Ganzheitlicher Terminplaner -Ein guter Plan

Ein guter Plan für Achtsamkeit

Wie aus Stress und Burnout ein Terminkalender für mehr Achtsamkeit und Selbstliebe wurde. Ein Gespräch über gute Pläne, weshalb weniger oftmals mehr ist und Verzicht Balsam für die Seele sein kann.

Jan Lenarz

Jan Lenarz hat mit Milena Glimbowksi, Gründerin des Zero Waste Shops Original Unverpackt, den Terminplaner „Ein guter Plan“ entwickelt, der ein Lebens- und Projektplaner für mehr Achtsamkeit und Selbstliebe ist.

Die Idee dazu kam dir 2015 während einer dreimonatigen Auszeit in Mexiko. Magst du kurz die Philosophie, die dem Planer zugrunde liegt, erläutern und erklären, was eure Planer von anderen Terminplanern unterscheidet?
Jan Lenarz Ein guter Plan ist ein ganzheitlicher Terminkalender. Man trägt also nicht nur die eigenen Termine ein, sondern hat auch einen Blick auf das eigene Leben und die eigene mentale Gesundheit. So werden regelmäßig Burnout-Anzeichen abgefragt, Ziele geplant und Achtsamkeit geschult. Dabei kommen viele Fragebögen zum Einsatz, etwa: „Was macht dich glücklich“ und „Was sind deine Werte?“ Ebenso gibt es Platz für Dankbarkeit, gute Gewohnheiten und vieles mehr.

Erinnerst du dich noch an die Stimmung, in der Milena und du wart, als ihr erstmals über die Erstellung eines solchen Terminplaners gesprochen habt?
Jan Lenarz Das war eine sehr emotionale Phase. Ich kam gerade frisch aus dem Burnout und sie war noch mittendrin. Ich habe eine Weile bei ihr gewohnt und wir haben viel über das Leben, Arbeit und unsere Psyche gesprochen. Uns war ziemlich schnell klar, dass wir uns alle zu Tode arbeiten und dass wir unsere Erkenntnisse irgendwie aufschreiben müssen. Die erste Auflage war deswegen auch eher nur für uns und unsere Freunde gedacht. Deswegen haben wir sogar unsere Geburtstage reingedruckt. Das haben wir als kleine Tradition bis heute erhalten, auch wenn viele Nutzer uns gar nicht kennen und sich wundern, weshalb da von Wildfremden der Geburtstag verzeichnet ist. Ein guter Plan soll sich seine familiäre Eigenart behalten.

Mit Ein guter Verlag möchtet ihr nachhaltige Antworten auf die Probleme der Menschen in Zeiten der Digitalisierung und des Selbstoptimierungs-Wahns geben. War es kompliziert, einen eigenen Verlag auf die Beine zu stellen?
Jan Lenarz Einen Verlag zu gründen ist einfach. Man meldet eine Firma an und druckt Bücher, fertig. Schwierig ist, sich einen Platz auf dem Markt zu erkämpfen. Wir haben jetzt allein von Ein guter Plan über eine viertel Million Exemplare verkauft und sind in dieser Sparte damit die Nummer 1. Wir haben mehr Follower als fast alle etablierten großen Verlage, aber die großen Buchhandlungen wollen nicht mal mit uns sprechen, weil wir immer noch zu besonders sind und nicht in den alten Strukturen von Verlagsvorschau und Verlagsvertreter funktionieren. Aber das ist in Ordnung, die kleinen Buchhandlungen sind da innovativer. 90 Prozent unseres Umsatzes machen wir jedoch über unsere eigene Website und sind unabhängig von großen Ketten und Amazon.

„Ich kenne nicht einen einzigen Menschen, der sich eine eigene Wohnung, geschweige denn ein Haus leisten könnte.“

Weshalb neigen Menschen dazu, ihre eigenen Belastungsgrenzen oder die anderer zu überschreiten?
Jan Lenarz Unsere Gesellschaft glorifiziert Erfolg und Stress. Und eine Ausbildung oder ein Studium reichen schon längst nicht mehr, um einen sicheren Job zu finden. Überall wird optimiert, gespart und mehr Leistung gefordert, obwohl die Wirtschaft seit Jahrzehnten wächst und wächst, und wir alle eigentlich weniger und nicht mehr arbeiten sollten, wenn die Gewinne gerecht verteilt würden. Die Existenz sollte heute viel sicherer sein, als vor 30 Jahren, aber ich kenne nicht einen einzigen Menschen, der sich eine eigene Wohnung, geschweige denn ein Haus leisten könnte. Das ist einfach nur verrückt, dass dies in einem der reichsten Länder der Welt schon eine Ausnahme ist. Das führt dazu, dass wir alle immer mehr arbeiten, mehr Verantwortung tragen und somit gestresster sind.

„Wir leiten zu mehr Selbstreflexion an und scheuen uns auch nicht vor Tabuthemen wie Einsamkeit und Depression.“

Was hast du über dich selbst während der Entwicklung und Weiterentwicklungen der verschiedenen Terminplaner gelernt?
Jan Lenarz Die erste Auflage war noch sehr naiv, mit einigen Tipps, von wegen, dass man doch mal meditieren soll. Die aktuelle Auflage ist ziemlich radikal. Wir leiten unsere Nutzer zu viel mehr Selbstreflexion an und scheuen uns auch nicht vor Tabuthemen wie Einsamkeit und Depression. Das ist für einen Terminkalender eventuell unpassend, aber wir erreichen inzwischen so viele Menschen mit unseren Planern, diese Chance will ich nutzen um echte Erkenntnisse hervorzurufen. Dazu gehören auch Aufrufe, sich zu engagieren, politisch aktiv zu werden und Achtsamkeit nicht als reinen Selbstzweck für mehr Wohlbefinden zu missbrauchen. Man kann nicht achtsam leben, wenn man nur an sich selbst denkt und die Probleme der Welt ignoriert. Achtsamkeit ist auch immer politische Verweigerungshaltung, denn wer sich selbst genug ist, konsumiert nicht.

Warum fällt es vielen Menschen schwer, ihrem Tag eine sinnvolle und erfüllende Struktur zu geben?
Jan Lenarz Ich weiß nicht, ob das stimmt. Fast alle Menschen haben mehr Struktur als ich. Jeden Tag sinnvoll und erfüllend zu gestalten ist schwierig. Die Suche nach Sinn sollte nicht als To-do auf dem Tagesplan stehen. So etwas muss über Jahre reifen. Generell fehlt vielen Menschen aber ein altruistisches Ziel, welches größer als sie selbst ist. Menschen brauchen Zusammenhalt von Gruppen, die ähnliche Werte teilen, wie sie selbst. Die fortschreitende Individualisierung steht dem etwas im Weg. Dann hat man vielleicht Erfolg, ist jedoch einsam und unerfüllt.

„Wahre Erfüllung kann es meiner Meinung nur in der Gemeinschaft geben.“

Woran scheitern die meisten gut gemeinten Pläne?
Jan Lenarz Das ist sehr individuell. Bei vielen liegt es an falscher Motivation, nämlich weil sie sich oder anderen etwas beweisen wollen, da so das Ego gestärkt werden soll oder einfach nur aus verletztem Stolz. Wahre Erfüllung kann es meiner Meinung nur in der Gemeinschaft geben, angetrieben von altruistischen Motiven.

Welche Ziele verfolgst du?
Jan Lenarz Die letzten fünf Jahre waren vom großen Erfolg meiner Bücher geprägt. Das ist schlecht für den Charakter, weil das hauptsächlich Bestätigung vom anonymen Außen ist. Dann denkt man irgendwann, dass alles toll ist, was man macht und das ist Quark. Wahre Erfüllung finde ich nur in mir und im Austausch mit anderen. Deswegen ist mein Fokus derzeit meine Identität komplett von meiner Arbeit zu lösen. Mein aktuelles Ziel ist es, Sanitäter zu werden und die Verlagsbranche mittelfristig zu verlassen.

Ein ziemliches Kontrastprogramm … Was erdet dich?
Jan Lenarz Gewichte stemmen.

An welchen Projekten arbeitest du aktuell?
Jan Lenarz Ich schreibe derzeit an einem Buch, welches die psychologische Seite des Klimawandels behandelt. Was macht das mit uns, wenn wir den Klimawandel nicht mehr stoppen können? Wie kann man einen gesunden Umgang mit all der Wut und Hoffnungslosigkeit finden? Dazu gibt es noch kaum etwas, aber wir werden konstant mit einer Horrormeldung nach der nächsten bombardiert. Hier müssen wir alle noch viel lernen, um damit richtig umgehen zu können.

ZUR PERSON
Jan Lenarz hat  als Designer und Berater für Sozialunternehmen gearbeitet und setzt sich aktiv gegen Fremd- oder Selbstausbeutung ein. Heute ist er Geschäftsführer von Ein guter Verlag, der den Terminplaner Ein guter Plan herausgibt. Mit dem Social Startup Vehement hat er zudem die erste nachhaltige Kampfsportmarke gegründet und den ersten veganen und fair produzierten Boxhandschuhe der Welt entwickelt. Aktuell beschäftigt er sich mit den psychologischen Auswirkungen des Klimawandels. Mehr dazu auf klima-angst.de.

Interview: Lesley Sevriens
Foto: Privat, Birte Filmer

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