Michael Hampe Philosoph

„Man braucht Mut, um das, was einem falsch erscheint, zu beenden“

Menschen sprechen oft darüber, endlich authentisch sein zu wollen. Das ist nicht einfach. Der Philosoph Michael Hampe geht davon aus, dass es den inneren Kern, den viele suchen, gar nicht gibt, und räumt mit gängigen Vorstellungen dazu auf.

Michael Hampe Philosoph

Herr Hampe, während der Pandemie sind viele der gewohnten Ablenkungsmöglichkeiten wie Konsum oder Reisen nicht möglich. Manche sehen hier einen Ausgangspunkt für ein echteres, „eigentlicheres“ Leben. Würden Sie dem zustimmen?
Michael Hampe Nein. Denn für einige sind Konsum und Reisen keine Ablenkungsmöglichkeiten, sondern etwas, was ihnen wichtig ist. Sie sparen auf Anschaffungen und Reisen, freuen sich auf ein neues Auto, den Urlaub. Ich selbst kann mit Tourismus nichts anfangen, fahre immer an denselben Ort in die Ferien, wo ich dann auch lese und schreibe, weil ich eben immer lese und schreibe. Aber das ist mein Leben, das eines Hochschullehrers.

Andere Menschen führen andere Leben, und es liegt mir fern, das Leben anderer von meinem aus zu bewerten. Es kann sein, dass manche neue Interessen und andere Gewohnheiten entwickelt haben. Aber die müssen nicht „eigentlicher“ sein als das, was sie vorher gemacht haben. Ich halte es für Unsinn, im Allgemeinen irgendetwas darüber sagen zu wollen, was ein „echteres“ oder „eigentlicheres“ Leben ist.

Die Ansicht, die Pandemie könne uns zum Wesentlichen führen, hat mit der Annahme zu tun, wir hätten etwas wie einen „inneren Kern“, den man erreichen kann, indem man die äußeren Schichten abträgt. Ist das falsch?
Michael Hampe Die Vorstellungen von einem Kern sind Erbschaften aus Unsterblichkeitsgedanken, die in vielen Religionen existieren und die dann Einfluss auf die praktische Philosophie gehabt haben. Aber wenn wir auf die empirischen Menschenwissenschaften, also Psychologie, Soziologie, Geschichte, Biologie und so weiter, schauen, dann gibt es dafür keine Evidenzen. Es gab noch so eine Art neurogenetischen Essenzialismus im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, der davon ausging, dass die Gene irgendwie das Nervensystem determinieren und das Nervensystem unser Verhalten und unseren Charakter bestimmt. Aber auch das ist inzwischen durch die Epigenetik nicht mehr haltbar. Die Umwelt beeinflusst die Aktivität unserer Gene, sodass Sie auch nicht von einem biologisch festgelegten Kern der Person ausgehen können.

Was macht uns dann aus?
Michael Hampe Es gibt meiner Ansicht nach eine sehr allgemeine Kompetenz der gerichteten Aufmerksamkeit, die wir alle teilen. Auf dieser Fähigkeit baut sich eine Lebensgeschichte kontinuierlich auf, aufgrund unserer biologischen und sozialen Situation. Aber wir können uns zu dieser biologischen und sozialen Situation dann eben wieder verhalten: Wir können beispielsweise theoretisch unser Geschlecht verändern oder uns von unserer Familie distanzieren. Ich wüsste heute nichts mehr, was unantastbar ist. Deshalb halte ich diese Kernvorstellung für nicht mehr haltbar.

Wenn es so etwas wie unseren „wahren Kern“ nicht gibt, warum fühlen wir uns dann manchmal authentisch und manchmal nicht?
Michael Hampe Manchmal machen wir etwas, was Stränge in unserer Lebensgeschichte fortsetzt, die wir bejahen. Und manchmal machen wir etwas, was nicht dazu passt. Im einen Fall fühlt man sich authentisch, im anderen unauthentisch. Es gibt drei Voraussetzungen für Authentizität: Man muss erstens schon ein wenig gelebt, zweitens über dieses Leben nachgedacht haben und drittens wissen, was man bejaht und was nicht.

Es kann sein, dass im Lockdown einige über ihr Leben nachgedacht haben, weil sie nichts anderes zu tun hatten, sodass er die dritte Bedingung befördert hat. Manchmal verbringen wir den Abend mit Leuten und Tätigkeiten, die uns nichts sagen, nichts mit dem zu tun haben, was wir bisher für wichtig und interessant gehalten, bejaht haben. Wenn ich mich aus Freundlichkeit auf einen Kneipenabend mit Motorradbastlern einlassen würde, käme ich mir unauthentisch vor, weil ich nicht Motorrad fahre, keine Ahnung von Motorrädern habe und gegenwärtig auch nichts über Motorräder wissen will.

Das Beispiel kann ich nachvollziehen. Aber fühlt man sich nicht oft gerade dann schmerzhaft von sich entfernt, wenn einem Menschen, die man lange kennt, plötzlich fremd vorkommen und man das Gefühl hat, es werden nur Phrasen abgespult?
Michael Hampe Ja, das ist eine weniger harmlose Erfahrung. In der beschriebenen Situation zeigt sich etwas, was für uns alle ein Problem ist, nämlich inwiefern wir uns anderen sichtbar machen können – unsere eigene Lebensgeschichte, unsere Wünsche. Sprache ist nun einmal etwas Allgemeines, was wir teilen. Es verlangt eine hohe Kompetenz, sich beispielsweise in der Sprache oder auch in der Musik, im Tanz und dergleichen sichtbar zu machen. Den meisten von uns, würde ich etwas pessimistisch sagen, gelingt das nicht. Die meisten von uns schaffen es nicht, die Sprache oder irgendein anderes Ausdrucksmittel so zu variieren, dass sie in der Lage sind, anderen ihr eigenes Weltverhältnis deutlich zu machen.

Wenn wir andere Menschen mögen, haben wir oft den Wunsch, von ihnen als Individuen erkannt zu werden und sie als Individuen zu erkennen. Weil wir uns das so heftig wünschen, glauben wir manchmal, dass es auch gelingen muss. Aber das ist leider nicht so. Dann kommt es zu der geschilderten Situation: Man dachte, die andere Person in ihrer individuellen Lebensgeschichte zu erkennen oder sich ihr sichtbar machen zu können, und merkt nach einer Weile, dass man es doch nicht schafft. Das ist sicher eine schwierigere Situation, als sich aus Höflichkeit auf eine Situation einzulassen, die einen eigentlich nicht interessiert. Da kann man schnell aus der Kneipe hinausgehen, während man nicht einfach so mal die Fähigkeit entwickeln kann, sich anderen sichtbar zu machen, weil man sich verliebt hat. Das ist etwas, das lange Zeit braucht.

Ein Weg, auf dem Menschen versuchen, ein authentisches Leben zu führen, ist der Gang in die Natur. Warum?
Michael Hampe Die Situationen, bei denen man in etwas hineingerät, was nichts mit einem zu tun hat, haben oft mit sozialen Zwängen zu tun. Wenn man sich in die Wildnis begibt, versucht man, diese Zwänge loszuwerden. Der Text, den ich da sehr anschaulich finde, ist „Into the Wild“ von Jon Krakauer, der auch verfilmt worden ist. Der Protagonist, Christopher McCandless, hat das Gefühl, in einer Familie gelebt zu haben, in der er immer betrogen wurde. Er liest Emerson, Thoreau, Tolstoi – existenzialistische Literatur und naturromantische Philosophie. Durch diese Lektüre kommt er zu der Überzeugung, dass die sozialen Ansprüche und die Doppelbödigkeit und Verlogenheit der Gesellschaft von einem abfallen und man zum wirklichen Leben vorstoßen kann, wenn man allein in der Wildnis ist.

Wenn Sie das Buch oder den Film kennen, wissen Sie, dass das nicht gut ausgeht. Nach einigen Monaten in Alaska verwechselt er eine Knolle, die vermeintlich essbar ist, mit einer, die giftig ist. Daran stirbt er schließlich. Die Natur ist also genauso vieldeutig und undurchsichtig wie die gesellschaftlichen Verhältnisse. Als ich diese Geschichte gelesen habe, konnte ich gar nicht glauben, dass sie wirklich so stattgefunden hat. Sie schildert einerseits unglaublich plastisch die Hoffnung: Wenn man die Gesellschaft verlässt und in die Wildnis geht, stößt man zu einem wahren Kern vor. Andererseits führt sie die Enttäuschung deutlich vor Augen.

Neben dem Streben nach Selbstfindung gibt es auch die Erfahrung der Selbstvergessenheit. Wann stellen sich solche Zustände ein?
Michael Hampe Diese Zustände haben damit zu tun, dass die Aufmerksamkeit sehr stark auf etwas fokussiert ist, sodass man schließlich vergisst, welche Selbstdarstellung man eigentlich produzieren müsste. Das kann beispielsweise bei handwerklichen Tätigkeiten passieren, bei denen man genau aufpassen muss, zum Beispiel beim Schnitzen oder beim Fliesenlegen. Auch vom Musikmachen kennt man das. Psychologen bezeichnen das manchmal als Flow: Man ist furchtbar aufmerksam auf etwas, und weil die Tätigkeit so schwierig ist, vergisst man seinen Kummer und seine Karrierewünsche und geht ganz in seinem Tun auf. Es gibt östliche Meditationspraktiken, die die Aufmerksamkeit schulen, damit diese Fähigkeit gestärkt wird. Diese Praktiken sind mit bestimmten Vorstellungen der Distanzierung von der eigenen Lebensgeschichte verbunden. Ich würde sagen, man kann nicht auf eine bestimmte Tätigkeit zeigen, theoretisch kann es jede sein.

Worauf kommt es dabei an?
Michael Hampe Es hängt von der Einstellung und der Intensität der Aufmerksamkeit ab. Wenn die Fokussierung sehr stark ist, kann man das als Selbstvergessenheit bezeichnen. Weil dieser Zustand etwas sehr Erfreuliches hat, ergibt sich oft die widersprüchliche Situation, dass die selbstvergessene Tätigkeit zugleich eine ist, in der man sich selbst verwirklicht.

Manche Künstler sagen zum Beispiel: Sie sind aufgetreten und waren eins mit dem Instrument oder mit dem Publikum. Es gab nur noch die Musik. Sie haben gar nicht mehr daran gedacht, wo sie sind und wer sie sind. Und das war dann ihre Selbstverwirklichung. Eine Möglichkeit, den Widerspruch aufzulösen, ist, zu sagen: Was wir eigentlich sind, ist eben diese Aufmerksamkeit. Diese ist aber in der Regel zugeschüttet durch unsere Lebenspläne und Karrierewünsche. Wenn diese Lebenswünsche und Karrierepläne von uns abfallen, dann sind wir ganz aufmerksam.

Wäre eine Gesellschaft denkbar, in der sich Menschen insgesamt weniger entfremdet fühlen, oder ist Selbstwerdung stets eine individuelle Aufgabe?
Michael Hampe Das ist eine schwierige Frage, zu schwierig für ein kurzes Interview. Aber so viel kann man wohl sagen: Es gibt viele Mechanismen in unserer Welt, die uns ständig davon abhalten, über unser Leben oder überhaupt nachzudenken. In westlichen Gesellschaften geht es vor allem um zweierlei: infinite jest, wie das David Foster Wallace einmal genannt hat, also Unterhaltung, Jux, Spaß, und um Karriere, sei es eine berufliche oder familiäre: den Schatz finden, entweder als Geld oder als Lebenspartner, am besten beides.

Nichts gegen Spaß, gute Berufe und glückliche Familien. Man muss auch nicht unbedingt nachdenken. Aber dann darf man sich nicht wundern, wenn einem das eigene Leben irgendwann als ein sinnloses Sammelsurium oder als eine Pokalansammlung erscheint. Wenn man so was nicht will, dann muss man das Streben zumindest unterbrechen. Das Schwierigste ist: Man braucht Mut, um das, was einem falsch erscheint, zu beenden und das Leben nicht einfach vorbeirauschen zu lassen.

Zur Person
Michael Hampe ist Professor für Philosophie im Department für Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften an der ETH Zürich. Er beschäftigt sich insbesondere mit dialogischen und erzählerischen Formen des Philosophierens. Im Zuge dessen schrieb er den kürzlich veröffentlichten philosophischen Roman „Die Wildnis, die Seele, das Nichts“ (Hanser, 2020). Er handelt von der Suche nach dem „wirklichen“ Leben. Zuvor erschienen von ihm „Die dritte Aufklärung“ (Nicolai, 2018) und „Die Lehren der Philosophie“ (Suhrkamp, 2014).

 

Kulturtipps von Michael Hampe
Hören „Murder Most Foul“ von Bob Dylan (2020)
Eine neue Ballade von Dylan, die den Mord an John F. Kennedy als den Anfang des Abstiegs der USA deutet, die Zeit, als die Nation begann, „ihre Seele“ zu verlieren.

Lesen „Der Kinogeher“ von Walker Percy (1961)
Ein Roman über den Selbstfindungsprozess des jungen Amerikaners Binx Bolling, der den Niedergang der amerikanischen Südstaaten erlebt. Ins Deutsche übersetzt von Peter Handke 1980.

Sehen „Die Geschwister Savage“ von Tamara Jenkins (2008)
Ein realistischer und kluger Film über das schwierige Verhältnis zweier Geschwister zueinander und zu ihrem pflegebedürftigen Vater. Es geht dabei auch um Authentizität. Mit dem grandiosen, leider schon verstorbenen Philip Seymour Hoffman.

Dieses Interview ist erschienen in Werde 01/2020
Text: Theresa Schouwink  Foto: Daria Stratmann