ProjectTogether Emanuel Herm

Die Wir-Bewegung

Das Unternehmen ProjectTogether, das aus einer Schülerinitiative entstand, möchte Deutschland und die Welt zu einem nachhaltigeren Ort machen. Und zwar mit sozialen Innovationen – jede und jeder kann sich daran beteiligen.

ProjectTogether Emanuel Herm

Paula Petersen von ProjectTogether empfängt ihre Kollegen zu Hause. Am Wohnzimmertisch klappt das Team seine Laptops auf. Nebenbei löffelt Petersen ihr Frühstücksmüsli. Arbeitsalltag. Die 31-Jährige ist neu in dem gemeinnützigen Unternehmen, hat aber kein Problem damit, dass eine Kollegin in ihrem Schlafzimmer verschwindet, weil sie für ein Telefonat lieber alleine sein will. „Wir haben uns vorgenommen, die Kreislaufwirtschaft voranzubringen“, erläutert Petersen. „Gemeinsames Engagement schafft Vertrauen.“

Das Vorhaben des Teams: Wirtschaft und Konsum so zu erneuern, dass Verpackungen, Textilien oder Baumaterialien immer wiederverwendet werden und keine Abfälle entstehen. Das klingt nach Utopie, doch: „Unser Umgang mit Ressourcen wird sich in den kommenden 20 bis 30 Jahren grundlegend ändern“, ist sich Sophia von Bonin sicher, die bei Paula Petersen mit am Tisch sitzt.

Mit sozialen Innovationen ans Ziel

Um ihr Ziel zu erreichen, sind Petersen und von Bonin sogenannte soziale Innovationen wichtig. Die kommen in der Diskussion um mehr Nachhaltigkeit häufig zu kurz. Dabei geht’s meist um technische Neuerungen, um bessere Maschinen, die unseren Müll gründlicher trennen, oder um E-Autos für einen klimafreundlichen Straßenverkehr.

Petersen und von Bonin hingegen rücken die Art und Weise unseres Zusammenlebens in den Mittelpunkt und fragen, wie wir unser Verhalten ändern können, um Abfälle zu vermeiden und Ressourcen zu sparen.

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So planen die beiden Frauen, auf Nachbarschaftsinitiativen zuzugehen, in denen sich Menschen zusammenschließen: Sie tauschen Dinge, anstatt neue zu kaufen. Damit die Entwicklung von der Wegwerfgesellschaft zur Kreislaufwirtschaft gelingt, sei Bürgerbeteiligung zentral, meint von Bonin. „Wenn man die Bevölkerung nicht mitnimmt, kann das zu einer großen Entfremdung führen.“ Sie wisse das, denn sie sei ein Kind des Ostens.

Schon öfter hat das Team bewiesen, dass Bürgerbeteiligung zu hervorragenden Ergebnissen führt. Ein Beispiel dafür ist der #WirVsVirus-Hackathon zu Beginn der Coronakrise. „Jede Person hat erlebt, dass vieles plötzlich nicht mehr funktionierte“, erinnert sich Simon Schubert, der bei ProjectTogether für Personalentscheidungen mit zuständig ist. „Das kann auch lähmen. Aber uns ist es geglückt, aktiv zu werden. In der Regel zählen wir nicht zu denen, die am besten qualifiziert sind. Was uns auszeichnet: Wir wollen etwas verändern.“

In Zusammenarbeit mit sechs Organisationen starteten die Mitarbeitenden einen Beteiligungsprozess, bei dem 28.000 Bürgerinnen und Bürger Lösungen zu verschiedenen Herausforderungen der Pandemie entwickelt haben. Ein Ergebnis war ein Chatbot, um unbürokratisch Kurzarbeitergeld zu beantragen – die Anwendung wurde von Betroffenen getestet und war bereits wenige Tage später in Betrieb.

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Oder das Projekt Silberdraht: Es verschaffte älteren Bürgerinnen und Bürgern in Heidelberg die Möglichkeit, sich über alle Entwicklungen im Rahmen von Corona per Telefon informieren zu lassen – anstatt über das Internet, das Ältere seltener nutzen. Das Projekt verlief so erfolgreich, dass inzwischen auch viele regionale Online-Inhalte per Telefon abgefragt werden können, etwa Infos zur Pflege sowie Bewegungs-, Bildungs- und Kulturangebote.

Impulse für mehr Nachhaltigkeit

Wenn die offenbar anglophilen Mitarbeitenden von ProjectTogether ihr Engagement beschreiben, fällt immer wieder das Schlagwort „Open Social Innovation“. Die Organisation sei eben „open“, also offen für jeden, der mitmachen möchte, für die Zivilgesellschaft, aber auch für Wirtschaft, Forschung und Politik.

Schließlich kommen aus allen Bereichen wichtige Impulse für mehr Nachhaltigkeit. Die möchten die Mitarbeitenden auch im Rahmen ihres Programms zur Förderung der Kreislaufwirtschaft nutzen.

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So wollen sie Verpackungshersteller und Wissenschaftlerinnen einbeziehen, die Lösungen entwickeln, damit aus alten Joghurtbechern und Shampooflaschen neue werden können. ProjectTogether will alle Akteure zusammenbringen: engagierte Bürger und Bürgerinnen mit Start-ups verknüpfen, mit Mentoren aus Politik, Wirtschaft und Forschung. „Wir helfen dabei, Kräfte zu bündeln“, erläutert Petersen, „und machen kleine Initiativen groß.“

ProjectTogether wird von Förderpartnern finanziert

Acht Minuten mit dem Fahrrad liegen zwischen Petersens Wohnung in Berlin-Prenzlauer-Berg und dem Sitz des Unternehmens in einem renovierten Altbau im Bezirk Mitte. Mit seinen großen Zimmern wirkt das Büro geräumig, doch es ist zu klein geworden. Die Mitarbeitenden, die sich am Morgen trafen, sind längst nicht die einzigen Angestellten. Dreißig Leute zählt ProjectTogether mittlerweile.

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Das Unternehmen wird von Förderpartnern finanziert, darunter gemeinnützige Organisationen, Unternehmen und die Stadt Hamburg. Bis die jungen Leute in ein neues Büro ziehen werden, müssen sie improvisieren: Als Kolleginnen und Kollegen konzentriert miteinander reden und den Durchgang im Flur versperren, geht eine Mitarbeiterin auf den Balkon und steigt übers Küchenfenster wieder ein.

An diesem Nachmittag setzt sich etwa ein Dutzend Mitarbeitende zusammen und überlegt, wo es mit ProjectTogether hingehen soll. Auf dem Programm des „Strategieworkshops“ steht zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Unternehmen und öffentlichen Institutionen. Die jungen Leute haben viele Erfahrungen mit diesen Akteuren gesammelt, schließlich holen sie sie mit ins Boot, bei ihren „Missionen“, wie die Mitarbeitenden sagen.

Aus Erfahrungen lernen

Partner und Partnerinnen aus Wirtschaft und Verwaltung sind wichtig, wenn es darum geht, mehr Kreislaufwirtschaft zu bewirken oder Alltagsprobleme, die Corona mit sich bringt, zu bewältigen. Die jungen Leute haben auf bunten Zetteln ihre Erfahrungen mit diesen Akteuren aufgeschrieben und an die Wand gepinnt. Auf blauem, orangefarbenem und gelbem Grund finden sich Sätze wie „Probleme erscheinen so groß, dass einzelne nicht wissen, wo sie ansetzen sollen“ oder „Nicht genügend Ressourcen für soziale Innovationen“ und „Silodenken, alle bauen ihre eigenen kleinen Lösungen“.

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Doch Franziska Gebhard weiß: Wo andere Probleme sehen, liegt die Zukunft von ProjectTogether. „Wir möchten Raum geben, um Neues zu erarbeiten und auszuprobieren, ergebnisoffen“, erklärt Gebhard, die Philosophie und Volkswirtschaft studiert hat. „Am Reißbrett zu arbeiten ist oft sehr schwierig, wir gehen lieber schnell in die Anwendung, probieren aus und passen an.“

Offen bleiben für die Zukunft

Ergebnisoffenes Arbeiten, schnelles Testen und die Orientierung an „Missionen“ seien wichtige Prinzipien des offenen sozialen Innovationsprozesses, sagt Johannes Tödte, Leiter des Kommunikationsteams bei ProjectTogether.

Wie beeinflussen sie den Umgang mit Mitarbeitenden und Partnern? „Sie führen dazu, dass wir vieles immer wieder hinterfragen, natürlich auch unsere Kooperationen.“ Es kann vorkommen, dass sie manche Zusammenarbeit aufgeben, wenn vielleicht auch nur vorübergehend.

Sie bleiben offen für die Zukunft, wie sollte es anders sein. Wichtig auch: „Wir, ob Geschäftsführung oder Mitarbeitende, begegnen den Initiativen, Unternehmen und allen anderen in unserer Community auf Augenhöhe“, erläutert Tödte, „deshalb duzen wir uns.“ Darüber hinaus treffen sie viele Entscheidungen gemeinsam: „Wir veranstalten regelmäßige Meetings, an denen alle teilnehmen.“ Zuletzt war dabei das neue Büro ein wichtiges Thema, alle sollten mit der Wahl einverstanden sein.

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Problemverursacher mitnehmen

Die Offenheit, mit der die Mitarbeitenden darangehen, mehr Nachhaltigkeit zu bewirken, bedeutet auch: Problemverursacher mitzunehmen. Philipp von der Wippel, Co-Geschäftsführer und einer der beiden Gründer von ProjectTogether, ist das kürzlich mal wieder geglückt.

Bei der „Farm-Food-Climate Challenge“ arbeitet ein Team an einer zukunftsfähigen Landwirtschaft. Um sie zu fördern, haben von der Wippel, Kollegen und Kolleginnen Kontakte geknüpft mit großen Agrarbetrieben und Handelsketten, die für die Freisetzung großer Mengen CO2 mitverantwortlich sind.

Sie haben sie mit regenerativ wirtschaftenden Bauern an einen Tisch gesetzt. Von der Wippel hat die Annäherung moderiert. „Heute verursacht die Landwirtschaft weltweit rund 30 Prozent der Treibhausgase“, erläutert er am Telefon. „Dabei hat sie das Potenzial, von einer klima-negativen zu einer klima-positiven Industrie zu werden – also mehr Kohlenstoff einzusparen, als sie ausstößt.“ Ein Ziel der „Challenge“: dass Handelsketten bevorzugt Produkte regionaler Biobauern in die Supermärkte bringen.

Stumme Stimmen hörbar machen

„Wir dürfen nicht vergessen: Sich in Deutschland zu engagieren ist in gewisser Weise elitär“, sagt Henrike Schlottmann, Co-Geschäftsführerin. Sie war drei Jahre lang in der Unternehmensberatung tätig. „Man muss gewisse Privilegien haben, beispielsweise Netzwerke.

Wir wollen sie auch Menschen zur Verfügung stellen, die das nicht von zu Hause mitbringen.“ Softwareentwickler Tat-Thien Pham ist mitverantwortlich dafür, dass das gelingt. Er fing während der Coronakrise bei ProjectTogether an und kannte seine Kollegen und Kolleginnen bisher nur vom Bildschirm.

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Heute ist er zum ersten Mal im Büro. Er klappt seinen Laptop auf. „Hier siehst du thematisch geordnet die Initiativen, die bei uns mitmachen“, erklärt er, „sie sind der eine Part auf unserer Matching-Plattform.“ Über die Anwendung können die Beteiligten Kontakte knüpfen „mit dem anderen Part“ der Plattform, mit Unterstützern und Unterstützerinnen, die ProjectTogether gewinnen konnte. Sie bieten zum Beispiel Mentoring oder Coaching an, gratis.

Stummschaltung aus

Und was ist mit jenen Menschen, die bisher keine Möglichkeiten finden, sich zu beteiligen? Das Sozialunternehmen will auch sie ansprechen. Deshalb hat ein Team das Programm „UNMUTE NOW“ ins Leben gerufen, also in etwa „Stummschaltung aus“. „Wir haben uns gefragt: Welche Ansätze braucht es eigentlich, um die Stimmen von jungen Leuten in der Politik hörbar zu machen?“, erläutert Schlottmann. „Auch Leuten, die sich als Nichtwähler oder Nichtwählerinnen bezeichnen, sind politische Themen sehr wichtig, sei es Tierschutz, Klimaschutz, sei es soziale Gerechtigkeit, Unterstützung von jungen Müttern.“

Mit Stipendien, die die Lebenshaltungskosten abdecken, unterstützt das Unternehmen ein halbes Jahr lang 100 Menschen, die an Lösungen werkeln, um gezielt 18- bis 35-Jährige anzusprechen, die im Schnitt weniger wählen gehen als Ältere. „Die App „Plus Me“ wurde bereits Mitte August gelauncht“, berichtet die 29-Jährige. „Da können junge Menschen in ihrer Sprache Fragen stellen, die abends an alle demokratischen Parteien gehen und innerhalb von 24 Stunden beantwortet werden. Anschließend können die User auf die Antwort klicken, die sie gut finden.“

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Die Bevölkerung einbeziehen, Start-ups mit etablierten Betrieben und öffentlichen Institutionen verknüpfen und regelmäßig hinterfragen, ob alle Aktionen tatsächlich dazu dienen, mehr Nachhaltigkeit zu erreichen – auf diese Weise hat das erfolgreiche Sozialunternehmen bereits über 1000 Ansätze zur Lösung der großen gesellschaftlichen Probleme unterstützt. 2018 hat die Europäische Kommission ProjectTogether mit dem Europäischen Unternehmerförderpreis ausgezeichnet.

Dass sie es einmal so weit bringen, hat wohl niemand geahnt, als Philipp von der Wippel und ein Freund vor rund zehn Jahren ProjectTogether gründeten – als Schülerinitiative. Als 16-Jähriger nahm von der Wippel an einem Schüleraustausch in Lancaster teil. Dort hatte er einen Mitschüler, der aus Syrien stammte. Dieser war wütend, „da er zusehen musste, wie in seiner Heimatstadt Homs die Bomben fielen, aber seine englischen Mitschüler*innen überhaupt kein Bewusstsein für die humanitäre Katastrophe zeigten“, ist auf der Website von ProjectTogether nachzulesen.

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Um ihre Mitschüler aufzuklären, organisierten die beiden Jungs bei den „Morning Assemblies“ ihrer Schule Skype-Konferenzen mit Kindern und Erwachsenen in Homs. Sie hörten, wie im Hintergrund die Bomben einschlugen. Andere Einrichtungen griffen die Kampagne auf. Zwei Schülern war es geglückt, viele andere Jugendliche für das Leid der Menschen in Homs zu sensibilisieren. Die Medien berichteten, und von der Wippel wurde zum englischen Premierminister eingeladen. Damals stand „ProjectTogether“ noch ganz am Anfang. Doch die Organisation machte bereits klar: Jeder, der gute Ideen umsetzt, kann Veränderung bewirken.

 

DREI FRAGEN AN Henrike Schlottmann

ProjectTogether Emanuel Herm

1. Warum machst du diese Arbeit?
Für mich geht es darum, einen Ort zu schaffen, wo viele Menschen, die gesellschaftlichen Herausforderungen anpacken können. Das braucht es. Wir werden nicht drum herumkommen.

2. Was ist deine Vision?
Viele Menschen sprechen über das WAS, wenige über das WIE. Wir möchten, dass auch andere mit Open Social Innovation einen Beitrag zur gesellschaftlichen Transformation leisten.

3. Was möchtest du teilen?
Wir möchten im Kleinen vormachen, wie es anders aussehen kann. Wir möchten inspirieren und Kettenreaktionen auslösen.

 

Text Stephanie Eichler
Foto Emanuel Herm

Dieses Interview ist erschienen in Werde 03/2021