Die drei Gründer von dem Ökostrom-Anbieter Polarstern

„Es darf nicht nur darum gehen, den eigenen Profit zu maximieren“

Wenn wir über Nachhaltigkeit reden, denken wir an Öko-Jeans und regionale Lebensmittel. Dabei ist unser Energieverbrauch zuhause einer der größten Treiber unseres CO2-Fußabdrucks. Das Münchner Unternehmen Polarstern bietet nicht nur ausschließlich erneuerbare Energietarife und -lösungen an, es hilft auch weltweit den Ausbau erneuerbarer Energien voranzubringen. Als Jakob, Simon und Florian Polarstern vor zehn Jahren gründeten, brachten sie außerdem eine Neuheit auf den Markt: bezahlbares Ökogas für jedermann. Mitgründer Florian Henle hat in Landshut und in Cambridge internationale BWL studiert – im Interview erzählt er uns, warum er für Polarstern heute Entscheidungen trifft, bei denen ein BWLer den Kopf schüttelt.

Die drei Gründer von dem Ökostrom-Anbieter Polarstern

Als ihr Polarstern gegründet habt, was wolltet ihr verändern?
Florian Als wir vor zehn Jahren gegründet haben, war Ökostrom zwar auch schon ein Thema, es gab aber keinen bezahlbaren Anbieter für Ökogas. Und das obwohl etwa 80 Prozent unseres Energieverbrauchs auf Wärme fallen und nur 20 Prozent auf Strom. Wir waren die ersten, die ein ökologisches und bezahlbares Produkt auf den Markt gebracht und somit das Thema Energieversorgung ganzheitlich betrachtet haben – dafür wurden wir auch vom Bundesministerium für Wirtschaft gefördert.

Heute kennt man euch eher für den Ökostrom. Woran liegt das?
Florian Das Thema Ökostrom ist allgemein präsenter, weil jeder ihn beziehen kann. Bei der Wärme heizt nur ein Teil mit Gas.

„Die Energieversorgung in Deutschland ist wie ein großer See, der sich aus schmutzigen und sauberen Quellen speist. Erst, wenn alle Menschen erneuerbare Energien beziehen, ist der See tatsächlich sauber.“

Was macht Polarstern anders als andere Stromanbieter?
Florian Wir sind heute immer noch die Einzigen, die ausschließlich hundert Prozent erneuerbare Produkte anbieten – vom Ökostrom, über Ökogas bis zur Elektromobilität. Da sind wir konsequenter als andere und zeigen, dass man nachhaltig und trotzdem wettbewerbsfähig sein kann. Dass man mit einer ganzheitlichen Herangehensweise bestehen kann, auch wenn die Branche ein Haifischbecken ist.

Warum ist es so wichtig, dass wir erneuerbare Energien beziehen?
Florian Die Energieversorgung in Deutschland ist wie ein großer See, der sich aus schmutzigen und sauberen Quellen speist. Erst, wenn alle Menschen erneuerbare Energien beziehen, ist der See tatsächlich sauber. Man trifft mit der Wahl seines Energieanbieters also nicht nur eine positive Entscheidung für sich, sondern auch für die Allgemeinheit. Ein gutes Ökostrom-Produkt ist nicht das billigste Angebot, aber in der Regel günstiger als der Grundversorgungstarif, den noch viele beziehen. Und es unterstützt den Bau neuer Ökokraftwerke, damit unsere Stromversorgung Stück für Stück grüner wird. Bei uns geht dafür ein Cent pro Kilowattstunde zusätzlich in den Bau von erneuerbaren Anlagen.

Ein Mädchen und eine Mikrogasanlage in Kambodscha

Bei euch bekommt man nicht nur guten Strom, sondern ihr tut noch mehr Gutes. Ihr unterstützt außerdem den Ausbau erneuerbarer Energien in Entwicklungsländern. Was hat es damit auf sich?
Florian Der Klimawandel ist ein globales Thema und kennt keine Ländergrenzen – deshalb muss man weltweit etwas verändern, nicht nur lokal grüner werden. Zum einen fördern wir erneuerbare Energien in Deutschland und Europa. Dazu kommen 20 Euro je Kunde pro Jahr, die wir zum Beispiel in Mikro-Biogasanlagen in Kambodscha investieren. Die Anlagen sorgen dafür, dass die Menschen dort ganz einfach ihr eigenes Biogas erzeugen können. In einer Gärkammer werden die Fäkalien von Schweinen und Kühen zusammen mit Wasser vergoren und es entsteht Biogas. Das hat mehrere Vorteile: Die Bauern müssen nicht mehr auf offenem Feuer kochen, sie sind keinem giftigen Rauch mehr ausgesetzt und schonen die Umwelt, weil keine Wälder mehr zum Feuer machen abgeholzt werden. Die Frauen sparen sich zudem Arbeit, weil sie kein Holz mehr sammeln müssen. Und die Kinder haben auch abends noch Licht, um ihre Hausaufgaben zu machen. Hinzu kommt, dass am Ende der Biogaserzeugung ein organischer Dünger entsteh. So muss kein Kunstdünger mehr gekauft und eingesetzt werden. Damit rentieren sich die Anlagen auch schon innerhalb eines Jahres finanziell für die Bauern.

Wie und wo entsteht euer Ökostrom und Ökogas?
Florian Der Hauptteil unseres Ökostroms wird in einem ökologischen Laufwasserkraftwerk in Feldkirchen am Inn produziert. Aber auch immer mehr in dezentralen Anlagen. Und unser Ökogas kommt aus einer Zuckerfabrik aus Ungarn. Es entsteht aus dem Rest, der bei der Zuckerproduktion überbleibt: aus den Zuckerrüben-Häckseln.

„Es ist so wichtig, dass man bewusst eine Entscheidung trifft, sich informiert und nicht aus Faulheit bei einem Anbieter bleibt.“

Ist Ökostrom eigentlich teurer als der „normale“ Strom?
Florian Echter Ökostrom muss nicht teurer sein als der Grundversorgungstarif. Er ist sogar meist günstiger. Ansonsten ist es wie bei anderen Produkten auch: Höhere Qualität kostet auch etwas mehr. Sprich, wenn der Ausbau erneuerbarer Energien mit dem Tarif stärker gefördert wird, ist es automatisch nicht das billigste Angebot.

Worauf sollte man achten, wenn man wechseln möchte?
Florian Vor allem sollte man nicht nur auf das Produkt schauen, sondern auch auf den Anbieter: Wer steckt dahinter? Welches Unternehmen oder welche Art des Wirtschaftens unterstütze ich? Ökostrom von einem Energieversorger zu beziehen, der auch Atom- oder Kohlekraftwerke betreibt, ist logischerweise weniger nachhaltig als Ökostrom von einem unabhängigen Anbieter. Es ist so wichtig, dass man bewusst eine Entscheidung trifft, sich informiert und nicht aus Faulheit bei einem Anbieter bleibt. Außerdem gibt es Siegel, die helfen, ein gutes Produkt zu erkennen: die zwei wichtigsten in Deutschland sind das „Grüner Strom“-Label und das „ok power“-Siegel.

Das Team von Polarstern im Büro in München

Polarstern ist gemeinwohlorientiert zertifiziert. Magst du erklären, was das bedeutet?
Florian Das bedeutet im Grunde nur, dass wir mit gesundem Menschenverstand wirtschaften. Für uns ist die finanzielle Rendite nicht die einzige Kennzahl, ökologische und soziale Renditen sind genauso wichtig. Es darf nicht nur darum gehen, den eigenen Profit zu maximieren und auf Kosten von Menschen oder der Natur zu wirtschaften. Im Rahmen unserer Gemeinwohl-Zertifizierung werden wir auf verschiedene Werteaspekte hin untersucht und bewertet.

Was erwartet einen, wenn man bei Polarstern angestellt ist?
Florian Das Wesentliche ist das wertschätzende Miteinander – in vielen Firmen ist das leider nicht selbstverständlich. Wir vertrauen unseren Mitarbeitern, bezahlen sie fair und haben flexible Arbeitszeitmodelle. Homeoffice gab es bei uns auch schon vor Corona. Außerdem hat jeder Mitarbeiter einen Tag im Jahr, an dem er sich sozial engagieren kann, ohne Urlaub nehmen zu müssen. Wir bieten Möglichkeiten, sich frei zu entfalten und haben ein ordentliches Budget für Weiterbildungen. Es geht viel um Vertrauen, Freiheit und ein angenehmes Umfeld – dann macht die Arbeit gleich mehr Spaß.

„Wir wurden auf dem Energiemarkt immer als Exoten betrachtet und sympathisch belächelt. Die ersten Jahre hat uns keiner wirklich ernst genommen – heute kooperieren große Unternehmen mit uns.“

Es gibt euch ja jetzt schon beinahe zehn Jahre. Wie waren die für euch?Florian Wir sind natürlich gewachsen – das ist schön, aber nicht unser einziges Ziel. Wir wollen richtungsweisend sein, wirklich etwas ändern und an der Energiewende mitarbeiten. In den letzten zehn Jahren haben wir unter anderem mit Mieterstrom die Energiewende in den urbanen Raum vorangebracht. Dabei können die Mieter den vor Ort, also im Gebäude erzeugten Strom zu günstigen Konditionen nutzen. Beim Thema Elektromobilität waren wir außerdem einer der ersten bundesweiten Anbieter für Ladestrom-Tarife. Die größte Entwicklung war allerdings die vom kleinen süßen Energieversorger zum Unternehmen, mit dem man sich gerne zeigt. Wir wurden auf dem Energiemarkt immer als Exoten betrachtet und sympathisch belächelt. Die ersten sechs oder sieben Jahre hat uns keiner wirklich ernst genommen – heute kooperieren große Unternehmen mit uns.

Nach all der Zeit ist Polarstern immer noch unabhängig. Warum legt ihr so großen Wert darauf?
Florian Zuerst einmal, weil uns der Job großen Spaß macht. Man muss sich immer die Frage stellen: Was würde ich anders machen, wenn ich jetzt viel Geld hätte? Ich würde wieder das selbe machen, weil es so unfassbar wichtig und spannend ist. Zudem ticken wir einfach ein bisschen anders bei Polarstern, das merkt man auch bei Gesprächen mit Investoren. Die finden das alles gut, wie wir das machen, aber denken meistens mehr an den eigenen Profit – weniger an den gesellschaftlichen Mehrwert, der uns so wichtig ist. Also müssen es zum Beispiel 20 Euro im Jahr für Kambodscha sein pro Kunde oder reichen nicht auch zehn? Wären wir nicht unabhängig, müsste man hier viele Diskussionen führen. Uns geht es aber nicht darum, möglichst viel zu verdienen, sondern die Energiewende voranzubringen. Und dazu gehört es auch, Dinge zu tun, wo man als klassischer BWLer unsicher ist, ob die sich jemals tragen. Ich möchte meine Energie lieber darauf verwenden Innovationen voranzubringen, als sie tot zu diskutieren.

Ein Wasserkraftwerk bei Feldkirchen am Inn

Bis 2030 wird unser Stromverbrauch stark ansteigen – warum verbrauchen wir immer mehr?
Florian Zum einen werden wir künftig vermehrt mit Strom heizen und uns mit ihm fortbewegen – Stichwort Elektromobilität. Dafür verbrauchen wir weniger von anderen Ressourcen. Zum anderen wird unser Alltag mit kleinen Helferlein immer mehr elektrifiziert. Und der dritte Punkt: Weil die Geräte effizienter werden, glauben wir, dass wir nicht mehr so sehr auf unseren Stromverbrauch achten müssen. Ein Beispiel: Unsere Kühlschränke verbrauchen heute weniger Strom, dafür kaufen wir größere Modelle. Das nennt man den Rebound-Effekt und der führt eben am Ende zu deutlich weniger Einsparungen als gedacht.

Was kann man zu Hause ganz einfach tun, um Energie zu sparen?
Florian Die meisten Ladegeräte verbrauchen auch etwas Strom, wenn gerade kein Gerät lädt – um den Stand-by-Stromverbrauch zu vermeiden, sollte man das Ladekabel also immer ausstecken. Wer beim Kochen Wasser erhitzt, sollte immer einen Deckel verwenden. Das geht nicht nur schneller, sondern spart auch Energie. Die Waschmaschine und Spülmaschine immer möglichst voll machen. Den größten Spareffekt erzielt man allerdings beim Heizen: Wenn ich die Temperatur zuhause um nur ein Grad senke, spare ich sechs Prozent Energie. Ob ich also 21 oder 22 Grad zuhause habe, macht für mich keinen großen Unterschied, für die Umwelt schon.

„Ob ich also 21 oder 22 Grad zuhause habe, macht für mich keinen großen Unterschied, für die Umwelt schon.“

Wir wollen wissen, wo Lebensmittel herkommen, aber bei der Stromversorgung oder unserer Geldanlage hört das Bewusstsein oft auf. Was denkst du, warum ist das so?
Florian Geldanlage oder Energieversorgung sind Themen, die man nicht anfassen kann. Das Licht zuhause brennt sowieso. Man muss sich nicht aktiv darum kümmern und wird auch nicht ständig an die Wichtigkeit erinnert. Bei dem Wechsel zu einem Ökostrom-Anbieter merke ich auch nicht sofort einen Effekt, so wie wenn ich mir eine gute Öko-Jeans aus Bio-Baumwolle kaufe. Der Trend zeigt zwar einen Bewusstseinswandel hin zu mehr Nachhaltigkeit, aber eigentlich müssten noch viel mehr Leute wechseln, weil es zugleich so einfach und wichtig ist. Eine einmalige Entscheidung, mit der ich meinem CO2- Fußabdruck um rund 20 Prozent senke. Das ist so viel wie mit keiner anderen Einzelmaßnahme.

Wo bist du persönlich nachhaltig unterwegs?
Florian Durch Polarstern befinde ich mich natürlich automatisch in einer grünen Blase. Bei Kleidung achte ich sehr auf Nachhaltigkeit, das wird einem sehr leicht gemacht heutzutage. Ich bin außerdem bei einer nachhaltigen Bank und fahre ein Elektroauto. Selbstverständlich beziehe ich selbst zuhause Ökoenergie und kaufe meine Lebensmittel möglichst regional. Ich esse zwar Fleisch, allerdings sehr bewusst.

Der Gründer von Polarstern im Porträt

Wie gehst du mit der Kritik um, die es zu erneuerbaren Energien und Elektromobilität gibt?
Florian Leider steckt der Mensch so oft viel mehr Energie in den Erhalt des Status Quo, als die Chancen des Neuen zu sehen. Man sucht verzweifelt nach dem Guten im Bestehenden und dem Schlechten im Neuen. Siehe Buchdruck, erstes Auto, die Eisenbahn. Wenn ich mit Kritikern zu den Themen erneuerbare Energien oder Elektromobilität spreche, bleibe ich bei den Fakten: Ein Elektroauto holt den CO2- Ausstoß seiner Produktion innerhalb eines Jahres wieder rein, das zeigen neueste Studien von unabhängigen Instituten. Eine neue Windkraftanlage an Land hat eine Leistung von meist rund fünf Megawatt, das heißt sie produziert richtig viel Strom und läuft zwanzig Jahre, wenn nicht länger. Damit braucht es in der Produktion ganz klar weniger Energie als es in seiner Laufzeit einspeist.

„Leider steckt der Mensch so oft viel mehr Energie in den Erhalt des Status Quo, als die Chancen des Neuen zu sehen.“

Zur Akku-Diskussion: Ja, Akkus sind noch nicht perfekt – sie brauchen viel Energie und die seltenen Erden aus China sind problematisch. Akkus sind also noch lange nicht perfekt, aber eben auch noch nicht fertig entwickelt. Vielmehr schreitet die Forschung und Entwicklung hier gerade sehr schnell voran. Wenn man es mit dem Verbrennungsmotor vergleicht, stecken Akkus gerade noch in den Kinderschuhen. Es gibt jetzt schon Modelle, die kommen ohne Kobalt aus und haben die doppelte Leistungsdichte. Und am Ende der Lebenszeit eines Elektroautos kann man den Akku noch als zentralen Speicher zuhause nutzen und danach recyceln.

Wenn du dir den Klimawandel ansiehst, was macht dir Angst und was wiederum Mut?
Florian Was mir unglaublich Mut macht, ist dass das Thema nun wirklich in fast allen Köpfen angekommen ist – von der Wirtschaft, über der Politik bis in die Gesellschaft. Grundsätzlich ist das eine tolle Entwicklung, nur jetzt kommt das große Aber: Es geht alles trotzdem noch viel zu langsam! Beim Klimawandel machen zehn Jahre einen gewaltigen Unterschied. Wir haben zu lange gewartet und müssen jetzt dringend etwas ändern. Wir als Gesellschaft sollten endlich bewusste Entscheidungen treffen, das hat nichts mit arm oder reich zu tun. Billigfleisch zum Beispiel darf es einfach nicht mehr geben. Es muss teurer werden – genauso wie Umweltverschmutzung endlich seinen Preis haben muss. Und auch fossile Energie ist im Moment noch zu billig.

 

Interview: Anja Schauberger
Foto: Polarstern

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