In unserer Gesellschaft wird der Kopf viel höher bewertet als Herz und Hand. Akademische Berufe sind angesehener als Handwerk und Pflege. Der Autor David Goodhart erklärt, warum sich diese Haltung dringend ändern muss.
Herr Goodhart, welche Tätigkeit bereitet Ihnen die größte Freude?
David Goodhart Im Jahr 1995 gründete ich das Nachrichtenmagazin „Prospect“, das ich im Anschluss auch 15 Jahre als Chefredakteur leitete. Dabei hat mir besonders eine Tätigkeit immer sehr große Freude bereitet. Und zwar eine gute Textidee zu haben, den richtigen Autor oder die richtige Autorin für die Umsetzung zu finden und den eingesendeten Essay dann zu redigieren. Dabei fühlte ich mich oft wie ein Bildhauer, der den ohnehin schon sehr schönen Marmorblock zu einem veritablen Kunstwerk macht.
Sie arbeiten also gerne mit dem Kopf?
David Goodhart Das kann man sicher sagen, ja. Auch wenn ich lange Fußball gespielt haben und es mich als Torwart auch durchaus erfüllte, einen Elfmeter zu parieren, bin ich ein Kopfmensch.
In Ihrem aktuellen Buch „Kopf, Hand, Herz. Das neue Ringen um Status: Warum Handwerks- und Pflegeberufe mehr Gewicht brauchen“ zeigen Sie, dass es geistige Arbeiten sind, die in unserer Gesellschaft wesentlich höher angesehen werden als körperliche Tätigkeiten. Woran liegt das?
David Goodhart Um hierauf eine Antwort zu geben, lohnt ein historischer Blick. Denn vor drei bis vier Jahrzehnten gab es einen massiven Anstieg an Berufen, die kognitive Fähigkeiten nötig machten. Und zwar nicht nur in der freien Wirtschaft, sondern auch in der Wissenschaft, der Medizin und vielen Sozialberufen.
Denken Sie nur an die immer komplexer werdenden Finanzberufe oder Jobs in der Computertechnologie. Und da Menschen, die derartige Fähigkeiten ansammeln, längere Bildungswege haben, erhöhte sich auch der Bedarf von Lehrpersonal an Schulen und Universitäten. Wer sich die Hände nicht schmutzig machte, galt als gut gebildet und sozial abgesichert. Und so, könnte man sagen, ist es seit den 80er-Jahren der Kopf, der den Ton angibt.
Geht die Höherbewertung des Geistigen vor dem Körperlichen nicht wesentlich weiter zurück? Denken wir nur an René Descartes’ Trennung von Subjekt und Objekt …
David Goodhart … oder an Platons Abwertung der körperlichen Erfahrung im Gegensatz zur rein geistigen Fähigkeit des Denkens. Da haben Sie sicher recht. Wenn man diesen Bogen schlagen möchte, kann man sagen, dass Platon den Grundstein für eine Abwertung von Hand- und Herzarbeit legte, indem er „reine Ideen“ annahm, die selbstverständlich „rein“ im Sinne von „rein geistig“ zu verstehen sind. Egal wie sehr wir uns also mit unseren Körpern, das heißt mit unseren Händen und Herzen anstrengen, die wirklich pure Idee des Guten, des Wahren, des Schönen bekommen wir so nie zu fassen.
Der Körper ist das Schmerzanfällige, das Schmutzige, das Problematische, wohingegen der Geist ewig, rein und gut ist. Diese Idee ist in der Tat also schon sehr alt. Beispiellos und ganz neu allerdings ist die Tatsache, dass in unseren Tagen so viele Menschen mit dem Kopf arbeiten wollen und dies auch können, was meiner Meinung nach zu einigen Problemen führt.
„Hand- und Herzberufe sind die Tätigkeiten der Stunde. Es mangelt an Menschen, die einen handwerklichen Beruf erlernen oder sich für einen Job im Bereich der Pflege entscheiden.“
Welche Probleme wären das konkret?
David Goodhart In unseren westlichen Gesellschaften haben wir das erreicht, was ich in meinem Buch „Peak Head“ nenne. Der Grenznutzen, den wir von noch mehr kognitiver Arbeit erwarten können, sinkt demnach immer weiter ab und tendiert irgendwann gegen null, wenn wir nicht einlenken. Anders als in den 80er- und 90er-Jahren brauchen wir nicht mehr so viele Menschen, die den ganzen Tag mit ihrem Kopf und ihren Fingerspitzen arbeiten. Im Gegenteil: Hand- und Herzberufe sind die Tätigkeiten der Stunde. Es mangelt an Menschen, die einen handwerklichen Beruf erlernen oder sich für einen Job im Bereich der Pflege entscheiden.
Lässt sich dieses Ungleichgewicht rein finanziell erklären?
David Goodhart Ich glaube, dass die Lage komplexer und das Problem in erster Linie eines der Anerkennung ist. Denn was eine Gesellschaft nicht anerkennt, entlohnt sie schlecht. Dort müsste man also ansetzen. Wobei man auch sagen muss, dass Deutschland in dieser Hinsicht im Vergleich zu den USA und Großbritannien noch sehr gut dasteht. In Deutschland haben viele Menschen die Möglichkeit zu einer dualen Ausbildung, was dem Status des Handwerks sehr hilft.
Um es sehr deutlich zu sagen: Wer in Deutschland eine Ausbildung gemacht hat, wird nicht als ein Versager wahrgenommen, was in anderen Ländern anders ist. Ein anderer Faktor, der zur Geringschätzung handwerklicher Berufe führt, ist die Tatsache, dass viele Menschen sich nicht im Klaren darüber sind, wie viele verschiedene Arten von Intelligenz es gibt.
Zunächst würden vermutlich viele an den Intelligenzquotienten denken.
David Goodhart Richtig, wer allerdings einzig diese rasche Auffassungsgabe mathematisch-logischer Sachverhalte als Intelligenz versteht, verkürzt den Begriff doch maßgeblich. Zusätzlich gibt es nämlich noch zahlreiche andere Schattierungen von Intelligenz wie die praktische, die emotionale und die situative. Und wenn wir ehrlich mit uns sind, wissen wir auch, dass es sich bei der Verkürzung auf eine rein mathematisch-logische genau darum handelt: eine Verkürzung. Denken Sie nur an die Menschen, die erzählen, dass sie so gerne ein Café eröffnen würden. Was ist das anderes als der Wunsch nach einer Tätigkeit, die auch die haptischen und emotionalen Seiten unseres Seins anspricht?
Hat sich durch Corona etwas an der Geringschätzung einiger Berufe verändert? Schließlich waren es gerade die, die Sie mit Hand und Herz verbinden, die systemrelevant waren und sind.
David Goodhart Ich glaube tatsächlich, dass all diesen Berufen künftig wieder mehr Anerkennung erfahren werden, was zentral mit ihrer Sichtbarkeit zu tun hat. Bevor das Virus die Welt zum Stillstand brachte, gingen wir eben einfach einkaufen, und ach ja, da räumte auch jemand die Regale ein. Oder wir haben die Kinder in der Kita abgegeben und waren mit dem Kopf schon fast bei der Arbeit. Heute sehen wir die Menschen, die dafür sorgen, dass wir einkaufen können, dass unsere Kinder betreut und unsere Eltern gepflegt werden. Der Zugewinn an Sichtbarkeit übersetzt sich fast automatisch in Anerkennung.
Und dann auch in eine bessere Vergütung?
David Goodhart Das muss geschehen, und zwar mindestens aus zwei Gründen. Erstens haben wir nun alle gemerkt, zu welchen Bedingungen Menschen andere Menschen pflegen. Besonders die oft sehr schwere Arbeit in Altenheimen wird unglaublich schlecht bezahlt. Und zweitens ist der Job der Zukunft nicht das Management oder eine Professur an einer Uni, sondern die Demenzpflege. Die Bevölkerung der westlichen Welt wird immer älter und somit immer mehr auf gut ausgebildete Pflegekräfte angewiesen sein.
Zeigt diese Betonung der „gut ausgebildeten“ Pflegekraft nicht auch, dass die Unterscheidung in Kopf-, Hand- und Herzberufe bei näherer Betrachtung eine etwas künstliche ist, weil bei vielen Berufen Fähigkeiten aus allen Bereichen eine Rolle spielen?
David Goodhart Eine Person, die einen Menschen mit Demenz gut pflegen will, muss geistig top-fit, körperlich stark und herzlich sein. Da kommen Fragen der richtigen Medikation und des richtigen Handelns im Notfall auf. Zudem brauchen Menschen die richtige Ansprache und merken, ob man emotional wirklich bei der Sache ist.
Kein Beruf kann nur mit dem Kopf, nur mit den Händen oder nur mit dem Herzen ausgeführt werden. Ich wollte mit dieser Unterscheidung eher auf eine gewisse Fokussierung aufmerksam machen. Denn aktuell steht der Kopf im Vordergrund. Ich hoffe allerdings, dass die Pandemie den Blick wieder etwas geraderückt. Eine Gesellschaft, die die Hand und das Herz schätzt, bezahlt nämlich nicht nur ihre Pflegekräfte gerecht, sondern ist auch ganz profund solidarischer.
Das müssen Sie erläutern.
David Goodhart Aktuell werden wir alle Zeuginnen und Zeugen einer Erfahrung, die eigentlich auf Kriegszeiten beschränkt ist: Alle sind derselben Gefahr ausgesetzt und auf das eigene Leben zurückgeworfen. Das schweißt zusammen. Natürlich haben reiche Menschen effektivere Möglichkeiten, um sich zu schützen, allerdings eben auch nicht ultimativ, wie sich an der Infektion zahlreicher Prominenter zeigte. Wir alle merken, dass wir voneinander abhängen und spüren, dass wir Teil eines großen Ganzen sind, das funktionieren muss, damit wir leben können. Und jeder trägt seinen Teil dazu bei. Nicht jeder einen so bedeutenden wie etwa Altenpfleger, aber jeder seinen Teil.
Vorhin sprachen Sie davon, dass wir „Peak Head“ erreicht hätten. Wie geht es jetzt weiter?
David Goodhart Das ist schwierig zu sagen. Allerdings glaube ich, dass viele Menschen, die jetzt sehr jung sind oder in den kommenden Jahren geboren werden, einen anderen Weg wählen werden als ihre Eltern. Viele werden durch deren Einkommen abgesichert sein und sich so nicht für die „sichere Variante Studium“ entscheiden, sondern freier wählen können. Das könnte dazu führen, dass mehr Menschen handwerkliche Berufe ergreifen.
Lässt sich dieser Trend nicht bereits in Teilen beobachten, wenn Menschen wieder ihr eigenes Gemüse anbauen oder Brot im heimischen Ofen backen?
David Goodhart So ist es, und ich halte das für eine gute Sache. Denn was passiert noch, wenn wir Handarbeiten wieder mehr Anerkennung zollen? Nicht nur führt das zu einer finanziellen Besserstellung der Menschen, die unsere Gesellschaft tatsächlich zusammenhalten, sondern wir verhalten uns mitunter auch im Alltag ökologischer.
Denn wenn wir gewissermaßen Herrscherinnen und Herrscher über unsere eigenen Dinge sind, wie es der Philosoph Matthew Crawford ausdrückte, können wir Kaputtes selbst reparieren und müssen es nicht sofort ersetzen, was Unmengen an Müll einspart. Eine Gesellschaft, die nicht nur geistige Arbeit wertschätzt, sondern auch Hand- und Herzensarbeit Anerkennung zollt, sieht den Menschen als das ganzheitliche Wesen, das er ist, und schont zudem die Ressourcen unseres Planeten.
Zur Person
David Goodharts Unterscheidung in „somewheres“ und „anywheres“ machte ihn berühmt. Heute lebt der Publizist in London. Sein 2017 erschienenes Buch „The Road to Somewhere. Wie wir Arbeit, Familie und Gesellschaft neu denken müssen“ ist 2020 im Verlag millemari auf Deutsch erschienen. Sein Werk „Kopf, Hand, Herz. Das neue Ringen um Status: Warum Handwerks- und Pflegeberufe mehr Gewicht brauchen“ kam bei Penguin heraus.
Kulturtipps von David Goodhart
Machen Ich selbst: Workshop im Trockenmauerbau
Vor einiger Zeit habe ich einen Trockenmauerbau-Kurs gemacht. Man schichtet Natursteine so aufeinander, dass sie auch ohne Mörtel halten. Das war eine der haptischsten Erfahrungen, die ich je machen durfte.
Lesen Matthew Crawford: „Ich schraube, also bin ich. Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen“
Der Philosoph und Motorradschrauber Matthew Crawford beschreibt in diesem Buch, wie wichtig es ist, dass wir „masters of our own stuff“ sind, wir uns also die Objekte um uns herum aneignen, mit ihnen umgehen und sie reparieren können.
Sehen David Gelb: „Jiro Dreams of Sushi“
Diese Dokumentation ist ein Fest für alle Sinne. Der Film begleitet den 85-jährige Sushi-Meister Jiro Ono, der in Tokio das Sushi-Restaurant Sukiyabashi Jiro betreibt. Zu sehen, wie aus den feinsten Produkten feinstes Sushi wird, macht deutlich, wie kunstvoll Handwerk sein kann.
Text Dominik Erhard
Foto David Goodhart