Zurück zu den Wurzeln

Frauen-Power in Albanien. Zwei Schwestern finden ihr Glück auf dem Land der Großeltern. Gemeinsam mit ihrer Mutter schaffen sie ein Refugium, in dem die Natur sich frei entfalten darf.

Männer auf Eseln und Pferden kommen uns entgegen, Ziegen springen zur Seite, wenn wir um die Kurve fahren, dann hört die asphaltierte Straße einfach auf. Schon die Anfahrt zur “Ferma Albanik” im Deshnica-Tal in Albanien fühlt sich an wie eine Reise ins Nirgendwo. Die Schotterpiste ist gerade noch so befahrbar, doch mit der Zeit wächst die Unsicherheit, ob wir wirklich auf dem richtigen Weg sind. Kuhherden grasen wild in der Landschaft, das Tal breitet sich immer weiter vor uns aus, und das Auto rumpelt und poltert über die holprige Straße. Die Kartendienste haben meinen Mann und mich vor dieser Strecke gewarnt, das Navi zeigt immer noch 15 Minuten an. Dann endlich ein Schild, eine Abzweigung und weiter geht es. Schließlich erreichen wir ein Haus. Das Letzte, das auf diesem Weg überhaupt zu erreichen ist. Wir stellen den Motor ab – nichts als Stille.

Nachhaltiger Tourismus in Albanien

Die “Ferma Albanik” ist ein Agriturismo mit 15 Gästebetten und einem Farm-to-Table-Restaurant mit eigenem Permakulturgarten, das für seinen nachhaltigen Ansatz im albanischen Tourismus bekannt ist. Der Tourismus im Land wächst stetig, die Bewegung des “Slow Tourism” hat sich hier erst in den letzten Jahren entwickelt. Die “Ferma Albanik” wird von Elona Bejo geführt und ist eine der Pionierfarmen auf diesem Gebiet. Wir gehen den Hügel hinauf zum Hof, eine freilaufende Ente kommt uns entgegen und legt sich dann gemütlich unter einen Baum. Wir treffen auf Elma Bejo, die Schwester der Gründerin, und die einzige Person, die gerade vor Ort ist. Elona sei gerade noch mit den Gästen auf einer Wanderung, müsse aber bald wieder hier sein; auch ihre Mutter Mira, die für die Küche zuständig ist, wird gleich eintreffen. Gemeinsam betreiben die drei Frauen die “Ferma Albanik”.


“Früher war dieses Gebäude ein ‘Kozek’, ein Haus, in dem zur Zeit des Kommunismus alle Produkte von den Feldern gesammelt wurden”, sagt Elma und zeigt auf das zweistöckige, mit Blumen und Pflanzen geschmückte Holzhaus hinter sich. “Damals war es ein längliches Gebäude mit dicken Steinmauern. Die hielten die Temperatur im Inneren kühl, selbst wenn es draußen heiß war. Das macht es auch heute noch zu einem nachhaltigen Ort.” Elma muss kurz noch die Wäsche aufhängen, dann trinken wir zusammen einen Kaffee, während wir auf die anderen warten. Sie erzählt, dass dieses Stück Land im Deshnica-Tal einst ihrem Großvater gehörte und das Dorf ihrer Eltern ursprünglich aus 140 Häusern bestand. Dass dieses Haus eine Ruine war. Die beiden Schwestern wurden dagegen in der albanischen Hauptstadt Tirana geboren – und entschlossen sich dann, hierher zurückzukehren, um etwas Neues aufzubauen. 

Frauenpower im Süden Albaniens

Elma trinkt einen Schluck Kaffee. Sie trägt ein pinkes T-Shirt, darüber eine Schürze, ihr Pony ist leicht verwuschelt und ihre Arme sind mit Tattoos verziert. Nicht nur, dass die “Ferma Albanik” ausschließlich von Frauen geführt wird, sie kooperiert auch größtenteils mit Frauen. “In Albanien findet man oft Frauen, die im Hintergrund die ganze Arbeit erledigen, während der Mann als Gastgeber auftritt. Denn die Frau soll nicht rausgehen und mit Fremden oder anderen Männern sprechen”, erzählt Elma. “Dieses starke patriarchalische Muster ist vor allem im Norden des Landes ausgeprägt. Hier im Süden haben Frauen versucht, Fortschritte zu machen. Aber damit haben sie die ganze Verantwortung von beiden Seiten übernommen – sie erledigen die gesamte Arbeit und sind für die Bewirtung zuständig.” 

Deshalb haben sie auch einen eigenen Bio-Laden eingerichtet, mit den Produkten von den Produzent:innen in der Gegend. Elma führt mich ins Haus, in einem Raum stehen Regale voller Gläser, gefüllt mit Marmelade, Sirup und selbstgemachter Kosmetik. Im Nebenraum werden Kräuter luftgetrocknet. Alles kommt hier aus dem Tal. Was macht es so besonders fruchtbar?

Von der Natur auf den Teller

“Zu Zeiten der Genossenschaft, als Ackerland wichtig war, gab es hier aufgrund des Klimas viele bepflanzte Felder”, erzählt Elma. “Es ist hier sehr warm, es wird nicht zu kalt, es schneit nicht. Wir haben hohe Berge, auf denen einige sehr seltene Kräuter wachsen, wie zum Beispiel der Bergtee. Diese Teesorte wächst nur auf dieser Seite des Balkans.” Die meisten Felder von früher sind heute verlassen. Aber es gibt noch viele Obstbäume, von denen sie die wilden Früchte sammeln und verarbeiten.

Mutter Mira steht inzwischen in der Küche und bereitet die Vorspeise für den Abend vor. Sie plant eine Okraschotensuppe, gefolgt von einem herzhaften Zucchinikuchen und schließlich ihre beliebten, hausgemachten Fleischbällchen. Auf der “Ferma Albanik” wird alles nach traditionell albanischen Rezepten zubereitet, regional und saisonal sowieso. Von der Küchendecke hängen große Pfannen, die alten Steinmauern und die rustikale Holzverkleidung strahlen eine ganz besondere Wärme aus. Immer wieder kommt Elma dazu, um ihrer Mutter bei den Vorbereitungen zu helfen.

Plötzlich füllt sich der Ort mit Leben. Elona ist mit ihrer Wandergruppe zurück. Erschöpft, aber mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht, kommen sie alle den Hügel zum Farmhaus hinauf. Es hat etwas länger gedauert als geplant, denn auf dem Rückweg haben sie noch bei einer Nachbarin Eier geholt. Die 41-jährige Gastgeberin begrüßt uns und ihre beiden Hunde Bani und Leo, und fragt gleich, ob wir ein Glas Weißwein möchten. Natürlich handelt es sich um eine einheimische albanische Rebsorte eines örtlichen Winzers. “Dem einzigen, mit dem wir zusammenarbeiten”, sagt Elona.

Natur, Gäste und Glück

Ihr Telefon klingelt. Ein weiterer Gast fragt, ob er sich auf der richtigen Straße befinde. Elona schlägt ihm vor, ihr seinen Live-Standort zu schicken, damit sie ihm den Weg erklären kann. Es scheint nicht das erste Mal zu sein. In der Zwischenzeit erntet Elma im Garten noch schnell frischen Mangold für den Salat, dann deckt sie den Tisch. Alle Gäste versammeln sich um den großen Esstisch, um gemeinsam zu essen. Wir sind zu zehnt, aus Deutschland, den Niederlanden und Norwegen. Zuerst unterhalten sich alle über ihre abenteuerliche Anreise. Nachdem die letzten Fleischbällchen verzehrt sind, gibt es zum Nachtisch eine köstliche Schokocreme mit frischen Früchten. „Eigentlich hätte es ein Kuchen werden sollen“, sagt Elona lachend und zuckt mit den Schultern.

Am nächsten Morgen bin ich mit Elona zum Interview verabredet. Um 7 Uhr. Ihre einzige ruhige Zeit des Tages, bevor sie sich wieder den ganzen Tag um die Gäste kümmert. Sie stellt uns jeweils einen schwarzen Kaffee auf den Tisch und dreht sich eine Zigarette. Ihre Haare hat sie hochgesteckt, als käme sie gerade vom morgendlichen Yoga. Ursprünglich war Elona Architektin in Tirana, bevor sie ihr altes Leben hinter sich ließ. “Ich war so verliebt in die Natur, und mir wurde immer klarer, dass ich nicht im Büro bleiben konnte. Wenn ich das Büro verließ, fuhr ich immer mit dem Fahrrad, aber nie direkt nach Hause. Ich machte einen Umweg über die Hügel von Tirana oder fuhr in die Berge und wollte nicht mehr zurück. Da habe ich erkannt, dass es wirklich ein Notfall ist.” Sie musste etwas ändern. Elona schloss sich Wandergruppen an, erkundete Flüsse, Berge und Schluchten in ihrer Freizeit. “Da merkte ich: Das ist das, was ich tun möchte! Ich will in der Natur leben. Das ist mein ‘happy place’.” Einer ihrer Hunde kommt auf uns zu und legt sich an unsere Füße.“Ich denke, die Menschen sollten immer danach suchen, was sie glücklich macht. Glück ist das Wichtigste. Wir rennen oft der Karriere, dem Geld oder anderen Dingen hinterher und vergessen dabei, was uns wirklich glücklich macht.”

Von Tradition zu Innovation

Vom Haus aus hat man einen ständigen freien Blick auf die Berge und das Tal, die Ente von gestern läuft immer noch frei herum. Elona beschreibt das Konzept von “Ferma Albanik” als eine Art “moderne Genossenschaft”. “Keine erzwungene, sondern eine freiwillige. Die Menschen arbeiten hier viel zusammen, und ich kooperiere mit vielen Familien in der Umgebung, die mich beliefern.” Was sie hier selbst anbaut, sei eher symbolisch. Obwohl sie Kräuter und Salate aus ihrem Garten verwendet, reicht das nicht aus, um ihren Bedarf zu decken. Mit ihrem Permakulturgarten möchte sie vor allem ein gutes Beispiel geben, vor allem für ihre Kooperationspartner, von denen einige immer noch Pestizide verwenden.  Umso mehr legt sie Wert auf ihren Permakulturgarten, der in der Region und in ganz Albanien noch eine Besonderheit ist. “Ich versuche, die Natur nachzuahmen. Die Pflanzen so zusammenzubringen, dass sie sich gegenseitig unterstützen.” Sie hofft, dass sie, wenn sie sehen, dass die Methode funktioniert, vielleicht sagen werden: ‚Oh, schaut mal, bei ihr funktioniert es auch, und es ist viel günstiger.‘ 

“Niemand hier hat je [von der Permakultur] gehört. Ich mache das, weil ich darüber gelesen habe… “ Aber tatsächlich gäbe es ein ähnliches Konzept in der traditionellen albanischen Landwirtschaft. Ältere Landwirte in der Gegend würden eine antike Technik namens ‘bashkoj vendin’ praktizieren, was übersetzt „das Land zusammenbringen“ bedeutet. Sie würden also einige der Permakultur-Prinzipien kennen, aber sie nennen es nicht so. Die Jungbauern hingegen sind eher an intensiver Landwirtschaft interessiert. “Ich gebe dem Ganzen nur einen Namen, aber es gibt es bereits hier in der Region”, so Elona.

Das Konzept der “Ferma Albanik” würde sich mit den Gästen ständig weiterentwickeln. “Die meisten Menschen, die zu uns kommen, sind Vegetarier und schätzen die Natur und unsere Welt hier.” Also stellt sie sich auf die Bedürfnisse der Gäste ein. Die Mahlzeiten sind mittlerweile komplett vegetarisch, abgesehen von den gelegentlichen klassischen Fleischbällchen ihrer Mutter. “Ich möchte diesen Ort zu einem Rückzugsort machen. Hier können die Menschen zur Ruhe kommen, sich mit der Natur verbinden, wandern, Rad fahren oder andere naturverbundene Aktivitäten wie Yoga machen.” Sie plant, noch mehr Retreats als bisher anzubieten und den Hof das ganze Jahr über offen zu halten. “Ich möchte einen Ort schaffen, an dem sich die Menschen wohlfühlen und mit sich selbst und der Natur verbunden sind.” Dabei will sie die Farm bewusst klein halten. Das Gemeinschaftsgefühl soll erhalten bleiben.

Im Garten der Ferma Albanik

Elona will mir noch ihren Garten zeigen. Wir gehen die Wege entlang, auf ihrem T-Shirt steht in großen Buchstaben “RESPECT”. “Da drüben pflanzen wir einige albanische Samen – Tomaten, Mais, Bohnen, Paprika und Auberginen.” Elona zeigt auf ein rundes Feld hinter sich. “Das Projekt findet in Zusammenarbeit mit der FAO statt, der Welternährungsorganisation. Sie unterstützen uns mit etwas Geld und Experten, die mir bei den Herausforderungen helfen.” Sie berührt ein paar Bohnen, die an einem Strauch wachsen: “Das hier ist ‘Larushe’, eine typisch albanische Bohnensorte mit dunklen und weißen Punkten. In der albanischen Küche verwenden wir viele Bohnen.” Ziel des Projekts ist es auch, Tourist:innen und Schulkindern auf Klassenfahrten die albanischen Produkte zu zeigen und sie probieren zu lassen. Elona zeigt auf den Boden um uns herum. “Hier sieht man, wie ich den Garten angelegt habe – ich habe die Kräuter geschnitten und in Schichten gelegt, damit die Erde feucht bleibt, aber kein unerwünschtes Gras wächst.” Wir gehen weiter, jetzt begleitet von ihren Hunden. Dann zeigt sie ganz aufgeregt auf einen Baum: “Das ist ein albanischer Feigenbaum. Ich habe ihn gepflanzt und muss mich nie um ihn kümmern, und trotzdem ist er der gesündeste Baum im ganzen Garten. Das zeigt mir, dass wir der Natur nichts aufzwingen sollten.”

Zwischen Bergen und Beeten


Dann stehen wir in ihrem Permakulturgarten. Überall sprießt es, hier und da kommt eine Fenchelknolle hervor, dazwischen stehen Pfirsichbäume. Die Farm liegt am Fuße des Trebeshinë-Gebirges und hat dadurch ihr eigenes kleines Mikroklima, erzählt Elona. Hier sei es meist 3 bis 5 Grad kühler und der Wind sei weniger stark als im Tal. Spürt sie irgendwelche Auswirkungen des Klimawandels? „Natürlich! Es gibt wohl keinen Ort auf der Welt mehr, an dem wir den Klimawandel nicht spüren“, sagt Elona. „In diesem Frühjahr hatten wir so viel Regen wie noch nie.” Fühlt sie sich durch die Permakultur besser vorbereitet? “Ja, denn ich folge dem natürlichen Kreislauf.” Ihr fällt auch sofort ein Beispiel ein: “Die Tomaten hier im Permakulturgarten sind jünger [als die im FAO-Projekt], weil ich sie im Einklang mit ihrem natürlichen Wachstumsrhythmus gepflanzt habe. Sie haben sich entschieden, später zu blühen, weil das Klima sehr kalt und feucht war. Die Tomaten dort unten sind zwar schon weiter in ihrer Entwicklung, da sie zuerst im Gewächshaus gezogen und dann ins Freie gebracht wurden. Aber es war nicht der richtige Zeitpunkt, weil sich die Jahreszeiten verschoben haben. Wir haben dort also den Prozess erzwungen, während hier die Tomaten im Permakulturgarten noch kleiner sind, aber dafür viel gesünder.“

Elona pflückt hier und da ein Blatt ab, läuft behutsam durch die Pflanzen. “All diese Bäume habe ich selbst gepflanzt. Einige von ihnen sind abgestorben, und ich habe sie durch andere ersetzt. Denn ich glaube, wenn es einem Baum nicht gut geht oder er krank ist, dann ist er nicht am richtigen Ort ist”, fährt Elona fort. Dann verabschiedet sie sich, um mit den anderen Gästen den Rest des Tages zu planen. 

Zum Frühstück gibt es frisch gebackene Petulla – albanische frittierte Krapfen –, serviert mit Honig, Marmeladen, Käse und frischem Kräutertee. Dazu der Panoramablick über die Berge und das Tal, der nie langweilig wird. Bevor wir diesen besonderen Ort verlassen, nehmen wir uns noch als Andenken etwas Wein und Sirup mit. Auf dem Rückweg müssen wir erneut kurz innehalten. Eine Schafherde überquert gemächlich die Straße.


Werde Unterstützer:in

Die “Ferma Albanik” unterstützt mit ihrer Kooperation die Familien in der Region. Eine weitere gute Nachricht: Die Erzeugnisse können auch online bestellt werden. So kann man auch von Deutschland aus in den Genuss der albanischen Produkte kommen: Marmeladen, Sirupe, verschiedene Teesorten und alles mehr auf:

www.ferma-albanik.com

Text + Foto: Jessica Jungbauer

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