Bio-Saatgut. Wie es die Natur will

Ihr Mann Lars sagt: „Schon die Art und Weise, wie Maren das Saatgut in den Händen hält, spricht für sich. So zart, so voller Respekt.“ Seit zehn Jahren führt Maren Uhmann ihre Gärtnerei für Bio-Saatgut auf einem 200 Jahre alten Fachwerkhof im Westen Thüringens.

Werde Magazin - Bio-Saatgut

„Zutiefst sinnerfüllend“ sei es, sagt Maren Uhmann, Pflanzen der eigenen Anbauflächen vom Samen bis zur Frucht zu pflegen und staunend zu bewundern. Indem von diesen Pflanzen wiederum Samen also Bio-Saatgut, gewonnen würden, schließe sich ein Kreislauf. Als sie diesen Gedanken nachhängt, ist es erst Mitte Februar und bitterkalt. Wie schlafend wirkt der von Fachwerk umgebene Innenhof, auf den man durchs Bürofenster schaut. Leere Pflanzkübel. Zusammengeklappte Tische. Es ist jedes Jahr dasselbe, sagt Maren Uhmann: Man kann es kaum erwarten, bis es wieder losgeht.

Ab März wartet die Jungpflanzenanzucht. Bis zum Sommer geht es dann Schlag auf Schlag, draußen auf den Feldern und im Herbst auch unten im Hof, wenn sie die Samen von „Fruchtgemüse“ wie Zucchini oder Kürbis gewinnen. Die Tische sind aufgestellt. Eine mit Wasser gefüllte Zinkwanne steht bereit. Darin werden die von Hand entnommenen Kerne zwei Tage vergoren, damit sich das Fruchtfleisch löst. Die Tomaten gibt sie durch eine Passiermaschine und gewinnt so die Samen. Oder sie schneidet sie vorsichtig auf und quetscht die Saat dann aus. Seiht die Kerne ab und lässt sie auf einem mit Geschirrtüchern ausgelegten Holzrahmen trocknen.

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Wie ist es bei einem Salat?

Wie wird der vermehrt? Und eine Möhre, wo hat die überhaupt ihre Samen? Maren Uhmann kennt sie, diese Fragen, sie hat sie ja selbst mal gestellt. Noch gut erinnert sie sich, wie sie vor vielen Jahren staunend vor einem hüfthohen Gewächs stand und jemand ihr erklärte: „Das ist Kopfsalat, den muss man schießen lassen, sonst macht er keine Samen.“ Sie erinnert sich auch an das Feld mit den handflächengroßen Blütendolden, die sich an fast mannshohen Pflanzen im Wind wiegten. Blühende Möhren! „So was sieht man sonst nie.“ Manchmal, sagt Maren Uhmann, mache sie es ein bisschen traurig, zu sehen, wie weit weg von der Quelle das Gros der Menschen sich im Denken bewege. Bei ihr ist es andersrum. Welche Sorte essen wir? fragt sie sich, wenn sie für die Familie kocht, was sie zuvor vom Feld geholt oder von Anbaupartnern bekommen hat. Den Porree Siegfried? Die Möhre Gonsenheimer Treib?

Sie weiß noch, wie neidisch sie insgeheim war, als eine Freundin eine Ausbildung in einem landwirtschaftlichen Betrieb begann, während sie in der Stadt blieb und weiter Ethnologie studierte. Und was für ein Aha-Erlebnis es war, der Freundin schließlich für ein Praktikum zu folgen. Von früh bis spät auf dem Kartoffelacker: „Ich brauche das wohl für mein Seelenheil, jederzeit die Hände in die Erde halten zu können.“ Sie brach das Studium ab, begann eine Ausbildung zur Gemüsegärtnerin. Auf einem Hof, der im kleinen Umfang auch Saatgut für biologisch-dynamische Erwerbsbetriebe vermehrte. Da blühten diese „Kugeln“ in schönstem Weiss-Lila in einem Beet im Gewächshaus. „Das war Porree!“ Möglich, dass das eine Art Initialzündung gewesen sei, überlegt sie jetzt. Das Thema Saatgut jedenfalls hätte sie von da an nicht mehr losgelassen.

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Einen intensiven Zugang bekam sie, als sie begann, sich mit der Kulturgeschichte von Pflanzen zu beschäftigen. Gut siebzehn Jahre ist das her, sie war gerade nach Schönhagen gekommen – ein Dorf in Thüringen, in dem es bereits zwei Saatgut-Betriebe gab. Und dank Maren Uhmann bald einen Schaugarten am Ortsrand, in dem sich Interessierte bis heute über die Entwicklung des Saatguts seit der Steinzeit schlaumachen können. Vor zehn Jahren haben sie und ihr Mann Lars, der als Tischler arbeitet, den fast zweihundert Jahre alten Hofkomplex erworben, in dem sie seitdem mit ihren beiden Kindern leben. Er hat sich eine Tischlerei eingerichtet. Sie bewirtschaftet einen knappen halben Hektar Anbaufläche. Um die 40 Sorten Gemüse, Kräuter, Blumen und Getreide vermehrt sie dort zusammen mit ihrem Team.

Pferde und viel Handarbeit

Ein Teil der Flächen liegt am Ortseingang, erst letzte Woche hat sie hier den Boden gelockert: gegrubbert, wie es heißt. Mit dem Traktor. Traktorarbeit sei eher die Ausnahme, sagt Maren Uhmann. Das Gewicht des Fahrzeugs, die Vibration des Motors, die großen Wendeflächen – „der Boden leidet“. Besser ist Handarbeit mit der Radhacke. Oder ein Vierbeiner, der hilft. Bis vor einiger Zeit konnte Maren Uhmann eines ihrer drei Pferde fürs schonende Eggen und Hacken einsetzen.

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Lässt man das Dorf hinter sich und geht dann rechter Hand ein Stück weit den Hang hinauf, kommt man dahin, wo es demnächst „losgeht“ mit der Anzucht der Jungpflanzen. Von drei Seiten durch bewaldete Hügel geschützt, zeigt sich von hier oben das nach Norden geöffnete, stille Tal, in das Schönhagen eingebettet ist. Etwas abseits steht ein Trockentunnel. Ab dem Sommer wird dort auf Holzgestelle frisch geerntetes Bio-Saatgut direkt oder in sogenannten „Horden“ – mit Tüchern ausgelegten Kisten – gelegt.

„Aufreutern“ nennt sich das. „Der Feldsalat, der im Juli als Erstes kommt, ist anspruchsvoll“, sagt Uhmann. Nicht als die bekannte am Boden liegende Rosette dürfe man sich den vorstellen. „Einen viertel Meter hoch sind die Pflanzen, bei denen die Saat leicht ausfällt.“ Tücher legt sie deswegen am Boden aus, kippt die Pflanzen ein wenig zur Seite, bevor sie geschnitten werden. Samen, die sich bereits lösen, können dann ohne Trägerpflanzen getrocknet werden, der Rest kommt später in die Dreschmaschine.

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In den zwanzigsten Weißkohl beißen

Ab August kommt bei der Saatguternte täglich Neues hinzu: Erbsen, Möhren, Tomaten, ausdauernde Kräuter wie Salbei oder Thymian. Eine wichtige Rolle bei der Auslese spielen die Pflanzengesundheit und auch äussere Merkmale wie Größe und Farbe. Beim Gemüse kommen Geschmackstests hinzu, die sie stets zu mehreren vornehmen: „In den zwanzigsten Weißkohl beißen und noch was schmecken ist zuweilen schwierig.“

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Das Gartenjahr schließt mit der Ernte des Wurzelgemüses im Herbst. „Rote Bete, Rüben oder Kohl sind zweijährig, die Bildung von Blüten und Samen geschieht erst nach der Überwinterung“, erklärt Maren Uhmann, die findet, sie müsse jetzt mal eben nach „Marner Lagerweiß“ schauen. Sie geht runter in den Lagerkeller ihres Hofes, durch eine knarzende Tür hindurch und der Blick fällt auf die rund zweihundert mit der Wurzel in Kisten und Eimer gepflanzten Weißkohlköpfe. Wohlgeformt wirken die Köpfe, prall und speckig glänzend. „Kugelig und nicht platt- oder hochrund, so ist Marner Lagerweiß gewollt“, erklärt Uhmann weiter.

Saatgut muss samenfest sein

Als mögliche Orientierungshilfe für den Verbraucher findet sie solche Sortenbeschreibungen, wie sie vom Bundessortenamt herausgegeben werden, in Ordnung. Wenn Saatgutpartien etwa einer Zwiebelsorte nicht mehr verkauft werden dürfen, weil der Achswinkel der Blätter nicht gefällt, nennt sie das jedoch grotesk. Jenseits von diesen Detailfragen ist Maren Uhmann etwas Grundsätzliches wichtig: „Das Saatgut muss samenfest sein!“ Das bedeutet, dass Kunden es im Grunde nur einmal kaufen müssen und dann Jahr für Jahr wieder ziehen, wachsen lassen, ernten können. Anders als bei nicht vermehrungsfähigen Hybrid-Züchtungen also, wo dieser Kreislauf nicht erlebbar ist. „Solche Züchtungsmethoden lehne ich ab“, sagt Maren Uhmann. Als konstruktive Variante, sich zu engagieren, will sie ihre Arbeit sehen; der Vielfalt des Lebens fühle sie sich verpflichtet.

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Bio-Saatgut von über 40 Sorten

Zuckererbsen, die so rund sind, dass sie kullern können, flache, braun glänzende Leinsaat, Möhrensamen, die von feinen, stacheligen Härchen umgeben sind. „Ist es nicht ein Wunder, all diese Spielarten der Natur erleben zu dürfen?“, fragt Maren Uhmann, als sie vom Keller zwei Treppen nach oben geht, um die Saatgutwerkstatt zu betreten. Nach Minze, Fenchel und Dill duftet es hier. Einige Reste, mit denen sie bis Weihnachten nicht ganz fertig wurde, müssen noch gereinigt werden. Üblicherweise macht auch die Saatgutwerkstatt danach erst mal Pause.

„Mir fehlt sie dann fast ein bisschen, diese schöne Beschäftigung“, sagt Maren Uhmann. Sie nimmt ein harmonisch geformtes Holzbrett, das ihr Mann Lars für sie in seiner Werkstatt im Erdgeschoss gearbeitet hat, demonstriert das Prinzip der Schwingmulde, mit der die verschiedensten Kulturen seit jeher weltweit arbeiten, um Saatgut von Verunreinigungen zu befreien. Eine Handvoll winzig kleine, schwarze Löwenmäulchensamen kommt dafür mittig aufs Brett. Ruckartig wird dieses dann auf und ab bewegt. Mit jedem Mal springt das Saatgut ein Stück weiter nach vorne, rutschen Teile von Blütenstängeln und Blattresten nach hinten. Den größten Teil der Arbeit übernehmen allerdings die vorhandenen Reinigungsmaschinen.

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Zwei Türen weiter, gleich neben dem Büro, lässt sich das Ergebnis des Jahreslaufs von der Ernte über die Trocknung bis hin zur Reinigung der Samen bestaunen. Samenfestes Bio-Saatgut von über 40 Pflanzensorten. Gehegt, gepflegt, geerntet, getrocknet, gereinigt. Ihre „Schatzkammer“ nennt Maren Uhmann diesen Ort, den fertig abgefüllte Portionstütchen für den Versand verlassen. Wo werdet ihr wachsen, blühen? fragt sie sich manchmal. Und freut sich, wenn ihr Bio-Saatgut in den Hausgärten ankommt und die Pflanzen sich dort weitervermehren. So wie die Natur es will.

Protest ist das eine, sagt Maren Uhmann, die unter anderem immer mal wieder an „Wir-haben-es- satt-Demos“ teilnimmt, um zu zeigen, wo das hinführt, wenn grosse Konzerne mit Saatgut vor allem eins machen wollen: Profit. Bewusstwerden- Prozesse anschieben, das sei das andere. Letzteres geschieht für sie mit jedem einzelnen Samen, der in einer Tüte verpackt auf Reisen geht. Begleitet vom Wunsch, der Beginn von etwas Neuem zu sein. Etwas, das wachsen darf und Wertschätzung erfährt.

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Wer entscheidet?

Wie rund soll der Kohlkopf sein? Wie rot die Tomate? In solchen Fragen entscheidet das Bundessortenamt. Sorten müssen angemeldet und zugelassen werden, bevor Saatgut auf den Markt kommen darf. Dreschflegel sieht das sogenannte „Saatgutverkehrsgesetz“ kritisch. Die Zwiebel „Stuttgarter Riesen“ etwa, die nicht dem festgelegten Sortenbild entsprach, hätte man umzüchten können, wenn man in der Auslese ein besonderes Augenmerk auf einen anderen Achswinkel der Blätter und einen früheren Reifezeitraum gelegt hätte. Weil man aber zufrieden mit der eigenen Auslese war, fand man einen anderen Weg: „Stuttgarter Riesenfreude“ heißt die Zwiebel jetzt – neuer Name, alte Merkmale. Als sogenannte „Amateursorte“ konnte die Zwiebel zugelassen werden, in dieser Kategorie ist das Anmeldeverfahren weniger aufwendig als sonst.

Bio-Saatgut von Anbauern

Maren Uhmann ist Gesellschafterin der Dreschflegel GbR. Bundesweit haben sich 17 Saatgutvermehrungs- und -züchtungsbetriebe zusammengeschlossen. Sie produzieren und vertreiben Bio-Saatgut, das über die Anforderungen der EG -Öko-Verordnung hinausgeht, und sind den Anbauverbänden Bioland, Demeter, Naturland, Gäa und Verbund Ökohöfe angeschlossen. Es geht ihnen nicht nur um den Erhalt alter Gemüsesorten oder verschiedenster Kulturpflanzen; sie mischen sich auf politischer Ebene ein. Ziel ist es, dem Verbraucher eine Alternative zum massenhaft gezogenen und teils nicht vermehrungsfähigen Saatgut zu bieten. Das Bio-Saatgut ist „samenfest“, das heisst: Einmal gezogene Pflanzen können sich in den Folgejahren weitervermehren. Ganz bewusst stellt man sich gegen die Bandbreite der Gentechnologie.
dreschflegel-saatgut.de