Markus Gabriel

„Es gibt kein nationales Denken“

Der Philosoph Markus Gabriel sieht die Zukunft optimistisch und glaubt an eine weltweit klimafreundlichere und nachhaltigere Politik. Die Rückkehr zur scheinbaren Normalität von vor der Pandemie ist uns versperrt.

Markus Gabriel

Die aktuelle Situation lässt sich nicht anders denn als Krise bezeichnen, da sie nahezu jeden Bereich unseres Lebens drastisch verändert. Welche Aufgabe kommt der Philosophie in dieser bewegten Zeit zu?
Markus Gabriel Dieselbe wie auch in den letzten 3000 Jahren: Sie muss die Zukunft zur Welt bringen, indem sie eine theoretisch begründete und ethisch abgesicherte Vorstellung des gelungenen Lebens entwirft. Darin ist sie besonders gut, weil sie zwei Kernkompetenzen besitzt, die sie aktuell zur vollen Anwendung bringen muss. Die erste ist die kritische Analyse jener Argumente, die die öffentliche Debatte bestimmen. Welche Rolle spielen also die Aussagen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern? Welche Rolle aber auch die Verbreitung von Fake News? Und wie unterscheiden sich die Positionen verschiedener Politikerinnen und Politiker? Die Gegenwart kritisch zu analysieren liegt der Philosophie in besonderem Maße.

Und was ist die zweite Kernkompetenz?
Markus Gabriel Mindestens ebenso gut ist die Philosophie im Entwerfen neuer Gesellschaftsformen für die Zukunft. Denken Sie nur an die moderne Gewaltenteilung, die unter anderem auf den Denker Montesquieu im 18. Jahrhundert zurückgeht. Die Philosophie muss sich deshalb jetzt der Aufgabe zuwenden, an die Zeit nach Corona zu denken. Denn was wir jetzt brauchen, ist eine Vision für das 21. Jahrhundert, die eigentlich schon lange überfällig ist. Wir hätten sie eigentlich bereits 2001 nach den Anschlägen vom 11. September benötigt. Spätestens allerdings nach der Finanzkrise 2008.

Doch jetzt ist klar, dass diese auf technischen und ökonomischen Fortschritt ausgerichtete Weltordnung wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Was die Philosophie jetzt tun muss, ist, eine neue Denkungsart aus der Taufe zu heben.

„Ich glaube, dass wir in den kommenden Jahren eine klimafreundlichere, nachhaltigere New-Green-Deal-Politik auf globaler Ebene sehen werden.“

Welche Form wird diese neue Denkungsart Ihrer Meinung nach haben?
Markus Gabriel Lassen Sie es mich so sagen: Wenn Ursula von der Leyen sich bei Italien dafür entschuldigt, dass man die Grenzen geschlossen und das Land mit den hilfesuchenden Menschen alleine gelassen hat, dann würde ich das als ein klares Zeichen für moralischen Fortschritt in dunklen Zeiten bezeichnen. Moralische Fehler wurden anerkannt und damit moralische Einsicht gefördert.

Ich bin also tatsächlich optimistisch, dass die reaktionären Kräfte, die wir natürlich noch immer zur Genüge in Form von rechtskonservativen Politikern und Politikerinnen haben, dass diese Kräfte untergehen werden. Ich glaube, dass wir in den kommenden Jahren eine klimafreundlichere, nachhaltigere New-Green-Deal-Politik auf globaler Ebene sehen werden.

Sie sind sehr optimistisch.
Markus Gabriel Und zwar aus gutem Grund, wie ich glaube, weil eine Rückkehr zur vorherigen, scheinbaren Normalität versperrt ist. Da ist nichts mehr, was tragfähig wäre. Die alte Ordnung, also unser Status quo, ist sowohl sozial als auch ökonomisch vor einigen Wochen an ihr Ende gekommen.

„Wir alle sind potenzielle Wirte für die Replikation eines stupiden Virus, das nur überleben kann, wenn es in uns eindringt. In der Hinsicht sind wir vor dem Virus alle gleich.“

Das hört sich geradezu nach einer Zeitenwende an.
Markus Gabriel In einer solchen befinden wir uns auch. Wenn man einen historischen Vergleich ziehen wollte, böte sich das Erdbeben von Lissabon an. Wie 1755 die Erde bebte und gleichsam das gesamte Weltbild zum Wanken brachte, stehen wir auch heute am Beginn einer neuen Aufklärung. Plötzlich müssen wir uns ganz anders zu dem Umstand verhalten, dass wir Menschen sind.

Wir alle sind potenzielle Wirte für die Replikation eines stupiden Virus, das nur überleben kann, wenn es in uns eindringt. In der Hinsicht sind wir vor dem Virus alle gleich. Ich denke, es ist diese Erfahrung des biologisch Universalen, die uns zeigt, dass eine kosmopolitische Politik möglich und nötig ist.

Eine Politik, die den Menschen als Weltbürger in den Mittelpunkt stellt.
Markus Gabriel Richtig. Man kann nicht mehr sagen, das jüdisch-christliche Abendland sei etwas fundamental anderes als China, denn vor diesem Virus gibt es eben keinen Unterschied zwischen Chinesen und Juden und Christen und Moslems und weiteren Menschen.

In letzter Zeit haben Sie immer wieder von der Notwendigkeit einer Globalisierung 2.0 gesprochen. Was meinen Sie damit konkret?
Markus Gabriel Neben der Einsicht in die Richtigkeit des Kosmopolitismus ist ein weiterer zentraler Pfeiler der Globalisierung 2.0, was ich „universale Werte für das 21. Jahrhundert“ nenne. Also eine Art und Weise, über ethische Fragen nachzudenken – wer wir sind und wer wir sein wollen sowie was es zu tun und zu unterlassen gilt –, die nicht mehr im Format von Grenzen verhaftet ist. Denn wenn man sich umhört, ist diese Denkungsart in Grenzen noch immer sehr verbreitet, obwohl sie unserer Zeit nicht mehr entspricht.

Was wäre ein Beispiel für eine solche Denkungsart?
Markus Gabriel Es gehen immer noch viele davon aus, dass es eine deutsche Philosophietradition gäbe und diese insbesondere mit Kant zu tun hätte. Und wiederum eine andere, indische Philosophietradition existiert, in der Buddha eine besondere Rolle spielen würde, und so weiter. Wer so denkt, denkt in Grenzen und glaubt, dass auf der anderen Seite einer Grenze anders gedacht wird. Solange wir diese falsche Denkungsart nicht loswerden, wird auch die Globalisierung weiterhin scheitern. Weil wir zwar Waren tauschen, allerdings nicht sehen, dass wir noch viel mehr teilen. Es gibt kein nationales Denken.

„Durch das Virus spüren wir, dass unsere Handlungen unmittelbar Auswirkungen auf andere Menschen haben, weil jeder unbedachte Schritt dazu führen kann, dass jemand erkrankt.“

Würden Sie demnach eine Welt ohne Staatsgrenzen befürworten?
Markus Gabriel Ich bin für die Abschaffung von Grenzen in den Köpfen, was die Abschaffung realer Grenzen nach sich ziehen kann, was eine komplexe Frage der sinnvollen Verwaltung von Ressourcen ist. Denn sobald wir eine neue Denkungsart haben, werden sich auch andere geopolitische Lösungen ergeben. Die Geopolitik folgt ja einer Architektur, die durch den geistigen Zustand der Gegenwart vorgegeben ist.

Im Grunde müssen wir es jetzt also machen wie die Griechen in der Antike und eine Gründungsgeste vollziehen, von der wir nicht wissen können, ob sie gelingt, die aber im besten Fall für ein paar Tausend Jahre nachhaltig ist. Wie vor 2500 Jahren also in einer Art Laborversuch die Demokratie erfunden wurde, die noch heute nach vielen Updates funktioniert.

Eine Idee dieser Tragweite benötigen wir auch heute, denn die Moderne in ihrer derzeitigen, neoliberalen Form mit ihrer Ausgrenzung des Fremden und der Ausbeutung des Planeten – das ist alles andere als nachhaltig. Das geht nun mit Mühe und Not schon zweihundert Jahre so, aber es geht weder gut noch wird es weitere zweihundert so weitergehen.

Welche Rolle spielt Solidarität Ihrer Meinung nach in diesem Versuch?
Markus Gabriel Um noch ein letztes Mal auf Covid-19 zu kommen: Durch das Virus spüren wir, dass unsere Handlungen unmittelbar Auswirkungen auf andere Menschen haben, weil jeder unbedachte Schritt dazu führen kann, dass jemand erkrankt. Wir merken ganz real: Unser Tun hat einen Effekt auf andere Menschen.

Die Sache ist nur, dass das schon immer so war! Klick für Klick, Konsumgut für Konsumgut, Entscheidung für Entscheidung haben wir Menschen am anderen Ende der Welt durch sehr komplexe Ketten Schaden zugefügt. Das war uns aber nicht so klar wie jetzt durch das Virus. Das hat zu einer neuen Art von Solidarität geführt, die aber durchaus zweischneidig ist.

Inwiefern?
Markus Gabriel Solidarität birgt immer die Gefahr eines Umschlags. Nehmen wir die Willkommenskultur, die wir 2015 erlebt haben und aus der ein Aufschwung des Rechtsradikalismus erfolgt ist. Das heißt, Solidarität als Gefühl ist noch nicht hinreichend, wenn sie nicht durch moralische Einsicht begleitet ist.

„Wir bringen unseren Kindern Rechnen, Lesen, Schreiben und geografische Fakten bei. Aber warum nicht auch die Fähigkeit, moralisch über das nachzudenken, was sie tun sollen?“

Echter Fortschritt kann sich also nicht alleine aus technischen Errungenschaften und ökonomischem Wachstum speisen, sondern braucht
Markus Gabriel … eine Fundierung in der Ethik. Deswegen fordere ich in dem Buch, das ich gerade schreibe, eine Ethik für alle. Also ein Recht auf Ethikunterricht spätestens ab Grundschule, besser allerdings schon im Kindergarten. Wir bringen unseren Kindern Rechnen, Lesen, Schreiben und geografische Fakten bei. Aber warum nicht auch die Fähigkeit, moralisch über das nachzudenken, was sie tun sollen?

Sicherlich haben auch schon Kinder in der Grundschule ein moralisches Sensorium. Wäre aber ein Unterricht ab der Oberstufe nicht ausreichend?
Markus Gabriel Ich glaube nicht. Denn der Mensch ist von seinem Wesen her zu höherer Moralität befähigt, allerdings müssen wir es ihm beibringen, diese rational zu artikulieren. Und je früher das geschieht, desto besser. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass es die Umweltmonster von heute nicht gäbe, wenn sie in jungen Jahren eine Zeit wie die jetzige durchgemacht hätten und ihre Urteilskraft entsprechend geschult worden wäre.

Das erlebe ich aktuell ganz hautnah an meiner Tochter, die Kindernachrichten über Corona gesehen und dadurch ein vollständig scharfes und klares Bewusstsein dafür hat, dass ihre Handlungen moralisch folgenreich sind. Sie ermahnt alle, die ihr unterkommen, zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen zum Schutz gefährdeter Menschen. Und jetzt läuft sie stolz mit ihrer Erdbeerschutzmaske herum und sagt: „Die möchte ich jetzt immer tragen, wenn ich rausgehe, damit sich die alten Menschen nicht wehtun.“

Das lässt in der Tat hoffen. Wir haben viel über Ethik gesprochen, wobei Sie in Ihren Büchern auch immer wieder die Kraft der Kunst hervorheben.
Markus Gabriel Ich glaube, dass Kunst eine Kraft ist, die den Menschen seit jeher in die Zukunft treibt, weil uns das Schöne und Gute, wie Aristoteles sagt, „anzieht wie etwas Geliebtes“. Der Mensch beginnt in dem Augenblick weise zu werden, in dem er beginnt, Kunst zu schaffen: Höhlenmalerei zum Beispiel. Selbst Faustkeile sind nicht nur irgendwelche Mordinstrumente gewesen, sondern wurden, wie ich von dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp gelernt habe, von unseren Vorfahren als ästhetische Objekte kreiert. Die haben Fossilien, Muschelabdrücke aus der Wand geschlagen und dann zu Werkzeugen weiterverarbeitet. Der Mensch wird angetrieben von der Neugier auf das Schöne, das sich oft erst in der Kunst und anschließend in der Wirklichkeit Bahn bricht.

 

Zur Person
Der Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn etablierte sich mit dem Buch „Der Neue Realismus“ (Suhrkamp, 2014) als einer der wichtigsten Vertreter dieser Denkrichtung. Er schreibt aktuell an „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert“ (Ullstein, 2020). Soeben erschienen ist „Fiktionen“ (Suhrkamp, 2020)

Kulturtipps von Markus Gabriel

Hören Sofi Tukker: „Good Time Girl“
Der Song ist auf der Ebene der Komposition ganz großes Kino für die Ohren. Ich gehe jeden Abend im Wald dazu rollerbladen und finde es immer wieder aufs Neue großartig.

Blättern Liu Cixin: „Spiegel“
Der Autor zählt für mich zu den schärfsten Beobachtern der chinesischen Gegenwart und entwirft Zukunftsszenarien, die visionärer kaum sein könnten. In „Spiegel“ geht es um einen Beamten, einen Korruptionsskandal und einen Supercomputer, der Zugang zu allen Informationen gewährt.

Sehen Anaïs Mitchell: „Hadestown“
Das Musical verarbeitet den griechischen Mythos um Orpheus und ist eine perfekte Metapher auf unsere Zeit. Obwohl es inhaltlich um die Zerstörung des Planeten geht, ist es in einer unvorstellbar schönen Choreografie, Sprache und Musik präsentiert und dadurch als ästhetische Erfahrung absolut umwerfend.

 

Text Dominik Erhard
Foto Hulton Archive / Getty Images

Dieses Interview ist erschienen in Werde 02/2020