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Bella Chiavarina

Die Gebrüder Gabriele und Paolo Levaggi aus Ligurien sind elegant, leidenschaftlich und heimatverbunden. Ihr Größtes aber ist der Chiavari Stuhl. Ein Schatz, der gehütet werden muss.

Ein Sonnenstrahl bahnt sich den Weg durch das staubblinde Werkstattfenster und fällt auf Italo Levaggis Hände an der Drehbank. Gerade schält der Stuhlmacher mit dem Hohleisen feinste Schichten von dem knapp 50 Zentimeter langen Holzbein, das vor ihm rotiert. Das Licht verwandelt die auffliegenden Späne in funkelnde Fontänen, doch der alte Drechsler hat nur für sein Werkstück Augen: Mal wechselt er zum Stemmeisen, greift zwischendurch nach dem Stechzirkel, vermisst, dann wirbeln frische Flocken auf.

Chiavari Stuhl - Werde Magazin

In einem Akt voll sinnlicher Leichtigkeit verwandelt sich das Holz unter seinen Fingern, noch drei ringförmige Ornamente drechselt er, schließlich der Glattschliff mit dem Sandpapier, dann landet das fertige Stuhlbein auf dem Stapel mit den anderen, die der 76-jährige seggaiolo heute schon gefertigt hat. In Reih und Glied liegen sie da, alle bis auf den Millimeter genau gleich.

„Onkel Italo ist unser Meister“, sagt Paolo Levaggi, „und sein Können eines der Geheimnisse hinter unserem Chiavari-Stuhl.“ Dann schnappt sich der junge Möbelschreiner eines der zierlichen Stühlchen, wirbelt es wie ein Jongleur durch die Luft und setzt es auf einer Werkbank ab: „Es gibt keinen Stuhl auf der ganzen Welt, der es mit der ,Chiavarina‘ an Eleganz, Elastizität, Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit aufnehmen könnte“, schwärmt er. „Der Archetyp eines in Form und Funktion perfekten Designmöbels. Auch wenn es 1807, seinem Geburtsjahr, diesen Begriff noch gar nicht gab.“

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Der Chiavari Stuhl für die ganze Stadt

Besuch bei den Gebrüdern Levaggi in Chiavari, der ligurischen Hafenstadt an der Riviera Levante. Ein Klein- Genua, gut 30 Kilometer südöstlich der Metropole gelegen, die einst Zentrum der mächtigen Seerepublik war. Mit malerischen Plätzen und Laubengängen entlang der rechtwinklig angelegten Altstadtgassen. Eine Stadt, die sich komfortabel in der zweiten Reihe eingerichtet hat mit ihren Stadtpalästen aus dem 17. Jahrhundert, deren wahre Pracht sich erst im Innern erschließt.

Selbst ihre kurze Strandpromenade beim Fischerhafen versteckt die Stadt hinter Bahnlinie und Wohnblocks. Lieber bummeln die „Chiavaresi“ ganz unter sich durch ihre Altstadt-Arkaden, vorbei an den vornehmen Traditionsläden mit ihren kunstvoll geschnitzten und vergoldeten Schaufensterfronten, probieren feine Hemden oder ein Perlengeschmeide und verabreden sich vor den riesigen Jugendstilspiegeln des Gran Caffè Defilla zum Aperitif. Die „Chiavarina“, das unaufdringlich aparte Stühlchen, das der Stadt wie auf den Leib geschreinert scheint, fehlt an keinem dieser Stammplätze alteingesessener Chiavareser.

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Dafür sorgen auch die Fratelli Levaggi. Seit 1963 gibt es die Möbelschreinerei, die der inzwischen verstorbene Rinaldo Levaggi mit seinen drei Brüdern Alessio, Italo und Ettore gründete. Von Anfang an widmeten sie sich speziell dem Nachbau und der Restaurierung des legendären Stuhls, den der Kollege Giuseppe Gaetano Descalzi zu Beginn des 19. Jahrhunderts in ihrer Heimatstadt entworfen und damit die Idee des Sitzmöbels revolutioniert hatte: Den sperrigen, oft unbequemen und pompösen Schwergewichten seiner Zeit setzte Descalzi das fast nüchterne, hochbelastbare und mit nur 1,3 Kilogramm Gewicht zugleich federleichte Modell eines Sprossenstuhls entgegen, den die Levaggis noch heute als Einzelstück in 15 bis 26 Stunden Handarbeit anfertigen. Einst ein Betrieb unter vielen, ist die Möbelschreinerei – heute unter Leitung von Ettores Söhnen Gabriele und Paolo – eine von nur noch zwei Manufakturen, die in der 27.000-Einwohner-Stadt überlebt haben.

Ein Architekt und ein Landvermesser

Es duftet nach frischem Sägemehl in der Werkstatt an der Via Parma. Hier wird gesägt und geschliffen, gebohrt, gefeilt und lackiert, acht Stunden am Tag, unterbrochen nur von einer kurzen pausa pranzo, wenn Ettores Frau die Familie an den Mittagstisch im Hinterhaus ruft. Gearbeitet wird mit Brettern roher Wildkirsche, Buche und Esche aus den Bergwäldern im Hinterland, „die wir luftgetrocknet bis zu fünf Jahre reifen lassen“, sagt Paolo, „wie einen guten Parmesan.“

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Die kargen Böden des hinter Chiavari steil ansteigenden Apennin erlauben den Bäumen nur langsames Wachstum, dafür wird ihr Holz hochelastisch und widerstandsfähig. An einer Seitenwand der Werkstatt hängt das historische Archiv des Betriebs: Hunderte Einzelprofile von Prototypen der verschiedenen Stuhlvarianten und ihrer Einzelteile.

Da ist der bis auf seine klassizistischen Drechselringe schnörkellose „Campanino“, Descalzis überraschend moderner Erstling von 1807. Berühmt auch die Modelle seiner Nachfolger aus den 1860er-Jahren wie der „Tre Archi“ mit den sich zu drei Rundbögen verjüngenden Längssprossen seiner Lehne. In Blattgold getaucht, war er an den Höfen der europäischen Königshäuser bald ebenso beliebt wie die verspielte „Parigina“ mit ihrem reich verzierten Rückenteil. Die Levaggis entwickelten den Klassiker „Campanino“ später weiter, ergonomisch noch ausgefeilter und in zeitgenössischer Optik wie ihr jüngstes Modell „Chiavarina Supercolor“.

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Die Hözer, die Werkzeuge

„Wir Stuhlmacher schreinern noch immer so wie zu Descalzis Zeiten“, sagt Ettore Levaggi, 70, und schiebt seinen verbeulten Arbeitshut aus der Stirn. Er selbst schneidet seit jeher mit der Bandsäge die Holzbretter entlang der Musterprofile zu. Auch wenn er inzwischen kürzertritt, schon mal zum Pilzesammeln in die Wälder verschwindet. Sohn Paolo, 30, hat seinen Part übernommen, seit er vor zwei Jahren nach dem Architekturstudium in die Tischlerei zurückkehrte, den Ort, an dem er und Bruder Gabriele, 38, ihre Kindheit verbrachten: „Die Hölzer, die Werkzeuge, unsere ersten selbst gezimmerten Schießbögen, das hat uns geprägt“, sagen die Jungen.

Was sich geändert hat, ist der Kampf um die Sichtbarkeit der kleinen Manufaktur mit ihrer Jahresproduktion von einigen Hundert Stühlen, die, je nach Aufwand, zwischen 300 bis 600 Euro kosten. Paolo, wortgewandt und gut vernetzt, kümmert sich deshalb darum, dass ihre echte „Chiavarina“ nicht untergeht im Ikea-geprägten Mainstream und einem Meer plumper Fälschungen made in China. Der stille Gabriele hingegen, gelernter Landvermesser, führt lieber Bücher und Tagesgeschäft.

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Die Praxis aber haben sich beide von den Alten abgeschaut. Von Onkel Italo erlernt Paolo die Kunst des manuellen Drechselns. Beine, Lehnen und Querleisten des Stuhls erhalten dabei ihre besondere Form, die der geniale Descalzi einst ersann: Weil die Sprossen von Sitz und Lehne bei der Montage unter Spannung in die kräftigeren Teile des ansonsten grazilen Stuhlrahmens eingepasst werden, dehnen sie sich darin aus und garantieren so die hohe Belastbarkeit der „Chiavarina“ – ganz ohne Nägel oder Schrauben.

Die dafür notwendigen Löcher mit ihren je nach Stuhltyp passgenauen Neigungswinkeln treibt Bruder Gabriele mit Bohrmaschine oder Stemmeisen ins Holz. Nebenan pinselt Mitarbeiter Lorenzo die Steckverbindungen mit im Wasserbad köchelndem Fischleim ein, bevor er die Stühle unter präzisen Hammerschlägen schließlich zusammenfügt. „Ich höre schon am Ton, wenn das Bein richtig im Rahmen sitzt“, sagt der 20-Jährige, und seine hellblauen Augen strahlen.

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Da kommt die junge Giada gerade recht. Sie bringt eine Ladung in Heimarbeit geflochtener Stuhlsitze vorbei. Das diffizile Flechtwerk im Fischgrätmuster, bei dem die angefeuchteten Peddigrohrstreifen erst waagerecht wie Saiten gespannt, dann senkrecht eingefädelt und eng miteinander verwoben werden, hat ihr noch Großmutter Esther nahegebracht. „Sie und die anderen Flechterinnen saßen damals bei der Arbeit schwatzend unter den Laubengängen“, erzählt Giada, „während wir das heute zu Hause erledigen.“ Knapp sieben Stunden Arbeitszeit kostet eine Stuhlbespannung. Auch Giada will später ihrer Tochter die Flechtkunst beibringen. „Die ,Chiavarina‘ ist unser kulturelles Erbe“, sagt sie fast beschwörend. „Sind wir nicht verpflichtet, es zu bewahren?“

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Viele Krisen überstanden

Gleichgültigkeit und Eigenbrötlerei haben dem bekanntesten Kulturgut der Stadt immer wieder zugesetzt. Nie gelang dem sich eifersüchtig belauernden Stand der Schreiner die Gründung eines schlagkräftigen Konsortiums, um aus dem Chiavari-Stuhl eine geschützte Weltmarke zu machen. Stattdessen sah man hilflos zu, wie um 1880 erst die Wiener Firma Thonet, nach dem Zweiten Weltkrieg dann heimische Designschmieden den Markt mit industriell gefertigten Sprossenstühlchen aufrollten und dem lokalen Handwerk fast den Garaus machten. Bis heute hat die Stadt ihrem Stuhl, diesem „Wunder der Technik und Eleganz“, wie ihm Italiens Bildhauerlegende Antonio Canova ehrfürchtig huldigte, kein Museum gewidmet. Und wer in der größten Buchhandlung an der Piazza Mazzini nach Lesestoff zum Thema fragt, erntet Erstaunen – und Kopfschütteln.

Franco Casoni wundert das nicht. Der Mann mit dem mächtigen Schnauzbart ist stadtbekannt – als Holzbildhauer und sympathisches Lästermaul: „Schuld ist unsere fatale Mischung aus Minderwertigkeitsgefühl und Ignoranz.“ Er selbst ist leidenschaftlicher Sammler alter „Chiavarine“, hat ihnen ein umfangreiches Nachschlagewerk gewidmet, das die lokale Handelskammer finanziert, aber wenig beworben hat. In seinem kleinen Altstadtatelier, eingepfercht zwischen barbusigen Frauen- und kantigen Männerbüsten, räsoniert er genüsslich über die Wesenszüge von Stadt und Stuhl. Ähnlich zäh und resistent seien sie, besonders im Wettstreit um Anerkennung. „Da buhlte Chiavari einst um die Gunst der großen Schwester Genua, die ,Chiavarina‘ um Erfolg auf dem internationalen Markt. Als nichts daraus wurde, war man sich eben selbst genug.“

Es ist früher Abend, als Italo sein Werkzeug ins Regal räumt. „Wir haben schon viele Krisen überstanden“, sagt er, „weil es immer Menschen gab, die die Schönheit echten Handwerks suchen und erkennen.“ Doch jetzt ist er müde. Er schaltet das staubige Transistorradio über seiner Drehbank aus, grüßt und geht.

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Drei Fragen an Paolo Levaggi

Warum nehmen Sie für diesen Stuhl so viel auf sich?
Das ist für mich eher eine philosophische als eine ökonomische Entscheidung. Denn es geht dabei um das Bewusstsein für die Geschichte und das kulturelle Erbe unserer Stadt: ein Schatz, der gehütet werden muss.

Was ist Ihre Vision?
Einerseits diesen weltweit einmaligen Stuhl in seiner Besonderheit bewahren – und ihn andererseits zu einem zeitgenössischen Möbelstück weiterentwickeln. In der digitalen Welt ist ein neuer Typus von Schreiner gefragt: Ein „Handwerker 2.0“, der in seiner Werkstatt verankert und zugleich ein Mensch unserer Zeit ist.

Was möchten Sie teilen?
Wir glauben an unser Handwerk als einen besonderen Wert. Dabei geht es auch um unsere Liebe zu Material und Arbeitstechniken, die aus einem groben Stück Holz einen perfekten Stuhl schaffœen. Diese Werte als Teil unseres nationalen Kulturguts weiterzugeben ist unsere wahre Mission.

 


Wie die Chiavarina in die Stadt kam

Es liegt an Chiavaris geografischer Lage, dass hier vor über 500 Jahren Holzwirtschaft und Schreinerhandwerk entstehen konnten. Die Bergwälder des Apennin garantierten riesige Holzvorkommen, zwei Flüsschen sorgten für Energie, und die Küste in der Ebene ermöglichte Hafenbau und Schiffsverkehr. Die Herrscher der Seerepublik Genua dachten also gewohnt strategisch, als sie 1167 genau hier einen Weiler mit Burg und Festungsmauern gründeten. Bald wurde „Tschavai“, wie die Stadt im Dialekt heißt, neben Savona zum wichtigsten Umschlagplatz für Holz, das die Seemacht für den Bau ihrer Galeeren benötigte. Im Handwerkerviertel Rupinaro etablierten sich damals die „bancalari“, die sich auf den Bau von Rudern und Lastenkränen aus Buchenholz spezialisiert hatten. Lange galten sie als Schreiner zweiter Klasse, schnitzten Reliquienschreine und Chorgestühle und verfeinerten dabei ihren Stil mit raffinierten Intarsienarbeiten. Der Durchbruch kam mit dem Aufstieg Chiavaris zur Handelsstadt im 18. Jahrhundert. 1783 gründete sie eine eigene Wirtschaftskammer, die „Società Economica“, zur Förderung des lokalen Handwerks. Marchese Stefano Rivarola, ihr mächtiger Präsident, wurde 1807 schließlich zum Geburtshelfer des Stuhls, der die Stadt bekannt machte. „Schafft ihr das auch?“, hatte er seine Schreiner provozierend gefragt und ein anmutiges Stühlchen aus einem Pariser Salon kreisen lassen. Giuseppe Gaetano Descalzi brauchte nicht lange, um mit seiner „Chiavarina“ den Beweis anzutreten: Wir schaffen das sogar besser.

Das große Glück der Urform

Heute bestellen Architekten und Inneneinrichter aus Italien und dem Ausland auf der Suche nach authentischen Möbelmanufakturen in Chiavari. Etwa der bekannte, in Mailand ansässige Designer und Architekt Matteo Thun. Er ließ anfragen, ob er den Chiavari- Stuhl in seine neue Kollektion aufnehmen dürfe, wo Industriedesign und Handwerk miteinander versöhnt werden sollen. „Privat besitze ich diesen Stuhl seit Langem“, schwärmt Thun, „denn er ist kein Designerstück, sondern die Urform. Wenn man so einen bekommen kann, gibt es keinen Grund, neue Stühle zu entwerfen.“ So lässt der gebürtige Südtiroler die „Chiavarina“ von den Levaggis auch nur mit minimalen Abweichungen in Form und Farbe produzieren

Dieser Beitrag ist erschienen in Werde 04 / 2016
Text: Daniela Horvath  Foto: Regina Recht