Zusammen denkt sich die Welt leichter neu als allein. Auf einem wild bewachsenen Stück Norddeutschland arbeitet eine Gruppe von Visionären an einer besseren Zukunft. Im gemeinsamen Wirken entsteht ein neues Wir.
Alle, die dabei waren, erinnern sich noch genau an den ersten Besuch an dem Ort, der bald ihre Zukunft fassen würde. Zu fünft traten sie das erste Mal durch das hohe Bogentor, bei der nächsten Besichtigung waren sie schon 15 Menschen, Freundinnen, junge Eltern und Ältere, die hinaus aufs Land wollten, um Platz für ihre Visionen zu haben. „Es war wie ein Besuch im Jurassic Park“, sagt Ceylan Rohrbeck. „Die Wege und Gebäude waren zugewuchert, die Scheiben eingeschlagen, überall lagen Bierdeckel und alte Eintrittskarten herum.“ Das Gelände in der Nähe von Hamburg war früher ein Natur-und-Technik-Erlebnispark, der von einem Tag auf den anderen verlassen wurde, als 2013 die Insolvenz kam. Zurück blieben aufgeschlagene Aktenordner, halb leere Safttüten, Hallen voller Exponate und Sondermüll, und bald kamen Randalierer, die klauten, was sie gebrauchen konnten.

Im Kreis denken
So sah die Zukunft nicht aus, die sich Rohrbeck und die anderen erträumten. „Lieblos. Fast schon unheimlich. Manche Räume waren so gruselig, dass wir uns gar nicht reinzugehen trauten.“ Gleichzeitig konnten sie kaum fassen, was auf diesen zehn Hektar Land, in den Gebäuden und Gärten alles möglich wäre. Da war dieses Gefühl von Freiheit, und es gab so unendlich viel Platz, um die Welt neu zu denken. Sie machten Fotos, und als sie bald darauf beim Bau eines Earthships – eines Gebäudes, das hauptsächlich aus recycelten Materialien besteht – im Gemeinschaftsdorf Schloss Tempelhof in Süddeutschland halfen, zeigten sie die Bilder den anderen Freiwilligen. Schnell waren sie eine Gruppe von 20, die das Gelände kaufen und gestalten wollten. Als Antwort auf eine Gegenwart, in der vielerorts auf Krisen mit Abschottung und Alleingängen geantwortet wird. Eine Gegenwart, die eher Angst macht als Hoffnung. Dem wollten sie etwas entgegensetzen, ein neues Wir, das zusammenkommt im gemeinsamen Wirken. Doch wie kann das aussehen? „Wir bauen Zukunft“ tauften sie das Projekt, um herauszufinden, wie sie zusammen träumen, arbeiten und leben können, auf nachhaltige Art und Weise.

Als Erstes entwarfen sie mithilfe einer Methode namens Dragon Dreaming eine Vision. Alles darf dabei gedacht werden, ganz groß, wie gebeamt in eine Welt ohne Klimakrise und Rassismus, die perfekte Balance zwischen Gemeinschaftsküche und eigenen vier Wänden. „Dann war uns klar, dass wir eine gute Art finden müssen, um Entscheidungen zu treffen“, sagt Rohrbeck. „Als Struktur haben einige von uns, die auch beruflich Unternehmen beraten, Soziokratie 3.0 vorgeschlagen.“ Wurde damit aus der großen Vision konkretes Handeln und aus der zugemüllten Brache ein blühender Ort? Genau. Die Soziokratie basiert auf dem Prinzip: Entscheidungen werden im Kreis getroffen. Formt sich ein Arbeitskreis zu einem Thema, wie etwa Kinderbetreuung, Fundraising, Raumplanung, dann bekommt bei den Meetings jeder reihum das Rederecht. Nicht nur die Lauten und Selbstbewussten werden gehört, sondern alle Stimmen. Ein Treffen kann dadurch länger dauern, aber es wird sichergestellt, dass sich alle in den Ergebnissen wiederfinden und vor allem dass kein Wissen verloren geht. Wie beim Prinzip der Schwarmintelligenz. „Natürlich denke ich mir in solchen Runden auch manchmal: Deine Meinung will ich jetzt gar nicht wissen“, sagt Rohrbeck. „Wenn einer meiner Glaubenssätze erschüttert wird, dann kann das schmerzhaft sein, aber sehr wahrscheinlich erweitere ich meinen Horizont, wenn ich mich dem trotzdem öffne.“ Dabei verändert sich die Art zu denken, weil die Grundannahme lautet: Alles, was die Mitmenschen machen, tun sie zum Wohle des Projekts. Setzt man dies voraus, kann eine selbsterfüllende Prophezeiung entstehen. Jeder kann alles sagen, ohne Angst vor Kritik. Manche Entscheidungen werden nach dem Motto „good enough for now – safe enough to try“ getroffen. Entweder alles läuft gut, oder man kann nachsteuern.

Hannas Permakulturgarten
Heute winden sich vom großen Tor an Wege über das Gelände, an deren Rändern Malven, Johanniskraut und wilder Oregano blühen. Im lichtdurchfluteten Eingangsbereich des Haupthauses hängt eine Schaukel, die hohen Wände sind lehmverputzt, im Café nebenan gibt es dreimal täglich eine warme Mahlzeit für alle. Die Zutaten werden beim Bio-Großhandel und beim Demeterhof bestellt, so fällt kaum Müll an.
Niemand hier scheint in Eile zu sein, nur die Kinder rennen durch die offenen Räume. Dabei wohnt kaum jemand dauerhaft auf dem Gelände, doch alle, die anwesend sind, arbeiten am Entwurf einer gemeinsamen Zukunft, in einem Tempo, das sich gut anfühlt.
Hanna Vasen steht im Garten hinter dem gezimmerten Torbogen aus Ästen. Vor einigen Jahren zog sie aus Hamburg weg, raus aufs Land, weil sie nicht mehr länger warten wollte, bis endlich jemand den Wandel in die Hand nimmt. Bald darauf gründete sich das Projekt, und sie stieg ein. Ihre Philosophie: Permakultur – im weitesten Sinne. „Wenn ein Baum zu wenig Wasser bekommt, dann sendet er Dürresignale, und die umstehenden Bäume regulieren auch ihren Wasserverbrauch herunter, damit alle überleben können“, sagt die 38-Jährige. „Diese Idee von Ressourcenteilung und gegenseitiger Unterstützung macht es auch für uns so sinnvoll, in Gemeinschaft zu arbeiten.“ Im Garten hat sie Birnbäume, Apfelbäume, Maronen und chinesische Gemüsebäume gepflanzt und legt rundherum sogenannte Baumscheiben an: Kreisförmig pflanzt sie Kartoffeln, die tief wurzeln und dadurch auch für die Bäume die Erde auflockern. „Dazwischen habe ich Erdbeeren gesetzt, damit der Boden nicht austrocknet.“ Wo die benachbarten Landwirte nur Mais oder Weizen ernten und mit Schädlingen zu kämpfen haben, will sie demonstrieren, wie vielfältig eine pestizidfreie Ernte auf 5000 Quadratmetern aussehen kann. Nach und nach sollen die Baumscheiben wachsen, bis sie im Schatten der Bäume einen dichten Teppich über die ganze Fläche des Waldgartens bilden; ganz so wie in einem natürlichen Wald, der ursprünglichen Vegetation unserer Breitengrade. Dabei geht für Vasen Permakultur weit über den Garten hinaus – so wie die Soziokratie versucht sie, alle Lebensbereiche in Kreisen zu denken: Wurde die Creme, die ich kaufe, nachhaltig produziert? Die Baustoffe in meinem Haus? Mein Transportmittel? Wie halten wir es mit der Geburt und wie mit dem Sterben? All das geschieht – wenn man es zulässt – in Kreisläufen, die die Erde und ihre Zukunft gesünder machen. „Seit ich diese Haltung zum Grundprinzip meines Lebens gemacht habe, bin ich viel besser drauf“, sagt Vasen.

Tiny Houses für alle
Verlässt man das Gelände, balanciert dafür auf zwei Holzplanken über einen Graben und folgt einem Trampelpfad entlang riesiger Felder, kommt man an einen Ort mit anderer Stimmung als im Garten: die ehemalige Werkhalle, die jetzt „OpenEcoLab“ heißt. Dort rankende Pflanzen, hier Metallstreben – und doch das gleiche Grundprinzip. „Die Idee ist es, nachhaltige Produkte zu entwickeln und die Bauanleitungen als Open Source ins Netz zu stellen, damit andere sie kostenlos nachbauen können“, sagt Frauke Hehl. Wenn an einer herkömmlichen Spülmaschine ein kleines Plastikteil zerbreche, müsse man oft die ganze Maschine wegwerfen. Im OpenEcoLab, das sich noch im Aufbau befindet, soll modular gedacht werden: Jedes Teil einer Maschine ist ausbaubar, nichts ist verklebt, alles ist reproduzierbar. Hehl ist mit 51 Jahren eine der Älteren in der Gemeinschaft und lebt schon lange in dieser Welt des Teilens und Selbermachens, hat den Gemeinschaftsgarten auf dem Tempelhofer Feld in Berlin mitgegründet und den Verbund offener Werkstätten aufgebaut. Warum ihr Selbermachen so wichtig ist? „Weil es einem dieses Gefühl von Unabhängigkeit gibt. Ich kann selbst für mich sorgen, fühle mich nicht so gegen die Wand gedrückt, bin unabhängig von großen Konzernen. Das gilt für mein Lastenrad genauso wie für das Freifunk-Internet oder meinen Linux-Rechner.“ Ihre Vision: viele kleine Gruppen und Projekte, die sich selbst organisieren und gegenseitig helfen, Dinge zu reparieren, statt sie neu zu kaufen. Das OpenEcoLab soll so ein Projekt für Nachbarn und die „Maker“-Szene aus den umliegenden Städten werden. Im Herzen stehen ein 3-D-Drucker, ein Laser-Cutter und eine große CNC-Fräse.

„Wenn ein Baum zu wenig Wasser bekommt, dann sendet er Dürresignale, und die umstehenden Bäume regulieren auch ihren Wasserverbrauch herunter, damit alle überleben können. Diese Idee von Ressourcenteilen und gegenseitiger Unterstützung macht es auch für uns so sinnvoll, in Gemeinschaft zu arbeiten.“
Die Geräte spielen auch bei einem anderen Konzept auf dem Gelände eine wichtige Rolle: Tiny Houses. Die Idee dazu entstand zusätzlich ein bisschen aus der Not heraus, denn auf dem Gelände dürfen bis jetzt keine Gebäude mit mehr als zehn Quadratmeter Fläche errichtet werden. Doch der Bau der kleinen Häuser fügt sich nahtlos in das Prinzip von Nachhaltigkeit und Postwachstum ein. „Ich wohne selbst in einem Tiny House“, sagt Ceylan Rohrbeck, „und es bringt mich immer wieder dazu, mich mit der Frage auseinanderzusetzen: Was brauche ich wirklich?“ Es geht ihr dabei jedoch nicht nur um Minimalismus, sondern die Frage eröffnet einen ganzen Gedankenraum: Wenn ich weniger besitze, muss ich auch nicht so viel Geld verdienen, um meinen Konsum oder meine Miete zu bezahlen, und habe also mehr Zeit für andere Dinge, die im Leben wichtig sind. Es geht also um eine der entscheidenden Fragen unserer Zeit.
Doch Rohrbeck ist da eher verspielt als verbissen. Bis jetzt stehen drei Tiny Houses auf dem Gelände, jedes ein Prototyp, zehn bis fünfzehn sollen es mal werden, als Rückzugsraum für Workshopteilnehmer. Auch ein grünes Klassenzimmer soll als Lernraum in „Tiny Ville“ einziehen.
Die Bauanleitungen für den aktuellen Prototyp wollen sie ins Internet stellen, so können die Häuser einfach nachgebaut werden. Alles, was es braucht, ist handwerkliches Geschick und eine CNC-Fräse, wie sie im OpenEcoLab, aber auch in vielen anderen Kreativ-Orten Deutschlands öffentlich zugänglich steht. „Das Aufbauen ist ein bisschen wie ein Riesen-Lego-Spiel für Erwachsene“, sagt Rohrbeck.

Utopie und Konsolidierung
Neben den drei großen Projektbereichen gibt es viele andere, manche gelingen, andere scheitern, nicht immer läuft alles ohne Streit. Die Soziokratie sieht dafür eine offene Gesprächskultur als Lösung, aber diese Offenheit kostet auch viel Energie. Nach der Anfangsphase voller Utopien haben viele derzeit ein Bedürfnis nach Konsolidierung. Neben den ehrenamtlichen Arbeitskreisen gibt es inzwischen auch ein Kernteam, das für seine Arbeit eine Aufwandsentschädigung erhält. Das Team soll helfen, die Genossenschaft, die „Wir bauen Zukunft“ trägt, rentabler zu machen. Die Einführung finanzieller Entschädigung und die Etablierung klarerer Hierarchien haben keine Grundsatzdiskussionen ausgelöst. „Durch die lange gemeinsame Arbeit in Kreisen ist viel Vertrauen da, und jetzt sind wir dahin gekommen, Hierarchien als etwas zu akzeptieren, was einem Arbeit, Nerven und Stress ersparen kann“, sagt Jannis Deutschmann, der seit Beginn an der Organisationsentwicklung mitarbeitet. „Es gibt ja immer noch die Arbeitskreise und unsere gelebte Kultur der Offenheit, die alles bestimmt.“ Und irgendwann werde das Pendel auch wieder Richtung Utopie ausschlagen.
Kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Keine Alleingänge, sondern Gemeinschaft. Nicht Kontrolle und Dominanz, sondern Offenheit und Gleichzeitigkeit – das ist es, was „Wir bauen Zukunft“ den vielen heraufziehenden Dystopien entgegensetzt.

Für ein gutes Leben
Denkt Ceylan Rohrbeck über die Zukunft nach, dann versucht sie, sich das Haus vorzustellen, das sie einmal ihren Kindern vererben will. Schön soll es natürlich sein. Aber Geschmäcker ändern sich, und deshalb soll es das Gegenteil sein von dem, was sie hier vorfanden: kein riesiger Müllhaufen, den man erst mühselig entsorgen muss, sondern so gebaut, dass man alles wieder auseinandernehmen und jedes einzelne Teil wiederverwenden kann. So wie bei einem Lego-Spiel. So wie in der Natur. So, wie es ist, wenn Dinge sich im Kreislauf befinden. So, wie es sein muss, um ein gutes Leben für alle kommenden Generationen auf diesem Planeten zu ermöglichen.
Drei Fragen an Ceylan Rohrbeck
Warum nimmst du diese Arbeit auf dich?
Weil ich kann. Ich bin mit so vielen Privilegien geboren, also ist es das Mindeste, etwas dazu beizutragen, dass wir die Umwelt für künftige Generationen nicht zerstören. Ich glaube daran, dass wir gemeinsam auf einer Erde leben können, die für alle da ist – wenn jede und jeder selbstverantwortlicher handelt. Wenn Besucher fasziniert von der Natur und inspiriert durch unsere Themen wieder abfahren, dann weiß ich, dass ich das Richtige tue.
Was ist deine Vision?
Wenn ich in zehn Jahren wieder durch unser Tor trete, sehe ich einen sehr lebendigen Ort, an dem Menschen von überall zusammen experimentieren. Im Zentrum steht ein Earthship aus Lehm und recycelten Materialien. Dieses Gebäude steht für die Verbindung zwischen Mensch und Natur, für gemeinsames Sein, Arbeiten, Bauen. Leute kommen und gehen, bringen Expertise und tragen Wissen in die Welt. Alles ist in Bewegung und nie fertig.
Was möchtest du teilen?
Die Erfahrung, in und mit einer Gemeinschaft zu lernen, ist für mich beeindruckend, denn das Lernen geht schneller, es gibt mehr Kontaktfläche, mehr Reibung, mehr Verbindung als sonst. Wenn Menschen sich bewusst für eine Gemeinschaft entscheiden, ist der Wille zu lernen meist höher. Ich begebe mich freiwillig aus meiner Komfortzone heraus in die Lernzone. Dabei passiert viel Heilung, und das ist es, was ich mir wünsche.
Text: Theresa Leisgang und Raphael Thelen
Fotos: Lena Giovanazzi