Lisa Rosenberger

„Vertrauen ist allgegenwärtig“

Wir brauchen Vertrauen und Zuversicht in diesen Zeiten, damit Misstrauen und enorme Vorsicht uns nicht ständig das Leben schwer machen. Die Wissenschaftlerin Lisa Rosenberger erklärt, wie wir das Gefühl der Machtlosigkeit überwinden können und warum Optimismus allein nicht genügt.

Lisa Rosenberger

Frau Rosenberger, Klimawandel, unberechenbare Staatsoberhäupter und seit diesem Jahr auch noch die Corona-Pandemie – wie bewahrt man in unsicheren Zeiten Zuversicht?
Lisa Rosenberger In Krisenzeiten fühlen wir uns machtlos, dieses Gefühl kann man überwinden, indem man sich nicht auf die große Lage, das große Ganze, konzentriert, sondern auf das Konkrete, das Persönliche.

Wie funktioniert das im Fall einer Pandemie?
Lisa Rosenberger Zu Beginn habe ich alles über Corona gelesen. Zwei Wochen lang habe ich mich nur noch damit beschäftigt, jedes Gespräch drehte sich um das Virus. Das war schrecklich, weil es sich so ausweglos und überwältigend angefühlt hat. Dann habe ich mich entschieden, nicht mehr alle paar Minuten die Nachrichten zu checken. Ich habe mich auf die Maßnahmen konzentriert, mit denen ich mich und andere möglichst nicht in Gefahr bringe. Dadurch konnte ich meine persönliche Situation ein Stück weit kontrollieren. Das hilft.

Zuversicht wird als „geistiges Immunsystem“ bezeichnet. Ist Zuversicht gleich Optimismus?
Lisa Rosenberger Der Zuversichtige hat eine positive Erwartungshaltung, ignoriert jedoch seine Fähigkeiten. Der Optimist sieht ausschließlich die positive Zukunft und denkt gar nicht darüber nach, Einfluss darauf zu nehmen.

Klingt naiv.
Lisa Rosenberger Aber anscheinend hat es sehr positive Auswirkungen auf uns, dazu gibt es viele Studien. Optimisten haben eine bessere mentale und physische Gesundheit, Pessimismus dagegen wird in Zusammenhang mit Depressionen, Ängsten und Stress gebracht. Chronischer Stress wirkt sich nachweislich schlecht auf unser Immunsystem aus.

Sind Optimisten wirklich glücklicher oder nur Meister der Verdrängung?
Lisa Rosenberger Ich glaube, sie sind wirklich glücklicher. Es ist eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn man glaubt, dass man etwas erreichen kann, verhält man sich auch entsprechend, reagiert positiver und erhält positive Resultate. Verdrängung ist aber auch dabei. Es gibt den Optimismus-Bias, die Neigung, zu optimistisch zu sein. Der Großteil der Bevölkerung ist zu optimistisch, wenn er über die eigene Zukunft nachdenkt. Diese Menschen lernen von Erfolgen und passen ihr Verhalten entsprechend an, während sie negativen Ereignissen nicht so viel Aufmerksamkeit schenken.

Kann Optimismus auch negative Folgen haben? Etwa beim Klimawandel, wenn man darauf vertraut, dass alles gut wird, anstatt etwas dafür zu tun?
Lisa Rosenberger Auf alle Fälle. Optimisten unterschätzen Risiken, weil sie sie nicht sehen oder weil sie denken, es wird schon alles gut werden. Wer denkt, die Klimakrise wird sich schon legen, fliegt vielleicht unbedarfter dreimal im Jahr von München nach Hamburg und zurück.

In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit dem Thema Vertrauen. Was ist Vertrauen, wissenschaftlich betrachtet?
Lisa Rosenberger Vertrauen ist eine soziale Transaktion, bei der man eine exklusive Ressource mit einer anderen Person teilt. Das können wichtige Informationen sein, Geheimnisse, Gefühle, Zeit, die ich mit jemandem teile, Nähe oder körperlicher Kontakt. Es kann aber auch um Geld gehen, um Geschäfte. Man kann das Vertrauen innerhalb von Gruppen betrachten, Vertrauen in die Gesellschaft oder allgemeines Vertrauen – oder auch zu Tieren. Ich fokussiere mich in meiner Forschung auf das Vertrauen zwischen zwei Personen.

Wann und wem vertrauen wir?
Lisa Rosenberger Wir vertrauen einer Person, wenn wir glauben, dass sich das positiv auf uns auswirkt – positiver, als wenn wir etwas im Alleingang machen würden. Unser Vertrauen schenken wir Menschen, von denen wir erwarten, dass sie etwas Positives erwidern, weil wir entsprechende Erfahrungswerte mit ihnen haben, weil wir etwas über die Person gehört oder gelesen haben. Trotzdem ist Vertrauen immer Risiko, weil wir vorher nicht sicher wissen, wie sich die andere Person verhalten wird. Dieses Risiko kalkulieren wir in unserer Abwägung mit ein.

Kann man Vertrauen messen?
Lisa Rosenberger Natürlich! Sonst würde ich meine Forschung ja ganz umsonst machen. In der Psychologie wird gern mit Fragebögen gearbeitet, da wird dann erfragt, inwiefern man einer anderen oder mehreren Personen oder auf bestimmte Dinge vertraut. Ich erforsche konkret das Verhalten, die Entscheidung, ob und inwiefern man einer Person Vertrauen schenkt. Das mache ich mit einem Vertrauensspiel.

Hat Vertrauen mit Sympathie zu tun?
Lisa Rosenberger Wenn wir jemanden sympathisch finden, wenn jemand hübsch oder klug aussieht, schenken wir der Person gleich viel mehr Vertrauen, aber nur dieses erste intuitive Vertrauen. Wenn man sich kennt, hat man entsprechende Erfahrungswerte mit der Person.

In einer Studie haben Sie herausgefunden, dass unsere Fähigkeit zu vertrauen in einer bestimmten Region im Gehirn entsteht. Ist Vertrauen denn Kopfsache oder Bauchgefühl?
Lisa Rosenberger In der Studie habe ich die Vertrauensbildung von südafrikanischen Frauen un tersucht, bei einem Teil der Probandinnen ist eine Erbkrankheit diagnostiziert, bei der im Laufe des Lebens Gehirnregionen verkalken. Bei diesen Frauen war eine ganz spezielle Gehirnregion verkalkt, die basolaterale Amygdala. Beim Vertrauensspiel haben wir festgestellt, dass sie ihr Vertrauen nicht angepasst haben, sie haben die vertrauenswürdige Person genauso neutral behandelt wie die nicht vertrauenswürdige. Diese kleine Gehirnregion ist also essenziell, um jemandem Vertrauen schenken zu können, um Vertrauen zu lernen. Aber bedeutet das automatisch, dass Vertrauen Kopfsache ist?

Sagen Sie es mir.
Lisa Rosenberger Es ist weder reine Kopfsache noch reines Bauchgefühl. Auch unsere Gefühle, unsere Hormone, unser Gemütszustand, ob wir gestresst sind, spielt eine Rolle. Und auch die genetische Veranlagung, die Situation, in der wir uns befinden, ob wir gerade in der Schule sind oder auf einer Wanderung, auch die Lebensumstände, ob wir arbeitslos sind und es uns deswegen gerade nicht so gut geht. Es ist sehr komplex. Und unsere Welt wird immer noch unübersichtlicher.

Ist Vertrauen heute komplizierter?
Lisa Rosenberger Es fällt uns auf jeden Fall schwerer, die Vertrauenswürdigkeit von Informationen und Quellen einzuordnen. Früher gab es drei Fernsehsender, zwei Zeitungen, und der Pfarrer hat erklärt, wie die Welt aussieht. Durch die Digitalisierung und die sozialen Medien haben wir viel mehr Informationen über unser persönliches Umfeld und das Weltgeschehen, unsere Informationsquellen sind viel diverser geworden. Wir müssen neue Wege finden, damit umzugehen.

Wie könnte das aussehen?
Lisa Rosenberger Auf die mediale Überforderung bezogen: Es könnte ein Gütesiegel geben, mit dem Institutionen oder Organisationen vertrauenswürdige Informationsquellen kennzeichnen. Ich sehe dabei aber auch die Gefahr, dass das missbraucht wird. In den USA untergräbt Donald Trump die Glaubwürdigkeit von traditionellen Informationsquellen, etwa von alteingesessenen Zeitungen. Vielleicht kommen wir auch irgendwann an den Punkt zurück, dass wir uns, wie früher, nur an unserer unmittelbaren Umgebung orientieren.

Warum ist Vertrauen so essenziell für eine funktionierende Gesellschaft?
Lisa Rosenberger Das Leben ist viel komplizierter und aufwendiger, wenn man keine Hilfe von anderen annimmt, weil man niemandem vertraut, auch emotional gesehen, weil man keine emotionalen Stützen hat. Vertrauen hält alles zusammen, zieht sich durch alle unsere Beziehungen, in der Familie, in Freundschaften, in Geschäftsbeziehungen. Wenn man online etwas kauft, muss man darauf vertrauen, dass die andere Person die bestellten Dinge schickt. Oder wenn man sein Kind in den Kindergarten schickt, dass die Erzieherinnen und Erzieher es gut behandeln. Vertrauen ist allgegenwärtig.

Was passiert, wenn das Vertrauen in Institutionen wie Politik und Polizei erschüttert ist?
Lisa Rosenberger In Regionen, in denen das Vertrauen in Politik und Polizei beschädigt ist, etwa wegen Korruption, suchen die Menschen zum Beispiel in der Religion Stabilität. Wenn den politischen Institutionen nicht mehr zu vertrauen ist, sucht man jemand anderen, der einen leitet und das Leben strukturiert.

Ist so die Popularität von Verschwörungsmythen zu erklären?
Lisa Rosenberger Wenn wir nicht mehr wissen, wer vertrauenswürdig ist, erscheinen Verschwörungsmythen genauso annehmlich wie die Nachrichten. Donald Trump zum Beispiel unterstellt den traditionellen Medien, sie würden Fake News verbreiten, da fragen sich manche: Was ist denn jetzt echt? Was ist glaubwürdig? Dadurch, denke ich, haben Verschwörungsideen diesen großen Zuwachs.

Körperkontakt schafft Nähe und Vertrauen. In der Pandemie haben wir unsere physischen Kontakte reduziert. Was macht das mit uns?
Lisa Rosenberger Physischer Kontakt im Allgemeinen ist extrem wichtig in unserem sozialen Leben und für unsere mentale Gesundheit, er stärkt sogar das Immunsystem. Gerade verletzliche Gruppen, Menschen mit mentalen Problemen, die einsam sind, leiden sehr unter der Situation. Ich sehe das nicht nur als ein Problem in der Pandemie, auch durch die Digitalisierung wird viel physischer durch digitalen Kontakt ersetzt. Da sind wir uns als Gesellschaft noch nicht bewusst, welche Konsequenzen das haben wird.

Ist die Krise auch eine Chance?
Lisa Rosenberger Aus gesellschaftlicher Sicht absolut. Es ist eine Zeit, in der radikale Veränderungen stattfinden, in der Politik, in der Wirtschaft. Auf einmal ist alles möglich. Ich sehe die Corona-Krise als Chance, grüne Politik zu betreiben und dem Klimawandel entgegenzuwirken. In den Niederlanden allerdings wurde kürzlich die niederländische Fluggesellschaft KLM mit Milliarden unterstützt, und es wurden überhaupt keine Bedingungen gestellt, Klimakompensation zum Beispiel. Das finde ich traurig.

Zur Person
Lisa Rosenberger, geb. 1988 in Plauen, hat soziale Psychologie in Utrecht studiert. Nach einem Forschungsaufenthalt in Kapstadt hat sie in Wien zum Thema Vertrauen promoviert. Im Moment arbeitet sie von Den Bosch (Niederlande) aus als Ko-Projektleiterin für das Projekt DiDaT (Digital Data as subject of Transdisciplinary Processes) des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) Potsdam.

 

Kulturtipps von Lisa Rosenberger

Hören „Gurbet“ von Özdemir Erdogan (1972)
Von dem Lied bekomme ich immer gute Laune, dabei ist der Text eigentlich melancholisch, was ich aber erst weiß, seit ich ihn kürzlich online übersetzt habe. Der türkische Singer-Songwriter Özdemir Erdogan singt über die Liebe, jemanden, der weit weg ist, den er liebt und vermisst.

Lesen „Utopien für Realisten“ von Rutger Bregman
Bregman ist Historiker und schreibt unter anderem über die 15-Stunden-Woche und das bedingungslose Grundeinkommen. Ein sehr inspirierendes Buch, das zeigt, wie die Welt sich positiv entwickeln kann.

Sehen „The Century of the Self “ von Adam Curtis
… sowie alle Filme des britischen Dokumentarfilmers. Curtis beschäftigt sich gern mit Machtstrukturen und politischen Zusammenhängen, er analysiert jahrzehntelange Entwicklungen und verpackt extrem viele Informationen in einem Film. „The Century of the Self“ dreht sich um Sigmund Freuds Einfluss auf die amerikanische Politik. 

Dieses Interview ist erschienen in Werde 01/2020
Text: Kathrin Hollmer  Foto: Miriam Bleeker