Wie kann man Lebensraum für Insekten und andere Tiere schaffen, auch wenn man keinen eigenen Garten hat? Landwirt Christopher Hoff zeigt, wie aus kleinen Flächen wertvolle Lebensräume entstehen können.

Sie haben eine Ausbildung zum Landwirt gemacht, dann Agrarwissenschaften studiert. Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Christopher Hoff Bereits seit 1922 bewirtschaftet meine Familie den landwirtschaftlichen Betrieb, auf dem ich aufgewachsen bin. Meine Leidenschaft für die Tätigkeiten auf dem Hof habe ich früh entdeckt, und ich habe vor, den Betrieb von meinem Vater zu übernehmen. Schon heute verbringe ich neben dem Studium viel Zeit in unserem Betrieb.
„Das Gefühl, wenn nach einem Jahr Arbeit eine erfolgreiche Ernte eingefahren wurde, ist unvergleichbar.“
Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit wichtig?
Christopher Hoff Seit jeher bin ich naturverbunden, und die Arbeit mit Pflanzen und Tieren macht mir großen Spaß. Die Vielfalt der Aufgaben lässt nie Langeweile aufkommen. Und damit alle gemeistert werden können, ist ein großer Zusammenhalt in Familie und Team besonders wichtig. Das Gefühl, wenn nach einem Jahr Arbeit eine erfolgreiche Ernte eingefahren wurde, ist unvergleichbar.
Wie entstand die Idee, Menschen für Blühflächen zu begeistern?
Christopher Hoff Bei der Hochschultagung 2019 an der CAU in Kiel hielt mein späterer Ökologie-Dozent einen Vortrag über Blühflächen und deren ökologischen Nutzen. Daraufhin habe ich ein Crowdfunding-Projekt in meiner Heimat gestartet, durch das wir eine große ökologische Vorrangfläche schaffen konnten. Die Unterstützung war überwältigend und motivierte mich, diesen Ansatz auch überregional voranzubringen.
Warum sind Blühflächen so wichtig?
Das “Insektensterben” ist in aller Munde. Nicht alle Meldungen dazu basieren auf wissenschaftlichen Fakten. Doch der Artenrückgang weltweit und auch bei uns in Deutschland ist nicht zu leugnen, und es besteht dringender Handlungsbedarf. Besonders die Insekten nehmen elementare Rollen in Ökosystemen ein – etwa als Bestäuber, Destruenten, Bioindikatoren oder Nahrungsquellen für Vögel oder Fledermäuse.

Wie können Blühweiden zur Biodiversität beitragen?
Der Hauptgrund für den Artenschwund ist der Verlust von naturnahen Flächen, die Wildtieren als Lebensraum dienen. Zu nennen ist dabei besonders die Bodenversiegelung: Sie verschlingt Deutschland täglich etwa 50 Hektar. Blühweiden stellen einen Gegenpol zu dieser Entwicklung dar: eine Vielfalt an Nahrung und Nistmöglichkeiten, kein Einsatz von Düngern oder Pflanzenschutzmittel und optimalerweise mehrjähriger Bewuchs, damit die Tiere ungestört überwintern können. Ein positiver Zusammenhang zwischen der Ansaat von Blühflächen und einem Anstieg im Aufkommen von Insektenarten und -Individuen wurde in verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten belegt.
Welche Pflanzen auf einer Blühweide locken die Tiere besonders an?
Christopher Hoff Die klassischen Pflanzenarten sind zum Beispiel Phacelia, verschiedene Kleearten, Malve, Sonnenblumen oder Serradella. Verschiedene Blühzeitpunkte, Blütenformen und Wuchshöhen sind ein regelrechtes Buffet für die unterschiedlichsten Insektenarten. Wildroggen, Buchweizen oder Hafer sorgen dafür, dass sich auch Rebhühner oder Rehe wohlfühlen.
Wie lange blüht eine Blühweide?
Christopher Hoff Das kommt ganz auf die Saatmischung an, die genutzt wurde. Inkarnatklee oder Phacelia beginnen oft im Mai, manchmal schon im April zu blühen, sofern sie bereits im Vorjahr angesät wurden. Einige unserer Partner-Landwirte verwenden bis zu 40 verschiedene Pflanzenarten je Fläche, um Insekten Nahrung vom Frühling bis in den späten Herbst bereitstellen zu können.

Wie viele Quadratmeter Weide blühen dank Ihrer Arbeit bereits?
Christopher Hoff Unser Ziel ist es, die Artenvielfalt regional zu fördern. Deswegen gibt es bei uns nicht nur eine zentrale Blühfläche, sondern ganz viele quer durch Deutschland. Dabei ist von kleineren Projekten mit einigen hundert Quadratmetern bis zu Projekten mit hunderttausenden Quadratmetern alles dabei. In Summe kommen wir auf über eine Millionen Quadratmeter Blühfläche.

Und wie viele sollen es noch werden?
Christopher Hoff Die Bereitschaft vieler Landwirte und Unterstützer, etwas für die Biodiversität zu tun, ist groß. Das ist fantastisch, denn jeder Quadratmeter Blühfläche zählt. Wenn wir in ein paar Jahren sagen können, dass unsere Arbeit einen Beitrag dazu geleistet hat, die Insektenvielfalt zu erhalten, dann haben wir unser Ziel erreicht.
Zur Person
Christopher Hoff ist Landwirt und Agrarwissenschaftler. Er setzt sich dafür ein, mehr Lebensräume für Insekten und andere Tiere in der Kulturlandschaft zu schaffen.
Interview Ulrike Bretz
Foto Christopher Hoff
Hier gibt Christopher Hoff Tipps, wie Du selbst zuhause für Biodiversität sorgen kannst.