Der Ökolandwirt Jaume Adrover zeigt, wie Landwirtschaft zu einer echten Alternative werden kann – für die Insel, ihre Menschen und den Umgang mit ihren Ressourcen.
Zwischen üppig sprießenden Bohnen, leuchtenden Salatköpfen und gelb blühenden Tomaten reißt Jaume Adrover unerwünschte Wildkräuter aus. Dazu nutzt er einen handbetriebenen Pflug, den er wie ein Fahrrad übers Feld schiebt. Der 45-Jährige, mit Hut zum Schutz vor der Sonne, die schon vormittags heftig brennt, betreibt zwischen Manacor und Portocolom an Mallorcas Ostküste traditionelle Landwirtschaft: Von den alten Bauern hat er gelernt, wie er unter Ziegen- und Schafsdung Schilfrohr und Mandelschalen mengt, damit das Gemisch über einen möglichst langen Zeitraum Nährstoffe an die Erde abgibt, und wie er mit Zeitungspapier Wurzeln von Zwiebeln umhüllt, um sie vor der Europäischen Maulwurfsgrille zu schützen. Von den Alten sind auch seine Gemüsesorten: Er baut Ramellet-Tomaten an, die seit Jahrhunderten auf Mallorca heimisch sind. Das Besondere an den Früchten: Die Bauern fädeln sie an ihren filzigen Stängeln auf eine Schnur oder hängen sie an ihren Rispen an die Zimmerdecke, denn so bleiben die Tomaten nach der Ernte mehr als neun Monate lang frisch. Auf der Insel konnten die Menschen schon früh das ganze Jahr über Tomaten essen – lange bevor es üblich wurde, die Pflanzen in Gewächshäusern zu ziehen.

„Meine Arbeit ist eher eine Art zu leben als ein Job, um Geld zu verdienen“, sagt Adrover, der wöchentlich mindestens 50 Stunden auf den Feldern, mit der Verarbeitung seiner Ernte und dem Vertrieb beschäftigt ist. „Es ist nicht leicht, sich zu behaupten.“ Die Nachfrage nach Ökogemüse, wie der Landwirt es anbaut, ist auf der Insel zwar seit Jahren groß. Um ausreichend zu produzieren, brauchten die mallorquinischen Bauern aber mehr Personal. Doch kaum jemand möchte auf den Feldern arbeiten. Außerdem wären zusätzliche Flächen nötig. Ehemalige Bauernhöfe dienen aber inzwischen als Hotels. Ein verschwenderischer Umgang mit Wasser hat ebenso dazu beigetragen, dass den Bauern weniger Land zur Verfügung steht. Adrover hat bereits einen Gemüsegarten an der Küste verloren: Das Wasser aus dem örtlichen Brunnen wurde zunehmend salziger und taugte nicht mehr zur Bewässerung. „Ein Golfklub, Investoren aus dem Ausland und ein paar Familien, die im Sommer Häuser mit Pools im Garten an Urlauber vermieten, haben zunehmend Wasser verbraucht“, erzählt der Mallorquiner. „Deshalb sank innerhalb weniger Jahrzehnte der Süßwasserpegel so stark ab, dass Meerwasser eindringen konnte.“
Die Regionale Lebensmittel
Doch dieses Jahr hat Adrover ganz andere Sorgen. Von dem heftigen Bedarf an regionalen Zucchini, Zwiebeln und Tomaten wurde der Mallorquiner quasi überrannt. Die Corona-Krise geht auf Mallorca mit der Kappung der meisten Flug- und Fährverbindungen einher. Auch wenn Nahrungsmittel weiterhin reibungslos vom Festland auf die Insel gelangen und es keine Engpässe gibt, sei den Menschen auf der Insel wohl noch nie so deutlich bewusst geworden, wie sehr sie vom Festland abhängen, glaubt der Landwirt. „Viele suchen nach Alternativen“, sagt Adrover, „und wir können liefern – auch nach Hause.“ Dieser Service kommt besonders den Menschen entgegen, die nun lieber nicht unter Leute gehen möchten. Inselweit boomt das Geschäft mit regionalen Lebensmitteln. Fast wie von selbst hat sich eine Veränderung eingestellt, auf die Adrover seit Langem hofft: Auf Mallorca sind zurzeit viel mehr Menschen in der Landwirtschaft tätig. Auch bei ihm fragen arbeitslose Kellner und Handwerker an. „In der letzten Woche waren es fünf“, erzählt er. „Zwei von ihnen haben jahrelang Bars betrieben, die sie nun aufgeben mussten, da sie keine Einnahmen mehr haben und die Miete nicht mehr bezahlen konnten.“ Von Mitte März bis 11. Mai mussten die Lokale auf Mallorca schließen. Viele Cafés und Kneipen haben das nicht überlebt. Es ist dem Bauern anzusehen, dass es in ihm arbeitet: Soll er weitere Felder bewirtschaften und mehr Menschen beschäftigen? Er hat bereits einen Angestellten, der bisher nur drei Tage pro Woche für ihn tätig war, doch seit dieser Saison in Vollzeit mit dabei ist. Adrover vertreibt sein Gemüse und zugekauftes Obst hauptsächlich an eine feste Gruppe von Konsumentinnen und Konsumenten. Vor der Krise lieferte er Lebensmittelkisten an 40 Haushalte, jetzt beziehen fast doppelt so viele Menschen seine Ware. Der Mallorquiner musste sich mit anderen Ökobauern zusammenschließen, um die Kisten füllen zu können. Außerdem vertreibt er zurzeit seine komplette Ernte an Privathaushalte und liefert nicht mehr einen Teil davon an einen kleinen Supermarkt wie in den Jahren zuvor. Weil er in dieser Saison viel mehr Kunden hat, sind die Tage, an denen er sein Gemüse erntet, um es noch am selben Tag zu verkaufen, nun besonders anstrengend. An einem Schuppen auf dem Feld spült er frisch geschnittene Salatköpfe sauber, legt sie zu den Zwiebeln, dem Knoblauch und den traditionellen frischen dicken Bohnen, aus deren Schoten er später die Kerne auslösen wird. Adrover schätzt es, dass die Pflanze anspruchslos ist und zuverlässig gute Erträge liefert. Er sät sie dreimal im Jahr aus, im September, Oktober und November, weil er dann nach und nach ernten kann und seine Kundschaft länger Bohnen erhält.

50 Arbeitsstunden
Der Bauer packt seine Ware ein, um sie in eine Lagerhalle zu transportieren, die an das Haus seiner Eltern in Portocolom grenzt. Das ehemalige Fischerdorf hat einen großen natürlichen Hafen, an dem sonst in dieser Jahreszeit viele Urlauber und Anwohner spazieren gehen. In diesem Frühjahr ist die Promenade aber leer, weil zum Schutz vor dem neuartigen Virus Touristen nicht einreisen dürfen. Obendrein herrschten von Mitte März bis Anfang Mai strikte Ausgangsbeschränkungen. Wochenlang gingen die Spanier fast nur noch zum Einkaufen oder um ihren Müll runterzubringen vor die Tür. Auch in Adrovers Halle hält seine Kundschaft wie empfohlen Abstand. Ein Mann stellt sich vor, der wöchentlich eine Gemüsekiste haben möchte. Der Landwirt erklärt ihm, dass er über eine WhatsApp-Gruppe verschiedene Sorten der Saison bestellen kann. Adrover wirkt zufrieden, ruhig und gelassen, doch wenn er am Ende dieses langen Tages gegen 22 Uhr nach Hause kommt und seine Tochter, die erst ein paar Monate alt ist, schon schläft, wird er sich wohl wieder fragen, ob er das Richtige tut, und zu dem Ergebnis kommen, dass er eine andere Arbeit braucht. „Aber dann kommt der nächste Tag, und ich habe wieder Lust, aufs Feld zu gehen“, erzählt er. „Nach den Momenten der Erschöpfung finde ich immer wieder neue Gründe, um weiterzumachen.“


Die Landwirtschaft ist für Adrover eine Art Plan B zum ungebremsten Tourismus. „Ein Großteil der Menschen auf Mallorca arbeitet als Kellner, Rezeptionistin oder Putzkraft in Hotels“, sagt er. „Wir brauchen die Urlauber, doch es sollten weniger kommen.“ Die großen Ferienorte wie S’Arenal, Pollença oder Sa Coma bereiten dem Bauern keine Sorgen. Viel kritischer sieht er es, dass überall auf der Insel zunehmend Wohnraum auf Internetplattformen wie Airbnb als Touristenunterkunft angeboten wird. „2016 haben wir bei dieser Art der Ferienvermietung 60.000 Plätze gezählt“, erinnert er sich. „Inzwischen sind es mehr als doppelt so viele: bereits 146.000.“ Der Bauer engagiert sich in der Umweltorganisation „Terraferida“, übersetzt: verwundetes Land, und hat das Portal unter die Lupe genommen. „Wir haben herausgefunden, dass die wenigsten Vermieter Privatleute sind, die mit der Vermietung ihr Einkommen aufbessern. Großinvestoren dominieren, die unter dem Namen einer einzelnen Personen fast 1000 Unterkünfte vermieten“, berichtet Adrover.
„Diese Menschen verdienen an der Attraktivität der Insel, aber sie leben nicht auf Mallorca und zahlen hier keine Steuern.“
Der übermäßige Reiseverkehr bedrohe die soziale Gerechtigkeit. „Viele Haus- und Wohnungsbesitzer verdienen mehr, wenn sie ihre Bleibe ein paar Monate lang an Urlauber vermieten als das ganze Jahr über an eine Familie“, gibt Adrover zu bedenken. „Dadurch steigen die Mieten.“ Tatsächlich ist der wachsende Tourismus für die gesamte Infrastruktur der Insel ein Problem: Die Bevölkerung von knapp einer Million verdoppelt sich in der Hochsaison. Es fallen größere Mengen Abfall und Abwasser an. Die Inselregierung muss inzwischen viel Geld in den Ausbau der Klärwerke stecken. „Es ist das Mindeste, dass die, die auf der Insel gut verdienen, das Abfall- und Abwassermanagement mitfinanzieren“, erläutert Adrover.

Netzwerke auf der Insel
Doch diese Saison wird auf Mallorca nicht nur die Infrastruktur entlastet. Auch der Umwelt tut der ausbleibende Besucheransturm gut. Zum Beispiel dürfen im Hafen von Palma zurzeit keine Kreuzfahrtschiffe anlegen. „Seither ist dort die Luft viel besser“, sagt Adrover, „denn sonst befinden sich oft mehrere dieser großen Schiffe im Hafen und lassen den Motor laufen, während ihre Gäste die Altstadt besichtigen.“ Das wirkt sich besonders negativ aus, weil auf Kreuzfahrten im Mittelmeer Benzin genutzt werden darf, das zu 3,5 Prozent Schwefel enthält. Auf der Nord- und Ostsee hingegen darf der Anteil nur 0,1 Prozent betragen, deshalb ist dort die Luft sauberer.Der Bauer und seine Mitstreiter von Terraferida haben bewirkt, dass seit 2018 auch Kreuzfahrtpassagiere die „ecotasa“, Kurtaxe, bezahlen, die vor ein paar Jahren auf Mallorca eingeführt wurde, um Projekte zum Schutz der Umwelt zu finanzieren. „Unser wichtigstes Verdienst ist aber, dass wir dazu beitragen, dass mehr über die Probleme, die die Touristenfluten mit sich bringen, geredet wird“, sagt Adrover. „Auch die Corona-Krise hat zur Folge, dass sich in den Köpfen der Leute etwas ändert.“ Wird das langfristige Auswirkungen haben? „Damit grundlegend etwas passiert, könnte uns die Nachbarinsel Menorca als Beispiel dienen“, meint Adrover. Neben dem Tourismus gibt es dort andere bedeutende Wirtschaftszweige wie Lederwaren- und Schuhindustrie. Viele Menschen arbeiten auch in der Viehzucht und Käseproduktion. Deshalb herrscht auf Menorca ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Naturschutz und Wirtschaft. „Die soziale Gerechtigkeit ist dort größer“, fügt der Bauer hinzu. „Während auf Mallorca 15 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze leben, ist dort kaum jemand betroffen.“
Auf Mallorca arbeiten zurzeit 4000 Menschen in der Landwirtschaft. 100.000 bis 200.000 waren es, bevor der Tourismus boomte. „8000 Menschen könnten ohne Weiteres wieder auf den Feldern tätig sein“, sagt Adrover, „doch um erneut ein bedeutender Wirtschaftszweig zu werden und mehr Leute zu beschäftigen, fehlt die Struktur.“ In den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Bauerngenossenschaften verschwunden, und mit den alten Bauern stirbt Know-how. „Ein gut funktionierendes Netzwerk bringt aber viel“, sagt der Landwirt aus Erfahrung: Sein Feld pflügt ein benachbarter Bauer, der Ziegenkäse herstellt, weil Adrover selbst keinen Traktor hat. Als Gegenleistung bekommt der Nachbar Futter für seine Tiere, das rund um Adrovers Gemüsefeld wächst. Von einem Kunstschmied hat der Mallorquiner eine Vorrichtung anfertigen lassen, die er an seinem handbetriebenen Pflug montiert, um in schmalen Bahnen Plastikplanen über seine Erde zu spannen. „Was uns eint, ist ein starker innerer Antrieb“, erzählt Adrover, „wir möchten immer besser werden.“

Die Plastikplane ist ein Teil dieses Programms, weil sie einen sparsamen Umgang mit Wasser ermöglicht: Sie ist aus Mais hergestellt und zersetzt sich nach ein paar Monaten auf dem Feld rückstandsfrei. Seit letztem Jahr erprobt der Bauer ihren Einsatz. Er reißt Löcher in die Folie und hebt darunter kleine Kuhlen aus, in die er Tomatenpflanzen hineinsetzt, die er mit nur ein paar Schluck Wasser begießt. „Ich bewässere sie nur dieses eine Mal, denn die Plane bewirkt, dass das Wasser nicht verdunstet, sondern in Bodennähe zirkuliert und die Pflanze versorgt“, erklärt er. „Hinzu kommt, dass sich am Morgen die Tautropfen auf den Stängeln absetzen und bis in die Kuhlen hinablaufen, wo die Wurzeln sie aufnehmen.“
Die „tomate bombilla“
Genügend Ideen, wie er mit zusätzlichem Land und Personal Geld verdienen könnte, hat Adrover. „Im vergangenen Jahr wurden wir von hohen Tomatenerträgen überrascht“, schwärmt er. Die „tomate bombilla“, die so heißt, weil sie die Form einer bombilla, Glühbirne, hat, warf vier bis fünf Kilogramm pro Pflanze ab – in anderen Jahren trägt sie halb so viel. Die süße Frucht mit der dünnen Schale bleibt nur etwa eine Woche lang frisch, deshalb musste Adrover schnell handeln. „Ich habe 46 Tage am Stück gearbeitet, um die Früchte zu ernten, zu verkaufen und die Reste zu verarbeiten“, erinnert er sich. „Meine Lebensgefährtin war hochschwanger und stolperte über die Tomatenkisten, die bei uns zu Hause im Weg standen.“ Für 5000 Euro erwarb er eine Dörrmaschine, die wenig Strom verbraucht und schonend mit Infrarotlicht trocknet. „Ich verdiene wenig – und was davon übrig bleibt, investiere ich“, sagt er. „Die Anschaffung hat sich gelohnt: Die getrockneten Früchte schmecken köstlich!“
Der Landwirt möchte dazu beitragen, dass die getrocknete mallorquinische Tomate ein bekanntes Produkt wird. Bisher stammen die meisten Trockentomaten, die auf den Wochenmärkten Mallorcas angeboten werden, aus der Türkei. Adrover experimentiert auch mit Äpfeln, die in großen Mengen auf den Feldern eines Onkels reifen, der sie an Schweine verfüttert. Seine Trockentomaten aus dem Vorjahr hat der Landwirt längst verkauft: in den Kisten an die vielen Kunden, die er in den letzten Wochen dazugewonnen hat. Wenn er auf zusätzlichem Land noch eine Person beschäftigen könnte, würde er gerne noch mehr Tomaten anbauen, um sie zu trocknen.


Drei Fragen an Jaume Adrover
Du arbeitest 50 Stunden pro Woche – im Sommer ist es oft zu heiß, im Winter zu kalt. Warum nimmst du das auf dich?
Es gefällt mir, jeden Tag draußen zu sein und keine Anweisungen von anderen Menschen ausführen zu müssen. Ich muss mich nie überwinden, zur Arbeit zu gehen. Auch wenn ich am Abend oft sehr müde bin, deprimiert bin ich nie.
Was möchtest du teilen?
Was möchtest du teilen?Meine Arbeit mag von außen betrachtet sehr idyllisch oder romantisch wirken. Ich möchte dazu beitragen, dass die Arbeit von uns Ökobauern als etwas Alltägliches wahrgenommen wird. Biogemüse ist kein Eliteprodukt, sondern etwas Normales.
Was ist deine Vision?
Ich würde gerne das gesamte landwirtschaftliche Netzwerk, das in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen ist, rekonstruieren. Wir sollten Bauernhöfe zurückgewinnen, altes Saatgut bewahren und wieder genügend Tiere halten, damit wir die Felder besser düngen können.
Text: Stephanie Eichler
Foto: Emanuel Herm