – sie gehören zu den Bodentypen, die sich in Mitteleuropa herausgebildet haben. Die Internetseite bietet eine virtuelle Reise zu den verschiedenen Böden an: aus welchem Gestein sie entstanden sind, was auf ihnen wächst, warum sich in manchen Risse bilden und was der Name „Rauschen der Steine am Pflug“ bedeutet. Mit Anregungen für die Schule und einem Netzwerk zum Bodenschutz. Betreiber der Seiten ist der Bundesverband Boden.
Text: Stefan Scheytt und Susi Lotz
Foto: Ramon Haindl