Werde Magazin-Schindeln

Der Schindelmacher

Helle und sanfte Töne erklingen, wenn zur Wintersonnenwende die Hölzer der Fichten zu hauchdünnen Schindeln verarbeitet werden. Die Geschichte eines alten Handwerks.

Wer eine Wanderung unternehmen will, sollte in aller Frühe aufbrechen, heißt es. Dieser Regel widersetze ich mich häufig. Ich laufe gerne in den Abend hinein. Dann beobachte ich, wie sich die Nacht über die Landschaft legt und alles still wird. Oft zieht es mich hinauf in die Berge. Es ist ein besonderer Ort, und ich empfinde hier stets ambivalente Gefühle: Der Anblick der mächtigen Berge erfüllt mich mit Demut. Das Wetter kann sehr schnell umschlagen, und die Gedanken über das Leben verfliegen rasch. Man sehnt sich dann nach einer warmen Stube und einem Teller Suppe.

Ich marschiere über die Weiden einer Alp. Ein paar Ziegen laufen mir nach und versuchen, an meinen Händen zu lecken; aus dem Kamin der Alphütte steigt Rauch. Die Dämmerung hat schon begonnen. Noch habe ich die Baumgrenze nicht erreicht. Ich laufe schneller, da ich den letzten Postbus im Tal nicht verpassen will. Nun verschlingt mich die Dunkelheit des Fichtenwaldes. Die Taschenlampe lasse ich im Rucksack, denn ich will die Finsternis nicht vertreiben. Für einen Moment bleibe ich stehen. Mein Herz pocht laut. Das Knarzen der Fichten im Wind vermischt sich mit der Melodie in meinem Kopf. So wie fast immer, wenn ich alleine wandere. Aber nun schnell weiter talwärts.

Schuppen aus Holz


Bald sind die ersten Höfe zu sehen. Durch ihre Fenster schicken die Bauernhäuser ein sanftes Licht in die einsetzende Dunkelheit hinaus. Hier im Schweizer Kanton St. Gallen liegen Gehöfte und kleine Weiler über die Hügel verstreut oft weit auseinander. Diese Streusiedlung ist typisch für das Toggenburg, mein Heimattal. Nach der Unwirtlichkeit des Gebirges schenkt mir der Anblick des warmen Lichtscheins aus den Stuben ein tiefes Gefühl von Geborgenheit.

An den Fassaden der traditionellen Bauernhäuser sind Holzschindeln angebracht. Die schuppenartig festgenagelten Fassadenplatten schützen das Haus vor dem Eindringen von Wasser, lassen es aber dennoch atmen. Durch die Überlappung liegen bei einem solchen Schindelschirm vier Schichten Holz übereinander. Selbst wenn die äußerste Lage völlig verwittert aussieht, schützen die weiteren drei Schichten noch über viele Jahre hinweg. An Stellen, die dem Regen ausgesetzt sind, sollen die Holzschindeln etwa für 70 Jahre halten.

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Schindeln aus Lärchenholz, die vor allem im Kanton Graubünden verbreitet sind, halten noch länger. Lärchenschindeln werden mit den Jahren durch die Strahlung der Sonne pechschwarz. Das macht die Häuser in der Region besonders charakteristisch. Bei Häusern, die auch ihre Dächer mit Holzschindeln bedeckt haben, werden diese wegen des Feuerschutzes nur noch bei denkmalgeschützten Gebäuden erneuert.

Je nach Region unterscheiden sich die Form und die Methode, wie die Schindeln angebracht werden. Selbst enge Radien oder spitze Winkel werden nahtlos und elegant mit den hölzernen Fassadenplatten überzogen. Eine Arbeit, die von erfahrenen Dachdeckern oder Zimmermännern ausgeführt wird.

Auch Emil Bühler stellt Holzschindeln her. Schon als Kind hat der Landwirt damit angefangen. Sein Hof liegt weit abgelegen in Bächli-Hemberg im Toggenburg. Bei meiner Ankunft kommt Emil gerade aus dem Stall. Er trägt einen Eimer voller Milch, frisch gemolken, und drückt mir kräftig die Hand. Wir gehen hinüber in die Werkstatt, wo auch schon sein Vater und sein Großvater Baumstämme in Schindeln verwandelt haben. Ein willkommener Nebenverdienst, aber ohne Freude kann man diese Arbeit nicht machen, meint Emil.

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Mit wuchtigen Hieben spaltet er mit einem großen Holzhammer und einer Axt den Abschnitt eines Fichtenstamms in einzelne sogenannte Mösel. Die Holzstücke bilden die Grundlage für die zwei bis drei Millimeter dicken Schindeln. Während er das Holz spaltet, achtet er sehr genau auf den Verlauf der Jahresringe. Auch die Wuchsrichtung des einzelnen Baumes hat Emil im Blick. Schließlich wird die Wurzelseite des Holzes später auch an der Fassade die untere Kante der Schindel bilden. Emil schaut aus dem Fenster, seine Augen blitzen.

Die ideale Fichte für Schindelholz hört das Wasser, sagt er leise, sie darf aber nicht direkt am Bach stehen. Die Lebensbedingungen sollten karg sein, damit das Holz langsam wächst und dicht. Die Fasern müssen außerdem möglichst astfrei sein. Und von starkem Wind oder gar Stürmen sollte der Baum verschont bleiben, damit er gerade wächst. Gefällt wird er, wenn er am wenigsten lebendig ist, also am kürzesten Tag im Jahr, dem 21. Dezember. Dann nämlich befindet sich der Baum in der sogenannten Saftpause.

In der Werkstatt

Früher wurde für das Fällen der Bäume sogar auf die Mondphase geachtet. Ist der Baum gefällt, muss sein Stamm erst trocknen. Später wird er in gleich lange Abschnitte gesägt. Diese entsprechen genau der Länge der Schindeln. Die meisten Schindelmacher arbeiten stehend, erzählt der 70-Jährige. Sie spannen das Holzscheit, den Mösel, in einen Schraubstock, bevor sie es mit dem Schindelmesser bearbeiten. Emil hingegen sitzt. Auf einem Hocker, der einem Holzschemel ähnelt. Ein Einschnitt in die Sitzfläche bietet dabei den nötigen Anschlag für das Spalten.

Der Schemel ist grob aus einem Baumstamm und zwei starken Ästen gefertigt. Die Gebrauchsspuren zeugen von vielen Tausend Schindeln, die auf ihm gemacht wurden. Emils Großvater brach sich einst bei der Arbeit ein Bein. Er baute den Hocker als Hilfsmittel, um darauf die Schindeln sitzend spalten zu können. Seit Emil sich beim Skifahren ebenfalls das Bein brach, ist die Methode, ohne Schraubstock und hockend zu arbeiten, Familientradition geworden. Und das Skifahren lässt er seitdem bleiben.

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Da ruft Emils Frau Anita zum Kaffee. Auch Lukas, der Jüngste, sitzt mit am Tisch. Die beiden haben sechs Kinder, vier Mädchen und zwei Jungen. Lukas ist acht Jahre und unser Nachzügler, sagt Anita. Er ist häufig in der Werkstatt bei seinem Vater und hat sich sogar schon im Schindeln versucht. Die fertigen Holzplättchen seien bei ihm aber viel kleiner, sagt er. Emil wünscht sich, dass er sein Wissen über das Holz und das Handwerk eines Tages an seinen Sohn weitergeben kann.

Tiefe, erdige Klänge

Wir gehen zurück in die Werkstatt. Bis auf das Knistern und Knacken im Ofen ist es ganz still. Emil legt ein Scheit Holz und ein paar aussortierte Schindeln nach. Ich lasse mich ganz auf die Geräusche und Klänge ein. Emil setzt das spezielle Ziehmesser an und beginnt Kerben an der Stirnseite des Holzes zu machen. Diesen Vorgang nennt man bärzen. Anschließend zieht er das Messer scheinbar ohne Mühe durch das ganze Holzscheit hindurch, bis nach unten. Doch sein Gesicht und die Anspannung seiner Muskeln zeigen, dass neben Gespür und Geschicklichkeit auch ordentlich Kraft notwendig ist.

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Der Klang des Spaltens berührt mich auf eine besondere Weise. Es sind mehrere Tonlagen auszumachen. Die tiefen, erdigen Klänge erinnern mich an den Wald. Wenn der Wind durch die Nadeln der Fichten bläst, ertönt ein tiefes und gewaltiges Rauschen. Ganz anders als bei Laubbäumen. Die Bilder meiner Wanderungen steigen in mir auf. Weil die Schindeln hauchdünn sind, entstehen auch sehr feine, hohe Töne. Eine wunderbar rhythmische Musik ertönt, die von Kraft, Wärme und Leichtigkeit erzählt.

Der Stapel mit fertigen Holzschindeln ist gewachsen und sehr hoch geworden. Jetzt ist es Zeit, die Kühe für das abendliche Melken in den Stall zu treiben. Anita und Emil schreiten mit großen Schritten in Gummistiefeln durch die nasse Wiese. Der kleine Lukas eilt hinterher und bald voraus. Dank der Glocken finden sie die Tiere trotz des dichten Nebels. Emil hört eine Kuh weit abseits am Waldrand und verschwindet im trüben Grau, um sie zu holen. Nun sehe ich nur noch die Umrisse des dunklen Fichtenwaldes.