Werde Magazin-Leinenweber

Der Leinenweber

Mit jeder Faser nachhaltig sind die Tücher von Matteo Gehringer. Der Tessiner webt sie aus selbst angebautem und gesponnenem Flachs und bedruckt sie mit lokalen Pflanzenfarben.

Der Himmel leuchtet blau in der Leventina, einem Tessiner Tal in der südlichen Schweiz. Zur Magadino-Ebene hin öffnet sich der Blick von Reisenden aus dem Norden, und sie sehen schon von Weitem die Burgen und Mauern der Stadt Bellinzona. Zu beiden Seiten der Berge schmiegen sich die alten Dörfer mit schweren Dächern aus Granitplatten und steinernen Mauern an die Felsen.

Der Webstuhl

Matteo Gehringer wartet an einer ruhigen Dorfstraße und weist den Weg durch ungeteerte Gassen, vorbei an kleinen Gärten zu gewundenen Treppen, die zu den höher gelegenen Häusern führen. Der 36-Jährige kennt jeden Flecken von Claro, dem Dorf seiner Kindheit. Seit einigen Jahren werde viel gebaut und es zögen Leute in den Ort, die auswärts arbeiten und abends zum Schlafen herkommen, erzählt er. Viele frühere Bewohner haben das Dorf verlassen, ihre Häuser stehen seitdem leer. Fünf Jahre ist es her, seit er selbst aus Italien zurückgekehrt ist und nicht weit vom Elternhaus das verwaiste Anwesen einer Verwandten bezogen hat. Gleich nebenan gedeihen Weinstöcke, Feigenbäume, Haselsträucher und Holunderbüsche. Ein schmaler Weg führt zum Kastaniendörrhäuschen, hier nennt man es Grà.

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Am Eingang des Ateliers weht ein blau gefärbtes Tuch im Nordwind, der Tramontana. „Vor zwei Jahren haben wir den halb zusammengefallenen Stall umgebaut, schließlich brauchte ich einen Platz für den Webstuhl“, erzählt Matteo. Im kühlen dunklen Atelier sind alle Gegenstände und Werkzeuge in den Regalen wohlgeordnet und aufgeräumt. Diese Klarheit geht auch von Matteo selber aus. Konzentriert und aufmerksam wirkt sein Blick, überlegt setzt er die Worte, wenn er von seiner Arbeit spricht.

Vergessene Traditionen

Am Webstuhl mit Rollenzug hat er schon als Kind seiner Nonna, der Großmutter, geholfen, die Ketten- und Schussfäden einzuziehen. Schon als junge Frau hat sie in einer Textilfabrik im nahen Misox das Weben gelernt und bis an ihr Lebensende mit ihren Stoffen in Heimarbeit etwas dazuverdient. Früher war für die Bevölkerung in den Tälern der Anbau von Flachs zur Produktion von Fasern und kunstvoll gefertigten Stoffen oftmals die einzige Möglichkeit, über die Selbstversorgung hinaus gut verkäufliche Waren herzustellen.

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So entstand in der ganzen Alpenregion ein reichhaltiges Brauchtum rund um das Leinen. Eigentlich hätten hier früher alle einfachen Leute gewoben, ihre Tücher bedruckt und in ihren Gärten Flachs angebaut, erzählt Matteo. „Dass ich heute dasselbe tue, hätte ich mir nie denken können. Diese handwerklichen Traditionen sind inzwischen fast überall vergessen und verloren gegangen.“

Kämmen und Spinnen

Matteo beginnt seinen Tag früh. In den jungen Sommerwochen schaut er regelmäßig auf dem Feld nach dem Flachs. Nehmen die Beikräuter auch nicht überhand? Kann sich die Kultur gut entwickeln? Dafür braucht es immer wieder helfende Hände zum Jäten und Hacken. Heute gehen die Mitglieder eines lokalen Kulturvereins mit an die Arbeit. Dafür werden sie von Matteo dabei unterstützt, das Handwerk und die Tradition des Leinenwebens im Tessin kennenzulernen und zu erhalten. „Es gibt vereinzelt Interesse an der ursprünglichen Lebensweise in den engen Tälern unserer Heimat. Aber meistens richtet sich das auf die kulinarischen Traditionen. Viele Ticinesi verbinden das alte Handwerk ihrer Großeltern mit der bitteren Armut, die bis weit ins 20. Jahrhundert verbreitet war. Die wollen sie endgültig hinter sich gelassen haben.“

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Von der Lebenswelt seiner Vorfahren erzählt der Kunsthistoriker, während er Geräte für die Verarbeitung von getrockneten Flachsbündeln hervorholt. Mit der Flachsbreche, einem Holzgestell mit beweglichem Schlagbrett, beginnt die mechanische Prozedur der Fasergewinnung. Die gebündelten Leinstängel werden von den Wurzelenden zu den Spitzen aus der Breche gezogen, bis die holzigen Flachteile um die Stängel gebrochen sind. Beim anschließenden Hecheln kämmt man die groben Fasern durch ein Nagelbett. Die Kämme von Matteos Brettern werden zunehmend feiner.

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Nach wenigen Minuten hält er eine strohblonde Strähne in den Händen, fast als wäre sie aus einer Kostümkiste von einer struppigen Perücke abgefallen. Von Hand zwirnt Matteo die Fasern auf eine Spinnspule, und schon wenig später ist das Garn aufgerollt. Für die Anfertigung kleiner Mengen reichen diese einfachen traditionellen Werkzeuge aus. „Alles, was ich brauchte, um mit dem Weben anfangen zu können, fand ich bei meinen Eltern auf dem Dachboden.“ In der Mittagshitze rückt Matteo in der abgedunkelten Stube ein Holztischchen zurecht und legt eine Tischdecke auf, ohne Frage ist sie aus Leinen.

Ein gefiederter Freund

Mimmo, ein zugeflogener und handzahmer Gelbhaubenkakadu, schreit in der Küche nach Aufmerksamkeit. „Ihn habe ich eines Tages durch das offene Fenster gehört, als er einen Grünspecht imitierte. Ich freue mich immer über den Besuch dieser Vögel und wollte im Garten nachsehen, denn ein bisschen merkwürdig klang es doch. Es hat einen ganzen Nachmittag gedauert, bis er sich anlocken ließ.“ Besitzer hätten sich nie gemeldet, und das Tierheim habe dankend abgelehnt, erzählt Matteo und seufzt. So sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als den kleinen Gelbhaubenkakadu einziehen zu lassen, und sozusagen sei er jetzt mit einem Vogel verheiratet. Mimmo sitzt geduldig auf der Schulter und nimmt mit Genuss klebrige Brocken von Gnocchi entgegen.

Vom Fortgehen

Zufrieden erlaubt er Ruhe für eine lange Geschichte, die vom Fortgehen handelt und dem Wiederfinden von etwas fast Vergessenem bei der Rückkehr. Mit 19 Jahren gelangte Matteo Gehringer nach Neapel. In ein Paradies, wo jeder in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit lebte, gerade wie es Goethe beschrieb. Matteo lächelt, wenn er vom Wechsel der so unterschiedlichen Lebenswelten spricht. Von den Tessiner Bergen in das laute Durcheinander am Fuß des Vesuvs.

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Die ersten Studien der Philologie und Romanistik führen ihn von Beginn an in die Archive und Inventarhallen der Museen. Schließlich schreibt er in Bologna seine Dissertation über den Barock- maler Nicola Bertucci und arbeitet als Kunsthistoriker für Institutionen und Galerien. Doch im krisenbehafteten Italien wird es immer schwieriger, Arbeit zu finden. So entschied er sich 2012 zur Rückkehr. „Das habe ich bis heute nicht bereut, obwohl mir der Abschied nicht leichtgefallen ist“, sagt Matteo. Zunächst übernahm er eine Italienischklasse am Lyzeum. Der Webstuhl steht zu dieser Zeit noch auf staubigen Dielen.

Der Blaudruck

„Angefangen hat alles mit dem Blaudruck, um das Weben ging es damals noch nicht“, erinnert sich Matteo. Eines Tages war das „Centro di dialettologia e di etnografia“, das Ethnografische Archiv in Bellinzona, auf der Suche nach Menschen, die diese alte Technik des Druckens noch kennen und vielleicht anwenden können. Bis vor etwa 80 Jahren waren in der Gegend zierlich geschnitzte Holzmodel in Gebrauch, mit denen im Reservedruckverfahren verspielte und regional unterschiedliche Muster auf Stoffe gestempelt wurden. Dazu wurde farbabweisende sogenannte Pappe auf ein Model aufgetragen und vorsichtig auf dem Gewebe platziert. Im Rapport, dem wiederholten flächendeckenden Ansetzen des Druckstempels, entstand so die Oberflächengestaltung. Durch die Pappe blieb das Muster beim anschließenden Färben ausgespart. Wenn sie später entfernt war, leuchteten diese Stellen weiß aus dem Blau von Indigo oder Färberwaid.

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Dieses anspruchsvolle Verfahren erfordert Geschick, eine ruhige Hand und das Wissen um die Rezepturen der Pappeschicht. Sie waren streng gehütet, jede Familie hatte ihr eigenes Geheimnis. Weil auch Matteos Großmutter ihre Leinen bedruckte, kennt er die Zusammensetzung. Als wahrscheinlich einziger Mensch weit und breit konnte er den Ethnografen helfen, den Prozess zu rekonstruieren und ihre umfangreiche Sammlung an Utensilien zu bewerten. Auf Baumwolle funktionierten die Drucke allerdings nicht, ihre Fasern seien viel zu fein für die hiesigen Model, erklärt Matteo.

Zurück in die Welt seiner Kindheit

Also schlugen die Wissenschaftler ihm vor, den typischen Tessiner Leinen zu weben. Am besten auch das Garn herzustellen und den Flachs im Terrain anzubauen. So kam Matteo zurück in die Welt seiner Kindheit und zur verschwundenen Tradition des Blaudrucks. Einfach war es nicht, er musste recherchieren, ausprobieren, nachfragen. Und wieder führte es ihn in Museen und Archive, zu Sammlungen und Inventaren. Der Blaudruck eröffnete ihm ein eigenes Forschungsfeld, das praktische Anwendung erforderte. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er nicht nur wegen der technischen Modernisierung in der Textilbranche verdrängt, auch die schwermetallhaltigen Pappen wurden verboten. So arbeitete Matteo mit einer Chemikerin lange an einer Zusammensetzung aus lokal verfügbaren Inhaltsstoffen und freut sich heute über sein eigenes Geheimrezept.

Unter dem Giebel des Ateliers stapeln sich Holzmodel aus dem Besitz seiner Familie, die den Blaudruck über 300 Jahre lang angewandt hat. Manche der Platten zeigen geschnitzte Motive aus Märchen, in anderen bilden feine Messingstäbe ein Paisleymuster. Im Keller stehen Bottiche, in denen Matteo im Spätsommer Stoffe färbt. Früher setzte man im Tessin dazu Indigo ein, was den Druck sehr wertvoll und teuer machte. Auch heute sind die Preise dafür hoch, und der Rohstoff wird importiert. In Wald und Kräutergärten findet Matteo schließlich die Zutaten für weitere Experimente, und es entstehen Handtücher mit grünen und roten Streifen aus Versuchen mit Farn und rotem Färberkrapp oder Zwiebelschalen, Walnüssen und gelb blühendem Ginster.

Nachhaltigkeit

Die Erfahrung mit lokalen Färberpflanzen bestärkt Matteo darin, vor Ort auch nach Rohstoffen für Textilfasern zu suchen, etwa Brennnesseln oder Schafwolle vom Nachbarn. Seine jahrelange Forschungsarbeit und das alte Familienwissen sind die Basis für den „Chilometro Zero“. Für Matteo ist alles schon da, und er möchte es nutzen. Mit den handwerklichen Fertigkeiten, den Ressourcen vor Ort und der Überzeugung, dass eine Steigerung des ideellen und materiellen Werts von Gebrauchsgegenständen nötig ist, um eine wirklich nachhaltige Entwicklung anzustoßen.

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Für einen Meter Stoff sitzt er etwa eine Stunde am Webstuhl. Dazu kommen der Aufwand auf dem Feld und für den Druck. Über Freunde und Bekannte findet er immer wieder Abnehmer in Hotellerie und Innenarchitektur für seine Entwürfe, die er auch auf lokalen Märkten präsentiert. Diese Arbeit hat ihren Preis und ist exklusiv, dessen ist er sich bewusst. Doch die Stoffe von Matteo Gehringer überdauern ein Menschenleben. Er selbst schläft auf einem Leinenbezug der Urgroßmutter.